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Spieglein, Spieglein an der Wand...
Wirf doch einmal einen Blick in den Spiegel. Nein, nicht nur so einen beiläufigen, sondern einen Richtigen. Beginne mit deinem Gesicht. Was siehst du? Deine Augen, deine Nase, deinen Mund. Dein Haar natürlich. Und dann lass deinen Blick weiter schweifen, geh tiefer! Auf die Schultern, die Brüste. Die Arme und den Bauch. Na, wie ist das?

Vergiss nicht die Hüften, die Beine. Und dreh dich auch um und wirf einen Blick zurück. Wie ist dein Rücken, dein Hintern? Gefällt dir, was du da siehst? Bist du schön?
Wenn du diese Frage mit einem eindeutigen „Ja!“ beantworten kannst, dann gehörst du zu einer sehr privilegierten Minderheit.


Aber lass uns da noch ein Stückchen tiefer schauen
Wenn eine Fee zu dir käme und dir sagen würde, dass sie das an deinem Körper verändern würde, was du willst, was würdest du sagen? Nichts? Was ist mit den kleinen Fältchen unter den Augen, den Rettungsringen am Bauch? Oder den Brüsten, die langsam beginnen als „Bleistifthalter“ zu taugen?
Diese Fee gibt es natürlich nicht, aber mal ehrlich, möchtest du nicht die Schönste im ganzen Land sein?

Selbst, wenn jetzt viele den Kopf schütteln, sprechen Zahlen eine andere Sprache. Schönheit ist längst zu einem Kult geworden, einem hehren Ideal, das uns von Plakatwänden, aus Zeitschriften oder aus den Medien entgegen blickt. Und wer von uns kann in aller Offenheit sagen, dass uns diese Vor-Bilder völlig unbeeindruckt lassen?
Eine ganze Industrie lebt von unserem Streben nach Schönheit, doch damit nicht genug. Eine Studie von Frauenorganisationen hat herausgefunden, dass jedes vierte (!) Mädchen bereits einmal bewusst erbrochen hat, um die schlanke Linie zu halten. Und der Trend ist gerade dabei, auch auf Jungen über zu greifen.

Wer oder was nun schuld an diesen Entwicklungen ist, sei dahingestellt. Sind es die allseits bekannten Plastikpüppchen mit den Riesenbusen und der Wespentaille? Oder Inszenierungen von Weiblichkeit, die bereits im Kindesalter ins Bewusstsein sickern und sich dann im Jugendalter (oder auch schon früher) auswirken? Ich finde es interessant, da noch einen Schritt tiefer zu gehen und sich anzuschauen, was wir tatsächlich meinen, wenn wir von Schönheit reden? Und noch verzwickter? Meinen wir alle dasselbe?

Kehren wir also zu dem Bild zurück, mit dem wir hier begonnen haben. Die Frau, die vor dem Spiegel steht und ihn fragt, wer denn nun die Schönste sei. Nicht nur schön, denn es kommt automatisch auch zu einem Vergleich mit anderen. Schöner als alle. Und schauen wir uns den Verlauf des Märchens weiter an, das trotz der matriarchalen Symbolik einen Blick auf die agierenden Frauen und ihre Psyche liefert, der ein wenig verstörend ist. Denn immerhin ist die alternde Königin so eifersüchtig auf den Liebreiz der Jüngeren, dass sie sogar versucht, das Mädchen zu töten. Selbst als die Konkurrentin bereits über alle Berge ist, genügt die bloße Existenz der Nebenbuhlerin, die Königin zu stören und sie zu weiteren Mordplänen zu bringen.

Wohin dieser Weg führt, wird dann drastisch vor Augen geführt. Immerhin schafft es die Ältere nicht ewig, dem Glück der Stieftochter im Wege zu stehen, und gerade bei deren Hochzeit wird sie ihrer gerechten Strafe zugeführt. In glühenden Stiefeln muss sie sich zu Tode tanzen, während das frisch vermählte Paar glücklich auf das Schloß des Prinzen zieht.
Ein trauriges Ende, das ein wenig desillusioniert. Oder aber Lust macht, sich andere Märchen anzusehen, ob auch diese ein ähnliches Bild von Schönheit liefern. Und zum Glück dauert es nicht lang, bis frau/ man hier fündig wird.
Ein besonders facettenreiches Bild findet sich im Märchen Die Schöne und die Bestie, in der die Frage nach wahrer Schönheit nicht nur einmal, sondern sogar in gedoppelter Form gestellt wird.


