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Doppelherz – oder: Zweier Herrinnen Dienerin   Teil II

Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust! Dieses Goethe-Zitat gibt die Situation gut wieder, in der sich Frauen, die einerseits neuere feministische Theorien in ihr Leben integrieren möchten, aber auch in Frauenzusammenhängen magisch oder überhaupt arbeiten wollen.

Einleitung: Es geht hier um die Dekonstruktion von Geschlecht (als Konstruktion betrachtet), aus   einer ganz subjektiven Sichtweise.


Die Dekonstruktion von Geschlecht

In Teil 1 habe ich ja erzählt, wie ich friedlich und halbwegs glücklich als Feministin vor mich hinlebte, bis ich zusammenprallte mit der Theorie von der Dekonstruktion. Als ich 1997 zu studieren anfing, bot die Universität meiner Wahl ganz neu und aktuell den Studiengang „Geschlechterstudien“ an. Ich habe mich da also gleich mit reingestürzt, und während die Uni sich mit der Notwendigkeit konfrontierte, diesen fachübergreifenden Studiengang einzurichten und alles anfangs recht chaotisch ablief, konfrontierte ich mich mit der Notwendigkeit, mein Entsetzen in den Griff zu bekommen – darüber, dass feministische Standpunkte scheinbar den Bach runtergingen und alles verwässert, und alles verschoben wurde auf Ziele und Perspektiven hin, die mir zwar nicht völlig nutzlos, aber für feministische Politik schädlich erschienen: Durch die böse Dekonstruktion.


Was ist das, Dekonstruktion?

Dazu steht in der freien Enzyklopädie Wikipedia (am 6.November 2008):

„Der Begriff Dekonstruktion (auch Dekonstruktivismus) wurde von Jacques Derrida geprägt und kennzeichnet sowohl einen Ansatz der systematischen Philosophie wie eine Methode bzw. Praxis der Werkinterpretation. Kennzeichnend dafür sind u. a. eine Analyse der Begriffe Zeichen, Sinn und Bedeutung, die diese an kontingente Faktoren bindet, die ebenso wenig theoretisch oder praktisch zu sichern sind wie etwa der Status des Subjekts.“

Versteht ihr nur „Bahnhof“? Ich auch.
Ich versuche es also mal konkreter. Dekonstruktion würde ich nicht einfach mit Zerstörung übersetzen, sondern mit dem Aufdröseln. Wenn also Alexander der Grosse den gordischen Knoten zerschlägt, würde man mit Dekonstruktion versuchen, den gordischen Knoten aufzudröseln, mehr   noch – man würde nicht nur die Stricke, aus denen er besteht, aufdröseln, sondern auch noch ergründen, was es heißt, dass man den Knoten mit Stricken und nicht mit Lianen, oder Stoffbändern, oder Eisenketten, oder irgendetwas anderem geknüpft hat – und damit sichtbar machen, dass der Knoten auch aus anderen Materialien hätte bestehen können. Weil die Menschen (ohne jetzt dem originalen Mythos des Knotens unbedingt treu zu bleiben) sich gar nicht mehr erinnern, dass der Knoten nicht einfach mal vom Himmel gefallen ist und „schon immer einfach so war“ - sondern dass der Knoten aus menschengemachtem Material auf eine bestimmte Art und Weise geknüpft worden ist. Und mehr noch – weil sich die Menschen nicht mehr erinnern, merken sie auch gar nicht, dass sie quasi als alltäglichen Automatismus Stricke drehen und Fasern spinnen, und den Knoten täglich verstärken oder neu knüpfen.

