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Weizen – ein Getreide der großen Göttin heute

Der Weizen ist eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt in Europa, und bis heute das wichtigste Getreide im Süden des Kontinents. In den letzten Jahrzehnten wird Weizen von gesundheitsbewussten Menschen immer mehr gemieden und ist zunehmend verpönt. Dabei ist der Weizen einmal eine heilige Pflanze gewesen, um die sich Göttinnenkulte drehten.

Über den Weizen

Einkorn (Bild von Distelfliege)  
Einkorn
(Bild von Distelfliege)

Weizen, das ist eine ganze Reihe von Getreidesorten der Gattung Triticum.
Es gibt da Weichweizen, Hartweizen, Nacktweizen, Grannenweizen, Dinkel, Einkorn, Emmer, Zwergweizen, und von den meisten dieser Getreidearten noch hunderte von lokalen Sorten.
Die älteste Weizensorte ist das Einkorn (Triticum monococcum). Diese Getreidesorte wurde um 6700 v.u.Z. zum Beispiel bei Jericho und tausend Jahre früher am oberen Euphrat gefunden, das ist die präkeramische Jungsteinzeit. (1) Wildes Einkorn wurde allerdings schon in der Mittelsteinzeit als Sammelplfanze nachgewiesen, z.b. am Ausgrabungsort Catal Hüyük.
Genauso alt ist der Emmer, auch Zweikorn genannt. Beim Einkorn sitzen die Körner einzeln auf der Ährenspindel, beim Emmer doppelt.

Neuere Untersuchungen des Genmaterials von Weizen, Dinkel, Einkorn und Emmer (1993, 1997) haben ergeben, dass all diese Weizenarten aus Wildformen gezüchtet wurden. Weder Einkorn noch Emmer noch Dinkel sind „Urweizen“, sondern der tatsächliche Urweizen sind drei Wildgräser. (2)

Da es in der Heidenszene eine Tendenz dazu gibt, dem Modernen zu misstrauen, und sich auf Älteres zu verlassen, dessen „Nebenwirkungen“ dann wenigstens längst bekannt sind, habe ich oft sagen hören, Weizen sei „hochgezüchtet“, „unnatürlich“, oder erst in den letzten paar Jahrhunderten in unserer Gegend ein Getreide von Bedeutung, während man früher die „guten, älteren“ Sorten verwendete, wie Dinkel oder Emmer. Das ist ein Mythos. Der heutige Weizen ist nicht unnatürlich oder durch die Bank hochgezüchtet (eher "niedriggezüchtet", damit es weniger Sturmschäden gibt, wo sich Getreide flach legen kann), und als Pflanze an sich nicht ungesund. Genauso wenig ist der Weizen „neu in der Gegend“. Weizen ist das zweitälteste Getreide der Welt, liest man bei Wikipedia. Was allerdings ungesund, oder zumindest etwas verarmt ist, ist die einseitige Ernährung mit Weißbrot.


Der Charakter des Weizens

Ich habe beruflich des öfteren mit Weizen zu tun, und ich habe über den Weizen einen neuen Zugang zu Muttergottheiten wie der griechischen Demeter bekommen. Weizen ist das „rote Getreide“, im Vergleich zum silbergrau-grünen Roggen oder der hellgelben Gerste oder dem hellgelben Hafer. Aufgrund des Proteingehalts und der Eigenschaft, einen elastischen Teig bilden zu können, habe ich immer rote, runde, weiche, kurvige Göttinnen vor dem inneren Auge, wenn ich mit Weizenteig hantiere. (Ich gehe klarerweise von Vollkornmehl aus dem ganzen Getreidekorn aus, und spreche nicht von dem blütenweißen Teig aus Auszugsmehl). Das Weizenkorn selbst ist auch rötlich, rund, kurz und dick.

  Durum - Hartweizen (Bild von Distelfliege)
Durum - Hartweizen
(Bild von Distelfliege)


Bedeutung des Weizens


Bei Wolf-Dieter Storl habe ich eine Einteilung von Nahrungspflanzen gesehen,
die mir gut gefallen hat. Dabei handelt es sich um:

  • Stapelpflanzen
  • Wurzelgemüse
  • Blattgemüse
  • Gewürze
  • Giftpflanzen

Storl schreibt dazu: "Vom menschlichen Standpunkt aus können die Pflanzen anhand eines verschiebbaren Kontinuums erfaßt werden. An einem Pol dieser Skala die ganz nützlichen Pflanzen, die Hauptnahrungsmittel oder Stapelpflanzen (angelsächsisch stapol, friesisch stapul = stützender Pfeiler), das Brotgetreide als "Stab des Lebens" Am entgegengesetzten Pol sind die Giftpflanzen, die schon in winzigster Dosis tödlich wirken. (...)
Die leichten, Luft, Licht und Wärme hingegebenen Getreidegräser sind des Menschen wahre Lebensstütze. Auf ihnen beruhen die Zivilisationen, die seit dem Neolithikum bestehen: Weizen im Westen von Punjab bis zum Mittelmeer, Reis im Fernen Osten, Hirse in Äthiopien, Mais in Mittelamerika und Roggen und Gerste im kühlen Norden. Überall werden die Körner als Göttergaben verehrt, wenn nicht als Stoff gewordene Götter." (Wolf-Dieter Storl: von Heilkräutern und Pflanzengottheiten, Kapitel II: Vom Lebensmittel zu den Giften, S. 226)

