"Burning Times" - Mythos oder Realität?   Teil VI

Die große Hexenverfolgung, häufig auch Burning Times genannt, ist immer noch ein zentraler Punkt neuheidnischer Identität in der Auseinandersetzung mit einer christlichen und zunehmend konservativer werdenden Umgebung. Da ist es kein Wunder, dass gerade um die Deutung dieses Ereignisses intensive ideologische und geschichtspolitische Auseinandersetzungen stattfinden.

Wirkungsgeschichte des Hexenhammers

Die Wirkung des Hexenhammers war enorm. Bis 1496 waren bereits neun Auflagen erschienen. Weitere Auflagen wurden in den Jahren 1511, 1519, 1520, 1580, 1582, 1588, 1598, 1615 und 1669 gedruckt. Auch in Italien und Frankreich erschienen Auflagen dieses Werkes. Mit insgesamt 30 Auflagen zwischen 1486 und 1669 hatte der Hexenhammer eine lange und intensive Wirkungsgeschichte.

Kramer hat mit seinem Buch die elaborierte Hexenlehre in der gesamten christlichen Welt, v.a. im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation allgemein bekannt gemacht. Der Hexenhammer war die erste gedruckte Dämonologie. Dadurch war eine breite Rezeption möglich. Die 13 bis 1523 erschienenen Auflagen werden auf c.a. 10.000 Exemplare geschätzt. Diese Menge reichte aus, um sämtliche Kloster-, Fürsten-, Rats-, und Universitätsbibliotheken der lateinisch-christlichen Welt zu bestücken und darüber hinaus noch die Sammlungen zahlreicher Gelehrter.

Fast alle Befürworter der Hexenprozesse beriefen sich auf den Hexenhammer; fast alle Gegner polemisierten gegen das Buch. In Rechtsgutachten von Fakultäten sowie von einzelnen Theologen und Juristen ist die Berufung auf den Malleus Standard (vgl. von Riezler 1895, S. 107f, Behringer / Jerouscheck 2000, DirectMedia CD Hexen, S. 3548, Krause 2008).

Der Hexenhammer traf den Nerv der Zeit. Kleriker, die ihn gelesen haben, berichten geradezu von Erweckungserlebnissen; so Wilhelm von Bernkastel. Vor der Lektüre des Formicarius und des Hexenhammers sei er unwissend gewesen, jetzt aber habe er erkannt, welche Macht Dämonen besitzen, um den Menschen zu schaden. Sei neu erworbenes Wissen gab der Priester in Predigten sogleich an seine Gemeinde weiter und löste damit Hexenjagden im Moselraum aus (vgl. Krause 2008).

Der Hexenhammer verbreitete seine Lehre zunächst nur unter Gebildeten, vor allem den Geistlichen und Juristen. In lateinischer Sprache geschrieben und schwer verständlich, konnte dieses Buch nicht direkt auf die Volksmassen wirken. Aber von den gebildeten Kreisen drang die elaborierte Hexenlehre durch zahllose Kanäle, durch Predigten, Bilder, Gespräche, populäre Schriften, Verlesung der „Geständnisse“ der Hexen vor ihrer Verbrennung in die Bevölkerung. Albrecht Dürer und Hans Baldung Grien nutzen den Hexenhammer als Vorlage für ihre Illustrationen der Hexerei (vgl. von Riezler 1895, S. 129).

Auch der Protestantismus übernahm die katholische Hexenlehre größtenteils ohne Bedenken.
Mit Heinrich Kramer endete die Periode der inquisitorischen Hexenverfolgungen und weltliche Gerichte traten an ihre Stelle. Hierfür war der Hexenhammer von entscheidender Bedeutung. Häufig wird die Schuld der katholischen Kirche an den Hexenverfolgungen durch den Verweis auf rein weltlichen Verfahren des 16. und 17. Jahrhunderts bestritten oder relativiert. Allerdings war es die katholische Kirche, die die elaborierte Hexenlehre ausformulierte und so den Grundstein für spätere Verfolgungen legte. Sigmund von Riezler stellte zutreffend fest: „Die weltlichen Hexenprozesse des 16. und der folgenden Jahrhunderte verhalten sich zu denen der päpstlichen Inquisitoren wie die Fortsetzung zum Anfang, die Ernte zur Aussaat.“ (von Riezler 1895, S. 131)


