"Burning Times" - Mythos oder Realität?   Teil II

Die große Hexenverfolgung, häufig auch Burning Times genannt, ist immer noch ein zentraler Punkt neuheidnischer Identität in der Auseinandersetzung mit einer christlichen und zunehmend konservativer werdenden Umgebung. Da ist es kein Wunder, dass gerade um die Deutung dieses Ereignisses intensive ideologische und geschichtspolitische Auseinandersetzungen stattfinden.

3. Christianisierung

Das Christentum entstand im Römischen Reich als Religion der Sklaven, Soldaten und einfachen Handwerker. Seine Ausbreitung ist Resultat der gesellschaftlichen Widersprüche der römischen Gesellschaft, also der extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich und der Entwurzelung von Millionen von Menschen durch die barbarische Institution der Sklaverei. Wie der Kirchenkritiker Karl-Heinz Deschner bemerkte, hat das Christentum quasi die Gemeinplätze der antiken Philosophie und der religiösen Vorstellungen der Zeit zusammengeklaubt und zu einer neuen Religion verbunden. Auch die Leibfeindlichkeit des Christentums hat ihren Ursprung in bestimmten Richtungen der antiken Philosophie, wie dem Neuplatonismus.

Zugleich wurde die Stellung der Armen aufgewertet, indem behauptet wurde, dass sie Gott näher seien und für ihr Leiden auf der Erde im Himmelreich entschädigt würden. Diese Religion entsprach den Bedürfnissen vieler – insbesondere armer und wenig gebildeter – Menschen sehr stark. Die Reichen und die senatorische Aristokratie hingen bis zuletzt dem traditionellen Heidentum an. Als jedoch die Christen die Mehrheit im römischen Reich stellten, machte der römische Kaiser Theodosius das Christentum im Jahr 392 zur Staatsreligion und verboten alle heidnischen Kulte. Er wollte damit seine Legitimationsbasis stärken, was ihm auch gelungen ist. An der erbärmlichen ökonomischen Situation der Massen änderte sich freilich nichts; ganz im Gegenteil mussten sie jetzt über Steuern und Abgaben neben der staatlichen auch noch eine gigantische kirchliche Bürokratie finanzieren. Das überstieg die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung bei weitem und war eine der Ursachen für den Zusammenbruch des Reiches (vgl. Anderson 1981, S. 115).

Im germanischen Raum erfolgte die Christianisierung jedoch nicht von unten, sondern von oben. Als erste wurden Könige und Fürsten getauft, die dann ihren Untertanen bei Todesstrafe befahlen, den christlichen Glauben anzunehmen. Die germanischen Fürsten der Völkerwanderungszeit nahmen das Christentum an, um am hohen Prestige des untergehenden römischen Reiches zu partizipieren und Kleriker als Verwaltungsspezialisten zu gewinnen.

Für die Bevölkerung wirkte die Christianisierung wie ein Kulturschock. Es war ihr nicht nur plötzlich verboten, ihre alten Bräuche auszuüben, sondern sie wurde auch noch mit strikten Moralforderungen der welt-, natur- und frauenfeindlichen Kleriker konfrontiert. Unter diesen Bedingungen blieb die Christianisierung zunächst oberflächlich. Die meisten Menschen übten zunächst trotz der Verbote mehr oder weniger offen ihre alten Riten aus, allerdings wurde ihr Sinn von Generation zu Generation weniger verstanden, da die Kirche eine Weitergabe des Wissens über das alte heidnische Weltbild so weit wie möglich zu unterdrücken versuchte.

In den folgenden Jahrhunderten führte die Kirche einen mühseligen Kampf gegen Überbleibsel des Heidentums in der Bevölkerung. Im Rheinland, der am weitesten entwickelten Region des Heiligen Römischen Reiches kann davon ausgegangen werden, dass die Mentalität der Bevölkerung ab 1200 im Wesentlichen christlich war. Anzeichen sind das Aufkommen der Gotik, intensive Abendmahlsfrömmigkeit und zahlreiche christliche Sekten. In zurückgebliebenen Regionen weiter im Osten dauerte es sogar bis zur Zeit der Reformation und Gegenreformation oder noch länger, bis die alten heidnischen Bräuche zum größten Teil ausgerottet wurden.
Im Umgang des Christentums mit dem Heidentum lassen sich mehrere Strategien identifiziert:

