Geplant war eine Hausgeburt und dann kam alles anders   Teil I

Ein Geburtsbericht der anderen Art ...
Welcome to Bell Pine Art Farm.

Es war an einem warmen, sonnigen Tag. Ich war mit meinem Freund unterwegs zu meiner Hausgeburts-Hebamme um einen Vorsorgetermin wahrzunehmen. Sie wohnte etwa eine Autostunde von uns entfernt. Dies war in der 16. Schwangerschaftswoche.
Ich lag bei ihr auf dem Sofa und sie suchte mit einem Doppler (Ultraschall) nach den Herztönen meines Babys. Ein, zwei, drei Minuten… ihre Bewegungen wurden rascher… grober… sie drückte mir den Dopplerkopf tief in meinen Bauch… suchte…. Es waren keine Herztöne zu finden.
Ich sah in ihr Gesicht. Sie sah sehr ernst aus. Sie sah mich an und ich verstand. In mir zog sich alles zusammen, mir wurde kalt und schlecht.  Mein Freund, der hinter mir saß, verstand noch nicht was wir zwei Frauen mit den Blicken uns mitteilten. Ich fragte sie: „Und was wäre dann??“ Sie antwortete ruhig: “Dann musst du es trotzdem gebären“. Aber sie wollte weitersuchen, murmelte hilflos etwas von vielleicht nicht der richtigen Lage.  Mein Freund wurde langsam auch nervös und fragte mich:„Was ist mit den Herztönen?“ „Es sind keine da“ sagte ich. Nach 15 Minuten intensivem Suchen ohne Herztöne gefunden zu haben, gab die Hebamme auf und rief im 14 km entfernten Krankenhaus an. Ich sollte da hin um eine Ultraschalluntersuchung machen zu lassen… vielleicht geschieht ja noch ein Wunder.

Auf der Fahrt dahin war es ruhig im Auto. Wir sprachen nicht miteinander. Ich ging in Gedanken das weitere Procedere durch: Termin für Kaiserschnitt ausmachen, Rezept für Antidepressiva, Tranquilizer, Arbeitsunfähigkeitbescheinigung. Immer wieder stiegen mir die Tränen in die Augen. Ich zwang mich zur Ruhe. "Bringt keinem was, wenn ich jetzt durchdreh!" Es ist wie es ist. Ich werde das tote Kind nicht gebären. Ich will eine Vollnarkose. Das darf nicht wahr sein. Warum passiert das mir?


Im Krankenhaus

Wir sind endlich da und werden auf die Station geführt. Eine kleine, sehr freundliche Ärztin kommt und gibt mir die Hand zur Begrüßung. Mir steht der Sinn nicht nach Höflichkeitsfloskeln. Ich liege wieder auf dem Rücken, die Ärztin macht den Ultraschall. Ich schaue zur Seite, will nichts mehr sehn. Sie dreht den Monitor und sagt zu mir: „Schauen Sie mal her“. Ich sage: „Nein. Ich will es nicht mehr sehn!“ Die Ärztin bleibt beharrlich: „Jetzt schauen Sie doch“ Ich drehe den Kopf und schau auf den Monitor. Bewegung! Mein Kind bewegt sich! Es rudert sogar mit den Armen, so, als wolle es mir winken. „Es lebt??“ frage ich mit erstickter Stimme. Die Ärztin lacht: „Ja und wie!“. Das ist zuviel für mich. Ich brech in Tränen aus und komplett zusammen - mein Freund weint auch. Wir umarmen uns. Die kleine, freundliche Ärztin strahlt.
Unser Kind lebt!


Und wieder daheim

Es war eine Woche später. Ich saß auf der Terrasse und auf einmal fühlte ich so etwas wie einen Schmetterling der in meinem Bauch flattert,  so etwas wie kleine Luftblasen die nach  oben blubbern. Ich fühlte zum ersten Mal mein Kind, ich fühlte dich!  Das war der Wahnsinn und ich war voller Glück…

23. SSW
Ich habe aus Versehen die Museums - Mercedeslampe von deinem Vater kaputt gemacht. Wir haben gestritten und ich bin heulend die Treppe hoch ins Schlafzimmer gerannt. In dieser Nacht war die erste Blutung:
Der Rettungswagen ist alarmiert. Ich liege auf dem Sofa, die Hand auf meinem Bauch, auf dir. Versuche ruhig zu bleiben, damit die Blutung nicht noch schlimmer wird. Ich mache mir große Sorgen um dich. Habe Angst, dass du jetzt auf die Welt kommst.
Nach einer Woche Krankenhaus entlasse ich uns nach Hause. Es ist soweit alles im grünen Bereich und ich muss dauerhaft liegen. Das kann ich auch daheim, betreut von meiner Hebamme.

