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Doppelherz – oder: Zweier Herrinnen Dienerin   Teil III

Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust! Dieses Goethe-Zitat gibt die Situation gut wieder, in der sich Frauen, die einerseits neuere feministische Theorien in ihr Leben integrieren möchten, aber auch in Frauenzusammenhängen magisch oder überhaupt arbeiten wollen.

In Teil I dieses Artikels ging es um die Frauenspiritualität aus meiner Sicht, in Teil II dann über mein Warmwerden mit der Dekonstruktion, und jetzt soll es darum gehen, wie konkret man beide Dinge unter einen Hut bekommt.


Sein oder Nichtsein

Es gibt ja so viele Widersprüche:

  1. Wie kann ich Geschlecht in Frage stellen, und meine Gottheit/en in ein geschlechtliches Klischeeraster pressen?
  2. Ein möglichst festes Geschlecht zu haben, wo nix fluktuiert, macht manche stark und andere schwach, manche fühlen sich damit toll und andere fühlen sich damit gar nicht toll. Genau wie sich manche toll fühlen mit Bildern „herkömmlicher“ Weiblichkeit und andere fühlen sich damit gar nicht gut.
  3. Wenn meine Spiritualität aus bestimmten praktischen Gründen in Frauenräumen stattfindet, wie definiere ich, wer „frau's genug“ ist, um Zugang zu bekommen?
  4. Wie finde ich eigentlich eine Community, mit der ich zusammen praktisch etwas tun kann, und meine Spiritualität ausleben, ohne aber das herkömmlich geschlechtliche Bedeutungsraster „mit unterschreiben“ zu müssen?

 

1+2: Es ist doch eigentlich ganz einfach – jede/r macht was er/sie will.
Glauben und Spiritualität, das ist für mich eine Sache ganz persönlicher Bedürfnisse. „Alles kann, nichts muss“ heisst die Devise. Gerade die Dekonstruktion bietet da für mich die Freiheit an, endlich nicht mehr den EINEN, „wahren“ Glauben finden und dann auch noch glauben zu müssen, sondern mich wohlgefällig in postmoderner Beliebigkeit zu aalen, und wirklich das spirituell für mich umzusetzen, was mich erfüllt und was mir gefällt. Opfern muss man lediglich (gut, das ist für manche ein grosses Opfer!) den Anspruch, dass man irgendwie allgemeingültig und repräsentativ wäre mit dem, was man so seine spirituellen Weltbilder nennt. So kann ich einerseits die  automatische Naturgegebenheit von Geschlecht in Frage stellen, andererseits aber sagen: ICH sehe das Heilige als große Göttin, weil es mir so gefällt. Das heisst ja lange nicht, dass das Heilige die große Göttin wäre, ein für allemal und für jede/n zu jeder Zeit, oder dass die Weiblichkeit dieser Göttin irgendwie natürlich oder naturgegeben wäre.
Ich finde, gerade in der Heidenszene ist man eh schon daran gewöhnt, daß jede/r an was anderes glaubt. Wieso kann man dann nicht noch ein, zwei Schrittchen weitergehen und jedem selbst überlassen, ob überhaupt und welches Geschlecht/er das Göttliche für die Einzelnen hat? 
 
3+4: Muss der Verlust der „Gemeinde“ sein, oder geht es auch anders?
Diese ganz einfache Sache, dass wir alle halt einfach machen was wir wollen, und dafür die Allgemeingültigkeit unserer Weltbilder aufgeben, bringt halt auch Nachteile mit sich. Beispielsweise ist es viel schwieriger, homogene Gruppen, wo man sich so wunderbar heimelig im eigenen Saft schmoren lassen kann, zu bilden, wenn andere Konzepte plötzlich begrüsst, sichtbar gemacht und respektiert werden. Zudem ist es vielleicht auch unbequem, wenn z.b. eine transsexuelle Frau mitmachen will, weil frau ja dann oft ein essentialistisch-energetisch-“naturgegebenes“ Bild von dem hat, was eine Frau zu sein hat, das dann möglicherweise angekratzt würde.
 
Zur meisten Zeit muss sich eine spirituelle Frauengruppe die Frage gar nicht stellen, was wäre, wenn eine transsexuelle Frau oder ein transgender-eher-weiblich identifiziertes Wesen auf einmal dazu käme. Die Wenigen, die es gibt, halten sich wahrscheinlich aufgrund negativer Erfahrungen möglicherweise von Spiri-Frauengruppen fern oder sie versuchen es  gar nicht erst, weil sie angesichts heidnisch-hexischer Weltbilder mit solchen Erfahrungen rechnen.

