"Burning Times" - Mythos oder Realität?   Teil XII

Die große Hexenverfolgung, häufig auch Burning Times genannt, ist immer noch ein zentraler Punkt neuheidnischer Identität in der Auseinandersetzung mit einer christlichen und zunehmend konservativer werdenden Umgebung. Da ist es kein Wunder, dass gerade um die Deutung dieses Ereignisses intensive ideologische und geschichtspolitische Auseinandersetzungen stattfinden.

Fazit

Die Frage der Interpretation der Hexenverfolgung ist ein zentraler Punkt in ideologischen Auseinandersetzungen. Hatten wissenschaftliche Forschungsergebnisse der 70er und 80er Jahre in Teilen noch neuheidnische Positionen begünstigt, so erleben wir nach dem weitgehenden Verebben der Frauenbewegung einen massiven Rollback.

Ziel christlich orientierter Wissenschaftler wie Behringer und Wiedemann ist es, die „Mythen“ des Neuheidentums und der Frauenbewegung zu „widerlegen“ und diese Richtungen insgesamt als reaktionär und faschistisch zu diskreditieren. Darauf können neuheidnische Gruppen und Personen unterschiedlich orientieren.

Jedidjah de Vries trennt in ihrem Artikel „Magie wirken – das Patriarchat zerschmettern“ (2010) eine wissenschaftliche Wahrheit von einer spirituellen. Während sie aus spiritueller Sicht den Mythos von den Burning Times sinnvoll hält, bezeichnet sie ihn als nicht real. Die amerikanische Wicca Jenny Gibbons geht sogar noch weiter und übernimmt unbesehen alle Ergebnisse konservativer Hexenforscher. Sie scheut sich nicht einmal, „Mythen des Neuheidentums“ ausgerechnet auf der streng katholischen Seite Kreuz.net zu „wiederlegen“ (vgl. Gibbons 2006).

Kreuz.net steht ultrakonservativen katholischen Netzwerken nahe, die einen christlichen Gottesstaat errichten wollen und die unverhohlen frauenfeindliche, antisemitische und homophobe Positionen vertreten (vgl. Jellen 2010). Diese Webseite steht eigentlich für alles, was naturreligiöse Menschen zutiefst ablehnen. Ich gehe mal davon aus, dass Jenny Gibbons von diesem erschreckenden Hintergrund der Seite nichts wusste. Andererseits ist es bezeichnend, welche Gruppen ein Interesse an einer Revision der Hexenvorstellungen haben.

MartinM von Nornirs Aett bezieht sich ebenfalls völlig unkritisch auf Rummel, ohne dass ihm offensichtlich bekannt wäre, dass es in der Hexenforschung auch noch andere Ansichten gibt (Levack, Barstow). Ja schlimmer noch, seine These des überschätzten Hexenhammers übernimmt er fast wortwörtlich aus der Wikipedia. Mit der Hexenbulle hat die Kirche entgegen seiner Darstellung durchaus eine dogmatische Lehrentscheidung getroffen, die dem damaligen Konsens der Theologen entsprach.

Auch stimmt es nicht, dass Kramers Frauenfeindschaft im Vergleich zu anderen Theologen außerordentlich groß war. Zahlreiche frauenfeindliche Aussprüche des Hexenhammers stammen vom Heiligen und Kirchenlehrer Thomas von Aquin. Schließlich hat er sich bereits ausführliche mit Succubi und Incubi, also dem Beischlaf von Menschen mit Dämonen beschäftigt; er war genauso wie Kramer besorgt um Verzauberungsimpotenz (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 273ff, 338ff).

Des Weiteren ist es nicht belegt, dass Heinrich Kramer fälschlicherweise Jacob Sprenger als Koautor bezeichnete. Die ältesten Ausgaben enthalten überhaupt keine Autorennamen. Das wäre nach der Denkweise der Scholastik auch irrelevant gewesen. Erst in einer Ausgabe von 1519, als beide Männer bereits tot waren, wurden Kramer und Sprenger als Koautoren genannt (vgl. Behringer 2000, DirectMedia CD Hexen, S. 3574, vgl. MartinM 2010).