Die „Stapelpflanze“ ist immer diejenige, die die Menschen satt macht, alles andere sind dann mehr oder weniger Beilagen. Storl fiel auf, dass es zu der jeweiligen Stapelpflanze oft eine Muttergottheit gibt: In Mittel- und Nordamerika die Maisgöttin, dort bedeutet das Wort „Korn“ auch „Mais“ und nicht „Weizen“, in Europa eine Weizengöttin und in Asien eine Reisgöttin. Auf dem afrikanischen Kontinent kann ich mir gut vorstellen, dass es ähnliche Kulte um die jeweilige Stapelpflanze, z.b. Sorghum (eine Hirseart) gab oder noch gibt. Regionale Unterschiede muss man natürlich auch noch mit bedenken, zum Beispiel gibt es in kälteren Gegenden Europas eine deutliche Roggentradition, weil Weizen einfach auf warme Sommer angewiesen ist. Und in Nordafrika, z.B. in Syrien, ist Gerste „das“ Getreide.
Es ist für mich nur schwer verständlich, wie heutige naturreligiöse Menschen, Neuheiden, sich auf die alten Weizengöttinnen kultisch beziehen können, während sie über ihre heilige Pflanze, den Weizen, nicht nur die Nase rümpfen, sondern auch noch völlig vergessen haben, dass diese verpönten Pflanzen die Weltbevölkerung ernähren.


Weizen als Politikum: Die Weizenmutter in Gefahr

Obwohl wir uns möglicherweise in der postindustriellen Kultur nicht mehr wirklich klarmachen, welche Bedeutung eine Stapelpflanze für uns hat, nämlich, uns zu ernähren – ist der Zusammenhang ungebrochen vorhanden. Er ist für uns nur nicht mehr so direkt erlebbar, wenn wir unsere Nahrung im Supermarkt einkaufen. Trotzdem ist die Situation, möchte ich mal sagen, vielleicht genau so prekär wie „ganz ganz früher“ als die Menschen in Europa noch massenweise nach Missernten verhungern mussten. Ich versuche mal, kurz und natürlich unvollständig auf die Situation einzugehen, ohne ein allzu großes Drama daraus zu machen:
Es gibt sowas wie den „Zwang zum Ertrag“, das heisst, es ist heute weniger wichtig, ob ein Getreide gut anzubauen ist und die Menschen gut ernährt, sondern primär geht es darum, ob man ordentlich Geld verdienen kann, indem man das Getreide anbaut. Dadurch haben ertragreiche Sorten des Weizens ertragsärmere Sorten immer mehr verdrängt. Letztendlich ist zumindest in Deutschland, für Österreich wird es nicht viel anders sein, die Situation rein rechtlich so, dass es eine gewisse Menge zum Anbau zugelassener Weizensorten gibt, und um eine neue (oder alte) Sorte zulassen zu können, muss sie vor allem, was den Ertrag angeht, mit den bereits zugelassenen konkurrenzfähig sein. Das führt dazu, dass viele lokale Weizensorten verschwinden und wichtige Eigenschaften dieser Sorten, z.B. Resistenz gegen Dürre oder gute Angepasstheit auf ärmere Böden, drohen, verloren zu gehen. (3)
Diesem Problem wiederum möchten bestimmte Firmen, die mit Saatgut handeln und gentechnische Saatgutveränderungen entwickeln, entgegentreten indem sie einfach Sorten „zusammenbauen“, wo's dann wieder passt. Da wird quasi ein durch Profitgier selbst geschaffenes Problem behandelt, während die Lösung, die zudem die Freiheit von Menschen, sich selbstbestimmt und selbstorganisiert zu ernähren, fördern würde, eigentlich woanders liegt: In der Förderung von Vielfalt beim Saatgut und dem Erhalt möglichst vieler Kultursorten von Nahrungspflanzen.

  Weizensorten in verschiedenen Reifestadien
Weizensorten in verschiedenen Reifestadien

Für mich als moderne Hexe und Verehrerin der Göttin ist es wichtig, was mit dem Weizen passiert. Ich hatte vor Jahren einen Traum von einem Netzwerk der Göttin, vielen Menschen, die sich treffen, feiern, und das alte Wissen, das ihnen weitergegeben wurde, kultivieren und teilen. Diesen Traum habe ich in diesem Jahr in der Realität erlebt. Es gibt dieses Netzwerk, und es gibt auf der ganzen Welt viele Menschen, die konkret dafür arbeiten, dass es auch morgen noch eine Welt gibt, in der man nicht nur schön heidnisch ritualisieren kann, sondern auch natürliche Nahrung vorfindet
– Nahrung, die in einer Beziehung von Mensch und Natur entsteht, ohne dass ein Genfoodkonzern da reinredet. Es gibt ein Netzwerk von Menschen, die sich für den Erhalt des "alten Wissens" biologischer kleinbäuerlicher Landwirtschaft einsetzen, wie man mit ursprünglichen Mitteln sich von den Früchten von Mutter Erde ernährt. Das klingt ganz einfach und profan, und doch ist es alles andere als das. Oder vielmehr, ist es unscheinbar und wird trotzdem immer wichtiger in einer Welt, in der Naturreligion etwas immer abstrakteres zu werden droht. Ein paar Links zu Internetseiten zum Thema "Biodiversität" und KleinbäuerInnen-Netzwerke möchte ich euch noch geben:


(1) Quelle: Wikipedia
(2) Quelle: http://www.darzau.de/index.php?id=6, wo es weitere Verweise auf die einzelnen Forschungen gibt
(3) Es gibt zwar genetische Datenbanken, wo Proben aller Saatgutsorten eingefroren erhalten werden sollen, aber genau so wichtig wie das Genom der Pflanzen ist es, dass das Wissen um die Kultivierung der Sorten erhalten bleibt, dass die Sorten nicht in Datenbanken abgelegt sind sondern in der Landschaft lebendig bleiben und sich an die Bedingungen ihrer Umwelt immer neu anpassen können.


Distelfliege


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