Runenorakel   Teil III

Von allen denkbaren Orakelformen (Tarot, Kaffeesatz- oder Rauchdeuten, Pferdewiehern, Gummibärchen usw. usf.) ist das Werfen oder Ziehen von Runen nicht die idealste. Ganz einfach deshalb, weil es dem Versuch entspricht, einen Nagel in die Wand zu klopfen mit Hilfe eines Schuhabsatzes. Was nicht unmöglich ist – nur etwas unpraktisch. Was natürlich erst einleuchtet, wenn man/frau Runen eher zur Welterkenntnis und Lebensgestaltung verwendet – und sich damit weißdiegöttin andere Möglichkeiten erschließt, was aber die meisten nicht tun. Im Folgenden daher ein paar Tipps zur Sache, die helfen mögen, ein paar typische Fehler und Irrtümer zu vermeiden, und mit den Ergebnissen von Runenorakeln leichter klarzukommen.

Sinn der Sache

Womit gesagt sein soll: Ein Orakelbild, egal was es zeigt, ist kein Schicksalsspruch im Sinne einer garantiert eintreffenden Ereignisfolge. Alles andere als das! Es ist eine Momentaufnahme, aus der sich mögliche Folgen ableiten lassen – die ein Orakelbild durchaus mit anspricht. Warum überhaupt orakeln? Um sich das gegenwärtige Verhalten mehr oder minder bestätigen zu lassen – oder es zu ändern: in Erkenntnis, dass es, lässt mensch die Dinge weiter so laufen, nicht dorthin führt, wohin mensch will! Gerade "schicksalsgläubigen" Menschen ist dieser Aspekt – der Selbstverantwortlichkeit und der eigenen Souveränität – unbedingt und ausdrücklich zu betonen. Allzuoft – so erlebe ich es immer wieder – sind gerade orakel-unerfahrene Leute geneigt, die Ergebnisse ihres Wurfs als "Weissagung" misszuverstehen – und geneigt, aus dem Häuschen zu geraten, wenn das Bild "Übles voraussagt". Aber es sagt eben nichts "voraus"! Es warnt höchstens. Und das hat nur Sinn, wenn Veränderungen stattfinden bzw. getätigt werden können. Die liegen immer in der Macht der Fragenden – meistens muss hex sie jedoch genau darauf hinweisen: so gut und so genau, bis die entsprechende Rückmeldung klarmacht, dass dieses Prinzip verstanden wurde und wird.

Jeder Atheistin aber, die darob den Eindruck bekommen könnte, dass ich die Runen dieserart nur als Aufhänger nehme, mit der ratsuchenden Person deren spezielles Thema zu erörtern, darf ich ein freundliches "na und?" entgegenlächeln. Dass hinter jedem Orakelwurf das Wirken mächtiger Gottheiten steht, das sich recht zuverlässig aus der jeweiligen Runenkonstellation lesen lässt, ist ebenso Auffassungssache wie die, dass es sich bei derselben Konstellation um wahlloses Durcheinander handele, das der Zufall generierte. Was aber so oder so herum nicht mehr "Zufall" genannt werden darf, ist der aus dem Orakel abgeleitete Rat. Der liegt in der Verantwortung der Person, die ihn gibt.

Bei dieser Gelegenheit sei allen mit Runen Orakelnden ein zu- und grundsätzlicher gegeben: Selbstverständlich sollte jedes noch so wüst erscheinende Orakelbild in einen Rat münden, aus dem sich etwas Konstruktives und irgendwie Ermutigendes ziehen lässt: für die Person, die ihn erfragt und benötigt – und mit ihrer Offenheit ein Vertrauen investiert, das gewürdigt und ernstgenommen werden muss, ganz unabhängig vom Inhalt der Themen oder irgendwelchen persönlichen Eindrücken wie Sympathie oder deren Abwesenheit (beides soll vorkommen. Wer diese Neutralität nicht aufbringt, sollte davon absehen, andere Menschen mit Ratschlägen zu behelligen). Einerseits.

