Roter Ocker – Farbmagie von der Steinzeit bis heute   Teil I

WeiberCraft in der Praxis: Roter Ocker und seine Verwendung als magische Körperbemalung, sowie viele spannende Hintergrundinformationen findet ihr in diesem Artikel von Nana Beginaset.

Roter Ocker – Farbmagie von der Steinzeit bis heute

Seit über 100.000 Jahren hat die Farbe rot, roter Ocker, im Leben der Menschen kultische, mythische und kulturelle Bedeutung.

Bis heute ist Rot für uns eine Farbe mit starker Signalwirkung und großem Symbolgehalt. Das Bedeutungsspektrum umfasst so verschiedene Bereiche wie Aufmerksamkeit, Warnung, Gefahr, aber auch Liebe und Erotik, Lebenslust und Lebensfreude. Natürlich ist diese Aufzählung nicht annähernd erschöpfend, aber dies ist auch nicht Thema dieses Textes.

Rot gehört zu den warmen Farben - und Rot lässt niemanden kalt.
Aber war das schon immer so? Wie hat sich der Symbol- und Bedeutungsinhalt dieser Farbe entwickelt und wo ist der Ursprung?

Allem Anschein nach ist Rot eine der ersten Farben, wenn nicht die erste Farbe, die kultisch verwendet wurde. Roter Ocker, Erdfarben überhaupt, sind dabei zu den ältesten Farbmitteln zu zählen.

Erste Zeugnisse zur Verwendung der Farbe Rot stammen aus der Steinzeit und stehen im Zusammenhang mit den Bestattungsriten unserer Urahnen. Das älteste gefundene Grab wurde bei La Ferrassie in der Dordogne-Region in Frankreich entdeckt. Es wird auf ein Alter von rund 100.000 Jahren geschätzt und weist einige wesentliche Merkmale auf, die bis ans Ende der Jungsteinzeit nicht nur bei Bestattungen, sondern auch im Alltag unserer Vorfahren eine bedeutende Rolle spielten:

  • die Verstorbenen wurden in Ost-West-Richtung bestattet
  • in den Gräbern wurde roter Ocker gefunden, bei späteren Bestattungen waren die Toten damit bestreut
  • bei den Bestatteten wurden Grabbeigaben wie Knochen mit geritzten Linien oder Dreiergruppen von Steinen und Werkzeugen gefunden, mitunter waren diese rot gefärbt

Die Ur-und Frühgeschichtlerin Marie P. König hat sich ausführlich mit den Zeugnissen unserer eiszeitlichen Vorfahren auseinandergesetzt und sich, ähnlich wie Marija Gimbutas, davon gelöst, das Leben unserer Vorfahren aus unserem heutigen Kulturverständnis heraus zu betrachten.

Sie interpretiert Ritzungen von Linien und Kreuzen als Fähigkeit der frühen Menschen so abstrakte Begriffe wie "Richtung" an sich oder mittels des Kardinalkreuzes die vier Himmelsrichtungen darzustellen. Anhand vieler Beispiele belegt sie ihre These und zeigt so auch, welche Bedeutung die Ausrichtung der Toten im Grab spielen kann – und deren Verbindung zur Farbe Rot:

Unsere Urahnen bestatteten ihre Toten in Ost-West-Richtung, der Richtung, die auch dem Lauf der Sonne entsprach, wenn sie morgens rot am Osthimmel geboren wurde und abends blutrot im Westen starb, - um am nächsten Morgen im Osten wiedergeboren zu werden . Dabei färbten sie die Bestatteten mit rotem Ocker,- der Farbe von Sonne und Himmel. Rot – eine Farbe des Lebens und der Wiedergeburt.

Die Verwendung von rotem Ocker bei Begräbnissen zieht sich durch die ganze Steinzeit, manchmal sind es bis zu 10 kg, in die die Toten richtiggehend eingepackt sind.

Bei den Lagerstätten oder in der Nähe der Gräber wurden auch andere Erdfarben wie Mangan und Kalk gefunden. Bei Bestattungen wurde jedoch ausschließlich roter Ocker verwendet. Dies lässt darauf schließen, dass diese Erdfarbe unter rituellen Gesichtspunkten gewählt wurde.

Aber bald fand Rot weitere Verwendung
Weltweit bekannt sind die Höhlenmalereien von Lascaux und Altamira. Dafür verwendeten die Maler im roten Bereich vornehmlich roten Ocker oder Blut.

Weibliche Statuetten weisen Spuren von roter Färbung auf. So die berühmte Venus von Willendorf, ebenfalls eine androgyne Figur, die laut Marie König in einer Weinberghöhle bei Mauern, Bayern gefunden wurde, und auch die Frau mit Horn von Laussel.

Verschiedentlich wurden in den frühen Lagerplätzen große Bereiche mit rotem Ocker gefärbt gefunden, so in Gargarino am Don , wie auch in Gönnersdorf bei Neuwied am Rhein. Dies lässt auf eine intensive Nutzung der Farben zum Überziehen von Alltags- und Kultgegenständen, aber auch zur Körperbemalung schließen. Vermutlich sagt die Menge und Dicke des Ockers etwas über den Zeitraum aus, in dem der Platz immer wieder aufgesucht wurde.

Ebenfalls wurden ganze Ockerstücke an Siedlungsplätzen gefunden. Teilweise weisen sie Reibspuren auf und legen so eine Verwendung als Pigment dar. Die ältesten Funde sind ca. 500.000 Jahre alt. Warum unsere Vorfahren das farbige Gestein sammelten, darüber können wir nur spekulieren. Die Tatsache jedoch, dass sie es sammelten, zeigt uns, dass es für sie Bedeutung besaß.

Als die Menschen sesshaft wurden, begannen sie, ihre Bauten außen und innen mit Malereien zu schmücken und auch ihre Gebrauchskeramik mit Bildern und Ornamenten zu verzieren.

Immer wieder wurden gefärbte Muscheln und andere Arten von Anhängern gefunden. Die Forschung unterscheidet hier deutlich zwischen alltäglichen Gegenständen, zu denen sie z. B. Schmuck und Werkzeuge zählt, und solchen, denen kultische Bedeutung zugeschrieben wird. Dies entspricht unserer heutigen Weltsicht, in der sehr scharf zwischen Alltags- und weltlichen Dingen einerseits und dem Religiösen andererseits unterschieden wird.

Mindestens ebenso wahrscheinlich wie diese Übertragung unserer Kultur ist jedoch die Annahme, dass unsere Vorfahren Kult und Alltag nicht trennten. Schmuck, gefärbte und bemalte Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände und später auch bemalte Behausungen sprechen dafür.

Ocker gehört zu den Erdfarben. Roter Ocker ist ein Gemisch aus Eisen(III)-oxid oder Hämatit , Tonmineralen, Quarz und Kalk. Der färbende Bestandteil des gelben Ockers Ist Eisen(III)-oxihydrat, weitere Farben der Erde sind Kreide und Kohle. Roter Ocker lässt sich auch durch Brennen von gelbem Ocker gewinnen. Als Farbe verwendet ist Ocker in hohem Maße lichtecht und je nach Bindemittel wasserbeständig.


Ende Teil I


Nana Beginaset


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