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"Burning Times" - Mythos oder Realität?   Teil I

Die große Hexenverfolgung, häufig auch Burning Times genannt, ist immer noch ein zentraler Punkt neuheidnischer Identität in der Auseinandersetzung mit einer christlichen und zunehmend konservativer werdenden Umgebung. Da ist es kein Wunder, dass gerade um die Deutung dieses Ereignisses intensive ideologische und geschichtspolitische Auseinandersetzungen stattfinden.
1. Einleitung

Im folgenden Artikel sollen einige besonders umstrittene Fragen untersucht werden und zwar: Gab es eine Kontinuität von den Weisen Frauen des Altertums zu den verfolgten Hexen? Gab es eine organisierte heidnische Hexensekte? Wie hoch war die Anzahl der Opfer der Hexenverfolgungen? Wie ist die Verantwortung der katholischen Kirche und der Heiligen Inquisition für die Hexenverfolgungen einzuschätzen? Waren die Hexenverfolgungen Frauenverfolgungen oder Verfolgungen von Weisen Frauen? Wie hat sich die Hexenforschung im deutschsprachigen Raum entwickelt?

Um diese Fragen zu beantworten, soll zunächst die Stellung der Frauen bei den Germanen und in der germanischen Religion, also den paganen Kulten und Riten der germanischen Stämme und Völker dargestellt werden. In einem weiteren Teil wird untersucht, wie sich die Christianisierung auf die Bevölkerung, besonders die Frauen ausgewirkt hat. In den folgenden Abschnitten geht es dann um die Herausbildung der sog. Elaborierten Hexenlehre durch die Kirche und die großen Hexenjagden. Im letzten Abschnitt sollen die mindestens anderthalb Jahrhunderte andauernden ideologischen Auseinandersetzungen um die Hexenverfolgung dargestellt werden.


2. Stellung der Frau und Magie bei den Germanen

Die Germanen waren eine patriarchale Gesellschaft. Der Vater hatte absolute Gewalt über die in seinem Haus lebenden Frauen, Kinder und Sklaven (vgl. Todd 2008, S. 35).
Frauen konnten jedoch als Seherinnen und sog. Weise Frauen beträchtliche Macht und Unabhängigkeit erreichen. Jacob Grimm ist der Auffassung, dass Weissagung und Zauberei im germanischen Heidentum überwiegend die Domäne der Frauen war. Das schließt er u.a. an Berichten römischer und griechischer Autoren. In Caesars Bello gallico heißt es über einen Germanenstamm: „Bei den Germanen sei es Brauch, dass die Familienmütter mit Runen und Weissagungen bestimmten, wann es richtig sei, eine Schlacht zu schlagen und wann nicht. Sie hätten erklärt, die Götter seien gegen einen Sieg der Germanen, wenn sie vor dem folgenden Neumond eine Schlacht lieferten.“ (zitiert nach Schuhmacher 2004)

Tacitus berichtet ähnliches: „Die Germanen glauben sogar, den Frauen wohne etwas Heiliges und Seherisches inne; deshalb achten sie auf ihren Rat und hören auf ihren Bescheid. Wir haben es ja zur Zeit des verewigten Vespasian erlebt, wie Veleda lange Zeit bei vielen als göttliches Wesen galt. Doch schon vor Zeiten haben sie Albruna und mehrere andere Frauen verehrt, aber nicht aus Unterwürfigkeit und als ob sie erst Göttinnen aus ihnen machen müssten.“ (zitiert nach Schuhmacher 2004)
Die Bestimmung solcher Frauen war es also, den Menschen Heil oder Unheil, Sieg oder Tod vorherzusagen oder es ihnen zu bereiten. Bei der Geburt erscheinen sie weissagend und begabend, in Kämpfen hilfreich und Sieg verleihend. Um dies zu bewerkstelligen, musste ihnen Weisheit und übernatürliche Kräfte zur Verfügung stehen. Darum heißen sie weise Frauen, altnordisch Spakonor (vgl. Grimm 1835, S. 329). Eine weitere Aufgabe der Weisen Frauen war die Heilung von Krankheiten mittels Kräutern und Magie (vgl. Grimm 1835, S. 961).