Die Schöne und das Biest
Es war einmal ein junger Prinz, der war schön wie die Morgenröte, doch sein Herz war hart und kalt.
Als nun die mächtige Zauberin als alte, schäbige Bettlerin an seine Türe schlug und um Schutz vor Wetter und Wind flehte, wies sie der Prinz ab. Eine so häßliche und alte Frau wollte er nicht in seinem Schloß haben. Die Zauberin war darüber so entzürnt, dass sie ihn in ein furchteinflößendes Biest verwandelte.
Eines Tages kam nun eine junge Frau in den Garten des Schlosses und pflückte eine Rose vom Strauch. Das Mädchen war so liebreizend, dass sie von allen nur die Schöne genannt wurde. Der verunstaltete Herr des Schlosses geriet aber in Zorn über den Diebstahl und er verdammte die Unglückliche dazu, als Gefangene in seinem Haus zu leben.

Anfangs war das Mädchen gar traurig und fürchtete sich vor der Bestie, doch je mehr Zeit verstrich, desto mehr verlor sie ihre Angst und freundete sich sogar mit dem Wesen an. Der Herr des Hauses erlaubte dem Mädchen sogar nach Hause zu ihrem Vater und ihren Geschwistern zurück zu kehren, die in bitterer Armut lebten. Doch das Herz des Mädchens wurde nicht mehr froh, sie sehnte sich danach, zu dem geheimnisvollen Untier heim zu gehen, das sie mehr vermisste als den Glanz der Sonne.
So sprach der Vater: „Mir scheint, du hast diese Bestie lieb gewonnen. Doch damit wird nun Schluss sein. Deine Brüder werden das unselige Wesen töten.“
Da war die Schöne furchtbar traurig, und sie machte sich auf zu dem verwunschenen Schloß zu wandern, in dessen Garten sie das Biest reglos im Gras liegend fand.

Voller Angst hielt sie das Wesen in ihren Armen und flehte es an nicht zu sterben, weil sie es doch liebte. In diesem Moment fiel der böse Zauber von dem Prinzen ab und er verwandelte sich in den wunderschönen jungen Mann, der er einst gewesen war. Die Beiden hielten Hochzeit und lebten glücklich bis an ihr Ende.
(Nacherzählt von: Karin El-Monir)

Dies ist eine von vielen Varianten, in denen das Märchen erzählt wird, die grundlegende Symbolik bleibt jedoch in jeder Abwandlung dieselbe, während äußere Umstände fast beliebig wechseln.

Wir haben einen Prinzen, der als schön beschrieben wird, dessen Herz aber hart und kalt ist. So vermag er nicht, die Queste zu lösen, die ihm von der Zauberin gestellt wird und diese tut nichts anderes, als ihm drastisch vor Augen zu führen, was er bisher nicht sehen wollte. Ihre Magie bringt sein Inneres nach außen. Er wird zum Biest.
Und noch ein Fluch wird auf ihn geladen, auch wenn der verschlüsselt auftritt. Er muss finden, was er selbst nicht geben kann – jemanden, der durch die Fassade zu blicken vermag und der dadurch zustande bringt, was unmöglich scheint. Eine Bestie zu lieben.

Auf der anderen Seite steht eine Frau, die ebenfalls als schön gilt, so sehr sogar, dass diese Eigenschaft zu ihrem Namen wird. Anders als bei dem Prinzen hat ihre Schönheit aber einen gänzlich anderen Ursprung. Ihr Gesicht zeigt, was bei ihm verborgen blieb.
In manchen Varianten des Märchens erfahren wir etwas mehr über Schöne und ihr Leben. Wie Aschenputtel lebt sie mit Stiefmutter und Stiefschwestern, die sie nur verlachen, wenn sie kein anderes Geschenk von ihrem Vater fordert als eine einfache Rose, während die anderen Frauen prächtige Kleider und Geschmeide fordern. Auch hier ist das Ende der Schwestern und Mutter traurig, wenn auch sehr aussagekräftig. Sie werden in Statuen verwandelt, die von nun an den Rosengarten zieren sollen. Hier zum dritten Mal jener Spiegel, den der Zauber des Märchens vorhält und dessen Bild etwas zeigt, das mit freiem Auge manchmal nicht erkennbar ist.

Und jetzt wieder du
Jetzt lade ich dich noch einmal ein, dich vor den Spiegel zu stellen und einen Moment lang die Augen zu schließen. Und dann lass das Abbild sich in das verwandeln, was der Zauber des Märchens zeigen würde.

Beginne mit deinem Gesicht, deinen Augen, deiner Nase, deinem Mund, deinem Haar natürlich auch. Schau auf die Schultern, die Brüste, die Arme und den Bauch. Schau tiefer als sonst, hinter die Bilder der Frauen, die dich von Plakatwänden und aus Zeitungen anlachen.
Stell dir auch die anderen Frauen vor, die du kennst und magst. Deine Freundinnen, Kolleginnen, vielleicht sogar deine Mutter oder Tochter. Was macht sie schön? Nicht für andere, nur für dich. Und was macht dich in ihren Augen schön, stelle dir vor, was sie dir sagen würden, wenn du sie das fragst.

Mach die Augen auf und schau in den Spiegel. Was siehst du? Bist du schön?


Striga


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