"Burning Times" - Mythos oder Realität?   Teil IX

Die große Hexenverfolgung, häufig auch Burning Times genannt, ist immer noch ein zentraler Punkt neuheidnischer Identität in der Auseinandersetzung mit einer christlichen und zunehmend konservativer werdenden Umgebung. Da ist es kein Wunder, dass gerade um die Deutung dieses Ereignisses intensive ideologische und geschichtspolitische Auseinandersetzungen stattfinden.

Dispositive der Hexenforschung

Berichte über Hexenverfolgungen haben seit mindestens zwei Jahrhunderten die Menschen bewegt und dieses Thema war immer schon emotional aufgeladen. Vielfach haben die Menschen Parallelen auch zu ihrer eigenen Zeit gezogen. Am besten kann diese Entwicklung als Abfolge verschiedener Diskurse bzw. Dispositive zur Hexenverfolgung beschrieben werden.

Der Begriff Diskurs stammt vom französischen Philosophen Michel Foucault. Er beschreibt, wie mittels der Sprache unterschiedliche Wirklichkeitsstrukturen, Kausalbeziehungen und Wissensformen geschaffen werden. Dabei gehen in jede wissenschaftliche Arbeit – mehr oder weniger bewusst – weltanschauliche und sprachliche Vorannahmen ein. Aber auch aktuelle gesellschaftliche Diskussionen beeinflussen wissenschaftliche Untersuchungen, sei es, dass man sich die dort sichtbar werdenden Fragestellungen zu eigen macht, oder sie zurückweist (vgl. Eichhorn 2006, S. 21).

Wissenschaftler wachsen in der Regel durch Ausbildung und Teilnahme an den gerade vorherrschenden Diskursen mehr oder weniger unbewusst in diese hinein und schließen sich ihnen an. Wer eine allzu abweichende Position vertritt, kann keine Wissenschaft mehr ausüben.

Dispositive sind „ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architektonische Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfasst. Soweit die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft ist.“ (Foucault 1978, S. 119f.).

Das bedeutet aber nicht, dass der jeweilige wissenschaftliche Diskurs auf seine gesellschaftspolitische Wirkung reduziert werden kann oder dass Wissenschaft einen rein ideologischen Betrieb darstellen würde. Im konkreten Fall gilt dies sowohl für die früheren Diskurse der Hexenverfolgung, die konservative Wissenschaftler wie Behringer gerne auf reine Ideologie reduzieren möchten, als auch für die gegenwärtigen Forschungen von Behringer und Co. die ebenfalls nicht einfach ignoriert werden können, auch wenn sie zunächst einmal für bestimmte Gruppen unbequeme Ergebnisse liefern.
Die Geschichte ist neben der Natur die wichtigste Ressource für die Selbstlegitimation der christlich-abendländischen Kultur. Die Erklärung, warum die Dinge gegenwärtig so sind, wie sie sein sollten, hat stets auch einen historischen Aspekt. Sie ist allerdings auch einem ständigen Wandel unterworfen. „So zeichnen sich die jeweiligen gesellschaftlichen Kämpfe in dem ab, was in dieser Zeit die Geschichte ist. Sie ist selbst ein Ort dieser Kämpfe.“ (Schuhmacher 2004) Im Folgenden sollen die bisherigen Dispositive der Hexenforschung dargestellt werden:

Romantisches Dispositiv

Der Germanist Jacob Grimm beschreibt in seiner deutschen Mythologie (1835) einerseits den altgermanischen Glauben an Zauberei und Hexen, andererseits volkstümliche Hexerei-Vorstellungen des Mittealters und späterer Zeiten. Er war aufgrund seiner Fragestellung primär am Glauben an Hexen interessiert und nicht daran, zu untersuchen, welche Merkmale die real als Hexen verbrannten Frauen hatten. Die von Jaana Eichhorn aufgestellte Behauptung, Grimm würde allein aus Hexenprozessen Spuren einer germanischen Mythologie herauslesen, die Geständnisse der Hexen als Wahrheit betrachten und daraus altgermanische mythologische Vorstellungen rekonstruieren, ist falsch und kann nur dadurch erklärt werden, dass sie das Buch gar nicht gelesen hat. Jacob Grimm war sich sehr wohl bewusst, dass die elaborierte Hexenlehre nicht auf dem Volksglauben basiert, sondern, wie er schreibt, gegen Mitte des 13. Jahrhunderts aus Italien und Frankreich nach Deutschland kam (vgl. Grimm 1835, S. 890). Seine tatsächlichen Quellen waren nicht die Prozessprotokolle, sondern griechische und römische Texte über die Germanen, nordgermanische Literatur (Edda, Sagas etc.) und der Volksglaube über Hexerei, soweit er zu seiner Zeit noch fassbar war. Der französische Historiker Jules Michelet beschreibt in seinem Buch „Die Hexe“ (1862) ausgehend von Geschlechtsstereotypen die realen Hexen als die Heilerinnen des Volkes, die später dämonisiert wurden.

