Betreuung gesucht für WurzelWerk's

Ausgabe Samhain 2007
  Teil I
Sachen zum Nachmachen und zum Nachdenken - ganz passend für die Zeit
Welcome to Bell Pine Art Farm.

Zu Beginn der erste Teil einer Geschichte von Morgane

Das Land in der Wand

Es passierte am letzten Halloweenabend. An diesem Abend und ganz besonders in dieser Nacht, kann es leicht passieren, dass jemand ganz unverhofft in jenes andere Land hinüberrutscht, ohne es zuerst einmal zu bemerken. Diejenigen, die schon letztes Mal bei unserer Geschichte dabei waren, wissen das ja schon und nehmen sich auch dementsprechend in Acht. Natürlich können auch so manche Besucher aus dem anderen Land unerkannt hier ihr Unwesen treiben. Es sind ja so viele verkleidete Gestalten unterwegs, dass keiner, der sich nicht wirklich gut mit diesen Dingen auskennt, sie erkennen würde. In dieser Nacht also heißt es, sich gut in Acht zu nehmen vor: Kleiderkästen, offenen Kanaldeckeln, Mauselöchern, Schlüssellöchern etc. So, das war jetzt ganz wichtig, aber jetzt beginnt unsere Geschichte erst wirklich.
Also, es war letztes Jahr zu Halloween. Merlin und ich waren gerade dabei, uns für das große Fest zurechtzumachen. Merlin kramte brummelnd auf dem Dachboden herum und konnte seinen Zaubererhut nicht finden. Nun ja, er wird auch schon ein wenig vergesslich, was ja bei seinem Alter nicht verwundern kann! Ich legte gerade eben  schwarzgrauen Lidschatten auf, da kratzte etwas in der Wand neben dem Herd. Eine Maus? So etwas gibt es natürlich auch bei uns, aber wir sind immer sehr vorsichtig mit Mäusen, denn manchmal sind das auch verwunschene Prinzessinnen. Das kann man nie so genau wissen. Ich horchte also genau in die Richtung, aus der das Geräusch kam... und tatsächlich, da war es wieder, ganz deutlich. Seltsam, das hörte sich ganz und gar nicht nach Maus an! Wonach aber dann, zum Donnerdrummel noch einmal! Wieder: kratz, kratz, kratz, kratz, dann Stille, dann noch einmal, schon ein wenig lauter, dann das Ganze noch einmal und dann... Ich wäre vor Schreck beinahe auf meinen Hexenpopo gefallen... dann erschien doch wirklich und wahrhaftig etwas Rundes, Rosiges aus meiner Küchenwand! Es schob sich ein Stück weit heraus, noch ein wenig und noch ein wenig, wurde länger, krümmte sich wie ein Wurm, bis ich es zuletzt als einen Finger erkannte, einen Kinderzeigefinger, um genau zu sein. Ich habe ja in meinem langen Hexenleben schon einiges erlebt, aber Zeigefinger, die aus meiner Küchenwand wachsen? Das war auch für mich einigermaßen seltsam und sehr verwunderlich. Das musste genauestens untersucht werden. Vorsichtig griff ich nach dem Zeigefinger. Ein erschrockener Schrei ertönte, und der Finger verschwand blitzartig. Ich wartete. Der Zeigefinger blieb verschwunden. Ich leuchtete mit der Kerze in das Loch und, huch! Ein Auge! Es blickte mich aus dem Loch starr und Furcht erregend an!
„Merlin!“ rief ich voller Panik, „komm schnell, hier schaut ein Auge aus der Wand!“