  • 1. Vernichtungsprojekt: physische Vernichtung der Heiden (Karl der Große)
  • 2. Illusionsthese und Zurückdrängung heidnischer Bräuche: Ausgrenzung der Praktiker als Verwirrte und „Irre“ (Regino von Prüm, Burchard von Worms)
  • 3. Integration: Instrumentalisierung der heidnischen Mächte als untergeordnete Akteure in einem christlichen Kosmos (Snorri Sturluson, Tolkien, immer minoritäre Strategie)

Je nach der Situation und den konkreten Umständen griffen die Kirche und weltliche Herrscher mal zur einen, mal zur anderen Strategie (vgl. Schuhmacher 2007).
Karl der Große belegte Heiden mit der Todesstrafe. In einem Dekret gegen die heidnischen Bräuche der Sachsen (aus den Jahren 775-790) verordnete er folgendes:
8. Wer sich künftig im Volk der Sachsen ungetauft verstecken will und zur Taufe zu kommen unterlässt und Heide bleiben will, soll mit dem Tod bestraft werden.
21. Wenn einer bei den Quellen, Bäumen oder Hainen ein Gelöbnis abgelegt hat oder etwas nach heidnischer Weise geopfert hat und zur Ehre der Dämonen speist, [der bezahle], wenn er von Adel ist 60 Schillinge, ein Freigeborener 30 Schillinge, ein Lite 15 Schillinge….
22. Wir befehlen, dass die Leiber der christlichen Sachsen auf die Friedhöfe der Kirchen und nicht nach den Grabhügeln der Heiden gebracht werden (vgl. Behringer 2000, DirectMedia CD Hexen, S. 1589).

Christliche Missionare fällten unter dem Schutz des Königs die heiligen Haine und Bäume der Germanen wie die Donareiche bei Geismar in Hessen oder sie okkupierten zumindest heidnische Kultstätten, entfernten die Götterbilder („Pfahlgötzen“) und ließen in ihnen christliche Statuen aufstellen.

Da die Kirche aber merkte, dass das Ausrottungsprojekt Karls nicht durchführbar war, griff sie zu dem Mittel, die heidnischen Mächte als illusionär zu definieren. Gegen die, welche ihnen erlagen, ging die Kirche mit Ermahnungen, Belehrungen und Bußübungen vor (vgl. Schuhmacher). Zusammen mit einer christlichen Weltsicht setzte die Kirche auch ihre strenge Sexualmoral durch, vor allem gegen die Frauen. Das wichtigste Mittel hierzu war die Beichte. Im Corrector des Bischofs Burchard von Worms (965-1025), einem Bußhandbuch, finden sich neben den 152 für beide Geschlechter geltenden Sünden noch 42 weitere, die nur Frauen begehen können. Die größten, sich teilweise überschneidenden Komplexe der weiblichen Sünden sind Sexualität und Zauberei:

Anzahl
der Sünden
Themenkomplexe
5
weibliche Selbstbefriedigung
1
Prostitution
6
Empfängnisverhütung, Abtreibung und Kindsmord
1
Giftmord
3
Kindesvernachlässigung
19
Zauberei, magische Praktiken, heidnische Bräuche, Aberglauben über die Nachtfahrenden (siehe unten)
7
Nichtbeachtung christlicher Vorschriften und Sitten

Tabelle 1: Weibliche Sünden nach Burchard von Worms (vgl. Blöcker 1995, S. 113)

Verstöße gegen diese Gebote wurden mit strengen Kirchstrafen geahndet. Häufig wird in der Literatur zur Hexenverfolgung behauptet, alle Strafen außer der Todesstrafe seien harmlos oder vergleichsweise harmlos gewesen. Auf die hier beschriebenen Kirchenstrafen trifft das nur sehr bedingt zu. Dabei handelt es sich entweder um die Exkommunikation, die automatisch die Reichsacht nach sich zog, und die Betroffenen vogelfrei machte, oder um die Kirchenbuße. Im Mittelalter bedeutete das etwas völlig anderes als heute. Die dem BüßerInnenstand eingereihten Frauen und Männer waren wie die Mönche zur totalen Weltentsagung verpflichtet. Das bedeutete u.a. völlige Enthaltung vom Geschlechtsverkehr, ständiges Fasten und das Verbot, an Feiern und Vergnügungen teilzunehmen. Sie mussten eine spezielle Kleidung, das BüßerInnenhemd, tragen, so dass sie als SünderInnen erkannt werden konnten (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 219).

