Das Steinorakel   Teil II
Über ein Orakel, seine Herstellung und seinen Gebrauch.

Die  erste Vorbereitung - (St)Einweihung und Kieselspiel

Wenn wir an einem Ritualplatz angekommen sind (Angekommen? Wo? Wann? – Zur rechten Zeit am rechten Ort: Du wirst es wissen; die Steine werden es wissen) legen wir unser Bündeltuch auf den Boden, knoten die Eckzipfel auf, schütten die achtundvierzig Kiesel ordentlich in die Mitte, schütteln noch die zwei Edelsteine aus ihrem Beutel, lassen alle Steine uns noch einmal, zweimal, dreimal durch die Finger kieseln, Finger wie Wasser – wer hat das jetzt gesagt? – schichten sie wieder in der Mitte des Tuches und unserer Aufmerksamkeit.
Diese, obwohl oder gerade weil sie gespannt ist, wird von den Steinen zu sich hingezogen, hängt, dem Steingewicht folgend, gleichsam nach unten durch, bekommt eine Mitte, einen Schwerpunkt. Stellt euch das Orakeltuch knapp über dem Boden aufgespannt vor, die Steine in der Mitte, dann habt ihr ein Bild eurer Aufmerksamkeit vor Augen.

Spannt so ein Aufmerksamkeitstuch in der Welt der Dinge auf (in „Wirklichkeit“, wie es immer heißt, so als sei nur die Welt der Dinge wirkend), aber nehmt, zumindest zu Anfang, nicht das Orakeltuch, sondern Flickerln und Fleckerln aus Stoff oder Leder, in Quadrate geschnitten, denn ihr wollt ausprobieren: was passiert, wenn man so ein Tuchviereck nur an den Ecken spannt und einen Kiesel in die Mitte legt, drei, dreizehn, alle? Was, wenn man die Kiesel gleichmäßig über das Tuch verteilt? Was, wenn man zehn, zwanzig, dreißig Kiesel in die Mitte legt und dann einen an den Rand dazu? Wenn der Stoff, das Leder glatt genug ist, und der Kiesel auch, wird er zur Mitte rutschen, nicht wahr? Und was bedeutet das für die Funktionsweise unserer Aufmerksamkeit? Was geschieht, wenn wir das Tuch, wenn wir die Aufmerksamkeit, auch an den Rändern befestigen, stärker spannen?  Erinnert ihr euch, dass man mit einem Ledertuch, das mit den Eckzipfeln an vier Pflöcke im Boden gespannt und in der Mitte mit einem Stein (oder achtundvierzig Kieselsteinen und zwei Edelsteinen) beschwert ist, Tauwasser sammeln kann, wenn man ein Gefäß unter die steinbeschwerte, durchhängende Mitte des Tuchs stellt von der Nacht bis zum Morgen?
Das so gewonnene Wasser ist heiliges Wasser, und man gewinnt es nicht zu jeder Jahreszeit. Man gewinnt es zu keiner Jahreszeit, wenn das Tuch, wenn die Aufmerksamkeit zu stark gespannt ist und ebenso wenig, wenn das Aufmerksamkeitstuch zu stark durchhängt. Ist das Tuch zu stark gespannt, wird es den Tau zwar aufsammeln, aber der Stoff wird ihn aufsaugen; das Gefäß unter dem Tuch bleibt leer, und nach Sonnenaufgang (im Licht des Bewusstseins?) verdunstet es schnell.
Man gewinnt auch nichts, wenn das Aufmerksamkeitstuch zu stark durchhängt und entweder die Erde oder den Boden des unter die Mitte gestellten Gefäßes berührt; in diesem Fall saugt sich das Tuch  zwar auch voll, kann die Feuchtigkeit aber ebenfalls nicht tropfenweise abgeben - und hat man ein zu saugfähiges Tuch, ist ohnehin alle Mühe vergebens. (Im Notfall ist schummeln erlaubt: wringt das Tuch einfach über dem Gefäß aus!) Ist deine Aufmerksamkeit vielleicht so unbeschwert oder so beschwert, dass sie alles aufsaugt und nichts sammelt, weiterleitet, hergibt, an dein Gedächtnis, zum Beispiel?

Orakelsteine und ein Orakeltuch, mit denen man einmal Tauwasser gesammelt hat, haben eine starke Verbindung zu allen fünf Elementen, denn alle fünf sind nötig, um das Gefäß zu füllen. Steine und Tuch gelten fortan als den Elementen geweiht, das Steinwasser hat heilende Kräfte. Wer wahrsehen will, sollte sich damit die Augen benetzen.


Steine sind Wegweiser, fast möchte man sagen: Weg-Weise

Steine sind die Wegweiser im und zum Bach genau so gut wie der Weg über den Bach; sie bezeichnen Grenzen und, als Mauer, sind sie die Grenze selbst; sie führen dich zum Berg, bilden Anhalts-Punkte auf dem Weg zum Gipfel oder sie sorgen dafür, dass du ausgleitest und nie auf den Gipfel kommst; sie sind der Gipfel selbst und der Abgrund, aber auch der Aussichts-Standpunkt. Von der Natur oder (wieso oder?) von Menschenhand aufgestellt treten Steine in Verbindung zu den Sternen, deren kleine, irdische Brüder und Schwestern sie sind und mit denen sie ihre wegweisenden Funktionen teilen.

Steine sind die natürlichen Verbündeten für ein Wegorakel.

Manchmal muss man sie daran erinnern.