Merlin kam die Treppe herunter. In der Eile hatte er seinen Hut ganz schief aufgesetzt uns seinen Zauberermantel verkehrt herum angezogen. Das sah so komisch aus, dass ich vor lauter Lachen meinen Schreck fast vergaß. Hinter mir, aus dem Loch in der Wand ertönte ein freches Kichern. Nun war es an Merlin, mit offenem Mund zu staunen. „Wer, in Dreiteufelsnamen, kichert da in meinem Haus?“ Ich machte den alten Zauberer vorsichtig auf seine etwas ungewöhnliche Erscheinung aufmerksam. „Hmhmsosogrummelgrummel“, ertönte es hinter seinem Bart, und er brachte sogleich seine Kleidung in Ordnung. Dann leuchtete er, so wie ich soeben vorhin, in das Loch. Das Auge war immer noch da. Merlin sagte, mit so viel Würde und Autorität, wie möglich:
„Nun, ich bin es nicht gewöhnt, mich mit einem Auge zu unterhalten, das sich noch dazu nicht einmal vorgestellt hat. Würden Sie mir bitte, erklären, wer Sie sind, und was Sie in meiner Küche zu suchen haben?“
Das Auge blinzelte ein paar Mal, dann erklang eine kindliche Stimme aus dem Loch:
„Verzeihen Sie bitte, meine Neugier. Ich heiße Bärbel, Barbara Anna Haushofer, um genau zu sein. Ich wollte eigentlich nicht in Ihre Küche gucken. Ich weiß auch gar nicht, wieso ich bei Ihnen gelandet bin, ich habe doch nur an meiner Kinderzimmerwand gekratzt, und davor war doch bis heute nur unser Garten... Mein Papa wird jetzt eh schimpfen, weil ich darf eigentlich nicht in der Wand kratzen, dass ein richtiges Loch wird, aber es verlockt mich immer so. Immer, wenn ich im Bett liege und noch nicht einschlafen kann, dann tu ich das, auch beim Nachdenken.“  
Verunsichert verstummte die Stimme. Merlin und mir war nun natürlich sofort klar, was hier passiert war. Nun hieß es, äußerste Vorsicht walten zu lassen, um die kleine Bärbel nicht unnötig zu erschrecken. Was für ein Schock, durch ein Loch in der Wand zu gucken und dabei eine ganz andere Welt zu finden, von deren Existenz man niemals etwas geahnt hat!
Schnell wischte ich mir meine Halloweenschminke aus dem Gesicht, um nicht so schrecklich und Furcht erregend zu wirken und sagte mit meiner lieblichsten Stimme:
„Ja, natürlich ist dort euer Garten, normalerweise und an allen anderen Tagen. Heute aber ist Halloween. Da kann es schon passieren, dass jemand wie du ganz woanders hin sieht, wenn er durch Löcher guckt. Mach dir darüber keine Sorgen! Aber wieso bist du denn an einem Tag wie heute nicht mit deinen Freunden unterwegs und treibst verkleidet alle möglichen Späße?“
Die Stimme, die eben noch so frech gekichert hatte, klang jetzt auf einmal ganz leise und traurig aus dem Loch: „Weil mein Opa gestorben ist, und heute war sein Begräbnis. Da passt es nicht, sich zu verkleiden und Unsinn zu treiben, sagen meine Eltern, und eigentlich habe ich auch gar keine richtige Lust dazu. Ich bin nämlich sehr traurig, weil ich meinen Opa ganz lieb gehabt habe. Aber er war schon furchtbar krank und konnte auch gar nicht mehr aus dem Rollstuhl aufstehen. Meine Mama sagt, es war wohl besser für ihn, dass er sterben hat können, aber trotzdem... er fehlt mir sehr, weißt du.“
Ich verstand. Auf einmal hatte ich selbst auch keine Lust mehr auf Halloweenunsinn. Die kleine Bärbel tat mir sehr leid mit ihrem Schmerz um ihren Opa. Da musste man doch irgend etwas tun...
Ein Blick zu Merlin genügte. Er schien genau das Gleiche zu denken wie ich. Er blinzelte mir heimlich und verstohlen zu, hob seinen Zauberstab... und huiii, dreimal geschwungen, Zauber gesungen, schon gelungen! Ein kleines Mädchen von ungefähr neun Jahren, zart, dunkelhaarig, stand plötzlich, äußerst verdutzt in unserer Hexenküche und sah sich ungläubig um.
„Wo... w... was... wieso ... wie...?“ stotterte es verwundert.
„Nur keine Aufregung“, sprach ich beruhigend auf die Kleine ein, „du machst einfach einen kleinen Besuch bei uns, da ist weiter gar nichts dabei, wenn man weiß, wie’s geht.“
„Ja, aber ich weiß doch überhaupt nicht, wie’s geht! Hast du...?!“
„Merlin hier hat, um genau zu sein. Ich bin übrigens Morgane, die Hexe oder die Fee, wie’s beliebt.“

