Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Feminismus: verschiedene Strömungen   Teil I

Auch wenn dieser Artikel jetzt wenig mit Magischem und der Hexen/Heidenszene zu tun hat, entstand er anlässlich einer Diskussion hier im WurzelWerk und ist seitdem auf meiner privaten Homepage sehr nachgefragt. Daher bringe ich ihn jetzt endlich dorthin, wo seine Ursprünge sind: Ins WurzelWerk.

Und so lerne ich, mit Fragen zu leben. Mit Unsicherheit. Mit Nichtwissen. Mitunter angsteinflößend, führt dieser Schwebezustand zu anderen Zeiten dazu, daß ich mich in die Welt verliebe. Ich ertappe mich beim Lachen. Ich bin überrascht, entzückt. Das Universum hütet ein Geheimnis, das größer ist als ich. Ich lausche.
Susan Griffin: "Der Weg aller Ideologie" aus: List/Studer (hg): Denkverhältnisse. Feminismus und Kritik; 1989


Feminismus ist..
..eine politische Bewegung, mit den Zielen

  • Gleichheit, Würde und Entscheidungsfreiheit für Frauen. Kontrolle der Frauen über ihr eigenes Leben und ihren Körper, innerhalb wie außerhalb des Hauses.
  • Beseitigung aller Formen von Ungleichheit, Herrschaft und Unterdrückung durch die Schaffung einer gerechteren sozialen und ökonomischen Ordnung.

    "Feminismus als transformative Politik ist darauf gerichtet, gesellschaftliche Institutionen zu verändern, jede Form von Unterdrückung zu überwinden, und nicht darauf, bestimmten Gruppen von Frauen innerhalb bestehender Strukturen mehr Raum zu verschaffen. Diese Politik ist nicht nur im Interesse aller Frauen, sondern aller Menschen, aber dennoch - oder gerade deshalb - eine Herausforderung für die Verteidiger traditioneller patriarchaler Machtverhältnisse."
    Elisabeth List: Denkverhältnisse. Feminismus als Kritik. In: s.o.


Feministische Richtungen
Weil es zu weit führen würde, die Frauenbewegung seit ihrer Entstehung zu behandeln, gibt's nur einen Überblick über die "neue Frauenbewegung" seit den 1960er Jahren. Als da wären:

  • bürgerlicher oder liberaler Feminismus
  • sozialistischer Feminismus
  • radikaler Feminismus
  • gynozentrischer Feminismus
  • dekonstruktivistischer Feminismus


Bürgerlicher oder liberaler Feminismus


Historisch gesehen die zuerst entstandene Strömung. Das Ziel des liberalen Feminismus ist das Erreichen gleicher bürgerlicher Rechte für Frauen wie für Männer. Durch rechtliche Maßnahmen soll Diskriminierung von Frauen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens beseitigt werden. Die Schwäche des liberalen Feminismus ist, dass systemimmanente Unterdrückungsmechanismen im privaten Raum, oder innerhalb des kapitalistischen Systems, nicht sichtbar werden.
Dennoch wird wohl niemand sagen, diese Ziele seien verzichtbar - sie bilden vielmehr die Basis für jede andere Art von Veränderung meiner Meinung nach, indem Frauen überhaupt das Recht erkämpften, öffentlich eine Stimme zu haben, geschäftsfähig sein zu dürfen, usw.
In der herrschenden öffentlichen Meinung ist die Wahrnehmung oft so, dass der liberale Feminismus seine Ziele erreicht habe, da gesetzlich Frauen den Männern meist gleichgestellt sind (in Europa und USA zumindest) und somit jeglicher Feminismus obsolet geworden sei.


Sozialistischer Feminismus

..betrat vielleicht als zweites die politische Bühne. Diese Strömung fordert nicht nur gleiche Rechte für Frauen, sondern sah die Unterdrückung der Frau in Zusammenhang mit dem kapitalistischen System - also in den gegenwärtigen Klassenbeziehungen und Produktionsverhältnissen. Die Verhältnisse im sogenannten "Reproduktionsbereich" - also dem Waschen, Flicken, Familie bekochen und Kinder aufziehen - wurden von klassischen marxistischen Theorien kaum thematisiert. Sie wurden abgeschoben in die Sphäre des "Naturwüchsigen" und damit kamen sie für Forderungen gesellschaftlicher Veränderung gar nicht erst in Frage. Die Leistungen von Frauen im sogenannten "Reproduktionsbereich" wurden im Marxismus theoretisch zum Verschwinden gebracht. Der sozialistische Feminismus thematisierte sie und verlieh diesen Themen Gewicht.