Die oben genannte Seherin Veleda wohnte in einem Turm an der Lippe. Sie weissagte nicht nur, sondern es wurden auch Verträge in ihrer Gegenwart geheiligt. Sie hatte unter dem Volk Geschäfte zu schlichten und auszuführen. Weitere berühmte Seherinnen, die vor Veleda gelebt haben, waren Ganna und Aurinia (vgl. Grimm 1835, S. 329).
Der Seid galt als die mächtigste der Zauberkünste und wurde fast ausschließlich von Frauen ausgeübt. Die Seidfrauen oder Seidkonas besaßen den Seidstab und die Seidplattform, auf der sie in Trance ihre Magie wirkten. Die Seidmagie hat starke Ähnlichkeit mit dem arktischen Schamanismus (vgl. Tuczay 2003, DirectMedia CD Hexen, S. 2701).
Das isländische Landnahmebuch berichtet sogar von einer Lehrtätigkeit in Zauberei. Wir erfahren, dass die Königstochter Gunhild von Gierrid in der Magie unterrichtet wurde (vgl. Tuczay 2003, DirectMedia CD Hexen, S. 2701).

Neben den bedeutenden männlichen Göttern Odin, Thor und Tiwaz wurden im germanischen Altertum auch mehrere Göttinnen verehrt, auch wenn sie sich in einer untergeordneten Position gegenüber dem Göttervater Odin befanden. An sie konnten sich Frauen z.B. bei Schwangerschaft und Geburt wenden oder in anderen Lebenslagen Trost finden. Das ist ein entscheidender Unterschied zum folgenden christlichen Mittelalter. Das weibliche Prinzip war noch nicht vollständig aus der Sphäre des Göttlichen ausgeschlossen.

Bereits Jacob Grimm war aufgefallen, dass sich in der nordischen Mythologie die höchste Asin Frigg und die höchste Wanin Freya so ähnlich sind, dass sie seiner Meinung nach zwei Formen einer Göttin sein müssen. Auf dem Kontinent ist überhaupt nur eine Göttin dokumentiert, deren Name Frija, Frea zur Nordischen Frigg stimmt (vgl. Timm 2006, S. 10f).
Erika Timm weist darauf hin, dass die Wanengöttin Freyja oder Frija trotz des Eindringens der patriarchalen Asen ihre Statur als große Göttin behauptet. „Sie reitet auf ihrem Eber oder fährt auf ihrem von Katzen gezogenen Wagen, hat geheimnisvolle Nebennamen, die die alte Breite ihrer vegetativen Zuständigkeit ahnen lassen, weint bei Trauer goldene Tränen, besitzt den Zauberschmuck Brísingamen, ist Lehrerin Odins (!) in Zauberkünsten, versammelt die Hälfte aller Gefallenen oder nach anderer Überlieferung die gestorbenen Frauen in ihrer Wohnstatt Folkwang ›Völkerfeld‹, praktiziert aber zugleich eine sexuelle Freizügigkeit, die ihr Lokis Häme und den Abscheu der Christen einträgt.“ (vgl. Timm 2006, S. 297)

Hans Schuhmacher geht davon aus, dass die in vielen Sagas auftauchenden Schildmaiden auf reale Begebenheiten zurückgehen. Demnach wäre es bei den Germanen Frauen unter bestimmten Umständen erlaubt gewesen, Waffen zu tragen und zu kämpfen. Der dänische Mönch Saxo Grammaticus berichtet z.B. in seiner Gesta Danorum (lat. Taten der Dänen, um 1200) davon, dass 300 Schildmaiden auf Seiten der Dänen in der Schlacht von Bravalla (um 750) kämpften (vgl. Schuhmacher 2004).


Ende Teil I

In den nächsten beiden Teilen wird es um die Christianisierung Mitteleuropas gehen.


Mara


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