Runenorakel   Teil II

Von allen denkbaren Orakelformen (Tarot, Kaffeesatz- oder Rauchdeuten, Pferdewiehern, Gummibärchen usw. usf.) ist das Werfen oder Ziehen von Runen nicht die idealste. Ganz einfach deshalb, weil es dem Versuch entspricht, einen Nagel in die Wand zu klopfen mit Hilfe eines Schuhabsatzes. Was nicht unmöglich ist – nur etwas unpraktisch. Was natürlich erst einleuchtet, wenn man/frau Runen eher zur Welterkenntnis und Lebensgestaltung verwendet – und sich damit weißdiegöttin andere Möglichkeiten erschließt, was aber die meisten nicht tun. Im Folgenden daher ein paar Tipps zur Sache, die helfen mögen, ein paar typische Fehler und Irrtümer zu vermeiden, und mit den Ergebnissen von Runenorakeln leichter klarzukommen.

Achtung, Gift!

Apropos neuzeitlich: Das heutzutage dank absolut unkritischer Eso-Schreiberlinge immer noch sehr weit verbreitete sog. "18er Runensystem" ist überhaupt keins. Dieses auch "Armanen-Futhork" genannte Zeichensystem aus 18 "Runen", die Runen insofern täuschend ähnlich sehen, als sie willkürlich aus dem Jüngeren Futhark gefleddert wurden, hat sich eingangs des 20. Jh. der Ideologe Guido "von" List ausgedacht – der den späteren Nazis und vergleichbaren Rassisten damit den okkulten Überbau für ihre höchst ungermanischen Ansichten und Umtriebe lieferte. Das "18er System" ist so germanisch wie ein Smartphone, nur viel gefährlicher: Es existiert nur aus dem einen Grund, Menschen in "wertige" und "unwerte" "Rassen" aufzuteilen. Es ist Bestandteil der Ariosophie, einer okkult konstruierten Lehre, die ebenfalls besagter Guido "von" List verantwortet (und die das noch giftigere Kind der ebenfalls ziemlich menschenfeindlichen "Theosophie" einer gewissen Helena P. Blavatsky ist – gleichwohl deren Unsinn zumindest in Versatzstücken bis heute durch alle möglichen esoterisch vernebelten Gehirne spukt und äußerst fragwürdige Urständ' feiert: dies gern auch ohne bewusstes Wissen der NachbeterInnen, deren Wahrheitsdurst in Wahrheit aus kontinuierlichem Wegschauen und anhaltender Denkverweigerung besteht). Letztlich rechtfertigt diese Lehre Kolonialismus – und die Ableitung zum "Herren- und Untermenschentum" der Nationalsozialisten ist kein Unfall gewesen, sondern in dieser Denkart folgerichtig. Das "18er Runensystem" oder "List-Futhork" unterstützt diese Denke – und keine andere – magisch.

Nein, man stirbt nicht sofort bei Benutzung. Genausowenig wie von Genfood, Glutamat, dem Fleisch industriell gequälter Tiere oder dem Gebrauch von Atomstrom, der BILD- oder Kronen-"Zeitung" und vergleichbaren Angstverstärker-Journaillen oder Heroin oder Crack oder permanentem Fernsehkonsum unter Ausschluss von Alternativen. Nicht alles, wovon abzuraten ist, hat sofort spürbare Direktfolgen für uns. Aber alles macht was. Verstehst'! Von wegen "Bewusstsein" und "ganzheitlicher" Lebensführung und so!

Ebenfalls gewarnt sei vor dem als meditativ oder gar als kenntnisfördernd apostrophierten Nachstellen von Runenformen mit dem eigenen Körper, so genanntem "Runen-Yoga" (zuweilen auch mit altnordisch klingenden Begriffen wie "Stadha / Stödhur" belegt, was den Scheiß aber weder historischer noch irgendwie germanischer macht). All dieses Geturne und Genöhle, ohne das bis heute so gut wie kein esoterisches Runenbuch auskommt (freilich, ohne die Quelle zu nennen!), geht auf einen einzigen Menschen zurück: Friedrich Bernhard Marby. Seine 1934 erschienene Broschüre hieß – lasst euch den Titel auf der Zunge zergehen, bevor ihr ausspuckt und gründlich spült – "Rassische Gymnastik als Aufraffungsweg". Und hat nur diese Bedeutung – samt magischem Flashback.

Es gibt m.E. keinen auch nur halbwegs vernünftigen Grund – zumindest nicht für magisch kundige oder interessierte Menschen, die doch sonst so gern auf "Zusammenhänge" verweisen und wissen, dass alles "miteinander verbunden" ist –, solchen Quellen durch Nachmachen oder Nachturnereien auch nur die geringste Energie zuzuführen.


