Frauen, Freiheit und der Jahreskreis

Dieser Artikel befasst sich mit einigen meiner persönlichen Reibungspunkte mit dem Jahreskreis, der in der neuheidnischen Szene mehr oder weniger als rituelles Drama zwischen einem Gott und einer Göttin mythologisiert und ausgestaltet wird.

Der Jahreskreis - eine andere Art zu betrachten

"Den Jahreskreis" gibt es nicht, aber es gibt ihn doch. Gemeint ist beileibe nicht irgendein Wicca-Jahreskreis, sondern gemeint sind die aus dem Wicca in den "hexischen Mainstream" irgendwie transportierten Bräuche, wie man die Story von einer Göttin und einem Gott, aufgeteilt in acht Feste übers Jahr, feiern und mit Bedeutung versehen kann. (Ich denke, ich muss diesen Jahreskreis nicht erstmal beschreiben, bei Interesse hilft eine Suchmaschine sicher weiter. Der Artikel ist ohne Kenntnisse dieses Jahreskreis-Mainstreams nicht wirklich interessant, möglicherweise.)

Aufgrund meiner persönlichen Geschichte habe ich von jeher Schwierigkeiten gehabt, diesen Jahreskreis so zu akzeptieren. Dazu muß ich etwas ausholen. Ich bin durch Autorinnen wie Luisa Francia und Judith Jannberg, und andere Feministinnen, zum Hexentum und letztendlich zu Pandea gekommen. Meine Mission im Leben war (und ist) - grob vereinfacht - eine feministisch-anarchistische, d.h. es ging mir um Freiheit, um frei sein. In der feministischen Ecke der "neuen Hexen" fand ich endlich einen spirituellen Background für meinen Lebensweg, der meinen Überzeugungen entsprach, und mir letztendlich auch nicht nur ein Warten auf die Revolution versprach, sondern eine Heilung meiner Weiblichkeit und meiner Menschlichkeit, und zwar sofort beginnend, möglich machte.

Es ging dann rapide weiter von Francia zu Starhawk, und ich bekam erste Brocken zu verdauen, die mir nicht passten, aber da Starhawk sehr basisdemokratisch/anarchistisch ist, war ich begeistert genug, um keine Fragen zu stellen. Ich überging also Tabellen mit "Die Göttin" und "der Gott", wo ich alles mögliche, ob in mir selbst oder meiner Umwelt, als spirituelle Übung geschlechtsmässig zu schubladisieren hatte. Und den Jahreskreis überging ich schon mal ganz komplett. Wieso?

Weil in diesem rituellen Drama, das sich übers Jahr verteilt so abspielt, eine klischeehafte Zuteilung von Eigenschaften, Verhaltensweisen, Zuschreibungen immer wieder begegnet, vor allem in schlecht voneinander abgeschriebenen Jahreskreis-Artikeln im Internet, derartig auf die Füsse fiel, daß ich mich damit schlicht nicht mehr wohlfühlte.

Die ganze Geschichte schien mir hochgradig verdächtig zu sein. Die Göttin tut nicht viel, außer halt jährlich schwanger zu werden, zu gebären, und (oh, eine Ausnahme!) den Gott zu töten (als Schnitterin) - also ganz so, wie Simone de Beauvoir in "das andere Geschlecht" mal meinte, die Frau, das "Andere", das Wesen, was durch Vorgänge in ihrem Körper bestimmt wird, anstatt "transzendent" zu sein, also ihre Natur zu überschreiten. Die Göttin als Gebärmaschine?
Und was den Gott anbetrifft, der reist von der Ober- in die Unterwelt, der beweist sich, der macht was los, der ist im Grunde die Hauptperson im ganzen Drama - oder, was ich mal wo gelesen habe: Die Göttin ist das Rad, und er wandert auf diesem Rad. (positiv ausgedrückt) Oder: Sie ist, er tut, er erlebt.

Grundsätzlich spricht da auch gar nix dagegen, es ist nur schlecht, und kontraproduktiv, wenn eine mit meinen spirituellen Bedürfnissen, meinen Wünschen an diesen Weg und meinen Überzeugungen da herangeht.

Ich habe in meinem letzten Artikel "Feminismus. Verschiedene Strömungen" geschrieben:

"Löst sich der gynozentrische Feminismus von den politischen Wurzeln, der Forderung nach Gleichheit, Würde und Selbstbestimmung für alle Menschen ab, kann er von konservativen Weltsichten (Stichwort "der heilige gebärende Mutterbauch") vereinnahmt werden."

Es ist vor allem diese Ablösung vom feministisch-politischen, die mir Sorgen bereitet. Was in Kombination mit Feminismus zu einem positiven, starken Bild von Weiblichkeit führen kann, z.b. eben auch Geburtshäuser, Doulas, Menstruationshütten, Frauenriten, usw., kann auch ohne die feministische Komponente schnell vereinnahmt werden. Dann werden Frauen wieder festgelegt, auf Eigenschaften, die ihnen zugedacht werden, auf Tätigkeiten, die sich für "weibliche Wesen" eben "besser eignen", denn "Frauen sind doch nun mal anders, oder?" Und wenn du dem nicht zustimmst, "protestierst du gegen die Natur", "leugnest das Leben"..

