Die Welt der Märchen   Teil II
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Pierre Grimal´s dreibändiges Werk „Mythen der Völker“ begleitet mich seit meiner Jugend und fasziniert mich immer wieder. Aus diesem Grund habe ich mich in Form einer Fachbereichsarbeit für ein Diplostudium verstärkt dem Thema „Märchen“ gewidmet.
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Märchen bilden eine Brücke zu ihren ureigenen Ängsten, Stärken und Schwächen; sie sind für die Entwicklung der Kinder sehr wichtig, weil sie Probleme und Gefahren nicht nur ansprechen, sondern den Kindern auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigen, auf die sie selbst nicht gekommen wären. Sie helfen Kindern ihre eigenen unbewussten Ängste zu erkennen und mit ihnen umzugehen, sie vermitteln Hoffnung und Zuversicht.
Selbst auf höheren Denkentwicklungsstufen greifen wir immer wieder auf alte, vertraute Denk- und Verhaltensmuster zurück; die Überschreitung der Wirklichkeit ist deshalb dem Menschen nicht von außen aufgezwungen, sondern ist immanent in seinem Wesen vorhanden.


Was bedeuten Märchen für Kinder?

"Kinder leben in einer Bilderwelt. In den Märchen finden sie Vorbilder, denen sie nacheifern können. Der Weg führt sie vom Ursprung durch den Konflikt zum glücklichen Ende. Deshalb sind Märchen, besonders die Volksmärchen mit ihrem guten Ende, große Helfer für die Kinder, die sich oft unverstanden und mit ihren Ängsten allein gelassen fühlen. Märchen geben dem Kind eine Möglichkeit, die inneren Konflikte, die es in den verschiedenen Phasen seiner seelischen und geistigen Entwicklung - zum Teil unbewusst - erlebt, intensiv zu erfassen und in der Phantasie auszuleben und zu lösen." (Bruno Bettelheim)

Eine ganz zentrale Aufgabe der Kinderbegleitung (Ich mag das Wort Erziehung nicht so gerne, weil es für mich impliziert, dass das Kind wo hin gezogen wird.) ist es, das Kind bei der Sinnfindung in seinem Leben zu unterstützen und zu begleiten. Ein Kind muss dazu erstmals lernen sich und seine Umwelt zu begreifen und zu akzeptieren. Dabei können ihm Bilderbücher, aber auch Märchen als Hilfe dienen. In den ersten Kindheitsjahren ist das Kind einer Unmenge an unbekannten und unverständlichen Sinneswahrnehmungen ausgesetzt. Es ist in diesem Altersabschnitt aber noch nicht in der Lage, diese vielfältigen Wahrnehmungen rational zu erklären und in Interaktion zu einander setzen zu können. Chaos herrscht in der Innen- und Außenwelt des Kindes. Da es noch keine rationalen Erklärungen zur Verfügung hat, ist Phantasie eine gute Möglichkeit zum Ordnen dieses Chaos.
Märchen sind dem Kind dabei eine wichtige Hilfe. Diese phantastischen Geschichten haben mit ihren eigenen Erklärungsversuchen große Ähnlichkeit. Sie sind einfach gestrickt und von geradliniger, durchschaubarer Ordnung.

