Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Die Frauen der Legenden
Studienaufzeichnungen über weibliche Gestalten im Volksglauben von Prof. Dr. Roland Rotherham (Beratender Historiker der holländischen Gruppe der Gesellschaft der Ritter der König Arthus Tafelrunde)

Am Anfang der Legenden, als Glaube und Märchen noch als Einheit verbunden waren, stand die weibliche Gestalt im Mittelpunkt von Anbetung und Verehrung. Doch schon zu Beginn der reformierten frühmittelalterlichen Religionen wurde sie als zweitrangig behandelt und in manchen Fällen sogar dämonisiert.
Wo auch immer sich die frühen Menschen niederließen und die Priester und Priesterinnen in ihren geheiligten Anlagen ihren Dienst an den Göttern zum Wohl der Leute in ihrer Gemeinschaft verrichteten, wurde dem Weiblichen eine dominierende Rolle zugeordnet. Das Weibliche stand immer im Zentrum der frühen Rituale.

Wenn wir uns die Legenden rund um die Figur von König Artus ansehen, erkennen wir nur allzu deutlich, wie die spätere Gesellschaft die einzelnen Figuren veränderte. Sie wurden, ausgehend von ihren frühesten Darstellungen, in ihre heutige nicht wiederzuerkennende Form verwandelt.


Wählen wir zu Beginn eine naheliegende Figur, nämlich Morgan le Fay. Hier haben wir ein erstklassiges Beispiel dafür, wie ihr Wesen, ihr Charakter im Laufe der Zeit verändert wurde. Etwas das bis zu einem gewissen Grad eigentlich mit Morgans eigener Gabe des Gestaltwandelns nicht im Widerspruch steht.
Die Legende erzählt, dass Morgan, oder um ganz genau zu sein Die Morgan, die Halbschwester von Artus ist, deren gemeinsame Mutter Ygraine von Cornwall ist. Weiters wissen wir, dass Morgan ihren Groll gegen Artus verbirgt, weil es dessen Vater Uther war, der, durch Magie in die Gestalt von Ygraines Gatten Gorloise verwandelt, mir ihr das Bett teilte, um Artus zu zeugen. Nach dem Tod von Gorloise nimmt Uther Ygraine zu seiner Frau. Der Rest der Legende ist gut bekannt. Artus wird von Merlin und Sir Ector großgezogen, bis zu jenem Tag, an dem er das Schwert aus dem Stein zieht und seine Regentschaft antritt.

Die Dinge sind jedoch nicht so einfach wie sie zu sein scheinen. So hat auch Morgan eine tiefer gehende Geschichte als uns Glauben gemacht wird, denn sie ist in der Tat eine für sich stehende Göttin.
Wir können die Morgan bis zu einer irischen Gottheit namens Die Morrigan zurückverfolgen. Sie wird als mächtig und auch mildtätig dargestellt. Außerdem hat sie die Gabe der Gestaltwandlung, was unter den weiblichen Figuren weit verbreitet ist. Tatsächlich ist es diese Gabe, welche die Verbindung zwischen der Morrigan und vielen weiblichen Gottheiten auf der ganzen Welt schafft.
Da Morgan le Fay wörtlich Morgan von den Feen heißt, wird ihre Gabe der Gestaltwandlung als besonderes Geschenk des Feenvolks angesehen. Indem sie einen Zauber ausspricht, sieht der Betrachter nur das, was die Feen wollen. Mit anderen Worten können die Feen ihre wahre Gestalt verbergen, indem sie ihre Kunst nutzen, um die gewünschte Illusion zu erschaffen. (Hast du dich nie darüber gewundert, wie jemand dazu kommt, als „zauberhaftes Modell“ bezeichnet zu werden? Es ist derselbe Trick mit dem selben Ergebnis: Du siehst nur das, was du sehen sollst!)

Die Morrigan ist eine subtilere Persönlichkeit, obwohl sie im täglichen Leben der Bronze- und Eisenzeitgesellschaft, der sie ursprünglich angehörte, eine sehr wirkliche, lebensnahe Rolle zu erfüllen hatte.
Sie war es, welche die Körper und/oder Seelen der toten Krieger nach der Schlacht auflas und sie für das Reich der Ewigkeit fertig machte. Und sie bereitete die Seelen der Tapferen auf die Wiedergeburt vor, damit diese fortbestehen konnten und nicht in einem Zustand des Nichts, einer Art von Übergangsstadium herumwandern mussten. Interessant ist, dass die Morrigan sehr oft als Gruppe arbeitet. Viele dachten, dass es neun Morrigan gibt, die in Dreieinigkeiten oder Dreiergruppen arbeiten, um so ihre Ziele zu erreichen.
Doch es war trotzdem die Morrigan. Die Menschen des Altertum glaubten an die Morrigan in derselben Weise wie ein Christ an die heilige Dreifaltigkeit des einen Gottes glaubt, der als Dreiheit funktioniert.

