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Der Tag des Sonnenballs

Crysalgira hat wieder einmal eine wunderschöne Geschichte für Kinder und Eltern geschrieben. Diesmal zum Thema der Sommersonnwende. Vielen Dank fürs Teilen mit dem WurzelWerk!
Welcome to Bell Pine Art Farm.

Sechs Monde waren seit der Mittwinternacht vergangen. Höher und höher war die Sonne seit damals am Himmel geklettert, jeden Tag ein bisschen. Die Nächte wurden immer kürzer, die Stunden, welche die Hasen in ihrem Bau verbrachten, immer weniger. Am Morgen, kurz vor Sonnenaufgang, und am Abend, kurz nachdem die Sonne verschwunden war, waren die besten Stunden, um Futter zu finden.

Der Wasserspiegel in dem kleinen Bach war stetig gesunken, es hatte kaum mehr geregnet, und Frau Hase betrachtete besorgt die Wiese, welche sich langsam von grün erst zu braun und dann zu weiß und ausgebleicht gewandelt hatte. Die wohlschmeckenden Blumen des Frühlings waren verblüht. Das beste Futter fand sich mittlerweile am Rand des Waldes im Schatten der Bäume, wo der Klee blühte, und direkt am Wasser im Bachbett. So gut die Kresse auch schmeckte, mehr als ein Häschen war nass geworden, weil es sich zu weit vor gewagt hatte! Aber in der Wärme trockneten die nassen Pfoten und Puschel schnell wieder und die Kinder, welche nun gar nicht mehr so klein waren, machten sich einen Spaß daraus, sich gegenseitig anzuspritzen. Und das wilde Getreide auf den Halmen roch schon gut, noch ein paar Tage, vielleicht ein wenig Regen, und es würde wieder Futter im Überfluss geben.

So saß Frau Hase am Eingang des Baus und dachte über den Kreislauf des Jahres nach. Und dann verstand sie. Heute, kurz vor Sonnenuntergang, würden sie und Hase sich wieder auf den Weg zur Lichtung machen.

Also rief sie die Kinder zusammen und sagte ihnen, dass sie und ihr Vater vermutlich erst in der Morgendämmerung wieder heimkommen würden. Weißlöffel lächelte. „Vater sitzt schon die ganze Zeit dort drüben und schaut den Weg entlang – wir dachten uns schon, dass wir heute den Bau für uns haben!“ Und Schwarzfleckchen fügte hinzu: „Mach dir keine Gedanken, Mutter, wir sind wirklich schon alt genug. Die Jungs und wir passen auf einander auf und wir bleiben bei der Futtersuche auch ganz in der Nähe des Baus.“

Der lange, lange Tag neigte sich ganz langsam seinem Ende zu. Ein warmer, sanfter Wind blies und der Himmel im Westen färbte sich wunderschön, golden und rot. „Vielleicht regnet es ja morgen ein wenig“, sagte Hase zu seiner Frau, während sie den Weg zur Lichtung entlang hoppelten. „Es ist alles so trocken und traurig.“

Wie recht du hast, Freund Hase. Mein Fell ist schon ganz staubig, am liebsten würde ich es ausziehen und waschen.“

Hase lachte. „Ein nackter Wolf – das wäre einmal etwas anderes!“

Die hübsche Wölfin knurrte: „Mir würde er dann aber nicht mehr gefallen!“ Wolf schaute überrascht und Hase lachte noch mehr.

Ihr könnt leicht fröhlich sein!“ krächzte es da über ihnen. „Hier oben ist die Luft noch trockener. Meine Federn rascheln schon!“ „Ja, aber dafür können wir weitere Strecken fliegen als sonst“, tröstete Frau Adler ihren Mann.

Also, wir verstehen wirklich nicht, worüber ihr euch alle beklagt!“ zischelte es zweistimmig aus dem Gras. „Für uns ist das die besssste Zeit im Jahr.“

Wolf schüttelte den Kopf. „Salamander ….“ knurrte er seufzend.

Wo ist denn Freund Bär?“ fragte Hase.

Oh, der sitzt schon den ganzen Tag im Schatten der Haselbüsche“, krächzte Adler. „Ich habe ihn gesehen, als ich das Tal ein paar Mal überflogen habe heute – und ich behaupte, er hat sich nicht viel bewegt ...“

Machen Bären denn auch Sommerschlaf?“ scherzte Frau Hase und brachte die Freunde noch mehr zum Lachen.