Für die katholische Kirche ist die „fleischliche Lust“ bis heute eine Sünde. Zwar sind Ehe und Kindererzeugung gottgewollt und damit Sexualität unvermeidlich, aber alle sexuellen Aktivitäten, die nicht auf die Kinderzeugung ausgerichtet sind, werden als sündig betrachtet und sind streng verboten (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 220).

Der um 900 entstandene Canon episcopi des Abtes Regino von Prüm (840-915), der bis 1918 Teil des Kirchenrechts war, stellte Empfängnisverhütung dem Mord gleich. Darunter werden nicht nur Tränke, sondern auch alle Arten des Geschlechtsverkehrs verstanden, bei denen die Zeugung vermieden wird: Coitus Interruptus, Anal- und Oralverkehr. Die Kirche glaubte auch, dass alle anderen Positionen beim Geschlechtsverkehr als die allein erlaubte Missionarsstellung die Zeugung erschweren. Sie wurden deshalb ebenfalls mit strenger Kirchenbuße von mehreren Jahren bis Jahrzehnten belegt (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 219ff).

Des Weiteren wurden die Zeiten eingeschränkt, an denen Geschlechtsverkehr erlaubt ist. Im Frühmittelalter war er an folgenden Tagen im Jahr verboten: An allen Sonntagen, an allen Festtagen (von denen es sehr viele gab), in der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern, je zwanzig Tage vor Weihnachten und Pfingsten, drei oder mehr Tage vor dem Kommunionempfang. Eine Summe von fünf Monaten kam da mindestens zusammen. Hinzu kamen individuelle Verbote für die Menstruations-, Schwangerschafts-, Wöchnerinnen- und Stillzeiten. Viele Gläubige klagten, da bleibe nicht mehr viel übrig (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 206ff).

Ein Teil der Zauber in der weiblichen Sündenliste des Burchard von Worms bezweckte die Erregung der Liebesglut beim eigenen oder einem anderen Mann. Über Erotik konnte in der christlichen Gesellschaft, die jegliche Lust als Sünde verdammte, nicht mehr gesprochen werden. Schon gar nicht durften Frauen ihre sexuellen Wünsche äußern. Im frühen Mittelalter behalfen sie sich mit Zaubern (vgl. Blöcker 1995, S. 112).

Burchard nennt auch zahlreiche heidnische Praktiken, die strenge Kirchenbußen nach sich ziehen:
„Hast du getan, was viele Frauen zu tun pflegen? … Wenn sie keinen Regen haben und ihn brauchen, versammeln sich mehrere Mädchen eines Dorfes. Eine von ihnen stellen sie sich gleichsam als Führerin voran. Sie entkleiden sie und führen sie nackt aus dem Dorf heraus an einen Ort, wo sie das Bilsenkraut finden. Die Jungfrau rupft dann das Bilsenkraut aus und bindet es sich an den Fuß. Anschließend wird sie an einen Fluss geführt und mit Wasser besprengt. Auf diese Weise hoffen sie, den Regen zu erhalten. Anschließend gehen sie, sich an den Händen haltend, ins Dorf zurück. … Wenn du es getan oder ihm zugestimmt hast, sollst du 20 Tage bei Wasser und Brot büßen.“

Diesen Brauch kommentiert Monica Blöcker wie folgt: „Kleine Mädchen lernen hier in spielerisch-ernstem Ritual, dass sie zu den Frauen, die für Fruchtbarkeit zu sorgen hatten, gehörten. Dass unam parvulam virginem, wohl ein Mädchen vor der Pubertät, als Anführerin ausgewählt worden ist, deutet wohl auf eine gewisse sexuelle Ungebundenheit der Dorfjugend hin. Zu beachten ist die Nennung des Bilsenkrautes (Hyoscyamus niger), einer schmerzstillenden halluzinogenen Pflanze. Ihre starke Wirkung wurde offenbar als Zauber interpretiert. Sie erschien daher als geeignetes zusätzliches Mittel, um das Naturgeschehen zu beeinflussen.“ (Blöcker 1995, S. 117)

Weitere heidnische Praktiken:
66. Kamst du zum Beten an einen anderen Ort als in die Kirche oder an einen vom Bischof oder Priester geweihten Ort, nämlich zu Quellen oder zu Felsen oder zu Bäumen oder auch zu Scheidewegen, und nahmst du ein Licht oder eine Fackel mit und zündetest du sie an zur Verehrung des Ortes, oder trugst du Brot oder eine andere Opferspeise weg, oder verzehrtest du sie dort, oder suchtest du irgendwelches Heil für deinen Leib oder deine Seele? Tatest du es oder stimmtest du zu, büßest du es 3 Jahre lang ...