Ein ängstlicher Ausdruck erschien auf dem zarten Gesichtchen der Kleinen. Ein wenig ärgerlich dachte ich daran, welche dummen Lügenmärchen die Menschen ihren Kindern wohl über die Bewohner unseres Landes erzählen mochten, dass sich die Kinder vor uns fürchteten. Nun ja, sie wissen es eben nicht besser! Jetzt würde die Kleine sicherlich gleich nach meinem Buckel und nach meiner Warze und nach meiner krummen Nase fragen. Aber sie schien ein äußerst wohl erzogenes Kind zu sein, denn sie sprach nichts davon aus, wie wohltuend! Sie verdiente es, dass wir ihr ein wenig Unterhaltung boten. Wortlos trug ich all unsere Schmink – und Verkleidungsutensilien zum großen Zauberspiegel. Jetzt wurde gemalt, geschminkt und verkleidet, wie in einer Theatergarderobe. Bärbelchen verwandelte sich zuletzt in eine wunderschöne Fee mit Schleier und Silberkrone, mit Umhang und Zauberstab, wie aus dem Märchenbuch. Sie drehte und wendete sich vor dem Spiegel und konnte sich nicht satt sehen an ihrem Spiegelbild. Ich aber nahm die allseits bekannte und beliebte Gestalt einer alten Hexe an, mit Buckel und Nase, mit Warze und Zahnlücke. „So!“ verkündete ich fröhlich, „jetzt wird gezaubert, dass es nur so kracht!“ Ich entzündete ein Höllenfeuer unter meinem Hexenkessel, holte meinen Zauberkochlöffel aus der Küchenschublade und begann mit der Zubereitung eines Zaubertrankes. Ohne Zaubertrank kein Zaubern, das weiß ja jedes Kind! 

Also, was kommt alles rein?
Ach ja,
Zuerst ein wenig Mondenschein,
kann ruhig auch vom Schwarzmond sein.
Dann gut gesiebter Sternenstaub,
und ein Hauch von Moderlaub…
fein abgeschmeckt mit Schädelmoos...
Merlin, wo ist es, such’ es, los!
So, nun wird es aufgegossen
mit einer Brühe aus Sommersprossen... oder Haifischflossen? Eidgenossen?
Wie war das? Ach!
Mein Gedächtnis lässt schon etwas nach!
Na ja, wird schon nichts passieren!
Merlin, vergiss nicht umzurühren!
So, jetzt kommen die speziellen Sachen,
die das Ganze erst zum Kunstwerk machen:
da wäre erst mal Spinnenbein,
Fliegenpilz muss auch hinein.
Hexenfurz und Teufelsdreck
(moderne Hexen lassen’s weg).
Ich aber tu’ es immer gern dazu,
es gibt den ganz speziellen Gout.
Jetzt die Augen eines Molches
Und die Haare eines Strolches,
ein wenig noch vom Galgenstrick
und Friedhofserde noch ein Stück.
Nun noch ein wenig Mumientuch
Und einen herzhaft, bösen Fluch.
Ein Rattenbein, es muss noch zucken,
Vergiss nur nicht, hineinzuspucken!
So, nun dreimal kräftig rühren,
und nun wollen wir probieren!



Ende Teil I

WurzelZwerge-Redaktion


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