Eigentlich nicht,“ brummte es da hinter ihnen, „aber mein Liebster kann die Wärme nicht wirklich ausstehen. Das liegt wohl an seinem besonders dichten Pelz. Er hat heute morgen zu mir gesagt: 'Nachdem wir heute Abend ohnehin alle hier sitzen werden, kann ich gleich bleiben und warten.' Und wir haben schon angefangen, Holz zu sammeln, für ein Feuer.“

Sssssehr, sssssehr vorssssichtig müssssen wir heute sssein, weil allessss trocken isssst.“ Die anderen nickten zu Salamanders Worten zustimmend. Er kannte sich schließlich am besten mit Feuer aus.

Jetzt geht die Sonne gerade unter“ krächzte Frau Adler und kam vom Wipfel der Tanne wieder heruntergeflattert.

Im gleichen Augenblick züngelte die erste Flamme aus dem Holzstoß. Alle starrten die beiden Salamander an, doch die schüttelten die Köpfe. „Wir waren dassss nicht“, flüsterte Frau Salamander.

Nein, das waren wir!“ ertönte da eine tiefe Stimme. Die Freunde wandten sich um und der Mittwinterjunge und das Tanzende Mädchen standen mit einem Mal neben den Haselbüschen. Aber sie hatten sich beide verändert. Der Mittwinterjunge war nun kein Junge mehr. Seine Stimme war tief und tragend und in seinen Augen hatte sich Ernsthaftigkeit zum Lachen gesellt. Das Tanzende Mädchen aber war zur Frau geworden und ihr Bauch hatte sich gerundet. Sie war schöner denn je, in ihrer heiteren Gelassenheit.

Willkommen, Freunde! Heute ist die kürzeste Nacht des Jahres, der Sommer ist da und das Leben ist licht. Lasst uns mit einander feiern und fröhlich sein, damit wir uns dann, wenn die Nächte wieder länger werden, an diesen Augenblick erinnern können, an die Wärme und die Kraft, die uns jetzt umgibt.“ Und anmutig wie immer, aber doch ein wenig langsamer als früher, ließ sich die Frau beim Feuer nieder.

Wir werden heute gemeinsam am Feuer wachen, bis die Sonne wieder aufgeht, so wie wir es in der Mittwinternacht getan haben. Es sind nur wenige Stunden und doch habe ich etwas mitgebracht.“

Der Mann hielt etwas in der Hand, das er an die Lippen hob. Und dann ertönte das süßeste Geräusch, das die Freunde je gehört hatten. Wie Gesang, wie ein Lied, nur ohne Worte. Freude klang darin und Sehnsucht, die Wärme des Sommers, das sanfte Fallen von Regen und das muntere Plätschern des Baches.

Hase stiegen Tränen in die Augen und er wusste, seinen Freunden erging es genauso. Wie verzaubert lauschten sie dem Spiel der Panflöte. Dann wandelte sich das Lied, wurde leicht und fröhlich und ließ die Beine und Pfoten zucken.

Nachher hätte niemand mehr sagen können, wer damit begonnen hatte, aber mit einem Mal tanzten die fünf Paare auf der Lichtung zum Klang der Flöte, zuerst mit ihrem Partner, dann alle zusammen, immer im Kreis herum um das Feuer.

Die Stunden vergingen wie im Flug und schon dämmerte der Morgen herauf. Der Mann ließ die Musik verstummen, als das Zwitschern der Vögel den neuen Tag ankündigte.

Die Frau erhob sich von ihrem Platz am Feuer. „Seid gesegnet, meine kleinen Freunde. Lasst es euch gut ergehen in den kommenden Wochen. Feiert das Leben und freut euch an der Wärme und am Überfluss.“ Sie bewegte die Hände und warmer, sanfter Regen begann zu fallen.

Dies ist mein Geschenk an euch, die Fruchtbarkeit von Feld und Wald, von Bach und Wiese. Jetzt ist das Leben leicht und für einige Zeit sind alle Sorgen verbannt.“ Sie lächelte. Der erste Sonnenstrahl fiel auf die Lichtung und die Freunde wandten sich dem Licht zu und begrüßten es.

Hinter ihnen stieg noch ein letzter Rauchkringel in die Luft, dann war das Feuer erloschen. Zwischen den Haselbüschen leuchtete es einmal kurz auf, dann waren die Freunde wieder allein auf ihrer Lichtung.

Müde, aber überglücklich lächelten sie einander an und machten sich auf den Heimweg.


Crysalgira


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