70. Glaubtest du, es gäbe Frauen, die es bewirken können, was manche, vom Teufel Betörte notwendig und pflichtgemäß tun zu müssen versichern, nämlich dass sie mit einer Schar von Dämonen in Weibergestalt, welche die Torheit des Volkes hier die Schar der Holda nennt, in gewissen Nächten auf gewissen Tieren ausreiten, und sich deren Gemeinschaft zuschreiben lassen? Wenn du an diesem Aberglauben teilhattest, büßest du es 1 Jahr lang (vgl. Behringer 2000, DirectMedia CD Hexen, S. 1594, korrigiert nach Timm 2006, S. 27ff).

Diese Stelle wiederum geht auf den bereits oben erwähnten Canon episcopi des Regino von Prüm zurück:
„Auch jenes darf nicht übergangen werden, dass gewisse verbrecherische Frauen, wenn sie sich wieder dem Satan zugewandt haben und durch Täuschungen und Trugbilder der Dämonen verleiten ließen, glauben und beteuern, sie ritten zu nächtlicher Stunde mit der heidnischen Göttin Diana [oder mit Herodias] und einer unzähligen Menge von Weibern auf gewissen Tieren und durchmessen im Schweigen der tiefen Nacht viele Räume der Erde. – Sie gehorchten Dianas Befehlen wie einer Herrin und würden in bestimmten Nächten zu deren Dienst gerufen. … Deshalb müssen die Priester in den ihnen anvertrauten Gemeinden dem Volk mit allem Nachdruck predigen, dass sie erkennen, dass dies in jeglicher Weise falsch sei und dass nicht vom göttlichen, sondern von einem bösen Geist solche Trugbilder den Gläubigen aufgedrängt würden.“ (Behringer 2000, DirectMedia CD Hexen, S. 1592)

Regino spricht in seiner kirchenrechtlichen Abhandlung von der Göttin Diana. Dabei handelt es sich offensichtlich um eine Interpretatio Romana, also um eine Gleichsetzung der römischen Göttin Diana mit einer ähnlichen einheimischen Göttin. Burchard dagegen, der sich in seinem Korrektor auf den sehr einflussreichen Text von Regino bezieht, musste den einheimischen Namen der Göttin nennen, damit seine Beichtkinder überhaupt verstehen können, was ihnen vorgeworfen wird. In den frühen Abschriften des Korrektors heißt das entsprechende Wort immer „holdam“. Nach Timm müsste die entsprechende Passage sinngemäß übersetzt Schar der Holda heißen. Der von Behringer nicht übersetzte Begriff „Striga holda“ beruht auf einer verderbten späteren Abschrift (vgl. Timm 2006, S. 27ff).

Diese Stelle das Canon Episcopi wurde im 16. Jahrhundert von einzelnen Kritikern der Hexenverfolgung immer wieder zitiert, da sie die Wirksamkeit des Teufels („der Dämonen“) in der Welt als vergleichsweise gering einschätzt. In der Tat wurde jetzt versucht, die Macht des alten Glaubens dadurch zu brechen, indem man ihn als Illusion bezeichnete („Illusionsthese“).
Zu Zeiten Reginos und Burchards waren Vorstellungen über Nachfahrende Frauen über ganz Mitteleuropa und darüber hinaus verbreitet. Carlo Ginzburg konnte ähnliche Vorstellungen einige Jahrhunderte später in Oberitalien finden. Er berichtet, dass Mailänder Inquisitoren nach 1390 zwei Frauen namens Sibillia und Pierina verbrennen ließen, die angaben, des Nachts regelmäßig zum Spiel der Diana zu gehen, die sie Madonna Oriente nannten. Sibillia hatte Madonna Oriente ihre Ehrerbietung gezeigt, in dem sie das Haupt senkte und sagte: „Es möge euch wohlergehen, Madonna Oriente.“ Diese sagte dann: „Willkommen, meine Töchter.“ Zu der Gesellschaft kamen auch alle Tierarten außer Eseln, weil sie das Kreuz getragen haben. Oriente antwortete auf Fragen der Mitglieder der Gesellschaft und lehrte sie künftige und verborgene Dinge. Das habe ihr, Sibillia, erlaubt, die Fragen vieler Personen zu beantworten, ihnen Nachrichten und Lehren weiterzugeben. In Anwesenheit Orientes fiel der Name Gottes nie.

