Anderswelt - Geschichten   Teil II
Habe ich euch übrigens schon von dem Traumstein des Drachen erzählt? Nein? Dann wird es aber höchste Zeit!
Welcome to Bell Pine Art Farm.

Rappelboldo besaß nämlich einen Stein... die Zwerge, seine Freunde hatten ihn einst für ihn aus dem Inneren des Berges geholt. Nur, wenn er ihn beim Schlafen unter der Zunge hielt, konnte er lebhafte und angenehme Träume träumen. Außerdem war er dann unbesiegbar. Dieser Stein war ihm im Schlaf nun aus dem Maul gefallen, was Wunder auch bei so einem riesigen Maul! Otto hatte von diesem Stein gehört und wusste um seine Macht. In einem so kleinen Land bleiben Geheimnisse nicht lange geheim. Er sah seine Chance gekommen. Rasch nahm er den Stein an sich und sperrte den schlafenden Drachen in seiner Höhle ein, mit Tür und Tor, mit Schloss und Riegel, krachbumm!

Da lag er nun eingesperrt in seiner Höhle, der arme Boldo und mochte rappeln, so sehr er wollte. Es nützte ihm nichts, ohne den Stein reichte seine Kraft nicht aus, nicht zum Entkommen und nicht zum Träume ins Leben träumen. Das übernahm jetzt Otto. Er nannte sich von da an Graf Otto von Rappottos - Stein und baute sich eine mächtige und große Burg.
Er baute? Nun, ganz so war es nicht. Er ließ die Menschen seines Landes für sich bauen. Die hatten jetzt keine Zeit mehr für ihre Gärten, für ihre Lieder, und ihre Kinder mussten arbeiten statt zu spielen. Und Otto träumte mit Hilfe des Drachensteines einen neuen Namen für die Menschen. Sie hießen jetzt Untertanen. Nicht nur einen neuen Namen bekamen sie, sondern ein ganz neues Leben. Das sah aber anders aus als damals, als es den Drachen noch gab. Nun gab es auch hier Arme und Reiche, viel Arbeit und wenig Brot, noch weniger Frohsinn und Glück. Auch war die Mär vom Drachenstein in andere Länder gedrungen. Manche Ritter wollten unserem Otto den Stein wegnehmen und fielen mit Kriegern und Waffengewalt in sein Land ein. Wie froh mussten die Bürger seines Landes nun sein, dass er eine solch mächtige Burg gebaut hatte und sie beschützte, na eben!

Die Zeit verging. Nach und nach vergaßen die Menschen den Drachen und seine Traumwelt, und schließlich meinten sie auch in diesem Land, die Welt sei eben so, sei immer schon so gewesen, werde immer so sein. Die letzte Drachenwelt war vom Erdboden verschwunden. Sogar die Zwerge mussten jetzt für Otto arbeiten. Sie mussten das Erz aus dem Boden holen und daraus stählerne Waffen schmieden, die Otto unbesiegbar machen sollten. Das war er dann auch. Niemals wurde diese Burg eingenommen, von niemandem. Trotzdem war Otto nicht ganz so glücklich, wie er es hätte sein können. Auch seine Frau und sein kleines Töchterchen, Anna mit Namen, waren seltsam unfroh. Warum nur? Woran lag es, dass die Welt ihnen allen so seltsam grau und farblos erschien? Da mochten die köstlichsten Speisen auf den Tisch kommen, die besten Musikanten zum Tanz aufspielen. Sogar dem Hofnarren mit seinen derben Späßen gelang es nicht, seinen Herrn wirklich zu erheitern.

Eines Tages war es soweit. Anna wollte nicht mehr essen, sie lachte nicht ein einziges Mal mehr und wurde immer blasser. Die besten Ärzte wurden gerufen, aus allen Ecken von Ottos Reich. Da standen sie nun um Annas Bett, strichen ihre Bärte, gaben reichlich "hm,hm" und "so, so, ja, ja" von sich und andere weise Ratschläge. Einer meinte, Anna sei zu viel am offenen Fenster gestanden und habe zu viel von der gefährlichen Waldluft geatmet, mit ihren giftigen Ausdünstungen. Ein Anderer behauptete mit wichtiger Miene, das könne nur vom gefährlichen Baden kommen. Man müsse Anna vor jedem Tropfen Wassers bewahren, dann würde sie wieder gesund. Ein Dritter warnte eindringlich vor frischem Gemüse und Salat. Jeder von ihnen verschrieb Anna andere Topfen, Pülverchen und Tinkturen, nannte die Diagnose der Anderen einen ausgemachten Unsinn, und fast wären sie an Annas Krankenbett in eine handfeste Rauferei geraten, wenn nicht Graf Otto sie allesamt kurzerhand hinausgeworfen hätte. Keine der verschriebenen Medizinen half.
Im Gegenteil, bald war Anna so müde und schwach, dass es schien, als müsste sie sterben. Da ließ Graf Otto Boten ins Land senden, die verkündeten: "Wer meiner Tochter helfen kann und sei er noch so arm und gering, der bekommt mein halbes Reich und meine Tochter zur Frau." Niemand aber wusste zu helfen, zumal Graf Otto ein gestrenger Herr war und man seinen Zorn fürchtete, wenn man versagte.

