Auf den Schwingen des Gesangs - die vielen Gesichter der Rhiannon    Teil II

Kris hat uns wieder einen seiner Artikel gespendet und Anufa durfte ihn fürs WurzelWerk übersetzen. Ein Blick ins Mabinogion aus dem Blickwinkel des Oberhauptes des Anglesey Druiden Ordens von North Wales.

Nach Will Parker, dem Mabinogi-Wissenschaftler, ist das Erscheinen der Vögel eine Manifestation des Durchganges zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Die Vögel der Rhiannon sind mit dem Mysterium von thedwfn, den tiefsten Tiefen des Meeres, einer Qualität die symbolisch für das höchste Mysterium, die Einheit und den Ursprung gleichgesetzt. Sie heiratet das Meer in Form von Manawyan und sie ist innig mit Teyrnon verbunden, der wieder selbst mit den wellenähnlichen, ozeanischen Qualitäten behaftet ist. Der Name „Terynon Twryf Liant“ kann mit „Großer König/Monarch der tosenden See“ übersetzt werden. Ein sehr passender Name als Gegenpart zu Rhiannons Namen „Große Königin“. Er wird mit Pferden und der Schwellenzeit, Calan Mai (Beltane) assoziiert.
Nun, besehen wo er lebt, Gwent ys Coed, im Severn-Tal, auch besehen, dass „thwrf“ von „twryf/twrf“ ein altes Wort für Flutwelle, wie in „Severn Bore“ stammt. Die Flutwellen und Wellen des Meeres werden oftmals als Pferde bezeichnet.

Wissenschaftler verwerfen sofort, ohne Diskussion, die Bedeutung von Liant als Lliant, was Meeresströmung gedeutet, einfach deshalb weil es nicht mit der Funktion im ersten Zweig übereinstimmt. In Ordnung, es ist nicht alleinig ihre Schuld, weil sie ja wie kleine Schafe ihren Vorgängern folgen. Aber wir haben noch eine weiter Waffe im Arsenal der Götterbelästigung … die visionäre.

Im dritten Zweig, nach ihrer völligen Vermenschlichung, heiratet Rhiannon das Meer (Manawydan). Sie kehrt zu dem ungreifbaren Unbewussten zurück aus dem sie kam – Annwfn. Der erste Zweig verbindet ihren Namen aber doch durch seine Bedeutung und Natur mit der omnipräsenten Magie und dem Geheimnis des Meeres – in diesem Fall, wenn sich das Meer tatsächlich mit dem Süßwasser vermischt – Teyrnon.


Psychopompos

Während Rhiannon im zweiten Zweig körperlich nicht auftaucht, ist ihre Qualität als Seelenführer doch ziemlich offensichtlich.

Wenn wir das im Gedächtnis behalten, dann können wir herausfiltern, dass der gesamte Ablauf des Geschehens im Ende des zweiten Teiles, Zeichen für eine Einkehr, einen Rückzug und Assimilation ist, der körperliche Rückzug nach einer schamanischen Wunde, wenn man so will.
Dieser Prozess der Katharsis ist unbedingt nötig für uns um das Verständnis des im vierten Zweig liegenden Mysteriums zu erhalten. Dort werden die gesamten Zweige magisch eingebunden in tatsächliche Erfahrungen. Auf jeden Fall befinden sich die sieben Überlebenden in einem Zwischenstadium zwischen Leben und Tod, das erfordert, die Attribute der Rhiannon anzuwenden. Zu dieser Zeit ist der Vorgang der Assimilation eine Notwendigkeit um die weitere Transformation zu sichern. Der Adept ist eine verblüffende, reinigende und oftmals traumatische Straße bereist.

Allerdings muss ich hier eine Pause einlegen und zu einem Wort zurück kommen, das in diesen Diskurs geworden wurde und keinen oder nur wenig Aufmerksamkeit erregt haben mag – Überlebender. In dieser Abhandlung bezieht sich das auf die Sieben, die aus Irland zurückkehren. Die Kraft der Worte ist gewöhnlich trügerisch, denn im Originaltext finden wir das walisische Wort für „Überlebender“ nicht, „goroeswyr“. Stattdessen finden wir das alt-walisische Wort „dihengis“ umgewandelt in walisisches „di hangdod“. Beide bedeuten „Ymgais new duedd I ffoi o ran y meddwl a’r dychymyg oddiwrth ddiflastod ac undonedd bywyd fel y mae“ das sich als „Die Anstrengung oder der Versuch durch Benutzung des Geistes und der Vorstellungskraft aus der Langeweile und der Monotonie des Lebens zu entfliehen“. Faktisch ziehen sich die Sieben an einen Platz zwischen den Welten zurück, sie sind nicht einfach nur Überlebende, sondern freiwillige Teilnehmer an einer Andersweltreise. Wir können aus diesem Blickwinkel, auf die Versammlung des wundersamen Hauptes auf der Insel Gwales, einigen Einsichten gewinnen. Zwischen den Welten, getrennt von Zeit, Raum und allen Sorgen, bis die Türe geöffnet wird in die Welt, die wir bewohnen.

Wenn wir das Vorhergehende mit einbeziehen, dann wird offensichtlich, dass die Abfolge von Einkehr, Assimilation, Verstehen der Mysterien der Schwellenzustände, von Tod und der Rückkehr fundamental für die in den vier Zweigen liegenden Mysterien ist.
Einer der ersten Archetypen, dem wir begegnen und der uns dabei hilft dieses Dilemma aufzunehmen, ist Rhiannon. Arawn, Pwyll und Hafgan machen uns mit der Realität von dwfn bekannt, aber es sind die Verbindung und die Erfahrung der Rhiannon, die uns dazu bringen die Verwirklichung einer tieferen Verständnisebene zu erreichen.
Rhiannon ist vielschichtig und einer der ersten Seelenführer, den wir kennen lernen. Sie ist viel mehr als eine sexuell selbstsichere Frau. Alle Religionen und spirituellen Traditionen dienen dazu eines der erstaunlichsten menschlichen Paradigmen verständlich zu machen – was passiert mit uns, wenn wir sterben.

Für mich macht das sehr viel Sinn, dass einer der ersten Archetypen, dem wir begegnen, dazu dient uns mit den Antworten auf die großen Fragen zu versorgen. Damit wird es uns ermöglicht weiter zu gehen, die Zweige zu erfahren, ohne die Verstümmelung durch unsere Existenzängste.

In ihrer Gestalt als Königin, als Rigantona, ist sie das Potential in uns allen, und bekannt als die Seele des Landes, bringt sie Wünsche und Verlangen mit sich. Sie rüttelt das Herz auf, zu lieben. Als verleumdete Ehefrau ist sie die Verletzlichkeit und ein Ausdruck tiefer menschlicher Gefühle und der Macht des Verlusts, der Aufgabe und Annahme.
Als Pferd ist sie das Symbol des animistischen Geistes, der im Land verborgen ist - unsere Verbindung zur Einheit mit dem Land. Als Vogel ist sie die Türe, der Durchgang zwischen den Welten und die Rückkehr in die Tiefe.
Wir sind nicht darauf beschränkt mit dem einen oder anderen Aspekt zu arbeiten, sondern wir können uns mit ihr in all ihrer bunten, vielfältigen Pracht zu verbinden, sie anzusprechen und mir ihr zu arbeiten. Wir können uns dazu bewegen lassen die Mysterien zu verstehen, nicht als intellektuelle Übung sondern so, dass unser Herz davon bewegt wird, unser Geist und unsere Seele.


Kristoffer Hughes


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