33. SSW
Wir haben Samhain, nachts um halb vier. Ich sitze auf der Toilette und schaue auf das viele Blut auf dem Boden. Mittlerweile bin ich einiges gewohnt, das ist nun Blutung Nummer 15. Aber dieses Mal ist es anders… Mein inneres Gefühl, auf das ich mich die letzten 3 Monate verlassen habe, sagt mir, "Heute musst du ins Krankenhaus gehen!". Ich rufe den Rettungswagen und wecke deinen Vater. Ich habe Angst!
 Man sagt ja, es überträgt sich alles aufs Kind. Versuche ruhig zu bleiben für dich.  Ich rede dir gut zu… das wird schon, mein Kleiner!


Und wieder im Krankenhaus

Wir sind nun schon vier Tage im Krankenhaus. Sie geben mir ein Anti-Wehenmittel und Valium.  Ich fühle, dass das nicht gut für dich ist. Heute ist Vollmond und ich bete zu den Göttern…
Ein paar Stunden später wache ich auf. Alles ist nass in meinem Bett. Hab ich etwa im Schlaf ins Bett gepinkelt? Nein. Die Ärzte glauben, dass die Fruchtblase geplatzt ist. Sie können es nicht testen, weil zuviel Blut dazwischen ist. Sie beschließen, dass ich sofort verlegt werde in ein anderes Krankenhaus, dem eine Kinderklinik angeschlossen ist.  Sie sagen, du kommst heute Nacht. Heute Nacht? 6 Wochen zu früh?  Ich habe Angst um dich. Mit zitternden  Fingern schreibe ich deinem Vater eine SMS. Die Blutung hört nicht auf…
Mit Blaulicht geht’s zur  30 km entfernten Kinderklink. Eine Hebamme fährt mit und überprüft alle 5 Minuten deine Herztöne. An ihrem Gesicht kann ich erkennen, dass sie sich große Sorgen macht.
Ich habe wahnsinnige Angst um dich. Dein Herzschlag liegt bei 180. Ich versuche ganz  ruhig zu bleiben.

Dann geht alles sehr schnell. Hektik überall. Menschen in OP - Kittel huschen durch den Raum. Dein Vater ist auch eingetroffen. Er muss draußen bleiben. Ich bin voller Angst. Mein Pentagramm hab ich immer noch um den Hals, weil alles so in Eile ist. Venenzugang, Blasenkatheter und Vollnarkose.

Eineinhalb Stunden später wache ich auf. Mein Bauch tut weh. Dein Vater sitzt neben mir und sagt:
 „Emilian ist da und es geht ihm gut!“, ich versteh überhaupt nicht wovon er redet. Weiß nur, dass mein Bauch weh tut und mir übel ist. Eine OP - Schwester kommt und drückt mir ein Foto in die Hand mit einem Baby drauf mit vielen Schläuchen. „Herzlichen Glückwunsch!“  Das ist nun also mein Kind.

Am nächsten Morgen, sieben Stunden später, wache ich in einem Zimmer auf. Ich bin ganz alleine. Hab wie immer meine Hand auf meinem Bauch, nur dieses Mal ist er leer.  Ich fühl mich so alleine und leer und muss erst mal weinen… die Krankenschwestern sagen, das ist gut so und macht nix. Ich könnte auch in ein oder zwei Tagen zu meinem Kind.
In ein oder zwei Tagen? Ich warte bis endlich dein Vater kommt. Er muss einen Rollstuhl für mich organisieren,- ich will zu dir! Sofort!


Da bist du!!

Dein Vater schiebt mich den Berg hoch zu dem anderen Gebäude. Weiter in die neonatale Intensivstation. Die letzten Meter zu dir möchte ich alleine gehen. Es ist schwer, aber es geht.
Da liegst du. In einem Wärmebett. Zum ersten Mal kann ich dich sehen, nach mehr als 14 Stunden.
Meine Hand berührt dich ganz sanft, Tränen fließen mir über die Wangen und ich bin überwältigt von meinen Gefühlen: „Hallo kleiner Mann!“

Emilian geb. am 5. November 2006 mit einem Gewicht von 2270 g und einer Länge von 42 cm.


Ende Teil I


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