Grundlagen des Orakelns

Aber nun endlich zum Thema: dem Orakeln mit eckigen germanischen Zeichen. Erklärungen, was die einzelnen Runen bedeuten (und was noch, und was unter bestimmten Umständen außerdem... von ihren Zusammenhängen ganz zu schwelgen), sprengten hier den Rahmen. Persönlichen Bezug zum verwendeten System (für die deutende Person. Die fragende braucht ja nicht unbedingt einen!), Kenntnis der Zeichen und ihrer Grundbedeutungen, idealerweise empirisch erprobte Ableitungen oder Varianten davon etc. – kurz: ein bisschen "praktische Orakelerfahrung" – setze ich hier einfach mal voraus.

Was die meisten Orakelnden wissen dürften oder sollten, sei für alle anderen kurz zusammengefasst: keine suggestiven Fragen ("wann werde ich reich / verliebe ich mich" o.ä.), keine Ja-Nein-Fragen, keine Fragen nach definitiven Zeitpunkten oder sonstigen Zahlen-Ergebnissen, und am besten jeder fragenden Person nicht mehr als ein Orakel an ein- und demselben Tag deuten – ein jedes Orakelbild will erstmal "überschlafen" werden, gerade auch, wenn das Ergebnis zu weiteren Fragen einlädt. Die Entscheidung, Menschen in erkennbar labilem Seelenzustand oder extrem aufgewühlter Gemütsverfassung einen – ja sonstwie ausfallen könnenden – Orakelwurf für den betreffenden Tag und Zustand eher zu verweigern, aus Gründen der Verantwortung, setze ich ebenfalls voraus.

Ein jedes Orakel ist (immer nur) so gut wie seine Deutung. Sie ist der Knackpunkt der Sache. Mir ist daher, bevor ich mein Runensäckchen auch nur anfasse, wichtig, worum es der Person, die ein Orakel möchte, geht. Viele Fragende müssen sich da erstmal ein wenig sortieren innerlich – was unabdingbar ist: Wie sollte hex ein Orakelbild lesen, dem anstatt einer klaren Frage ein ganzer Wirrwarr von Themen, womöglich ein verschlungenes Knäuel unterschiedlicher Problematiken zugrundeliegt? Was zu einer weiteren Grundregel führt: Die ausgesprochene Frage sollte so einfach wie nur irgend möglich formuliert sein – und es gehört zur Verantwortung der deutenden Person, der fragenden diese Formulierung nicht etwa vorab in den Mund zu legen, auch wenn das bis dahin gediehene Vorbereitungsgespräch vielleicht längst dazu einlädt. Gerade die Runen antworten immer und nur auf das Anliegen, das der fragenden Person wirklich und zutiefst am Herzen liegt – befindet sich die deutende in Unkenntnis darüber, kann die Erklärung, die Deutung des Bildes, nur in Blödsinn münden (der im besten Fall harmlos sein mag, genausogut aber schädlich ausfallen kann).

Hier sind sowohl Menschenkenntnis als auch Fingerspitzengefühl gefragt – und gegebenenfalls ein gerüttelt Maß Geduld: gerade Menschen gegenüber, die solch ein Prozedere – ihr persönliches Anliegen in einem griffigen, klaren Satz, möglichst ohne Nebensätze – zusammenzufassen, nicht gewohnt sind und sich damit zunächst etwas schwer tun. Das Finden bzw. Herausarbeiten des Fragesatzes ist die halbe Miete! Und nochmal: Es ist zwingend erforderlich, dass die betreffende Person ihren Satz ausschließlich selbst formuliert. Die gute Nachricht dabei: Oft helfen die dazu erforderlichen Gedanken und Überlegungen bereits, das Anliegen so zu konturieren, dass die spätere Deutung des Orakelwurfes eine wird, mit dem die Fragerin auch etwas anfangen kann. ;-) Selbstverständlich sollte hex bei der Findung der Fragestellung behutsam helfen – aber eben nicht durch eigenmächtige Vorformulierungen, auch wenn die Zunge juckt.

Wichtig: keine Negativformulierungen zulassen! Will sagen: immer auf klarer Positivformulierung bestehen! ;-) Das Unterbewusste kennt keine Verneinung. "Was muss ich tun, damit meine Beziehung nicht misslingt" kann nur zu einem Bild führen, das, folgt die Person dem Rat, diese Beziehung sicher gegen die Wand fährt. Lieber nachfragen, was sich die Fragende unter einer gelungenen bzw. gelingenden Beziehung vorstellt – und anregen, dies knapp und prägnant auszudrücken. Je konkreter, klarer und einfacher die Formulierung ausfällt, desto deutlicher werden Orakelbild und daraus ableitbarer Rat.