Auf Geschlecht bezogen, hieße das: Wenn wir jetzt unsere zwei Geschlechter nehmen und den Schlamassel, in dem sie sich befinden, und das sollte jetzt dekonstruiert werden, dann befürchten viele, dass eine Art „Dekonstruktions-Alexander“ käme, der würde dann allen Frauen und Männern die Geschlechtsmerkmale abhacken oder abschneiden, und dann sagen „So, nun seht ihr alle gleich aus, wir sind jetzt alle einfach geschlechtslos und gut ist. Es gibt kein Problem mehr. Geht nach Hause und seid zufrieden.“
Mal ganz davon abgesehen, dass das gar nicht klappen würde, weil wohin sollten die Menschen dann mit ihrem Automatismus? Also, das tägliche Seile drehen und Fasern spinnen würde trotzdem weitergehen. Und es würde ein neuer Knoten entstehen, der – weil man ja gar nicht gemerkt hat dass man ihn knüpft, genauso aussähe wie der alte Knoten.
So etwas ähnliches passiert meiner Meinung nach bei dem Schlamassel, beziehungsweise bei dem Knoten, der früher mit „Rasse“ bezeichnet wurde, und heute mit „Rassenkonstruktion“ - weil es gibt, mittlerweile wissenschaftlich nachgewiesen und breit akzeptiert - gar keine Menschenrassen.
Es kam also mal raus, es gibt gar keine Menschenrassen – der Knoten wurde zerschlagen. Aber das Gewebe, aus dem die Rassen mal gewebt wurden, wurde trotzdem gewohnheitsmässig immer weiter gewebt, und flugs war der alte Knoten wieder da, nur ein Name für den Knoten war nicht mehr da. Das bedeutet, dass schwarze Menschen, oder alle Menschen, die nicht weiß sind, die „People of Color“ nämlich, gemäss der Verknotung anders behandelt werden und andere Erfahrungen machen (müssen) als weisse Menschen. Obwohl es keine „Rassen“ mehr gibt.

Und das war auch meine Befürchtung. Ich befürchtete, dass mit Hilfe der Dekonstruktion einfach bewiesen werden würde, dass es Geschlechter gar nicht gäbe,  und dann würde Frauen wie mir gesagt: „So, jetzt ist gut, geh nach Hause, sei zufrieden.“ Während die Ungleichbehandlung munter weiter passiert, weil der Knoten würde, ehe man sich's versieht, neu geknüpft sein. Frauen bekämen gesagt, dass es Geschlecht eigentlich gar nicht gibt, aber trotzdem sollten sie doch besser am Herd stehen.

Dass ich damit schief gewickelt war, kommt aus dem bereits Geschriebenen schon raus: Zunächst geht es bei Dekonstruktion darum, dass etwas anders begriffen werden kann als bisher. Nicht einfach, dass etwas weg soll. Es geht letztendlich darum, zu verstehen, wie etwas zustande kam, und was alles ausgeblendet wurde oder was alles auch zustande kommen könnte, wenn man mehr als die bisher automatisch verwendeten Bausteine in Betracht ziehen würde. Und es geht darum, das „Automatisierte Bauen“ zu verwandeln – zuerst mal in einen Abbau um die Bauteile erkennen zu können. Und dadurch kann Freiheit entstehen bei der Planung des nächsten Bauwerks. Oder beim Umbau. Was dabei am Ende rauskommen könnte, wäre: Alle können dann bauen wie und was sie gerne wollen, und es gäbe viel mehr Vielfalt und man müsste sich nicht mehr an bestimmte Bauordnungen halten.

Ich kam erst spät auf diese Möglichkeit und diesen Vorteil des Konzepts. Der Groschen fiel, als ich mit einer anderen Studentin genau das beredet habe, und dabei auch meine Bedenken schilderte. Ich sagte also sinngemäss: Warum konzentrieren wir uns nicht auf das Ende des Sexismus und kümmern uns später darum, ob es Geschlechter nun gäbe und wie diese nun aufgebaut seien, weil es ja immer noch Rassismus ohne „Rassen“ gäbe, und das hätte ich ungern für Sexismus wiederholt, diesen Fehler.