Wenn wir unsere Morrigan als Dreiheit betrachten, die die Seelen der toten Krieger vom Schlachtfeld trägt und auch mit der Macht ausgestattet ist, ihre Gestalt zu verändern, können wir hier unsere erste Parallele ziehen. Dann können wir geradewegs eine Linie zu den europäischen Walküren ziehen. Auch sie waren die Hüterinnen der toten Krieger und sie waren Gestaltwandlerinnen. Viele wissen nicht, dass sich die Walküren in Schwäne verwandeln konnten. Wenn das Mondlicht schien badeten sie so lange in den geweihten Teichen, solange sie kein Mensch sah und sie dann wieder ihre ursprüngliche Form annehmen mussten.

Eine ähnliche Dreiheit von Göttinnen mit genau denselben Aufgaben existiert auch im indischen Volksglauben. Das sollte aber nicht allzu überraschend sein, da sich der keltische Einfluss viele Jahrhunderte vor der christlichen Ära über ganz Europa hinweg bis nach Indien ausgebreitet hat.

Können wir noch andere weibliche Dreiheiten finden? Oh ja!! Sehen wir uns einmal Shakespeares großartiges Stück Macbeth an. Es beginnt auf einer Wiese im schottischen Heideland.
Dort finden wir drei Hexen, oder um genau zu sein, die schottische Version der Wyrd-Schwestern. Wenn wir sie beobachten, sehen wir, dass eine von ihnen ein junges Mädchen, die andere in den mittleren Jahren und die dritte ein altes Weib ist. Diese drei sollen die drei Altersstadien einer Frau, von der Zeit vor der Geschlechtsreife, über die Mutterschaft bis hin zum hohen Alter, symbolisieren. Diese Lebensabschnitte wurden von den alten Völkern gefeiert und über Jahrhunderte hinweg dazu benutzt, die weisen Frauen (später: Hexen) zu zeigen.
Die Wyrd-Schwestern sind niemand anderer als die Nornen der germanischen Mythologie, die das Schicksal und Leben jedes Menschen in der Minute seiner Geburt voraussagten. Wir können sogar noch weiter gehen und sie „Fates“ der griechischen und römischen Kultur nennen, welche den Faden des Lebens jeder lebenden Person gesponnen haben und ihn abschnitten, wenn das Schicksal es so bestimmte.

Es ist sehr einfach zu sehen, wie Gestalten wie etwa die Morrigan dämonisiert wurden, als die frühe Kirche stärker wurde. Es wäre undenkbar für die Kirche gewesen, dass es mehr als eine Dreiheit geben könnte und noch dazu eine, die aus Frauen besteht. Niemals!!

Wir können Morgan auch mit der Göttin Modron, die später Matrona genannt wurde, vergleichen. Hier haben wir lediglich eine Variation desselben Themas. Aber es ist zu spät dazu. An Morgan wird man immer als die gottlose Halbschwester von Artus denken, die der Welt Mordred, Artus uneheliches Kind, brachte, was letzten Endes die Zerstörung der Tafelrunde zur Folge hatte.

In den Legenden um Artus wimmelt es nur so von alten weiblichen Gottheiten, die lediglich neue Rollen in diesen Geschichten angenommen haben.
Wir dürfen außerdem Nimue nicht vergessen, die abhängig von der Version der Geschichte, die man liest, auch Vivian oder Vivienne genannt wird. Sie wird als die Geliebte von Merlin dargestellt, die ihn überlistet, um von ihm die Geheimnisse der Magie zu erlangen, bevor sie ihn in einen magischen Turm sperrt. In anderen Versionen sperrt sie Merlin in einen Baum oder eine Höhle.
Wir können Nimue bis zur irischen Göttin „Niamh“ zurückverfolgen, die der alten walisischen Göttin „Rhiannon“ entspricht. Nach der Legende war sie es, die magisch singende Vögel hatte, deren Lieder auch die härtesten Herzen in Verzückung versetzen konnten. Sie ist auch die Rhiannon der Pferde. Ihre magischen weißen Pferde galten als die schönsten der Welt und keiner konnte sich mit ihnen messen. In dieser Form können wir sie mit Epona, der keltischen Pferdegöttin vergleichen.

