"Burning Times" - Mythos oder Realität?   Teil VIII

Die große Hexenverfolgung, häufig auch Burning Times genannt, ist immer noch ein zentraler Punkt neuheidnischer Identität in der Auseinandersetzung mit einer christlichen und zunehmend konservativer werdenden Umgebung. Da ist es kein Wunder, dass gerade um die Deutung dieses Ereignisses intensive ideologische und geschichtspolitische Auseinandersetzungen stattfinden.

Ausdehnung der Hexenjagden in Europa

Das Zentrum der Hexenverfolgung war das Heilige Römische Reich deutscher Nation (HRR) und seine Nachbargebiete. Hier fanden mehr als die Hälfte aller Hexenverfolgungen statt, deutlich mehr als 30.000 Prozesse. Die schlimmsten Verfolgungen gab es in katholisch gebliebenen Gebieten, hier v.a. den geistlichen Herrschaften. Das HRR, besonders die Rheinlande und die süddeutschen Handelsstädte, gehörten im frühen 16. Jahrhundert zu den am weitesten entwickelten und wohlhabendsten Gebieten Europas. Erst die Verwüstungen der Konfessionskriege und die Verlagerung der weltweiten Handelsströme führten dazu, dass sich das Zentrum der ökonomischen und sozialen Entwicklung im folgenden Jahrhundert nach Westeuropa (Niederlande, England, Frankreich) verlagerte.

Ursachen für die besonders intensiven Verfolgungen im HRR waren nach Levack und Barstow die unter den Gebildeten weit verbreitete elaborierte Hexenlehre, der intensive Einsatz der Folter und die Tatsache, dass die Zentralisierung der Staatsgewalt noch relativ begrenzt war. Im HRR gab es keine zentrale Autorität mehr, sondern eine Vielzahl de facto unabhängiger Territorien, die jeweils für sich die landesherrschaftliche Gewalt ausbauten und so Kapazitäten für die Führung von großen Hexenprozessen schufen, allerdings ohne eine möglicherweise mäßigende zentrale Gerichts-Institution, wie es sie in Frankreich und Spanien gab. Jetzt versuchte der Staat viel stärker als bisher die Moral der Bevölkerung zu regulieren. Zusammen mit Hexerei wurden auch Ehebruch, Kindstötung und Abtreibung weitaus intensiver als bisher verfolgt, Frauen trafen besonders harte Strafen. Hinzu kam der radikalisierende Einfluss der Reformation auf beide Konfessionen. Hintergrund war eine allgemeine Gesellschafts- und Wirtschaftskrise (Überbevölkerung, Verarmung, Inflation, Hungersnöte, massive Kriegszerstörungen, Verlagerung der Handelsströme etc.).

In der Schweiz war die Situation ähnlich wie im HRR, es fanden intensive Verfolgungen statt mit mehr als 10.000 hingerichteten Hexen.
In Frankreich waren die Zentren der Hexenverfolgung Flandern, Lothringen, das Baskenland und das Languedoc, also vor allem Randbereiche. Die elaborierte Hexenlehre und die Folter waren weit verbreitet. Das Parlement von Paris hob allerdings viele Todesurteile in den zentralen Gebieten, für die es zuständig war, auf. Es kam zu ungefähr 5.000 Hinrichtungen.

In den Niederlanden wurden nur wenige Hexen getötet. Die elaborierte Hexenlehre wurde nicht vollständig akzeptiert, zwar wurde der Teufelspakt als real betrachtet, nicht aber der Hexensabbat. Das bewirkte, dass es trotz eines intensiven Einsatzes der Folter nicht zu großflächigen Hexenverfolgungen kommen konnte. 90% der Angeklagten waren Frauen.

In England wurden ungefähr 1.000 Hexen hingerichtet, im weitaus dünner besiedelten Schottland c.a. 1.500. In England war die elaborierte Hexenlehre nicht allgemein akzeptiert, es wurde nur Schadenszauber verfolgt, der in jedem Fall mit dem Tode zu bestrafen war. Offiziell war Folter auch bei Hexenprozessen nicht erlaubt, allerdings wendeten sie berüchtigte Hexenjäger wie Matthew Hopkins (1620-1647) dennoch an. In Schottland war die elaborierte Hexenlehre anerkannt, es kam zu großen Hexenjagden unter massivem Foltereinsatz. Staat und Kirche stachelten sich gegenseitig auf, in der Verfolgung der Hexen ja nicht nachzulassen. In Neuengland kam es gegen Ende der Periode der großen Hexenjagden zu 35 Hinrichtungen (v.a. in Salem). Ursache war eine extrem frauenfeindliche Religion (Puritanismus), die zu sehr strengen Gesetzen gegen Hexerei führte. Auf diese stand in jedem Fall die Todesstrafe.

Die skandinavischen Hexenverfolgungen mit c.a. 1800 Toten, die polnischen mit 15.000 und die ungarische mit 500 Opfern fanden im mittleren oder späten 17. Jahrhundert statt. Sie ähnelten denen im HRR (elaborierte Hexenlehre, Folter). Auf der dünn besiedelten Insel Island am Rande der bekannten Welt wurden fast nur Männer als Hexer hingerichtet (20 von 21, also 95%). Diese Ausnahme wird von konservativen Hexenforschern gerne zitiert, um nachzuweisen, dass die Hexenverfolgung doch keine Frauenverfolgung sei. Wie bereits gezeigt, war das Zentrum der Hexenjagden in Mitteleuropa, damals die am weitesten entwickelte Region des Kontinents. Die Anzahl der Opfer (21 zu mindestens 60.000) ist so klein und die Lage des Landes so abgelegen, dass allein aufgrund dieser wenigen Fälle keine sinnvollen Schlüsse möglich sind.