Liberal-Laizistisches Dispositiv

Der Historiker und protestantische Theologe Wilhelm Gottlieb Soldan liefert 1843 in seinem Werk „Geschichte der Hexenprozesse“ erstmals eine Gesamtdarstellung des Themas. Die 1880 von seinem Schwiegersohn Heinrich Heppe überarbeitete Neuauflage betont im Zeitalter des Kulturkampfes die besondere Verantwortung der katholischen Kirche für die Hexenverfolgungen (vgl. Soldan / Heppe 2003, DirectMedia CD Hexen). Eine ähnliche Position vertritt allerdings auch der katholische bayerische Historiker Sigmund von Riezler in seiner „Geschichte der Hexenprozesse in Bayern“ von 1896, eine der ersten Regionalstudien über Hexenprozesse. Die verbrannten Frauen sehen Autoren dieses Dispositivs als unschuldige Opfer klerikalen Aberglaubens.

Faschistisches Dispositiv

Erstaunlicherweise war die Haltung des deutschen Faschismus zur Hexenverfolgung keineswegs so einheitlich, wie man das auf den ersten Blick denken würde. Vielmehr fand auf diesem Gebiet eine Art kleiner Kulturkampf statt, wo sich drei Fraktionen gegenüberstanden, die jeweils mit unterschiedlichen Machtapparaten des NS-Staates verbunden waren.

Auf der einen Seite stand eine große Gruppe von Wissenschaftlern, die – in der Tradition von Alfred Rosenberg – in den Hexenverfolgungen den „artfremden“ Einfluss der Katholischen Kirche sahen. Rosenberg verbreitete im seinem rassistischen und antisemitischen Hauptwerk „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ (1930) die abstruse These, dass das Papsttum über römische Priesterämter direkt auf die „asiatischen“ Etrusker zurückgehe. Im Unterschied zu Jakob Grimm geht Rosenberg davon aus, dass Germanische Völker niemals Zauberei gekannt hätten. Vielmehr sei der Glaube daran durch die katholische Kirche von außen implantiert worden. Eine weitere Gruppe katholischer Wissenschaftler um Wilhelm Neuss wies diese Deutung zurück und behauptete im Gegenteil, dass Hexenverbrennungen auf die Germanen zurückgehen und dass diese barbarischen Bräuche die ursprünglich vernünftige Haltung der Kirche zu Hexenverfolgungen (Canon episcopi) korrumpiert hätten. Darüber hinaus existierte noch eine dritte Gruppe um Otto Höfler, die mit dem SS-Ahnenerbe verbunden war und die die Hexenverfolgung ebenfalls auf germanische Ursprünge zurückführt, diese aber als sinnvolle Reinigung des Volkskörpers von bösen Einflüssen durch altgermanische Männerbünde interpretiert. Im Verlauf der 30er Jahre setzte sich letztere Gruppe durch, Rosenberg und die mit ihm verbunden Wissenschaftler gerieten ins Abseits (vgl. Schier 2006).

Demgegenüber werden in der populärwissenschaftlichen Literatur zum Hexenwesen (z.B. in Behringers Hexen: Glaube, Verfolgung, Vermarktung von 1998, der Wikipedia etc.) häufig zwei Erscheinungen erwähnt, die mit diesen Auseinandersetzungen und den in der NS-Zeit laufenden Forschungen nur am Rande zu tun hatten: Himmlers Hexenkartothek und die Schriften des „Völkischen Feminismus“.