Da gab es einen Ziegenhirten, Fido mit Namen, der hütete die Ziegenherde des Grafen auf der Wiese unter der Burg. Eines Tages kam er dazu, als einer der Zwerge sich beim Aufheben eines Steines den langen Bart eingeklemmt hatte und nicht vorwärts noch rückwärts konnte. Er zog und zerrte, aber es half nichts, der Stolz eines anständigen Zwerges, der Bart, rückte nicht einen Zentimeter von der Stelle. Beherzt hob Fido den schweren Stein ein wenig an, und der Zwerg war wieder frei. Voller Dankbarkeit verriet er dem armen Hirten das Geheimnis, wie Anna zu helfen sei: der Drachenstein. Nur er konnte in diesem schwierigen Fall helfen. Man musste ihn dem Drachen wieder unter die Zunge legen, und dieser musste Anna gesund träumen. Welch ein schwieriges Unternehmen! Und der Drache? War er denn nicht nur eine Märchengestalt, eine Sage aus längst verwehten Tagen? Niemand glaubte noch an ihn, auch nicht Fido. Die Alten erzählten abends am Feuer von ihm, aber die Jungen lächelten über diese kindischen Geschichten. Trotzdem, der Zwerg hatte es gesagt, und Zwerge lügen nicht, das wusste Fido. Bange machte er sich auf den Weg in die Burg. "Was willst du denn hier, du armseliger Wicht! Scher dich hinunter ins Dorf, wo du hingehörst!" herrschte der Torwächter den Jungen an. Der aber erwiderte beherzt: "Ich weiß das Heilmittel für die Tochter unseres Herrn, also lass mich ein!" Spott und Hohn begleiteten Fido durch alle Höfe, auf allen Stockwerken begegneten ihm höhnische Gesichter. Der Ziegenhirte, der zerlumpte, verachtete Bengel, ausgerechnet er wollte wissen, was alle Ärzte nicht wussten: das Heilmittel für Annas Krankheit, da kicherten doch die Hühner! Man hatte Anna im Garten der Burg ein Bett gerichtet, sie verlangte nach Sonnenschein und frischer Luft, nach Vogelgesang und dem offenen Himmel. Eingedenk der Warnungen der Ärzte hatte Graf Otto größte Bedenken gegen diesen Wunsch seiner Tochter geäußert, aber, da sie doch ohnehin bald sterben musste, gewährte er ihr diese seltsame Bitte, gegen alle Vernunft.
Da lag sie nun, blass, schmal und still, die Augen auf die ziehenden Wolken gerichtet, die Seele schon mehr im lichten Blau des Himmels als auf der Erde. Als Fido das zarte Mädchen erblickte, machte sein Herz einen Luftsprung aus plötzlicher Liebe und gleich danach einen lauten Plumps.....aus genauso plötzlichem Mitleid mit dem armen Geschöpf. Alle Umstehenden sahen einander erschrocken an, weil sie nicht wussten, was da einen derart lauten Plumps gemacht hatte. Sogar Boldo in seiner vergessenen Höhle hob verschlafen kurz einmal eines seiner schweren Augenlider, um gleich darauf wieder in tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen.
Graf Otto sah streng und etwas spöttisch auf den kleinen Ziegenhirten und wollte den frechen Bengel schon von seinen Bütteln aus dem Schloss werfen lassen. Fido aber ließ sich nicht so leicht einschüchtern. Schließlich hatte er doch mit einem leibhaftigen Zwerg gesprochen! Wer konnte das schon von sich behaupten, und sei er auch ein Graf! Und außerdem, wer, außer ihm wusste das Heilmittel für Annas Schwermut, wer bitte sehr? Na eben! Fido fasste sich also ein Herz. Er riss sich von den groben Händen der Büttel los und rief mit kräftiger Stimme: "Aber, ich weiß doch das Heilmittel!" "Was, frecher Bengel!? Was wagst du da zu behaupten? Na warte, dir wird die Frechheit schon vergehen, wenn du ausgepeitscht wirst!" sagte drohend der Oberste der Wachen. Graf Otto aber rief die Wachen zurück und wollte doch hören, was der Junge zu sagen wusste. Fido stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte dem Grafen ins Ohr: "Der Drachenstein, Herr, ihr müsst ihn wieder unter Boldos Zunge legen, damit Eure Tochter gesund wird."