Andererseits gilt: Es nützt nichts, ein möglicherweise stark dissonant oder spannungsgeladen daherkommendes Bild und die daraus resultierende Deutung derart in Watte zu verpacken, dass die beratene Person daraus schlussfolgern kann, dann sei ja doch alles halb so wild und geriete schon irgendwie gut und knuffig. Nicht, wenn Gegenteiliges dräut! Natürlich hören alle Menschen lieber gute Nachrichten als unangenehme – und jeglichen "Prophezeihungen" bzw. Prognosen gegenüber ist diese Neigung besonders ausgeprägt. Die Versuchung, dieser urmenschlichen Neigung zu entsprechen, mag kommerziell mehr kitzeln, als zahlender Kundschaft klarzumachen, dass sie dabei ist, sich in einen Riesen-Mist zu verrennen – besonders, wenn dieser Mist erkennbar heißrennenden Wünschen derselben Kundschaft entspricht (von der hex ja möchte, dass sie wiederkommt – oder eine/n zumindest weiterempfiehlt).

Meine Orakelpraxis ist Jahrzehnte alt, mein damit verbundenes kommerzielles Bestreben noch jung. Ich hoffe dennoch, auch künftig sagen zu können: Nur ehrliche Geschäfte sind gute Geschäfte. Und nur ein ehrlicher Rat ist ein letztlich brauchbarer. Noch der schwierigste lässt sich so formulieren, behaupte ich, dass die beratene Person ihn nehmen kann: als etwas, das in ihrer Macht und Möglichkeit liegt. Selbst wenn der Inhalt mit zunächst unangenehmen Tatsachen oder Aussichten konfrontiert. Der Ton macht die Musik! Aber ehrlich muss er sein. Gerade Runen – genauer: die göttlichen Mächte, die durch sie sprechen – äußern sich gern einen ganzen Tick ruppiger und schroffer als andere Divinationsformen! Abermals gilt: Ohne Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl geht hier gar nichts.

Der große Wurf

Vor über 20 Jahren, als ich alltägliche Runenerfahrungen noch – tatsächlich auch – über vorwiegendes Orakeln erwarb, leitete ich meine Methoden erstmal vom Tarot ab: übertrug dort populäre "Legebilder" aufs Runensystem, indem ich sie zuerst übernahm, um sie dann zunehmend zu verändern. Zusätzlich ließ ich mich von dieser und jener esoterischen Runenliteratur zu weiteren Orakelformen inspirieren – auch wenn ich die Runeninfo in den Büchern selbst meist eher kärglich, blödsinnig oder sonstwie daneben fand. Ich versuchte gewissermaßen, mir die "Perlen herauszupicken" – besser: selber welche daraus zu generieren. Die einfachen Formen einzelner Runen verführten mich zudem dazu, ganze Orakelmuster bzw. "Legespiele" in Runenform zu erhirnen. Nach einer Weile hatte ich ein dickes handgeschriebenes Büchlein zusammen: Würfe mit gern blumigen Titeln wie "Sleipnirs Wiehern", dem "Feuerwurf", "Lokis Eibenast" – oder gar dem höchst aufwendigen "Charakterwurf" (den ich mir nur ein einziges Mal antat), bei dem ich ein komplettes Futhark aufzeichnete und darauf ein komplett blind gezogenes Futhark Zeichen für Zeichen legen ließ, um aus den Beziehungen der Runen untereinander ein dadurch 48fach facettiertes "Charakterbild" zu schlussfolgern – wozu ich in jenem Fall eine halbe Woche brauchte, von der grafischen und verbalschriftlichen Doku dazu ganz zu schweigen... Hex tut sich ja sonst nix an, wa. ;-)