Der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler stand in der Frage der Interpretation der Hexenverfolgung Rosenberg nahe und ließ durch 14 Agenten des Sicherheitshauptamtes heimlich eine Hexenkartothek anlegen, indem sie zahlreiche Archive nach Hexenprozessen absuchten, deren Daten dann in großformatige Erfassungsbögen eingetragen wurden. Das Material sollte wahrscheinlich als Munition gegen die Kirchen und für Propagandazwecke verwendet werden. Kriegsbedingt kam es aber nicht mehr dazu; auch stellte sich heraus, dass die mit der Auswertung beauftragen Agenten und Wissenschaftler völlig überfordert waren.
Wolfgang Behringer zitiert ausführlich aus den Werken von Mathilde Ludendorff und der weitgehend unbekannte Friederike Müller-Reimers alias Frieda Reimerdes. Die beiden Frauen beteiligten sich mit eigenen Veröffentlichungen auf der Seite Rosenbergs am oben beschriebenen Kulturkampf. Mathilde Ludendorff macht in ihrem 17 seitigen Aufsatz „Christliche Grausamkeit an deutschen Frauen“ von 1933 die katholische Kirche für die Verbrechen der Hexenverfolgung mit neun Millionen Opfern verantwortlich. Friederike Müller-Reimers, argumentiert in ihrem 65 seitigen Werk „Der christliche Hexenwahn. Gedanken zum religiösen Freiheitskampf der deutschen Frau“ von 1935 ähnlich. Sie fordert darüber hinaus auf rassistischer Grundlage Gleichberechtigung für die germanische Frau (vgl. Behringer 1998, S. 94f, Schier 2006). Allerdings blieben diese Stimmen im nationalsozialistischen Deutschland absolut marginal, selbst Rosenberg vertrat in seinem „Mythus“ eine andere Position. Es muss auch als Anachronismus erscheinen, im Rahmen einer Ideologie, die eine „naturgegebene“ Ungleichheit der Menschen postuliert, ausgerechnet eine Gleichheit der Geschlechter zu fordern. Die reale Entwicklung ging dann auch in eine völlig andere Richtung und die wenigen Emanzipationsfortschritte der Weimarer Zeit wurden rückgängig gemacht. So wurden Frauen aus der Beamtenschaft entfernt und ihnen das passive Wahlrecht aberkannt. Sie wurden nicht mehr zu Justizberufen zugelassen, und ab 1934 durften Ärztinnen keine Praxen mehr eröffnen. Der Frauenanteil an den Universitäten durfte nur noch 10% aller Studierenden betragen. Die Stellung des Mannes als „Herr im Hause“ wurde wieder betont. 1941 wurde die Produktion von Verhütungsmitteln verboten. Auf Schwangerschaftsabbrüche stand ab 1943 die Todesstrafe (vgl. Bendel o.J., siehe auch Wikipedia Artikel „Nationalsozialistisches Frauenbild“ und „Zeit des Nationalsozialismus“). Joseph Goebbels fasste die Programmatik der NS-Frauenpolitik wie folgt zusammen: „Den ersten, besten und ihr gemäßesten Platz hat die Frau in der Familie und die wunderbarste Aufgabe, die sie erfüllen kann, ist die, ihrem Volk Kinder zu schenken.“ Dass der „Völkische Feminismus“ in Schriften der konservativen Hexenforscher so prominent zitiert und seine Wirkung völlig überzogen dargestellt wird, kann demnach nur den Zweck haben, ihn in eine Kontinuität mit dem modernen Feminismus und mit modernen neuheidnischen Richtungen zu stellen, um sie damit zu diskreditieren.

Fussnoten und Quellen:
Michel Foucault: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin, 1978
Jaana Eichhorn: Geschichtswissenschaft zwischen Tradition und Innovation, Göttingen 2006
Jacob Grimm: Deutsche Mythologie, Wiesbaden 2003 (Erstauflage 1835)
Barbara Schier: Hexenwahn und Hexenverfolgung. Rezeption und politische Zurichtung eines kulturwissenschaftlichen Themas im Dritten Reich, 2006 (Erstveröffentlichung 1990) im Internet: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/827/


Ende Teil IX


Mara


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