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"Burning Times" - Mythos oder Realität?   Teil III

Die große Hexenverfolgung, häufig auch Burning Times genannt, ist immer noch ein zentraler Punkt neuheidnischer Identität in der Auseinandersetzung mit einer christlichen und zunehmend konservativer werdenden Umgebung. Da ist es kein Wunder, dass gerade um die Deutung dieses Ereignisses intensive ideologische und geschichtspolitische Auseinandersetzungen stattfinden.

Beginn der Hexenverfolgung

Anfänge der Inquisition

Die Kritik dieser Sekten an der Kirche entzündete sich häufig am Widerspruch zwischen dem großen Reichtum der Kirche und den zahlreichen Aussagen des Neuen Testaments, nachdem allein die Armen ins Himmelreich kommen. Die größte Herausforderung für die katholische Kirche waren die Katharer, die in Okzitanien im Süden Frankreichs ab 1150 eine eigenständige Gegenkirche errichteten, der der größte Teil der Bevölkerung angehörte. Sie wurden ebenfalls von den meisten Adligen unterstützt. Die offene Kirchenorganisation der Katharer in Südfrankreich wurde im großen Albigenserkreuzzug (1209-1229) vernichtet. Allerdings lebten in der Region trotz zahlreicher Massaker der Kreuzfahrer immer noch viele Katharer, die sich nur zum Schein bekehren ließen.

Diese und andere Ketzer aufzuspüren und unschädlich zu machen, war Aufgabe der im Jahr 1184 von Papst Alexander III. gegründeten Heiligen Inquisition, die im Jahr 1232 dem Dominikanerorden übertragen wurde. Im Jahr 1252 billigte Papst Innocenz IV in seiner Bulle Ad extirpanda ausdrücklich den Einsatz der Folter bei Ketzerprozessen.

Bei Ketzerverfolgungen wurde der aus dem römischen Recht stammende Inquisitionsprozess wieder eingeführt, er trat an die Stelle des älteren Akkusationsprozesses. Das bedeutet, dass die Inquisitoren im Namen der Obrigkeit selbständig Sachverhalte ermitteln und die Gerichte nicht mehr nur auf Vorbringungen privater Ankläger angewiesen sind. Das Verfahren war nicht öffentlich und schriftlich. Zur Verurteilung war die Aussage von zwei Zeugen eines Verbrechens oder das Geständnis der/des Angeklagten notwendig, welches sich mittels der Folter aber einfach beschaffen ließ. Im alten Akkusationsprozess nach germanischem Recht wurde die Schuldfrage entweder durch Gottesurteile, gerichtlichen Zweikampf oder durch Eidhelfer geklärt.

Der Inquisitionsprozess war eine effektive Methode, opferlose Verbrechen wie Ketzerei zu verfolgen, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer Anklage gering war, da nicht selten alle Einwohner einer Region dem „falschen“ Glauben anhingen oder mit ihm sympathisierten.Zunächst bekämpfte die Inquisition vor allem die Katharer und andere Ketzersekten. Ein besonders berüchtigter Ketzerrichter, der Dominikaner Robert le Bougre ließ am 13. Mai 1239 in Mont-Amies bei Chalons 183 Katharer verbrennen (vgl. von Riezler 1895, S. 36).

  Wappen der spanischen Inquisition
Wappen der Spanischen Inquisition: Neben dem Kreuz als Symbol für den geistlichen Charakter der Inquisition halten Olivenzweig und Schwert die Waage, wodurch das Gleichgewicht zwischen Gnade und Strafe angedeutet werden sollte.
(Bild und Bildunterschrift aus der dt. Wikipdedia)

Die Elaborierte Hexenlehre

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts begann die Inquisition nach dem gleichen Muster auch Angehörige einer angeblich besonders gefährlichen und verwerflichen neuen Hexensekte zu verfolgen. Diese soll folgende Eigenschaften aufweisen:

  • 1. Die Hexen oder Hexer gehen einen Pakt mit dem Teufel oder einem seiner Dämonen ein (Teufelspakt) und leugnen den christlichen Glauben.
  • 2. Der Teufelspakt wird besiegelt mit der Teufelsbuhlschaft (Incubi / Succubi)
  • 3. Die Teufelsbuhlschaft findet in der Regel auf einem Hexensabbat statt, einer perversen Orgie, zu der die Hexen zusammenkommen, um „Unzucht“ nicht nur mit dem Teufel, sondern auch untereinander und mit Tieren zu treiben. Hier werden auch kleine Kinder gebraten und verzehrt oder aus ihren Körpern werden Flugsalben hergestellt.
  • 4. Zum Hexensabbat gelangen die Hexen durch einen Flug durch die Luft (Hexenflug).
  • 5. Den Teufelspakt geht Hexe vor allem ein, um die Befähigung zum Schadenszauber zu erlangen.
  • 6. Hexen können sich in Tiere verwandeln (Tierverwandlung).

Die Hexen wurden nicht als Einzeltäterinnen betrachtet, sondern als Mitglieder einer Sekte, die sich auf den Sabbaten traf, um unter Führung des Teufels das Christentum zu zerstören (vgl. Krause 2008).
Diese sog. Elaborierte Hexenlehre war in der einfachen Bevölkerung nicht verbreitet, sondern bildete sich im 14. und frühen 15. Jahrhundert in den Verfolgungen durch eine Vermischung aus volkstümlichen und gelehrten Vorstellungen heraus. War diese Lehre erst einmal in der Vorstellung der Inquisitoren verbreitet, wurde sie durch unter der Folter zustande gekommene „Geständnisse“ immer wieder bestätigt und in den Prozessprotokollen festgehalten.