Und natürlich sollten wir auch nicht Elain, die Herrin der Burg von Corbenic vergessen. Ihr Name ist eine Form von „Helen“, der in vielen frühen Legenden auftaucht. Abhängig von den vielen Versionen der Legenden, ist sie einmal die Tochter König Pelles, die Lancelot durch eine List dazu bringt, mit ihr zu schlafen, weil er denkt, er würde mit Guenivere das Bett teilen. (Hmm, kommt uns das nicht bekannt vor?) Das Ergebnis ist die Geburt von Galahad und die Entstehung der „Gral-Dynastie“.
Ein anderes Mal ist Elaine auch die Tochter von Bernard von Estolat, die sich in Lancelot verliebt und an ihrem Kummer stirbt, nicht mit ihrer wahren Liebe vereint sein zu können. Das ist ihre bekannteste Erscheinungsform, die uns auch ihr Bild als „Die Lady von Shalott“ liefert. Diese setzt sich in einen Kahn und treibt den Fluss hinunter nach Camelot. Langsam stirbt sie, während die Strömung sie weiterträgt. Am Ende ihrer Reise wird sie ehrenvoll in Artus Hauptstadt beigesetzt.
Hier ist nun ein anderer Hinweis verborgen: der Körper im Kahn, die letzte Reise am Wasser. All das sind alte Symbole, und wir können Elaines Reise als die Prozession einer Priesterin auf den geweihten Flüssen oder Teichen identifizieren. Nachdem sie eine junge Maid ist, tritt sie ihre Reise an, um ihr neues Leben als Priesterin/Wächterin über die heiligen Quellen oder Brunnen anzunehmen. Aber stirbt sie während der Reise? Ja natürlich, denn es ist der Tod ihres früheren Lebens, nachdem sie zurückgelassen wird, um ihr neues Leben zu beginnen.

Aus alldem kannst du erkennen, dass du alle möglichen Gestalten, die schon lange in Vergessenheit geraten sind, wieder entdecken kannst, wenn du nur danach suchst. Und mit etwas Geduld kannst du dir das ursprüngliche Thema mit seinen Figuren und seiner Geschichte die von Politik und Religion verwischt wurde wieder zurückerobern. Lies einfach die Legenden und du wirst sehen, was ich meine.

Das WurzelWerk bedankt sich herzlich bei Dr. Rotherham für diesen Artikel!
Aus dem Englischen übersetzt von Keela.


