HerkulesKinder

Angelika Aliti ist sicherlich noch etlichen von Euch aus den "Anfängen" der spirituellen Seite der Feminismusbewegung hier in Österreich in Erinnerung und sie trifft auch jetzt noch punktgenaue Ansagen. Uns im WurzelWerk hat sie zum Thema "Kinder" ein paar dieser Gedanken gespendet. Herzlichen Dank dafür!
Welcome to Bell Pine Art Farm.

Jede neue Generation hat ihre eigenen Problem und ihre eigenen Aufgaben. Das ist nicht neu. Ich berate, betreue und therapiere Menschen nun schon seit 30 Jahren und habe immer versucht, die jeweiligen Generationen-Aufgaben zu erkennen und in meine Arbeit mit einzubeziehen.
Die jetzigen neuen Generationen, die Menschen, die jetzt, heute Kinder sind, haben es mit uns Erwachsenen schwerer als zuvor. Und wir Erwachsenen scheinen häufig vergessen zu haben, was unsere Aufgabe in Bezug auf unsere Kinder ist. Nämlich dafür zu sorgen, dass jedes einzelne Kind entsprechend seinen Möglichkeiten gut ausgerüstet auf seine Lebensreise gehen kann und ihm zu zeigen, wie man sein Lebensschiff gut steuert. Dabei sind mir vor allem die Kinder im Herzen, die nicht wie alle anderen sind.

HerkulesKinder

Es ist ein dramatischer und vor allem bedrückender und beängstigender Moment, wenn Eltern feststellen müssen, dass ihr Kind nicht so wie die anderen ist. Manche Kinder sind körperlich behindert, manche geistig, manche beides und manche eben psychisch und sozial. Nicht immer liegt es am Kind. Öfter als wir glauben liegt es am System. Am Familiensystem, am Erziehungssystem, am Schulsystem. Alle drei Systeme orientieren sich am Durchschnitt, sind konzentriert auf das Mittelmaß.
Wer da schon als Kleines heraus fällt, hat es schwer und wird es auch später schwer haben, denn diese mittelmäßigen Systeme sind dazu da, auf ein mittelmäßiges gesellschaftliches Leben vorzubereiten. Als da ist: mach eine Ausbildung, heirate, ziehe Kinder auf, such dir einen Job, leiste dir eine Urlaubsreise, fahre ein Auto, finanziere die Ausbildung deiner Kinder, feiere Geburtstage, gehe in Rente, stirb als Pflegefall. Aber es gibt Menschen, die sind zu hilflos, um das zu können. Und andere, die sind zu verrückt. (Ich gehöre zu Letzteren).

Die Frage ist ja, was machen wir – als Gesellschaft – mit diesen Kindern? Was auch heißt, was erlauben wir den Eltern, Ärzten und Therapeuten, mit ihnen zu tun?
Ich nehme an dieser Stelle mal die Kinder mit Schwerstbehinderungen heraus. Ihnen kommt eine andere Form der Zuwendung zu, die sie häufig auch nicht bekommen, sondern stattdessen Verwaltung und äußerliche Versorgung. Auch hier soll an ein Mittelmaß angepasst werden, das vor allem darin besteht, dass diese Kinder und Erwachsenen nicht stören. Darüber will ich zu einem anderen Zeitpunkt schreiben.

Heute und hier soll es um die Herkuleskinder gehen, also jene Kinder, die ihren Eltern und später allen anderen auch – irgendwie unheimlich sind. Zu laut, zu stark, zu unruhig, zu destruktiv, zu ungestüm. Anstrengend und mühsam. Und irgendwie ist ihre Seele unerreichbar. Manche von ihnen sind einfach so. Manche sind es in einem so starken Maße, dass wir es als Persönlichkeitsstörung werten müssen.
Die Grenze zu ziehen ist fast unmöglich. Wann ist jemand kreativ und damit gesund oder bipolar und damit gestört? Als Gesellschaft, personifiziert durch Eltern, Erzieher, Lehrer, Ärzte und Therapeuten gehen wir mit ihnen um, als wären sie Computer. Wir versuchen sie auf die uns bekannte Weise zu behandeln. Und wenn es nicht funktioniert, versuchen wir es auf dieselbe Weise noch einmal und immer wieder. Aber sie reagieren nicht, weil wir ihr „Programm“ nicht kennen. Wir versuchen dann, den Rechner herunterzufahren, indem wir ihnen Psychopharmaka und Drogen geben. Das tun wir nicht, um ihnen zu helfen, sondern damit wir unsere Hilflosigkeit nicht mehr fühlen müssen. Denn das Zeug, das sie schlucken müssen, hilft ebenso wenig als wenn wir ihnen Heroin, Crack oder Crystal geben würden. Ungefähr auf diesem Niveau bewegen sich aber Ritalin und anderes Gift.

Manche Herkuleskinder müssen so bald als möglich woanders hingehen, fort von den Eltern und allem Mittelmaß, an Orte, an denen man sich nicht vor ihnen fürchtet und wo sie nicht in das Mittelmaß gepresst werden. Auf diese Weise sind nicht wenige von ihnen große KünstlerInnen geworden, SchriftstellerInnen oder SchauspielerInnen. Andere zerschellen. Andere sind krank und können nicht geheilt, wohl aber begleitet und behütet werden. Einige entfalten ihr ganzes Potenzial, wenn wir ihnen nur genügend Raum geben. Andere brauchen ein enges Regelwerk, auf dass sie nicht zerschellen.
Im weiten Land der Seele gibt es keine klaren Strukturen wie ein städtisches Straßennetz, fein ausgestattet mit Straßennamen und Hausnummern. Jedes einzelne Herkuleskind benötigt die Zuwendung von vielen gut ausgebildeten Fachleuten der unterschiedlichsten Berufung und immer auf neue und andere Weise, denn jedes ist anders. Wir müssen erkennen, was wir lernen müssen, um zu helfen. Damit wir fähig sind, ihnen Leuchttürme zu sein auf dem weiten Meer des Lebens, der Sai Vala. Aus diesem gotischen Wort hat sich unser deutsches Wort Seele und das englische Wort soul entwickelt.


Niki Whiting


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