Die Ethnologin Birgit Neger fordert denn auch in ihrer Untersuchung der österreichischen Neuheidenszene ganz offensiv ein, dass sie sich von „Mythen“ verabschieden und anerkennen müssen, dass Wicca und andere neuheidnische Gruppen „Erfindungen“ der Moderne seien. Insbesondere sollen die Neuheiden vom Mythos der Burning Times Abstand nehmen (vgl. Neger 2009, S. 38ff).

Ich bin aber davon überzeugt, dass sich viele der „Widerlegungen“ konservativer Wissenschaftler auf lange Sicht genauso als Übertreibungen, als extremer Ausschlag des Pendels in eine andere Richtung herausstellen werden, wie einige Formulierungen von Feministinnen und neudheidnischen AutorInnen. Dieser Artikel kann allerdings nur auf einige kritische Punkte hinweisen. Es wäre sinnvoll, sich mit den Argumenten von Behringer, Rummel und Co. noch intensiver auseinanderzusetzen, als es hier möglich ist.

Ich denke, die in der Einleitung genannten Fragen können vorläufig wie folgt beantwortet werden: Es ist richtig, dass es in West- und Mitteleuropa wohl keine organisierte heidnische Opposition gegen das Christentum gab. Allerdings sind in den letzten Jahren eine Fülle von neuen Erkenntnissen zum Überleben heidnischer Mythen und ggf. auch Ritualen im christlichen Mittelalter bekannt geworden (Forschungen von Ginzburg und Timm).

In den Hexenverfolgungen wurden zwar nicht Millionen sondern „nur“ 60.000 bis 100.000 Frauen und Männer grausam ermordet. Mindestens 80% der als Hexen getöteten Personen waren Frauen. Es wurden nicht explizit AnhängerInnen heidnischer Glaubensrichtungen verfolgt (solche gab es nicht mehr, selbst die Mailänderinnen Sibillia und Pierina bezeichneten sich als Christinnen), aber unter den getöteten Frauen waren viele Heilerinnen, wenn diese auch nicht die Mehrheit der Verfolgten stellten.

Die extreme Frauenverachtung der Kirchen ist nicht allein für die Hexenverfolgungen verantwortlich, aber ohne sie wäre sie in diesem Umfang auch nicht denkbar gewesen. Die Hexenverfolgung war eine wichtige Ursache dafür, dass der gesellschaftliche und ökonomische Status der Frauen in der frühen Neuzeit weiter zurückging. Sie erweist sich als eine Form der Krisenbewältigung auf Kosten der Frauen. In diesem Sinne sind die „Burning Times“ leider kein Mythos, sondern historische Realität.


Fussnoten und Quellen (in d. Reihenfolge der Erwähnung im Artikel)
Jedidjah de Vries: Magie wirken – das Patriarchat zerschmettern, 2010, im Internet: http://www.wurzelwerk.at/thema/weibercraft42.php
Jenny Gibbons: Die unterschlagene Revolution, 2006, im Internet: http://www.kreuz.net/article.3415.html
Reinhard Jellen: "Vom Weltjudentum gesteuerte Attacke auf Kirche und Papst", in: Telepolis vom 15.12.2010, im Internet: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33835/1.html
Brian P. Levack: Hexenjagd: Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, München 2003
Anne Llewellyn Barstow: Witchcraze, San Francisco 1994
Uta Ranke-Heinemann: Eunuchen für das Himmelreich, München 2004
Wolfgang Behringer und Günter Jerouschek: Einleitung zum Hexenhammer, in: DirectMedia CD Hexen, Berlin 2003 (Erstausgabe 2000)
MartinM: Heinsohn – vom "Entfant terrible" der Hexenforschung zum "Klassenkämpfer von oben", 2010, im Internet: http://www.nornirsaett.de/heinsohn1/
Birgit Neger: Moderne Hexen und Wicca, Wien, Köln, Weimar 2009
Erika Timm: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten, Stuttgart 2006 Carlo Ginzburg: Hexensabbat, Berlin 2005

Mara


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