"Burning Times" - Mythos oder Realität?   Teil IV

Die große Hexenverfolgung, häufig auch Burning Times genannt, ist immer noch ein zentraler Punkt neuheidnischer Identität in der Auseinandersetzung mit einer christlichen und zunehmend konservativer werdenden Umgebung. Da ist es kein Wunder, dass gerade um die Deutung dieses Ereignisses intensive ideologische und geschichtspolitische Auseinandersetzungen stattfinden.

Die ersten Hexenprozesse

In den zahlreichen Inquisitionsprozessen des Westalpenraums kann die langsame Herausbildung der elaborierten Hexenlehre beobachtet werden:
In einem Prozess, der 1387/88 in Pinerolo (Savoyen) stattgefunden hat wurden die gegen die Katharer, Waldenser und Juden gerichteten Vorwürfe miteinander vermischt. Es war auch von einem Synagogenbesuch im Sinne von Ketzertreffen und von dort stattfindenden Orgien die Rede (vgl. Krause 2008).

Der Inquisitor Ulric de Torrente führte 1429 in Fribourg Prozesse gegen mehrere Personen, die zwar als Waldenser bezeichnet wurden, aber tatsächlich wegen diffuser Anklagepunkte vor Gericht gestellt wurden, in denen auch Malefizien eine Rolle spielten. In einem Folgeprozess von 1430 wurden Waldenser erstmals mit einem Teufelspakt in Verbindung gebracht (vgl. Krause 2008).

Im Wallis wurden vor 1438 Prozesse geführt, in denen die Angeklagten unter der Folter gestanden, zu einer teuflischen Sekte oder Gesellschaft gehört zu haben. Der Teufel erschien ihnen als schwarzes Tier, als Bär oder Schafsbock. Nachdem sie den Glauben an Gott, der Taufe und der Kirche abgeschworen hatten, lernten sie, wie man mit magischen Mitteln Menschen töten oder ihnen Krankheiten anhexen kann. Zu den Treffen fliegen sie auf Stöcken und Besen, dann machten sie in Kellern halt, tranken den besten Wein und schissen in die Fässer. Die mehr als 700 Mitglieder umfassende Sekte soll bereits seit 50 Jahren bestehen. Es wurden mehr als 100 Personen verbrannt (vgl. Ginzburg 2005, S. 89).

In den Jahren 1438 und 39 führte der bereits erwähnte Inquisitor Ulric de Torrente in Dommartin und Neuchatel Prozesse, in welchen Teufelspakt, Sabbat, Kannibalismus und Schadenszauber miteinander verbunden wurden. Das Verbrechen wurde aber nach wie vor als Waldenserei (Vouderie) und die Angeklagten Waldenser (Voudesies) bezeichnet (vgl. Krause 2008).
Damit war die elaborierte Hexenlehre mit den Elementen Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Hexensabbat, Hexenflug, Schadenszauber und Tierverwandlungen im Westalpenraum bereits in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts vollständig etabliert.

Die unter der Folter erpressten Geständnisse bildeten die Grundlage für die gelehrten Hexentraktate. Sie waren für die Verbreitung der elaborierten Hexenlehre von enormer Wichtigkeit. Die wichtigsten frühen Schriften waren die Errores Gazariorum (lat. Die Irrtümer der Katharer, gemeint ist die Hexensekte) des Inquisitors Ponce de Feugeyron aus den Jahren 1436/37 und der Formicarius (lat. Der Ameisenstaat) des sehr einflussreichen dominikanischen Theologen Johannes Nider, der im Jahr 1436 entstanden ist. Autoren der Traktate waren meistens zölibatär lebende Kleriker. Sie stützten sich auf die Prozessprotokolle, systematisierten die Vorwürfe und verbanden sie mit alten theologischen Spekulationen und eigenen Phantasien. Auf diese Weise wurde eine Art kollektive Wahnvorstellung der herrschenden Elite etabliert und weiterverbreitet. Große Bedeutung für die Ausbreitung der elaborierten Hexenlehre hatte das Baseler Konzil (1431-1449) und die theologischen Fakultäten der damals neu gegründeten Universitäten Köln, Heidelberg und Wien (vgl. Krause 2008).

Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts breiteten sich die Hexenprozesse von der Gegend des Genfer Sees in die Zentralschweiz, das Bodenseegebiet und entlang des Rheins nach Norden aus. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts hatte die Hexenverfolgung schließlich die Niederlande erreicht.

Dies zeigt folgende Zeittafel:
Luzern 1450: Hexenprozesse gegen zwei Frauen, die einen voll ausgebildeten Hexenbegriff erkennen lassen
Heidelberg 1446/47: Etliche Frauen als Zauberinnen verbrannt. In den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Hexenprozesse nach der elaborierten Hexenlehre in Heidelberg und Umgebung.
Konstanz 1453: Nach einem Hagelunwetter wird eine Frau auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Luxemburg 1455: Zahlreiche Frauen als Hexen verbrannt
Köln 1456: Zwei Wetterzauberinnen verbrannt
Elsass 1470 bis 80: zahlreiche Hexenprozesse.
Kurtrier 1491 bis 94: 30 Hexen verbrannt
Zutphen im Herzogtum Geldern 1491: Hexenprozesse


Der Inquisitor Heinrich Kramer

Nach der ersten Verfolgungswelle um 1450 kommt es in den 1480er Jahren zu weitaus intensiveren Hexenverfolgungen im Südwesten des Reiches mit Schwerpunkten in der Region Luzern, im Bodenseegebiet und im Elsaß. Hier wirkte der berüchtigte Inquisitor Heinrich Kramer (1430-1505), auch genannt Institoris1. Kramer ist nicht nur bekannt als Autor des Hexenhammers, sondern er war auch ein besonders eifriger Hexenverfolger, der sich rühmte, bis 1491 mehr als 200 Hexen „eingeäschert“ zu haben.

Heinrich Kramer wurde um 1430 in Schlettstadt im Elsaß geboren und trat um 1445 in das örtliche Dominikanerkloster ein, wo er sein philosophisches Grundstudium absolvierte. In den Jahren 1484-86 war er an einem Ritualmordprozess gegen Juden in Trient beteiligt.
Am 3. März 1478 wurde er zum Inquisitor von ganz Oberdeutschland ernannt. Im gleichen Jahr wurden in seiner Heimatstadt Schlettstadt zwei Hexen verbrannt. 1482 kam es in der Gegend um Basel und kurz danach in Straßburg zu Hexenprozessen, an denen Kramer vermutlich beteiligt war. In der Diözese Konstanz verbrannte Kramer in den Jahren von 1481-1485 nach eigenen Angaben im Hexenhammer 48 Hexen (vgl. Krause 2008).

Am 5. Dezember 1484 bestätigte Papst Innocenz VIII in seiner Bulle Summus desiderantes die Hexenlehre und ernannte die Dominikaner Heinrich Kramer und Jakob Sprenger zu Inquisitoren von ganz Deutschland mit Ausnahme der Diözese Magdeburg.

Zu seiner großen Betrübnis habe der Papst vernommen, dass in großen Teilen Deutschlands die Verbrechen der Hexerei von Personen beiderlei Geschlechts begangen werden. Dieses besteht aus Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft mit Incubi und Succubi, Verleugnung des Glaubens und Schadenszauber. Hier werden genannt: Schaden an den Geburten der Weiber, an Tieren, Feldfrüchten, Wein, Obst, Getreide, Krankheiten an Mensch und Tier, Verhinderung der Zeugungskraft bei Männern und der Empfängnis bei Weibern, Impotenz. Die Bestrafung dieser Gräuel sei zum großen Nachteil der Geschädigten gehemmt worden, da man die Kompetenz der Inquisitoren bestritt. Heinrich Kramer und Jakob Sprenger („Meine geliebten Söhne“) werden nun für alle deutschen Erzbistümer mit Ausnahme Magdeburgs zu Inquisitoren über das Verbrechen teuflischer Zauberei bestellt. Der Bischof von Straßburg hat sie zu schirmen und die Gegner der Verfolgungen mit Bann und Interdikt zu belegen und nötigenfalls den weltlichen Arm gegen sie anzurufen (vgl. Kramer 1486, DirectMedia CD Hexen, S 3709ff, siehe auch von Riezler 1895, S. 82).