In der feministischen Szene haben viele Frauengruppen diese Frage schon zu beantworten gehabt, mit dem Resultat, dass z.b. bei einigen Frauencafés „Frauen jeglichen Geschlechts“ willkommen sind. Andere beschränken sich explizit auf Frauen, die biologisch weiblich auf die Welt kamen. Auseinandergesetzt haben sie sich aber grösstenteils damit, zumindest in der Großstadt.
Mein Eindruck ist es, dass die moderne Hexenszene und die naturspirituelle Szene und die Frauenspiri-Szene insofern rückständig sind (und vielleicht auch schon vor Jahren den Anschluss an aktuelle feministische Diskussionen verloren haben), dass kaum irgendwo erkennbar ist, dass sich eine Gruppe mit dieser Frage auseinandergesetzt hat. Es ist auch kaum zu verzeichnen, jedenfalls dort wo ich so mich umtue, dass in der Spiri-Frauen-Szene eine ähnliche Bereicherung durch vielfältigste Entwürfe und Politiken von Queer-Seite stattfand wie in der feministischen Ecke.

Vielleicht haben die dekonstruktiven Feministinnen, Queers und TransFrauen die spirituelle Frauenbewegung auch vor vielen Jahren schon als hoffnungslos antiquiert abgeschrieben und sind abgezogen zu neuen Orten, bzw. dort geblieben wo Allianzen möglich waren – und wir schmoren so unbemerkt im eigenen Saft, lesen die ollen Schinken von Heide Göttner-Abendroth und hängen uns wie in den 70er Jahren Göttinnenanhänger an den Hals und fühlen uns avantgardistisch. Während fortschrittlichere Kräfte ganz woanders sind. Ich kann natürlich nicht sagen, dass ich beispielsweise von der Szene über dem grossen Teich eine Ahnung hätte. Vielleicht ist es dort ja anders.

Nein, da möchte ich keine Stagnation wie ich sie leider hin und wieder sehe. Es bringt allerdings nichts, zu sagen: „Ja, wir Frauen, auch in der Spiri-Szene, sollten uns jetzt so langsam den neueren, korrekteren feministischen und geschlechterpolitischen Themen öffnen. Das muss einfach so sein -  sonst sind wir irgendwie böse.“
Was es meiner Ansicht nach bringt, ist positiv denken. Damit meine ich nicht, dass man sich etwas schön redet. Sondern den Blickwinkel einzunehmen, „es gibt einfach so viel zu gewinnen. Es wäre einfach so interessant, rauszufinden, was denn alles noch so an Vielfalt möglich wäre.“
Was gibt es für mich zu gewinnen? Zum Beispiel, die Bewusstseinserweiterung und grössere Freiheit zur Gestaltung von Theorie und Praxis nutzen können, wenn ich möchte, die mir die Dekonstruktion starrer Konzepte bietet. 

Da ist sicher auch so ein Wunschtraum von mir, Spiritualität (erstmalig bzw. wieder einmal) zu leben mit Frauen von vielerlei (Geschlechts- und religiösen) Identitäten und zu schauen, was dabei rumkommt. Ich hätte eigentlich „Menschen“ schreiben sollen statt „Frauen“. Warum schreibe ich das jetzt eigentlich nicht? Ich glaube, weil ich möchte, dass eine Abgrenzung bestehen bleibt. Oder sagen wir mal: „Mit FeministInnen von vielerlei Identität Spiritualität leben, feiern, zaubern und lustig sein“. Das ist ein Wunschtraum von mir, der aus dem Hut kam, nachdem ich Frauenspiritualität und Dekonstruktion in einen einzigen Hut reingepackt hatte.

Wie realistisch oder wie fern dieser Traum ist, ich weiss es nicht. Im Austausch mit anderen naturreligiösen Menschen musste ich leider immer wieder feststellen, dass eben Dekonstruktion an sich als ein Angriff auf ihre Religion oder ihr Weltbild verstanden und vehement abgelehnt wird. Die Reaktion deutet meist darauf hin, dass befürchtet wird, es soll jemandem etwas weggenommen oder verboten werden. Sehr schade – weil nichts liegt ferner, als das das geschehen soll.

Es geht um mehr Potential, mehr Möglichkeiten, mehr Ausdrucksformen und mehr Freiheit, und nicht um eine Einschränkung der bisherigen Konzepte und das Verordnen eines Einheitsbreies. Das muss erstmal im Kopf „Klick“ machen. Und dann – so meine Erfahrung – wird mensch schon sehen, wie gut diese beiden Richtungen eigentlich wirklich unter einen Hut passen.
Und Spaß macht es auch noch.


Distelfliege


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