Das zyklische Zeitverständnis

Hier kommen wir zu einer runenspezifischen Besonderheit. Vergesst die gewohnte Zeitachse "Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft"! In germanischer Denke existiert die so nicht, daher können Runen, nach einer "Zukunft" befragt, nur ziemlichen Müll absondern. Ich habe an dieser Stelle bereits vor Jahren versucht (in meinem Essay "No future – warum das Germanische keine Zukunft hat"), das (von mir so genannte) "Nornenmodell" zu erläutern: Die Schicksalsmächte, weiblich personifiziert als (allen Gottheiten weit übergeordnete Nornen namens) Urda, Verdandi und Skuld, verkörpern ein zyklisches Zeitbild. In Kurzform: Urda ist alles, was vergangen, bereits passiert ist. Das ist unveränderlich – und kann als Boden angesehen werden, auf dem wir stehen. Dabei ist es unerheblich, ob ein Ereignis länger zurückliegt oder erst soeben geschah: Passiert ist passiert. Zugriff haben wir ausschließlich auf die Gegenwart. Die verkörpert sich in Verdandi, der "Werdenden": was eine Art Zukunft miteinschließt – allerdings nur die unmittelbare. Jener kurze Zeitraum, der noch direkt mit der Gegenwart verbunden und von ihr nicht wirklich trennbar ist. Im Grunde das, was gerade geschieht – und uns die einzig mögliche Eingriffsmöglichkeit aufs Schicksal gestattet: dafür eine überaus umfassende. Skuld verkörpert dann nicht etwa "Schuld" im sittenchristlichen Sinne eines irgendwie "abbüßbaren" Vergehens oder gar einer "Strafe". Von solch moralischer Bewertung ist das Nornenmodell – oder germanisches Denken überhaupt – so weit entfernt wie der Papst vom Menstruieren als heiliger Handlung. Die Herleitung des Nornennamens Skuld aus "(etwas) schulden" bezieht sich vielmehr und ausschließlich auf die – in sich völlig wertfreie – "Konsequenz der Tat". Denn die Gegenwart – das, was du darin tust, was dort passiert – verändert dann doch die Vergangenheit: dahingehend, dass ihr durch die Gegenwart etwas hinzugefügt wird, das im nächsten Moment nicht mehr verändert werden kann, weil es im Augenblick seiner Manifestation Urd bereichert – wodurch sich der Nornenkreis schließt. Urd selbst ist nicht mehr beeinflussbar, Verdandi – die Gegenwart – ermöglicht uns jede Tat, jede Eingriffsmöglichkeit: immer nur jetzt – und aus der resultiert, ausgedrückt durch Skuld, diese und jene Veränderung.

Fürs Orakeln heißt das (wie auch, genau genommen, fürs "richtige Leben"): Eine Zukunft findet nicht statt – außer in der unmittelbaren Gegenwart, in Form unserer Wünsche und Ängste oder sonstwelcher Vorstellungen, die wir darüber entwickeln. Da die Eingriffsmöglichkeit immer nur im Jetzt besteht, ist es sinnvoll, auch die Orakelfrage möglichst im Präsens zu halten. Natürlich lassen sich Entwicklungstendenzen erfragen – aber sie gehen immer vom Jetzt aus. Und so weit sie auch in eine (erhoffte oder befürchtete, immer aber nur: gedachte, nie festzumachende) "Zukunft" zielen mögen: Das Orakelbild zeigt lediglich auf, worauf es hinauslaufen könnte, wenn die fragende Person NICHTS weiter unternimmt, sondern in ihrem bisherigen Zustand verharrt bzw. bei ihrer momentanen Haltung, Strategie oder Taktik bleibt. Insofern ist das Orakelbild vergleichbar mit einer Tankanzeige: noch soundsoviel Kilometer unter diesen Umständen so weiter, dann geht dir voraussichtlich auf halber Strecke das Benzin aus – oder der Tank ist voll genug, das Ziel zu erreichen, ohne dass du dich weiter drum kümmern musst. Niemand betrachtet eine warnende Tankanzeige als Schicksalsschlag – auch Orakel sind ggf. als Hinweise zu lesen, bestimmte Dinge zu ändern: gerade dann, wenn sie auf Gefahren verweisen.


Ende Teil II


Eibensang


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