Wie sieht aber nun eigentlich die unmittelbare Erlebniswelt des Kindes aus?
Kinder denken "anders“ als Erwachsene, davon aber mehr im Abschnitt „Das magische Denken der Kinder“. Kinder polarisieren auch sehr stark, etwas ist „voll cool“ oder „total ätzend“, ein Mittelmaß fehlt ihnen meistens. Es fehlen ihnen noch der Erfahrungsschatz und die Vergleichswerte für das neu Wahrgenommene. Diese Art der Polarisierung ist ebenfalls ein Kennzeichen von Märchen. Kinder müssen ständig mit Spannungsgefühlen fertig werden, das gelingt ihnen besonders gut, wenn sie diese Spannungsgefühle in phantastische Bilder übersetzen. Genau hier ist der Bezugspunkt zum Märchen gegeben.
Märchen und Kinder sprechen die gleiche Sprache, wobei ich nach wie vor überzeugt bin, dass auch Erwachsene die gleiche Sprache sprechen können, wenn sie noch Bezug zu ihren inneren Bildern haben, eine Hilfe ist dabei sicherlich in den Arbeit mit Archetypen gegeben. Den Märchen ist es auch möglich, Kindern Lösungsansätze für ihre Probleme zu bieten, sie geben ihnen aber auch moralischen Halt. Märchen bilden eine Brücke zu ihren ureigenen Ängsten, Stärken und Schwächen; sie sind für die Entwicklung der Kinder sehr wichtig, weil sie Probleme und Gefahren nicht nur ansprechen, sondern den Kindern auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigen, auf die sie selbst nicht gekommen wären. Sie helfen Kindern ihre eigenen unbewussten Ängste zu erkennen und mit ihnen umzugehen, sie vermitteln Hoffnung und Zuversicht.


Das magische Denken der Kinder
Kindliches Denken ist, wie bereits kurz erwähnt, anders als wir es bei Erwachsenen kennen. Man sollte sich aber nicht auf das Erforschen von Denkdefiziten beschränken, sondern die Eigenart des Denkens betrachten und hinterfragen.
Sie nehmen ihre eigenen Bedürfnisse (z.B. Ernährung, Aufmerksamkeit, Zuwendung) in einem überzogenen Ausmaß wahr. Im gleichen Moment, in dem ein Bedürfnis wahrgenommen wird, bestimmt es das Denken des Kindes völlig, das Kind ist regelrecht „besessen“ davon.
Kinder denken animistisch, d.h. sie unterscheiden nicht zwischen belebten und unbelebten Dingen. Das dürfte ein kollektives Urbild sein, denn alle mir bekannten Urvölker waren und sind ebenfalls animistisch: Ein Kind nimmt sich und seine Umwelt als Einheit wahr, d.h. es kann keine klare Trennung zwischen sich und seiner Umwelt erkennen. So erleben die Kinder den Tisch als „böse“, wenn sie sich daran stoßen, die Ursache liegt eben gerade in der angesprochenen Anthropomorphisierung der Gegenstände.
Auch die magischen Vorstellungen sind ein typisches Merkmal für kindliches Denken. Kinder sind noch nicht in der Lage, dass sie Naturphänomene auf naturwissenschaftliche Art erklären können, so schreiben sie die Phänomene höheren Kräften zu, auch in der Erwachsenenwelt findet man im Aberglauben dieses kindliche, magische Denken.
Wie kann man Ursachen und Dauer dieser Denkform erklären?
Piaget, dessen Forschungsergebnisse in neueren Untersuchungen bestätigt wurden, sieht die Entwicklung des Denkens beim Kind als einen stetigen Prozess der Entwicklung von Intelligenz. Erst im Alter von 13 – 15 Jahren wird das formale, abstrakte Denken erreicht, vorher müssen verschiedene Stadien durchlaufen werden.
Nach Piaget entsteht Intelligenz aus der prozesshaften Auseinandersetzung zwischen Ich und Umwelt: Einerseits muss sich der einzelne an seine Umwelt anpassen (Akkommodation), andererseits versucht er auch die Umwelt seinen Bedürfnissen anzupassen (Assimilation).
Betrachten wir die für uns in der Grundschule relevante Phase der Denkentwicklung etwas näher:
Präoperationale Phase: In dieser Phase, die etwa vom zweiten bis zum achten Lebensjahr dauert, lernt das Kind seine soziale und räumliche Umgebung, die Sprache und seine Mitmenschen kennen, dabei muss es auch seinen eigenen Standpunkt relativieren. Erst am Ende dieser Phase ist das Kind in der Lage, logische Denkschemata auszubilden. Vom Beginn der Phase an muss das Kind aber mit seinen eigenen, noch etwas beschränkten Denkkategorien die komplexe Realität durchdringen. Es entwickelt erste Vorstellungen von Raum, Zeit und Kausalität. In dieser Phase treten nun Formen auf, die von Entwicklungspsychologen mit Begriffen wie Animismus, Artifizialismus, Magie und Partizipation umschrieben werden. Animismus und Magie wurden ja schon erklärt, daher gehe ich noch kurz auf die anderen Begriffe ein. Unter artifizialistischen Vorstellungen versteht man, dass alle Dinge (auch Mond und Sonne) von Menschen gemacht wurden. Partizipation steht für das Denken, das zwischen zwei voneinander unabhängigen Phänomenen enge Beziehungen zu erkennen glaubt.
Nach Ansicht Piagets bleibt das Kind in dieser Phase in eine individuelle Wahrheit eingebunden, dieser Egozentrismus verbaue zwar den Weg zur Objektivierung des Denkens, biete der Phantasie aber fast grenzenlose Freiräume. In diesen Freiräumen herrsche das bildhafte, konkrete Denken vor.
Selbst auf höheren Denkentwicklungsstufen greifen wir immer wieder auf alte, vertraute Denk- und Verhaltensmuster zurück; die Überschreitung der Wirklichkeit ist deshalb dem Menschen nicht von außen aufgezwungen, sondern ist immanent in seinem Wesen vorhanden.