Die Vorstellung vom einer organisierten Hexensekte, die einen Hexensabbat abhalten würde, entwuchs aus der Verfolgungstätigkeit der Inquisitoren im Westalpenraum. Dieser war im späten 14. und 15. Jahrhundert ein Rückzugsgebiet zahlreicher Häretiker, z.B. der Katharer und Albigenser, aber auch der aus Frankreich vertriebenen Juden.

In einer Bulle vom 4. September 1409 beklagt der (Gegen)papst Alexander V, Christen und Juden hätten in den Diözesen Genf, Aosta und Tarentaise zusammen neue Sekten und verbotene Riten gegen den christlichen Glauben eingeführt und die Juden würden versuchen, den Talmud unter Christen zu verbreiten. Außerdem gäbe es in denselben Gegenden viele Christen und Juden, die Hexerei, Wahrsagerei, Dämonenbeschwörungen, magische Verwünschungen, Aberglauben, böse und verbotene Künste praktizierten.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts führten Inquisitoren eine regelrechte Offensive gegen die Ketzergruppen in der Dauphine und Savoyen. Zahlreiche Prozesse richteten sich gegen Handwerker, Kleinhändler und einige Bauern. Unter den Angeklagten waren viele Frauen. Sie wurden allesamt als Waldenser bezeichnet, jedoch sind ihre Glaubensinhalte vielfältiger und diffuser: Polemik gegen die korrupte Kirchenhierarchie, Ablehnung der Sakramente, der Jungfräulichkeit Mariens und des Fegefeuers, dualistische katharische Vorstellungen, die als Teufelsanbetung verstanden werden.

Von Bedeutung ist, dass die Glaubensvorstellungen der einzelnen Sekten miteinander zu verschmelzen begannen. An die Stelle klar unterscheidbarer Glaubenssysteme traten eher diffuse allgemein-häretische Vorstellungen. Das erleichtert es, die Anklagen mit anderen Elementen anzureichern. So kamen schnell Vorwürfe der sexuellen Promiskuität, der rituellen Opferung der eigenen Kinder und von Orgien hinzu. Zumindest der Vorwurf der Promiskuität wurde seit dem Altertum stereotyp gegen nahezu jede Sekte erhoben.

Der Hinweis auf einen unterirdischen Ort namens Buskeller, in dem die Orgien stattfinden sollten, kann auf Volksglaubensvorstellungen schamanischen Typs hindeuten. Das könnte erklären, dass nach mehreren Jahrhunderten Pause wieder Vorwürfe der Anthropophagie gegen Häretiker erhoben werden. Denn in schamanischen Riten spielt der symbolische Tod und Wiederauferstehung eine wichtige Rolle (vgl. Ginzburg 2005, S. 80ff).
Die Elemente des Hexenfluges und Tierverwandlungen stammen ziemlich sicher aus Volksglaubensvorstellungen, also dem oben beschriebenen Glauben an umherziehende Göttinnen und Ritualen schamanischen Ursprungs, die wohl auch im Westalpenraum vorhanden waren (vgl. Ginzburg 2005, S. 87ff), ebenso war die Vorstellung des Schadenszaubers in der Bevölkerung weit verbreitet.

Die Elemente des Teufelspaktes und der Teufelsbuhlschaft entstammen aus gelehrten Spekulationen der Theologen, welche den Inquisitoren natürlich bekannt waren. Die Kirche glaubte immer schon an die Wirksamkeit von Zauberei und an Wunder. Während die Wunder auf das Wirken Gottes zurückgeführt werden, wird Zauberei vom Teufel und seinen Dämonen bewirkt. Wenn ein Mensch also zaubert, hat er implizit oder explizit einen Vertrag mit dem Teufel geschlossen. Die Zauberei ist eine Art Sakrament des Teufels; wer sich ihr bedient, hat sich von der wahren Kirche abgewandt und sich als Mitglied in die Kirche des Teufels eingereiht. Das aber ist Dämonenkult und Götzendienst und damit die schlimmste Häresie.

Michael Pacher 004  
Der Hl. Augustinus und der Teufel,
zwischen 1471 und 1475

Diese Lehren waren in der Kirche allgemein anerkannt und wurden z.B. von Augustinus aber auch von Thomas von Aquin vertreten. Umstritten war allerdings die genaue Macht des Teufels in der Welt. Sie wurde im Frühmittelalter als relativ gering eingeschätzt. Die Zauber der Dämonen, also der alten germanischen Götter, sollen real nicht wirksam sein, sondern nur eine Illusion darstellen (vgl. Krause 2008). Mit dem Heiligen und Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1215-1274) beginnt eine Entwicklung in der Theologie, in der die Macht Satans auf Erden immer größer und bedrohlicher gesehen wird. Dazu trugen sicherlich viele Faktoren bei: Aufkommen zahlreicher Sekten, der schwarze Tod, Krisenerscheinungen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, Lockerungen der Sexualmoral in größeren Bevölkerungskreisen, auch bei Frauen, Erwartungen des Weltendes und des Tausendjährigen Reiches.

Thomas von Aquin ergänzte die Lehre des Teufelspaktes durch die Lehre von der Teufelsbuhlschaft. Seiner Meinung nach soll der Teufelspakt v.a. durch „Unzucht“ mit dem Teufel oder seinen Dämonen besiegelt werden. Dabei halten sich offenbar auch die Teufel an die göttlichen Gebote zur Standardlage beim Geschlechtsverkehr: Männerteufel (Incubi = die Aufliegenden) schlafen mit zukünftigen Hexen und liegen oben, Frauenteufel (Succubi = die Untenliegenden) schlafen mit Hexern und liegen unten (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 353).


Ende Teil III

Mara


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