Roland Rotherham


Die dreifältige Göttin - Teil I     Yvonne, 19.03.2017
Lilith - Ein Mythos - Teil II     Sat-Ma´at, 17.09.2016
Lilith - Ein Mythos - Teil I     Sat-Ma´at, 03.09.2016
Auf den Schwingen des Gesangs - die vielen Gesichter der Rhiannon - Teil II     Kristoffer Hughes, 09.07.2016
Auf den Schwingen des Gesangs - die vielen Gesichter der Rhiannon - Teil I     Kristoffer Hughes, 23.04.2016
Menstruation in der Wildnis     Line, 17.10.2015
Wo ist hier meine Schublade, bitte?! - Teil II     Karmindra, 09.08.2014
Wo ist hier meine Schublade, bitte?! - Teil I     Karmindra, 19.07.2014
Feministische Spiritualität, Göttinnenspiritualität, Frauenspiritualität: Wo ist sie geblieben?     thursa, 29.03.2014
The times, they are a changing ... ?!     Anufa, 08.02.2014
Hanf – Das Kraut der germanischen Göttin     Leilani, 18.05.2013
Die Göttin in der Schweiz - eine Spurensuche - Teil II     Nepthis, 05.01.2013
Die Göttin in der Schweiz - eine Spurensuche - Teil I     Nepthis, 15.12.2012
Frauenkreise - weibliches Empowerment, Ausschlüsse und die Zukunft - Teil I     Distelfliege, 04.08.2012
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil XII     Mara, 03.03.2012
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil XI     Mara, 10.12.2011
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil X     Mara, 12.11.2011
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil IX     Mara, 10.09.2011
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil VIII     Mara, 03.09.2011
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil VII     Mara, 13.08.2011
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil VI     Mara, 30.07.2011
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil V     Mara, 25.06.2011
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil IV     Mara, 21.05.2011
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil III     Mara, 07.05.2011
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil II     Mara, 23.04.2011
"Burning Times" - Mythos oder Realität? - Teil I     Mara, 02.04.2011
Magie wirken – das Patriarchat zerschmettern - Teil III     Jedidjah de Vries, 18.12.2010
Magie wirken – das Patriarchat zerschmettern - Teil II     Jedidjah de Vries, 15.09.2010
Magie wirken – das Patriarchat zerschmettern - Teil I     Jedidjah de Vries, 04.09.2010
Pflanzen der Göttin: Der Mais     Esmerelda, 15.05.2010
Weizen – ein Getreide der großen Göttin heute     Distelfliege, 26.12.2009
Roter Ocker – Farbmagie von der Steinzeit bis heute - Teil II     Nana Beginaset, 29.08.2009
Roter Ocker – Farbmagie von der Steinzeit bis heute - Teil I     Nana Beginaset, 15.08.2009
Doppelherz – oder: Zweier Herrinnen Dienerin - Teil III     Distelfliege, 07.02.2009
Doppelherz – oder: Zweier Herrinnen Dienerin - Teil II     Distelfliege, 22.11.2008
Doppelherz – oder: Zweier Herrinnen Dienerin - Teil I     Distelfliege, 08.11.2008
Frauen, Freiheit und der Jahreskreis     Distelfliege, 12.07.2008
Feminismus: verschiedene Strömungen - Teil II     Distelfliege, 16.02.2008
Feminismus: verschiedene Strömungen - Teil I     Distelfliege, 26.01.2008
Die Magie der Quilts     Distelfliege, 01.09.2007
Eine Frauentradition aus Amerika: Quilts     Distelfliege, 02.06.2007
Die englische Altargöttin     Distelfliege, 03.03.2007
Die Venus von Willendorf als Spekulationsobjekt - Teil II     Distelfliege, 29.07.2006
Die Venus von Willendorf als Spekulationsobjekt - Teil I     Distelfliege, 22.07.2006
Ist die „Venus“ von Willendorf ein Fruchtbarkeitsidol? - Teil II     Werner, 15.07.2006
Ist die „Venus“ von Willendorf ein Fruchtbarkeitsidol? - Teil I     Werner, 08.07.2006
Eine matriachale Zukunftsvision für unsere Kinder!     Morrighan, 06.05.2006
Weibliche Fruchtbarkeit zu Zeiten der Kelten     Clemens, 04.02.2006
Die Neudefinition unserer Sexualität     Maya, 03.12.2005
Ein rituelles Bad macht alles wieder ganz     Fledermaus, 03.09.2005
Gedanken aus dem Leben einer Frau     Rosenfee, 04.06.2005
Die Große Mutter - Teil I     Fledermaus, 29.01.2005
Der weibliche Energiekreislauf – eine Theorie     Maya, 02.10.2004
Mein Weg mit der Göttin     Fledermaus, 19.06.2004
Hexen, Kräuterfrauen und die Religion der Göttin     Morrighan, 03.04.2004
Spieglein, Spieglein an der Wand...     Striga, 27.12.2003
Archetypen - Urbilder der Seele     Striga, 18.10.2003
Die Frauen der Legenden     Roland Rotherham, 18.10.2003
Zauberhaftes Frauenblut     Gabriele Pröll, 20.09.2003
Die Bethen     Irmgard, 09.08.2003
Die Menstruation und der Mond     Gabriele Pröll, 29.03.2003
Vollblutfrauen dieser Erde     LadyPurple, 15.02.2003
Mondfrau     LadyPurple, 04.01.2003
Gedanken zur "Pro-Life-World-Conference 2002"     MadameMim, 12.10.2002
Kräuter für die Menstruation     Magister Botanicus, 31.08.2002
Geboren im Zeichen der Göttin     Miramis, 24.08.2002
Hexenkinder - Aufwachsen im Schutz der Großen Göttin     Miramis, 08.06.2002
Forscher sagt: Menstruation ist überflüssig     Anufa, 06.04.2002
Tabu-Thema Menstruation     Fledermaus, 17.02.2002
Wie hat es angefangen?     Fledermaus, 05.09.2001




               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017