Graf Otto wurde abwechselnd rot und blass. Wie konnte der Junge von dem Drachenstein wissen? Uns was würde geschehen, wenn er den Stein nicht mehr hätte? All sein Reichtum, seine Macht, all seine Ländereien, alles, was er sich mit Hilfe des gestohlenen Steines zusammengeträumt hatte, sollte er darauf denn nun verzichten? Zornig wollte er Fido ins Verlies werfen lassen, doch dann besann er sich. So schlecht war er doch nicht, dass er seinem Töchterchen nicht hätte helfen wollen. Spät nachts, als alles in der Burg schon ruhig war, schlich er sich hinab in die verborgene Drachenhöhle, wo Boldo noch immer tief schlief. Er fürchtete sich sehr, als er vorsichtig, leise, leise versuchte, den Stein wieder an seinen Platz unter der Zunge des Drachen zu legen. Boldo schnarchte nämlich gewaltig, und sein mächtiger Atem drohte Graf Otto immer wieder umzublasen. Wenn er nur nicht erwachte, dann wäre es aus mit Ottos Leben! Schwitzend vor Angst und Anstrengung hob Otto Boldos Oberkiefer ein wenig an und wollte den Stein an seinen angestammten Platz legen. Doch ein Schweißtropfen fiel dem Drachen auf die Nase, und das reizte ihn zum Niesen. Und, ja, ein solches Drachenniesen ist nicht von schlechten Eltern, das kann sich jedermann wohl denken. Otto wurde quer durch die Höhle geschleudert, dass ihm Hören und Sehen verging, und, was noch schlimmer war, Boldo biss dabei auf den Traumstein, dass er in tausende und abertausende Splitter zersprang! Diese Splitter wurden von dem gewaltigen Luftstrom aus der Höhle geblasen und in alle Welt verteilt. Nur ein winziges Körnchen davon blieb im Maul des Drachens, und das genügte nicht, um die Welt für alle Menschen ins Leben zu träumen, wohl aber gerade noch, um Anna gesund zu träumen, was er auch schleunigst und tadellos tat. Dann aber hatte er genug vom Schlafen, was Wunder nach so langer Zeit! Er stieg ans Tageslicht, breitete seine Flügel aus (es machte ihm einige Schwierigkeiten, er war doch etwas aus der Übung geraten in den letzten Jahren) und flog ins Reich der Drachen zurück, von wo er einst, vor so langer Zeit gekommen war. Er hatte Sehnsucht nach seinesgleichen, und die Welt der Menschen war nicht mehr nach seinem Geschmack, mit all den Streitereien um Besitz und Macht.

Fido heiratete seine Anna. Nicht gleich, erst musste er ja einmal erwachsen werden, aber dann lebten sie lange und glücklich zusammen und bekamen viele gesunde Kinder. Sie teilten das Land unter den Bewohnern auf, dass jeder genug zum Leben hatte und zum Fröhlichsein und Feiern auch und zum Spielen und Geschichtenerzählen, zum Singen und Tanzen, für die wichtigen Dinge des Lebens eben. Graf Otto setzte sich zur Ruhe und wiegte seine Enkelkinder auf dem Schoß, und manchmal erzählte er ihnen die Geschichte vom Drachen und vom zersplitterten Drachenstein. Dann liefen die Kinder in den Wald und an den Fluss, um nach Splittern zu suchen. Manche von ihnen sollen auch den Einen oder Anderen gefunden haben und sich ein ganz besonders buntes Leben geträumt haben.
Wer weiß, vielleicht findet ihr auch diesen oder jenen Splitter davon! Dann legt ihn doch abends unter euren Kopfpolster, und wartet, was geschieht. Schöne, bunte Drachenträume wünsche ich euch!

Das WurzelWerk bedankt sich recht herzlich bei Margarete Lassi aka Morgane für diesen Artikel!


Sternenelfe


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