Der Gag ist einfach der, dass das Rückbesinnen und kultivieren "weiblicher" Tätigkeiten und Eigenschaften nur dann schmerzfrei und locker vonstatten geht, wenn es auf Freiwilligkeit beruht. Wenn ich - ob ich nun eine Frau bin oder nicht, oder ob ich ein Zwischending bin - mir das frei aussuchen könnte, ohne Druck - und wenn ich es vor allem auch sein lassen kann, ohne Sanktionierung, ohne daß man auch nur einmal dumm angeguckt wird - dann wird sich dieser Artikel und alle ähnlichen Artikel erübrigt haben. Weil dann gehts rein nach dem Prinzip: "Es soll jeder nach seiner Fasson glücklich werden."

Viele sind der Meinung, wir wären bereits auf diesem Stand der Dinge. Jeder macht seins, oder ihrs, und gut ist. Die einen wollen halt dieses Gott+Göttin - Drama, die anderen mögen es halt nicht. Das ist halt ne reine Geschmacksfrage. Ist das so?

Ich habe Verständnis dafür, daß man kein Verständnis für mein "Problemchen" hat, wenn man der Ansicht ist, daß jeder seins machen kann und gut is. Wenn das so wäre, hätte ich auch kein Verständnis für mich selbst.

Es ist aber nicht so. Dafür gibts konkrete Indizien:

Beispielsweise begegneten mir zum Jahreskreis sicher einige Bücher, Starhawk, Heide Göttner-Abendroth, olle G.Gardner, das legendäre "Hexenbuch" anomymer AutorInnen aus den 80ern, Cunningham, Bourne, V.Crowley, Green, und die weniger bekannten fallen mir jetzt nicht ein. Überall das selbe Bild. Ich kenne ein einziges Buch, von Ute Schiran, wo ein komplett anderer Zugang zum Jahreskreis beschrieben wird. Eins gegen Zwanzig, oder so? Im Internet stellt sich die Situation ähnlich dar.

Es ist eine Folge dieser Mehrheit-Minderheit-Konstellation, daß fälschlicherweise die Mehrheitsauffassung als die "natürliche" oder "richtige" Auffassung verstanden wird. Den Gott-Göttin Jahreskreis muß man im Normalfall nicht rechtfertigen. "Wieso, das macht doch jeder so" kann man sagen, und damit ist der Fall erledigt.

Dieses Privileg hat die Minderheit nicht, da bekommt eine oft die Frage gestellt: "Wiesoooo lässt du den Gott weg, was hast du denn für ein Problem?" Die Antwort "Wieso, das machen doch alle so, welcher Gott, kenn keinen Gott, wieso gehört der da rein?" hilft in dem Fall nicht wirklich viel weiter. Ist das ein "Jeder macht seins", wenn die eine Auffassung eine selbstverständliche Legitimität in Anspruch nimmt, und die andere Auffassung muß quasi ständig erklärt und rechtfertigt werden? Nein, eben nicht.

Im Grunde genommen pflanzt sich hier ein Phänomen in der Heidenzsene fort, das von der Geschlechterforschung "Heteronormativität" genannt wird. Das bedeutet, daß z.b. Heterosexualität und damit einhergehende Rollenbilder nicht einfach "da sind" und "jeder macht halt seins", sondern daß Heterosexualität und entsprechende Rollenbilder eine Normvorgabe bilden, nach der sich alle entweder zu richten haben oder von der sich aktiv abgegrenzt werden muß, um nicht automatisch darunter zu fallen.

Erschwerend kommt hinzu, daß heterosexuelle Heiden, die nun mal gerne den "herkömmlichen" Jahreskreis feiern, auf Kritik an dieser Normativität oft so reagieren, als würden ihre ganz persönlichen Überzeugungen schlechtgemacht und sie müssten sich nun für ihre Religion rechtfertigen, für ihr Geschlecht, für ihre sexuelle Orientierung. Dem ist zwar nicht so, da nicht Heterosexualität kritisiert wird, sondern nur das Beanspruchen einer Norm, und es wird nicht Heterosexualität beklagt, sondern daß man selbst nicht gleichermassen privilegiert, mit der selben Legitimität, seinen Weg gehen kann. (Dabei bin ich selbst z.b. heterosexuell).

Zurück zum Jahreskreisthema.
An und für sich ist am Fruchtbarkeits-Bauern-Göttin-Gott-Kult nix schlimm oder falsch. Allein eben gesellschaftliche Machtverhältnisse, sowie Normen und "wer bestimmt, was natürlich ist", bieten eine offene Hintertür für Unfreiheit, für "es sich nicht mehr aussuchen können". Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, heißt es so schön - Dies ist eine Einladung an alle, die den "herkömmlichen" Jahreskreis mögen, ihn als eine Möglichkeit von Vielen zu sehen, und Menschen nicht nur als "Anderspraktizierende" zu akzeptieren, sondern auch mehr verstehen zu können, warum wir ab und zu Abgrenzungen ziehen müssen, warum wir ab und zu die "herkömmliche Praxis" aktiv zurückweisen. (Remember? Normativität = Norm erzeugend, so daß diejenigen, die anders sind, automatisch darunter subsummiert werden, es sei denn, sie grenzen sich aktiv ab).

Schön fände ich, Mythen für alternative Jahreskreise zu entwerfen (in der Praxis gibt es ja schon welche), was doch mal eine schöne Fortsetzung dieses Themas wäre. Ich bin da allerdings 50 Jahre im Rückstand, also etwas Geduld. Und in Anbetracht der Tatsache, daß immer noch ein Ringen um alleinige Gültigkeit stattfindet in den Verhandlungen, frage ich mich, ob es nicht zu früh ist, die chaotische Praxis zu mythologisieren.


Distelfliege


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