Radikaler Feminismus

Der radikale Feminismus erklärt die patriarchale Organisation von Sexualität und Reproduktion zum eigentlichen Thema. Die Formel "das Private ist politisch" entstammt dieser Strömung. Mit "radikal" ist nicht gemeint, dass diese Feministinnen besonders fanatisch sind, sondern dass sie die Wurzel (lateinisch radix -> Wortmutter von "radikal") des Patriarchats in der Kleinfamilie, (hetero)sexuellen Beziehungsmustern, und der familialen Organisation sahen und sagten: Dort muss sich etwas ändern, sonst ändert sich nie etwas.
In dieser Strömung wurden die Forderungen von Lesben laut, lesbisches Leben sichtbar zu machen, endlich auch Lesben in der Frauenbewegung zur Kenntnis zu nehmen, und eine Kritik der Zwangsheterosexualität wurde formuliert.
Im Vergleich zum bürgerlichen Feminismus hat der radikale Feminismus seine Ziele, nämlich die Veränderung der Gesellschaft an der Wurzel, nicht erreicht, und es steht in Frage, ob es jemals so weit kommen wird. Noch heute ist es so, dass Feministinnen, die die "Privatsphäre" als politisches Feld thematisieren, nicht verstanden werden, da diese Sphäre immer noch als nicht politisch gilt, und was dort jeder Mensch tut und lässt, ist "seine Sache" (ihre Sache?)
"Die sind doch selbst schuld" oder Ähnliches wird geäußert, wenn heute Frauen im Privatbereich in Abhängigkeit und spezifischen Unterdrückungsmustern leben. "Da kann man leider nichts machen" wird gesagt, wenn Frauen mit der Angst leben, vergewaltigt zu werden, und daher abends zuhause bleiben. Meiner Einschätzung nach ist der radikale Feminismus eine der "gefährlichsten Strömungen" für eine Gesellschaft, wie wir sie haben, weil sie den Finger auf die Wunde legt, die trotz rechtlicher Gleichstellung, trotz esoterischen Weiblichkeitsfeiern und trotz mehr Entscheidungsfreiheit heute noch mit fast unveränderter Macht existiert.


Kultureller Feminismus - gynozentrischer Feminismus


Diese Strömung begann mit dem Ende der 70er Jahre. Hier wird die "weibliche Differenz" - also der "kleine Unterschied" positiv bewertet, und Weiblichkeit generell aufgewertet. Das Ziel ist, eine neue weibliche Perspektive zu schaffen, die Rückkehr zu einer frauenspezifischen Eigenmacht. Leider entfernte sich der gynozentrische Feminismus allmählich von seinen politischen Wurzeln und kam in die Nähe einer esoterischen Nabelschau, in der im Extremfall alles Weibliche vergöttlicht wurde, und z. B. klares analytisches Denken als "männlich" abgelehnt wurde. Dies ist jedoch nur der Extremfall! Ich weiß sehr gut, dass der "common sense" diesen Extremfall gerne als Regelfall annimmt, um feministische Frauen generell zu diskreditieren. Also nochmal: Das ist nicht die Regel.

Normalerweise ist es eher so, dass neben der Suche nach weiblicher Eigenmacht und Aufwertung des Weiblichen, immer noch eine egalitäre Grundeinstellung beibehalten wurde. Ich persönlich sehe den gynozentrischen Feminismus als wichtigen Teil der politischen Frauenbewegung an, der aber eben nur ein Teil von ihr ist und kein Selbstzweck. Löst sich der gynozentrische Feminismus von den politischen Wurzeln, der Forderung nach Gleichheit, Würde und Selbstbestimmung für alle Menschen ab, kann er von konservativen Weltsichten (Stichwort "der heilige gebärende Mutterbauch") vereinnahmt werden.
Dass dies nicht so gekommen ist, zeigt mir, dass auch im gynozentrischen oder kulturellen Feminismus noch immer mehr die Nähe zum politischen Feminismus gesucht und gefunden wird, anstatt zu konservativen Geschlechterbildern (nur mit anderen Vorzeichen gewertet).
Der gynozentrische Feminismus ist allerdings "ungefährlicher". Wenn sich ein paar Weiber unterm Vollmond zurückziehen und ihr Frau-Sein feiern, erschüttert dies alleine nicht das Patriarchat. Damit ist auch zu erklären, warum er in der Öffentlichkeit keine Angst auslöst, sondern höchstens belächelt wird, warum esoterische Bestseller sein Publikum bedienen sollen und warum damit gefahrlos gutes Geld verdient werden kann.
Mein Fazit: gynozentrischer Feminismus ist richtig und wichtig, um weibliche Identität als positive Identität zu stärken. Um sich trotz und gerade wegen dem eigenen Frau-Sein wohl zu fühlen, um sich als ganzer Mensch zu fühlen. Es kann Kraft geben, darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Gefährlich für die herrschenden Verhältnisse wird er erst, wenn Frauen die dadurch gewonnene Kraft auch nutzen, um z. B. radikalen Feminismus zu betreiben.


Ende Teil I


Distelfliege


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