Die großen Hexenverfolgungen

Ablauf einer Hexenjagd

Die großen Hexenverfolgungen fanden ungefähr zwischen 1500 und 1700 statt, mit der intensivsten Zeit von 1550 bis 1670.
Eine typische Hexenjagd lief so ab, dass zunächst Geistliche die Hexenfurcht unter der Bevölkerung durch Predigten anheizten und zur Denunziation der Hexen aufforderten. Die gefangengenommenen Hexen wurden dann unter der Folter gezwungen, die Namen derjenigen zu nennen, die sie auf den Hexensabbaten gesehen hatten. Diese wurden dann ebenfalls gefangen, gefoltert und zu weiteren Denunziationen gezwungen. In kürzester Frist vermehrte sich die Anzahl der Hexen exponentiell. Nicht selten wurden dutzende oder gar hunderte Menschen in kurzer Zeit verbrannt.

Hexenverbrennung Nürnberg

Die Ankläger und Hexenjäger durften sich den Besitz der verurteilten Hexen aneignen, was für sie eine weitere Anstachelung darstellte, mit ihrem Tun fortzufahren. Die Hexenverfolgungen endeten, wenn die weiter gewachsene Zahl der Hexen die Strafverfolgungskapazität der Gemeinden überstieg, oder wenn angeklagte Hexen gesellschaftlich hochstehende Personen als MittäterInnen nannten, die nicht verfolgt werden konnten (vgl. Levack 2003, S. 165ff).

Umfang der Hexenverfolgung

Die Anzahl der Hexenprozesse und der hingerichteten Hexen lässt sich nicht annähernd genau ermitteln, weil viele Gerichtsakten verloren sind, vernichtet oder nie angelegt wurden. Frühere Schätzungen von Millionen von Opfern sind aber nach übereinstimmender Auskunft aller HistorikerInnen weit übertrieben. Der amerikanische Historiker Brian P. Levack schätzt 60.000 Todesopfer und 110.000 Anklagen (vgl. Levack 2003, S. 33f), seine Kollegin Anne Llewellyn Barstow 100.000 Todesopfer und 200.000 Anklagen, wobei die Gerichte gelegentlich auch andere Strafen als die Hinrichtung verhängten, z.B. lebenslange Kerkerhaft, die unter damaligen Umständen niemand längere Zeit überleben konnte (vgl. Barstow 1994, S. 33ff).

Nach Barstow waren 80% der Angeklagten und 85% der Toten Frauen. Claudia Opitz schätzt, dass 80% der Opfer der Hexenverfolgungen Frauen waren. Viele der mitangeklagten Männer wurden nicht als Verursacher der Hexerei angesehen, sondern als Ehemann, Sohn oder Enkel von Hexen verurteilt. Von denjenigen, die nicht mit einer verurteilten Hexe verwandt sind, wurden viele auch wegen anderer Verbrechen verurteilt, wegen Ketzerei, Mord etc. und Hexerei wurde hinzugefügt, um die Anklage ernster zu machen.

Häufig wurden auch in einer späteren Periode einer Hexenjagd mehr Männer als am Anfang verfolgt, da der „Vorrat“ an „geeigneten“ Frauen, denen Hexerei zugetraut wurde, langsam zu Ende ging (vgl. Barstow 1994, S. 23, Opitz 1995, S. 249). In den wenigen Regionen, wo mehr Männer als Frauen verfolgt wurden, z.B. in Island, geschah das häufig, um eine bestimmte, genau definierte Personengruppe aus dem Weg zu räumen (vgl. Pregesbauer 2008, S. 88).


Fußnoten und Quellen:

Anne Llewellyn Barstow: Witchcraze, San Francisco 1994
Wolfgang Behringer und Günter Jerouschek: Einleitung zum Hexenhammer, in: DirectMedia CD Hexen, Berlin 2003 (Erstausgabe 2000)
Brian P. Levack: Hexenjagd: Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, München 2003
Claudia Opitz: Hexenverfolgung als Frauenverfolgung?, in: Claudia Opitz (Hrsg.): Der Hexenstreit, Freiburg im Breisgau 1995
Hannes Krause: Wege nach Deutschland, 2008, im Internet: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/6158/
Sigmund von Riezler: Geschichte der Hexenprozesse in Bayern, Stuttgart o.J. (Erstausgabe 1


Mara


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