Die Auswahl von Märchen unter dem Aspekt des kindlichen Entwicklungsstandes
Auch wenn das Volksmärchen ursprünglich nicht für Kinder gedacht war, so finden sie doch immer mehr Einzug in die Kinderzimmer. Wenn ich die Märchensammlungen in unserem Haushalt anschaue, so sind viele eigentlich unbrauchbar für meine Kinder, besonders die irischen Elfenmärchen sind doch noch eine zu schwere Kost.
Richard Bamberger () geht von drei Stufen der Entwicklung aus, die der frühen Kindheit (1. Stufe), die der reifen Kindheit (2. Stufe) und die der Vorpubertät (3.Stufe).
1. Stufe (etwa bis zum 7. Lebensjahr):
Hier empfiehlt sich das Lesen von Situationsmärchen ohne allzu viel Inhalt, aber auch Kettenmärchen („Rübenziehen“) und Tiermärchen. Die absoluten Favoriten meines jüngeren Sohnes Philip sind „Das hässliche Entlein“ und „Die 3 kleinen Schweinchen“.
2. Stufe ( 7. – 9. Lebensjahr):
Längere Tiermärchen und schon etwas anspruchsvollere, aber noch einfache Märchen mit dem Aspekt der Gefahr und Bewährung. Märchen wie „Rapunzel“ oder „Hans und die Bohnenranke“ stellen auch schon größere Anforderungen an die kindliche Phantasie und Auffassungsvermögen.
3. Stufe (zwischen 9. und 11. Lebensjahr):
Hier kann man mit den Kindern schon Märchen besprechen, die eine tiefere Symbolik haben, die nach ihrem Sinn gedeutet werden können. Im Vordergrund stehen hier Bewährungs- und Mutproben.

Aber man darf nie vergessen, dass die Märchen besonders nach dem Entwicklungsstand der Kinder ausgewählt werden müssen, denn die Stufen sind nur eine Hilfestellung, kein Muss. Es gibt, neben den Originalausgaben, auch schon sehr schöne bebilderte Bücher, die sich noch besser eignen, weil sie auch das Auge ansprechen.


Brauchen Kinder Märchen?

Diese Frage habe ich im Forum gestellt: Die Antworten könnt ihr dort nachlesen, klickt einfach hier!

  Brauchen Kinder Märchen?

 

  Nein

2 (5.9%)

  Ja

28 (82.4%)  

  Keine Ahnung

2 (5.9%)

  Ja, aber nur zu Therapiezwecken   

0 (0%)

  Ja, aber nur selbst erzählt

2 (5.9%)

  Stimmen insgesamt: 34

 



Sternenelfe


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