Pierina berichtete davon, dass Madonna Oriente die Mitglieder ihrer Gesellschaft über die Wirkkraft der Kräuter, über Arzneien, belehrt und darüber, wie man gestohlene Dinge wiederfindet und Verwünschungen löst. Sie zieht mit ihrer Gesellschaft durch die Häuser, besonders diejenigen der Reichen. Dort essen und trinken sie. Wenn das Haus sauber und aufgeräumt ist, freuen sich alle, und Oriente segnet diese Häuser. Oriente vermag es, allen Lebewesen (nicht aber Menschen, das könne nur Gott) ihr Leben wiederzugeben. Ihre Anhängerinnen töten nämlich manchmal Ochsen und aßen ihr Fleisch. Dann sammeln sie die Knochen und legen sie in die Häute der geschlachteten Tiere. Oriente schlug dann mit dem Knauf ihres Stabes auf die Häute, worauf die Ochsen sogleich wieder lebendig wurden (vgl. Ginzburg 2005, S. 106ff).

Carlo Ginzburg geht davon aus, dass die Frauen ihre Begegnungen mit Madonna Oriente in Trance erlebt und sich nicht real getroffen haben. Dennoch muss es eine weit zurückreichende Tradition mit Erzählungen über Madonna Oriente gegeben haben. Auch müssen sie unterrichtet worden sein, wie sie sich in Trance versetzen können.

Die beschriebenen Rituale (z.B. Schlachten und Wiederbeleben von Tieren) ähneln denen des arktischen Schamanismus. Vergleichbare magische Praktiken waren in vorchristlichen Zeiten in vielen Regionen Europas verbreitet. Sie lassen sich nicht auf den Siedlungsraum einer Sprachgruppe, wie der Kelten oder der Germanen eingrenzen und müssen demnach weit in die Vergangenheit zurückreichen. Ginzburg diskutiert in diesem Zusammenhang zwei Thesen: Entweder führen sie auf den Kult der Große Göttin des Neolithikums zurück, wie ihn Marija Gimbutas für das alte Europa beschrieben hat oder auf die noch ältere Herrin der Tiere des Paläolithikums. Ginzburg neigt zur letzteren Erklärung, wobei sich beide Theorien nicht unbedingt ausschließen müssen. Vermutlich ist die Große Göttin eine andere, neuere Erscheinungsform der Herrin der Tiere (vgl. Ginzburg 2005, S. 135ff, Gimbutas 1991 und – mit Abstrichen – Wunn 1999, 195ff).

Die Vorstellungen über nachfahrende Frauen erklärt Jacob Grimm damit, dass sie zum Gefolge ehemaliger Göttinnen gehören, die vom Christentum gestürzt wurden und statt der alten feierlichen Umzüge tagsüber nur noch heimlich des Nachts umherfahren können, genauso wie sich ihre AnhängerInnen nur noch nachts treffen konnten. Diese Treffen seien wohl bald erloschen, die aus ihnen hervorgegangen Sagen jedoch erhalten geblieben. (vgl. Grimm 1835, 881f) Sagen über eine segenbringende weibliche Gestalt, die in Süddeutschland Frau Perchta (ahd. „die Glänzende“), in Mitteldeutschland Frau Holle (ahd. „die Huldvolle“) und in Norddeutschland Frau Gode/Wode, Frau Herke und Frau Frecke hieß, waren noch am Anfang des 19. Jahrhunderts fast im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet und durchaus nicht auf nachfahrende Scharen beschränkt (vgl. Timm 2006, S. 9ff).