Sie antwortete mir so etwas wie: Das wäre schön und gut, aber so lange können wir leider nicht warten. Guck mal, es ist doch so, dass die Frauenbewegung bei ihrem Kampf gegen Sexismus gedacht hat, dass alle Frauen die gleichen Probleme hätten und deshalb müsste man diese Probleme gemeinsam mit allen Frauen angehen. Was sie nicht gemerkt haben, war, dass es die Probleme weißer, heterosexueller Frauen waren, die sie genommen haben und einfach behauptet: „Das sind die Probleme ALLER Frauen, weltweit“. Sie dachten halt, eine bestimmte Art von Frau wäre DIE Frau. Und sie müssten „DIE Frau“ befreien. Dann wären alle Frauen frei.
Anstatt sich zum Beispiel dafür einzusetzen, dass sich alle Frauen selbst aussuchen dürfen, wann sie wie viele Kinder bekommen und ob überhaupt, wurde für Abtreibungsmöglichkeiten gekämpft, aber es wurde vergessen, dass z.b. bei Native Americans zwangsweise abgetrieben und sterilisiert wurde. Da wäre es schon wichtig gewesen, nicht automatisch davon auszugehen, dass alle Frauen Gebärzwang unterliegen. Es wäre wichtig gewesen, zur Kenntnis zu nehmen, dass manche Frauen gezielt daran gehindert werden sollten, Kinder zu bekommen. Auf dem selben Gebiet fiel z.b. unter den Tisch, dass lesbische Frauen auch nicht zu „all den Frauen, die zu Gebärmaschinen gemacht werden sollten“ gehören. Was heterosexuelle Frauen sollen/müssen, ist Lesben verboten. Und Menschen, die gar keine Frauen, und auch keine Männer sind? Wohin mit denen? Was sollen die denn machen, wenn wir uns ausser Frauen und Männern und der Gleichberechtigung zwischen zwei Geschlechtern keine Gedanken machen? Sich weiterhin unsichtbar machen, etwa?

Mir wurde also plastisch vor Augen geführt, dass der Kampf gegen Sexismus Lücken hatte, blinde Stellen, sogar selbst rassistisch und heterosexistisch war – und dafür, dafür brauchen wir die Dekonstruktion, damit wir das, was wir machen, verstehen und es besser machen können. Meinte sie. Und bei mir war alles klar. Klar! Sie hatte ja recht. Daran hatte ich nicht gedacht. Als weiße, heterosexuelle Frau war mir Dekonstruktion, Queer Theory und „der Streit um Differenz“ so nutzlos erschienen, weil ich all die anderen einfach ausgeblendet hatte. Und dieses Ausblenden selbst ist es, was durch das binäre Denken, also die Vorstellung, es gäbe nur zwei Geschlechter und die seien so und so, erst entsteht. Deshalb musste ich meine Vorstellung von den zwei Geschlechtern dann radikal überdenken, damit ich alle wahrnehmen konnte, die ich vorher nicht wahrnehmen konnte, oder denen ich vorher mit Schubladen Gewalt antat, die ihnen nicht passen konnten und wollten. Ich musste erst verstehen, dass es „DIE Frau“ die ich befreien wollte, eben so gar nicht gab! Sondern dass sie eine Konstruktion meinerseits war, und damit alle ausschloss, die anders waren!

Da ich ja wusste, wie ich selbst als „Unterdrückte“ mich fühlte, nämlich schlecht, konnte ich nicht anders, als die Worte meiner Mitstudentin zu verstehen. Ich konnte nicht anders, als diese so gefürchtete Dekonstruktion und Queer Theory zu meiner Herzensangelegenheit zu machen. Weil ich auf einmal gemerkt habe, es geht nicht um Theorie, sondern es geht um Menschen, wie mich.

Tja, und dann stand ich vor den Problemen: Wie vereinbare ich jetzt meine Frauenspiritualität, meine höchst essentialistische, mit diesen neuen Erkenntnissen und meiner neuen Herzensangelegenheit?
Dazu geht’s dann weiter im dritten Teil.


Ende Teil II


Distelfliege


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