In der Praxis stellte ich fest, dass ich ohnedies eine Vorauswahl treffen musste für meine Klientel – die in den allermeisten Fällen mit der Fülle der Wurf- bzw. Legemöglichkeiten heillos überfordert war. In jenen ersten Jahren meines bekennenden Heidentums hätte ich mich "nordisch orientiert", aber noch nicht Ásatrú genannt – tat also genau das, was ich später nicht mehr so gut verstand: mich nämlich mit Runen zu beschäftigen, ohne mich der Kultur nahe oder gar zugehörig zu fühlen, der sie entstammen. Nach meinem definitiven Bekenntnis zu Ásatrú, dem Bund mit germanischen Gottheiten (der eine noch gewichtigere kulturell-gesellschaftliche Komponente hat als die Frage nach einer bestimmten spirituellen Orientierung – aber die Erörterung dieses Komplexes führte hier deutlich zu weit), vereinfachten sich meine Methoden so grundlegend wie sie sich plötzlich ungleich stärkerer Wirkung erfreuten. Im Klartext: Ich legte das dicke, zerfledderte Handbuch mit den 1001 selbsterknobelten "Runenwürfen" auf irgendein Weißtenoch-Regal – und offerierte nurmehr zwei Wurfformen. Da der eine überhaupt nie gewählt wurde von irgendjemandem – nämlich drei Runen aus dem Beutel zu ziehen und die dann zu deuten – biete ich seit langem nur noch eine einzige Orakelform an, den so genannten "freien Wurf": das blinde Erfühlen, Befummeln und alsbaldige Werfen aller 24 Runen des Älteren Futharks auf ein Leintuch (oder, in jüngerer Zeit, gern auf das große Fell meiner alten Rahmentrommel).

Das ergibt ein meist sehr differenziertes Bild auf-, über-, unter- und nebeneinander liegender Runen – etwas mühsam zu dokumentieren in veranschaulichend erinnernder Grafik, aber umso ergiebiger in der Deutung. Auffällig oft zeigt sich bei diesem Wurf nur ein Viertel bis ein Drittel der 24 Runen lesbar – der meist überwiegende Rest fällt aufs Gesicht und kann ignoriert werden – aber es gibt Ausnahmen. (Anmerkung: Ich benutze Holzscheibchen mit darauf eingebrannten Runenzeichen. Jüngst habe ich auch mit Runensets in Stabform experimentiert – und einige davon verkauft –, aber die Herstellung ist schwieriger für mich und die handwerkliche Gestaltung gelingt mir da weniger als bei den altvertrauten, meist mehr oder minder ovalen Scheibchen, die sich gut aus halbwegs geraden Ästchen dieses oder jenes Holzes sägen lassen.)

Werfen lasse ich die Runen in Nordrichtung – wichtig für die Lesart des Orakelbildes. (Weniger, dass es Norden sein muss, als vielmehr, dass ich das Bild aus derselben Raum- bzw. Richtungsperspektive der Person lese, die den Wurf getätigt hat.)

Neben teils eindeutig aufrecht, teils gestürzt lesbaren Zeichen kommen dabei etliche Runen in Schrägstellungen zu liegen, die interessante Zwischentöne ergeben. Nahezu waagrecht liegende Zeichen deute ich dabei als "wichtig fürs Thema, aber in neutraler, gewissermaßen noch zu entwickelnder Richtung". Ansonsten messe ich schräg liegende Runen danach, ob sie graduell eher zum Kopfstand oder zur aufrechten Lage neigen – der jeweilige Neigungsgrad zu diesem oder jenem Zustand sagt zusätzlich etwas aus.

Zuweilen decke ich auf dem Gesicht liegende Scheibchen, die ihre Zeichen nicht zeigen (und sich dadurch als unerheblich ausweisen für die Orakelfrage), dennoch auf: um zu erfahren, welcher Aspekt KEINE Rolle spielt – was der genauesten Ratsfindung dienlich sein mag. Oder sichtbare Runen überdecken einander halb oder ganz, weil ihre "Datenträger" ;-) mehr oder minder aufeinander zu liegen kamen: Hier zeigen sich eng verbundene Aspekte, die es zu deuten gilt. Wieder andere Runen mögen weiter entfernt liegen – während sich manche regelrecht stauen: All das fließt ins Lesen mit ein. Live und in Farbe: in laufendem Gespräch mit der Person, die das Orakel warf.


Ende Teil III


Eibensang


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