Ihre Tätigkeiten waren mannigfaltig, aber sie erschienen nach dem Volksglauben vor allem in den zwölf Nächten beiderseits der Jahreswende, manchmal auch an anderen Tagen. „Sie überprüfte dann speziell, ob in den Spinnstuben bis dahin fleißig gearbeitet worden war, jetzt aber Spinnruhe herrschte und bestimmte einfache Festspeisen gegessen wurden. Wenn ja, so gewährte sie häuslichen Segen; anderenfalls strafte sie die Schuldigen drastisch, indem sie ihnen z. B. das Spinngut verwirrte oder sogar den Bauch aufschlitzte. Auch war sie für das Wetter zuständig und galt zugleich, oft mit einem Wagen oder Pflug umherziehend oder unterirdisch hausend, als Betreuerin der frühgestorbenen, manchmal auch der noch ungeborenen Kinder. Besonders in älterer Zeit stellte man ihr auch Speiseopfer hin.“ (Timm 2006, S. 9).

Bei den Gestalten handelt es sich um unherziehende, einkehrende Göttermütter, von denen die Menschen die Geschäfte und Künste des Haushalts und des Ackerbaus erlernten: Spinnen, weben, kochen, säen und ernten. Diese Arbeiten führen zu Ruhe und Frieden im Land.

Die Volksglaubensgestalten vom Frau-Holle-Typ repräsentieren das weibliche Prinzip in so auffälliger Funktionsbreite und zwischen der kontinental-germanischen Frija und einer Volksglaubensgestalt kann man sogar etymologische Kontinuität annehmen. Deshalb handelt es sich bei Holle und verwandten Gestalten nach der Auffassung von Jacob Grimm um Relikte der kontinentalgermanischen Göttin Frija, die ihren aus Neben- oder Tabunahmen hervorgegangen sind (vgl. Timm 2006, S. 10).
Diese Aussagen wurden in der Folgezeit von zahlreichen Gelehrten bestritten, die Rolle von Frau Holle immer weiter verkleinert und ihre Entstehung immer später angesetzt. Erika Timm führt aber zahlreiche Belege aus Schriftzeugnissen und der Sprachgeographie an, die beweisen, dass die Namen der Gestalten mindestens bis in die Zeit der zweiten Lautverschiebung und damit ins 7. Jahrhundert zurückreichen müssen.

Die Konzentration auf die Tätigkeit des Spinnens in den Sagen um Frau Holle erklärt sich dadurch, dass die Spinnstube der einzige Ort war, wo eine größere Zahl von Mädchen ungezwungen - mit höchstens zeitweiliger Beteiligung der Jungen - kommunizieren konnte. Nur dort konnten noch Sagen über weibliche Numina quasi halböffentlich weitergegeben werden. In Anwesenheit von männlichen Respektspersonen, z.B. des Hausherren oder des Pfarrers, wäre das nicht möglich gewesen. In Regionen, in denen Spinnstuben noch lange Zeit üblich waren, z.B. in Hessen, hielten sich dementsprechend Sagen über Frau Holle und andere Gestalten länger als in solchen, in denen sie nicht mehr üblich waren oder unter strikte Kontrolle des Hausherren gestellt wurden (vgl. Timm 2006, S. 225).

Bei den Benandanti („die Wohlfahrenden“) aus Friaul des 16. Jahrhunderts handelt es sich um Männer und Frauen, die viermal im Jahr im Geiste ausziehen, um gegen böse Hexen für die Fruchtbarkeit der Felder zu kämpfen. Offensichtlich handelt es sich hier um ein weiteres Überbleibsel des Heidentums. Vergleichbare Feldkulte waren in Alpenraum und im Balkan weit verbreitet (vgl. Ginzburg 2005, S. 115). Die Callusari in Rumänien, die Stopfer und Punchiadors in Graubünden und die Klöpfler in Bayern haben sich allerdings ganz real getroffen. Es wird davon berichtet, dass sie waghalsige Sprünge ausführten, um die Fruchtbarkeit der Felder zu sichern (vgl. Timm 2006, S. 307).

Waren an diesen, von der Obrigkeit nur sehr wiederwillig tolerierten Bräuchen zunächst noch junge Frauen und Männer gleichermaßen beteiligt, so wurden die Frauen auf Betreiben der Familienväter und der Geistlichkeit immer häufiger ausgeschlossen. Schließlich entstanden an vielen Orten reine Männerbünde, die zunächst noch mit der Teilnahme an einem solchen Fruchtbarkeitsritus in Zusammenhang standen. Später gingen sie auch dazu über, recht aggressive Heischeumzüge zu veranstalten und „unsittliches“ Verhalten von Frauen öffentlich anzuprangern. Das ist nach Duerr ein Ursprung des später so genannten Haberfeldtreibens (vgl. Duerr 1985, 61ff).