Besonders die Kiesel, die kleinen, unbedeutenden, die, über die vielleicht Jahre lang die Autos auf den Parkplatz gefahren sind; aber auch alle anderen Kiesel brauchen Zeit, um Orakelkiesel zu werden, brauchen Zeit, um zu wachsen. Unsere Kiesel und wir brauchen Zeit um zusammenzuwachsen, zusammen zu wachsen. Wenn Stein, Mensch und Weg eins geworden sind, so erscheint ein Leitstern am Himmel, heißt es.

Aber bloß so Kieselsteine? Kieselsteine als Wegweiser? Zweifelnd blicken wir auf unser weißgewaschenes Steinhäufelchen. Berggipfel schweben uns da eher vor, möglichst mit Leuchtfeuer, oder übermannshohe aufrecht stehende Menhire, im Kreis stehend oder auch nicht, oder steinweibsrunde, gewichtig daliegende Feldsteine, Stonehenge am Ende gar, wenn wir just von aller Fantasie verlassen sind, aber Kieselsteine? Wie könnten Kieselsteine einen Weg weisen?

Besser als Brotkrumen, sagt da unser (inneres) Kind und überrascht uns je mehr, je länger wir das Märchen von Hänsel und Gretel schon vergessen hatten. Beinahe abenteuerlustig betrachten wir unsere hellen Kieselsteine auf ihrem bunten Ritualtuch. Achtundvierzig plus zwei Steine, das müsste doch schon reichen für einen ziemlich langen Weg? Natürlich würden die mühsam Gereinigten wieder schmutzig werden, schon wieder, denken wir und wiegen zweifelnd den Kopf. Wir könnten sogar etliche der mühsam Gesammelten wieder verlieren. Wir könnten sogar die Edelsteine wieder verlieren…


Wegsuch-Methode oder Weg- und-Such-Methode

Trotzdem (oder gerade deswegen?) empfehle ich die Wegsuch-Methode, die Weg-und-Such-Methode als Vorbereitung für den Gebrauch des Steinorakels. Die Edelsteine zumindest werden wir schon nicht verlieren,  und ganz bestimmt nicht beide zusammen, denn brauchen werden wir immer nur einen, je nachdem, ob wir einen Sonnen- oder einen Mondweg suchen, und diesen einen Edelstein hängen wir uns an (s)einem Lederbeutel um den Hals und packen ihn nur aus, wenn wir die Steine am Anfang oder am Ende eines Weges versammeln. (Später wird er uns, in der Hand gehalten, allerdings in seiner Eigenschaft als Wünschelstein auch dazu dienen, verlorene Wegsteine und Anderes zu finden, aber so weit sind wir noch nicht.)

Es gibt also einen Tagweg und einen Nachtweg, ein Tagwerk und ein Nachtwerk, Wegstrecken, die man bei Tage und Wegstrecken, die man bei Nacht zurücklegen muss und vielleicht auch wollen lernen muss. Aber weil das Wegefinden anfängt wie ein Kinderspiel, das man dazu noch fast unendlich variieren kann, tun sich Kinder zumeist leichter damit als Erwachsene. Diese ziehen, bei und trotz aller sonstigen (Vor-)Liebe zu (Tages-)Lichtqualitäten für die Wegfindung, für das Wegespiel oft die Nacht- oder wenigstens die Dämmerungsstunden vor, denn wie sähe das aus, wenn ein/e Erwachsene/r eine Kieselspur hinter sich auslegte, einfach so im Weitergehen, erst einen, dann sieben, vierzehn, vierundzwanzig, achtundvierzig,  nur um dann kehrt zu machen und alle Kiesel wieder in die Tasche oder den Beutel zu sammeln? Kinder tun sich da, wie gesagt, leichter, haben aber dafür eher Angst im Dunkeln als Erwachsene, und da natürlich schon Kinder ihr eigenes Orakel sammeln, vorbereiten und gebrauchen können, bieten sie sich als Gefährten für jene Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten an, die (noch) zu schüchtern sind, um ohne ein Alibikind an der Hand am hell lichten Tage Steinspuren zu legen; dass sie im Gegenzug ihre Kinder in die Dunkelheit, ins Vollmondlicht, in den Wald und aufs Feld begleiten versteht sich von selbst.

Doch sollte man, bei allem gemeinsamen Spaß, den man beim Spiel mit den fünfzig Steinen haben kann, nicht vergessen, dass es in diesem Spiel in erster Linie darum geht, die Steine als Verbündete zu gewinnen.


Was bedeutet es, fragst du, Steine als Verbündete zu gewinnen?

Es bedeutet zunächst einmal, ein unzerreißbares Band zwischen dir und den Steinen herzustellen.
Weiters bedeutet es, ein unzerreißbares Band zwischen den Steinen und deinen Wegen zu knüpfen.
Und endlich bedeutet es die Erschaffung (oder Wiederentdeckung? Bedeutet „Erschaffen“ nicht „Wiederentdecken“?) eines unzerreißbaren Bandes zwischen den Steinen und den Sternen.
Erst, wenn du diesen Voraussetzungen ermöglichen kannst, sich zu ergeben – „erfüllt“ werden sie nie sein, zum Glück, denn es handelt sich um lebenslange, überlebenslange, steinlebenslange Prozesse – werden aus den Steinen Orakelsteine; erst dann kann man sie entsprechend kennzeichnen, ritzen, färben und bemalen (nur um, an dieser Stelle schon sei es gesagt, irgendwann die Ritzungen, Färbungen und Bemalungen wieder aufgeben zu können – falls man das möchte; manchmal verschwinden sie auch von selbst, entweder wie von Geisterhand, oder weil, wie es früher der Fall war, die Ritzungen, Färbungen und Bemalungen als Vergängliches angelegt wurden.) 


Rivka


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