In Italien und Spanien gab es zwar viele Anklagen wegen Hexerei, aber nur wenige Todesurteile. In Spanien richtete sich die Inquisition v.a. gegen Mauren und Juden, die häufig verbrannt wurden. Die noch relativ starken Clanbindungen in Spanien verhinderten, dass sich tödliche Verfolgungen gegen die „eigenen“ Frauen richteten. Wie oben gezeigt, kam es dennoch zu einer intensivierten Unterdrückung der Frauen innerhalb der Clans (vgl. Levack 2003, S. 181ff, Barstow 1994, S. 57ff).

Häufig wird behauptet, die Hexenverfolgungen gingen primär von der einfachen Bevölkerung aus. Der Glaube an Schadenszauber durch Frauen war innerhalb der einfachen Bevölkerung nach fast einem Jahrtausend christlicher Verteufelung der Natur und der Frauen in der Tat weit verbreitet. Von ihr gingen auch die Denunziationen aus. Die katholische Kirche arbeitete aber die elaborierte Hexenlehre aus und alle Konfessionen predigten unermüdlich gegen die Hexen. Der Staat machte es sich zur Aufgabe, die Hexerei zu bekämpfen und stellte seinen Justizapparat zur Verfügung. Dass der Hexenglaube massenmörderische Konsequenzen hatte, liegt demnach an Staat und Kirche.


Auswirkungen der großen Hexenverfolgung auf die Frauen

Anne Llewellyn Barstow beschreibt in ihrem Buch Witchcraze die Hinrichtung der Hexe Anna Pappenheimer: Sie und ihre Familie wurden im Jahr 1600 in München lebendig verbrannt. Zunächst wurden sie in einem Wagen zum Hinrichtungsplatz außerhalb der Stadt gefahren, dann ihre angeblichen „Verbrechen“, die sie unter der Folter gestanden hatten, vorgelesen. Sie wurden ausgezogen und zunächst mit glühenden Zangen gezwickt. Dann schnitt der Henker Annas Brüste ab und stopfte sie in ihren Mund und in den Mund ihres ebenfalls verurteilten Sohnes. Die männlichen Mitglieder der Pappenheimer-Familie wurden gerädert und entdärmt. Anschließend wurden alle lebendig verbrannt, wobei ein elf Jahre alter Sohn von Anna Pappenheimer zusehen musste, bevor er später ebenfalls hingerichtet wurde (vgl. Barstow 1994, S. 143ff).

Sinn einer öffentlichen Hinrichtung ist die Rache des Souveräns und die Wiederherstellung der Ordnung. Dabei soll die Strafe symbolisch auf das begangene Verbrechen verweisen. Das Verbrechen greift über seine unmittelbaren Opfer auch den Souverän an, da alle Gesetze von ihm ausgegangen sind. Wer also Gesetze verletzt, stellt die Ordnung des Reichs in Frage und verhöhnt den Souverän. Mit der öffentlichen Folter und Hinrichtung wird die verletzte Souveränität des Herrschers wieder hergestellt. Das geht nur mit einem Übermaß an Schmerzen. Im Schauspiel der Hinrichtung zeigt sich die totale Überlegenheit des Herrschers über seine Subjekte. Sie gehört zu den Ritualen der verdunkelten und erneuerten Macht: Krönung, Einzug des Königs in eine eroberte Stadt, Unterwerfung aufständischer Subjekte. Die Hinrichtung ist also Rache und Terror im Sinne von Abschreckung für die übrigen Untertanen. (vgl. Foucault 1994, S. 65ff)

Das ist die allgemeine Botschaft. An die Frauen richtete sich noch eine spezielle Botschaft. Das Abschneiden der Brüste besagt, dass das gefährlichste an Anna Pappenheimer ihr Geschlecht war. Den Frauen wurde überdeutlich vorgeführt, dass sie so unsichtbar und angepasst wie nur irgend möglich sein müssen, wenn ihnen nicht das gleiche Schicksal widerfahren soll.

Wenn in ähnlichen öffentlichen Ritualen 10.000de von Frauen auf bestialische Weise zu Tode gefoltert werden, muss das auf Frauen und Männer einen extrem großen Eindruck gemacht haben, weit über die Hinrichtungen selbst hinaus, die sich in Zahlen messen lassen. Für alle sichtbar wurde die große Verworfenheit und Sündhaftigkeit der „Evastöchter“ demonstriert. Damit haben die großen Hexenverfolgungen in Europa der frühen Neuzeit dazu beigetragen – neben anderen Methoden – die Stellung der Frauen in der Gesellschaft noch einmal zu verringern. Dabei handelte es sich um eine spezifische Form der Krisenbewältigung auf Kosten einer diskriminierten und ohnehin schon unterdrückten Bevölkerungsgruppe, den Frauen. Die Nachwirkungen waren noch Jahrhunderte spürbar und erst die modernde Frauenbewegung hat daran etwas ändern können (vgl. Barstow 1994, S. 147ff).


Fussnoten und Quellen:
Claudia Opitz: Hexenverfolgung als Frauenverfolgung?, in: Claudia Opitz (Hrsg.): Der Hexenstreit, Freiburg im Breisgau 1995
Brian P. Levack: Hexenjagd: Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, München 2003
Anne Llewellyn Barstow: Witchcraze, San Francisco 1994
Michel Foucault: Überwachen und Strafen, Frankfurt am Main 1994


Ende Teil VIII


Mara


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