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Im Mittelalter pilgerten viele Menschen zu heiligen Quellen, von denen sie sich Heilung erhofften. Die mit diesen Quellen in Verbindung stehenden Legenden waren manchmal mehr und manchmal weniger christianisiert. Es war auch üblich, die an den Quellen stehenden Bäumen mit Stoffstreifen zu behängen, um die Heilung der Krankheiten zu fördern (vgl. Weinhold 1999, S. 14ff). Möglicherweise steht ein Bericht aus Osterhofen in Bayern über eine Volkswallfahrt zum so genannten Pürbeßbaum aus dem Jahr 1594 mit diesem Brauch in Verbindung: „In diesem Gericht pflegen die gemeinen Leute ihre Andacht und Wallfahrt unter einem Baum, Pürbeßbaum genannt, im Hardt gelegen, zuhalten. Dieser Baum ist mit allerlei Stoffstreifen behängt. Weil aber dies als ein bloßer Aberglauben anzusehen ist, ist es der fürstlichen Regierung zu berichten befohlen worden.“1 (Behringer 2000, DirectMedia CD Hexen, S. 1551).

Fast empört kommentiert Behringer: „Bayerische Quellen der gleichen Zeit belegen die Verehrung eines Pürbeßbaums durch die Bevölkerung, geradezu unglaublich nach fast tausend Jahren – wohl teilweise recht oberflächlichen – Christentums. Die Bevölkerung wallfahrtet zu einem heiligen Baum und verrichtet dort Opferhandlungen, als gäbe es keine christlichen Kirchen und Priester.“ (Behringer 2000, DirectMedia CD Hexen, S. 1510). Allerdings waren solche Bräuche wohl doch nicht ganz so selten, wie Behringer glaubt.

Dass Frauen auch in christlichen Zeiten als Heilerin hoch angesehen waren, zeigt die Legende des Heiligen Corbinian aus dem Jahr 720. Er begegnete einer alten Frau, der es gelungen war, den Sohn des Herzogs Grimoald von einer Krankheit zu heilen und die deshalb von der Herzogin reich beschenkt worden war. Corbinian verprügelte die alte Frau eigenhändig und nahm ihr alle Geschenke ab…. (vgl. Behringer 2000, DirectMedia CD Hexen, S. 1586)

Allerdings kann nicht übersehen werden, dass sich im Verlauf des christlichen Mittelalters die volkstümliche Vorstellung von der zauber- und heilkundigen Weisen Frau zu verdunkeln begann. Wurden sie im germanischen Altertum sowohl gefürchtet als auch verehrt, so traten nun die negativen Aspekte, die Furcht vor dem Schadenzauber der Hexe in den Vordergrund (vgl. Duerr 1985, S. 84).

Wie in diesem Kapital gezeigt wurde, waren im Mittelalter heidnische Bräuche und Vorstellungen noch weit verbreitet, die Christianisierung zunächst oberflächlich. Frauen wirkten nach wie vor als Heilerinnen, zunächst sowohl für das Volk als auch für die herrschende Aristokratie, später nur noch für das Volk. Im Unterschied zu den Thesen von Margarete Murray ist allerdings nicht davon auszugehen, dass es in Mittel- und Westeuropa eine organisierte heidnische Opposition gegen Staat und Kirche gab. Die heidnischen Bräuche und Erzählungen waren wohl „unterdeterminiert“, d.h. ihre gesellschaftliche Bedeutung war weit geringer, als es die Anzahl der sie Praktizierenden erwarten lassen würde. Der Kirche ist es sehr erfolgreich gelungen, diese Bräuche in den Untergrund zu verdrängen und sie von einer offiziellen Wahrnehmung auszuschließen. Diesem Zweck diente v.a. die von Schumacher so genannte Illusionsthese. Widerstand gegen die Herrschenden drückte sich seit dem Hochmittelalter v.a. in christlicher Sprache aus, also durch zahlreiche neue Sekten, die in ihrer Sexualmoral häufig noch strikter waren als die katholische Kirche.


Ende Teil II


Mara


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