Der Historiker Siegmund von Riezler geht davon aus, dass die Kirche mit der Hexenbulle eine wichtige dogmatische Entscheidung getroffen hat und zwar, dass der Teufel in der Welt eine beträchtliche Macht besitzt und Hexerei wirksam ist. Der Papst bestätigte damit die unter den damaligen scholastischen Theologen, darunter dem Heiligen Thomas von Aquin, allgemein geteilte Auffassung vom Wirken des Teufels in der Welt. Wenn nun behauptet wird, dass damit eine ältere Lehre des Canon episcopi geändert wurde, stimmt das zwar, aber solche Neuerungen kamen in der Katholischen Kirche gar nicht so selten vor. Immer wurden die neuen Lehrsätze dann aber so verkündet, dass der Eindruck entsteht, sie habe das Nämliche immer schon gelehrt und diese Lehre sei nur klargestellt worden. Aber nur bei der Hexenbulle weisen katholische Apologeten und konservative Hexenforscher explizit darauf hin, um ihre Legitimität und Wirksamkeit anzuzweifeln (vgl. von Riezler 1895, S. 88).

Demgegenüber zitiert Sigmund von Riezler den katholischen Theologen Ignaz Döllinger, der sogar behauptet, Innocenz Entscheidung zur Hexenlehre sei ex cathedra, also als eine unfehlbare Lehrentscheidung gefallen, die von den Katholiken unbedingt zu glauben ist (vgl. von Riezler 1895, S. 88).
Heinrich Kramer begann nach seiner erneuten Bestellung zum Inquisitor im Jahr 1485 seine Verfolgungstätigkeit in Tirol, wo er im Juli dieses Jahres ankam und sich zunächst ein Empfehlungsschreiben vom Bischof von Brixen ausstellen ließ. Anschließend predigte er in Innsbruck wochenlang von der Kanzel die Hexenlehre und forderte zur Denunziation auf. Aber bereits in diesem Stadium stieß er auf Widerstand. Es wird berichtet, dass eine Frau namens Helene Scheuberin demonstrativ die Kirche verließ, wenn Kramer mit seinen Predigten begann und ihn mit folgenden Worten verwünschte: „Dass dir das fallende Übel an deinen grauen Scheitel solle!“ Schließlich wurde sie wegen dieses Verhaltens ebenfalls als Hexe angeklagt. Auf die Frage des Inquisitors, warum sie ihn verwünscht habe, antwortete sie: „Ihr predigt ja nichts anderes, als gegen die Hexen!“
Dennoch wurden viele Frauen denunziert und verhaftet. Sie wurden des Schadenszaubers beschuldigt, also Schädigung von Leib und Leben der Menschen und Tiere, der Entziehung von Milch aus den Eutern der Kühe und Wettermachen (vgl. von Riezler 1895, S. 91).
Im Unterschied zu vielen anderen endeten die Hexenprozesse von Innsbruck mit Freisprüchen für die Angeklagten aufgrund von Verfahrensmängeln. Unter anderem wurde Kramer dafür gerügt, dass er die Frauen zu intensiv über ihr Sexualleben befragt hatte. Dem damaligen Bischof Georg Golser war offenbar nichts an einer Hexenjagd in seiner Diözese gelegen. Er konnte allerdings aufgrund der Hexenbulle nicht direkt gegen Kramer vorgehen; es gelang ihm jedoch, den Prozess zu hintertreiben (vgl. von Riezler 1895, S. 92ff und Krause 2008).

Fußnoten

  • 1. Bei den humanistisch gebildeten Klerikern war es üblich, sich den Namen des Vaters in Latein im Genitiv zuzulegen, wenn dieser einen Beruf bezeichnete. Institor bedeutet auf Latein Krämer.

Literaturangaben

  • Carlo Ginzburg: Hexensabbat, Berlin 2005
  • Heinrich Kramer (Institoris): Hexenhammer (Malleus maleficarum), übersetzt von Wolfgang Behringer und Günter Jerouschek, in: DirectMedia CD Hexen, Berlin 2003 (Erstausgabe 1486)
  • Heinrich Kramer (Institoris): Hexenhammer (Malleus maleficarum), übersetzt von J.W.R. Schmidt, 1486a
  • Hannes Krause: Wege nach Deutschland, 2008, im Internet: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/6158/
  • Sigmund von Riezler: Geschichte der Hexenprozesse in Bayern, Stuttgart o.J. (Erstausgabe 1895)


Ende Teil IV


Mara


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