Das Steinorakel   Teil I

Über ein Orakel, seine Herstellung und seinen Gebrauch

Das Sammeln

Obwohl ich keinerlei „objektive“ Anhaltspunkte, geschweige denn wissenschaftliche Beweise dafür habe, glaube ich jenen, die es mich lehrten (und meiner eigenen Intuition) gerne, dass das Steinorakel steinalt ist. Es ähnelt dem Baumorakel, dem Runenwerfen und dem I Ging; auch den geomantischen Zeichen. Vorstellen kann ich das Steinorakel hier nur so, wie ich es kenne, und in dieser Form beruft es sich auf kein anderes Orakel; nur auf sich selbst; nur auf die Steine und die Sterne.

Sterne und Steine halten dem magischen Menschen Himmel und Erde zusammen, wie Essen und Trinken Leib und Seele zusammen halten, und sie eröffnen ihm ein Verständnis dessen, was ihn selbst und die Welt, ja, eben „im Innersten zusammenhält“  wenn er ihre Verbindung, ihre Natur, ihr Angebot bemerkt, vertieft, gebraucht. Ohne diesen Hin-Blick geht allerdings gar nichts, denn so, wie die Sterne am Nachthimmel nicht „von Natur aus“ Sternbilder ergeben, sondern es dazu des (Um?-)Wegs durch den menschlichen Geist bedarf, des Spiegels der menschlichen Augen, „in dem die Sterne sich erblicken“, so weisen Sterne und Steine „von Natur aus“ keinen Weg, weder durch den Raum noch durch die Zeit. Erst die Verbindungen zwischen den Sternen, zwischen den Steinen, handgeknüpft, werden Weg weisend. Hat der Mensch diese (Energie-) Verbindungen nun er-funden oder ge-funden? Für die je besondere Energie, wie sie von einem Sternbild im Tierkreis oder von einer („natürlichen“ oder „künstlichen“) Steinsetzung wie einem eigenartig geformten Felsen oder einem Steinkreis oder auch dem Steinorakel angezeigt wird, scheint dieser Unterschied zwischen ge-funden und er-funden keine Rolle zu spielen.

Und spielt er denn eine Rolle für uns? Was ist denn das Er-fundene am Ende anderes als das im eigenen Geist, im eigenen Vorstellungsvermögen, in der eigenen Fantasie Ge-fundene? Und ist die Linie, die das Vor-Ge-fundene vom Er-fundenen trennt, nicht ihrerseits eine Erfindung? Eine, die das Innen (das Erfundene) vom Außen (dem Gefundenen) trennt, so, als ob die beiden nichts miteinander zu tun hätten? So, wie Sterne und Steine – scheinbar oder anscheinend, der „Schein“ ist doch immer dabei – nichts miteinander zu tun haben, die einen oben, die andern unten? Oder so, wie der Fall von Schafgarbenstängeln oder Orakelkieseln augen-scheinlich nichts zu tun hat mit der Bedeutung, die der Orakelleser, die Zeichendeuterin in ihnen (vor-)findet?

Orakel lesen ist freilich keine trennende, analytische, sondern eine synthetische, zusammenführende Methode der Sinnfindung, und schon im Bereich der vorbereitenden Sachensuche müssen wir für unser Orakel zunächst die richtigen Steine zusammenführen, eine Tätigkeit, die mehr dem Zulassen als dem Zu-Tun, mehr dem Erfinden und Ersuchen als dem Suchen und Finden ähnelt und deren Ergebnis nicht in einem endlichen Resultat, sondern in einem unendlichen Prozess besteht; ein „Ein-für-Allemal“, ein „So-ist-es-und-nicht-anders“, ein „Basta“, ein Ende gibt es nicht im Bereich des Orakels, schon in seiner Vorbereitung nicht.

Achtundvierzig und zwei Steine brauchen wir, achtundvierzig weiße (oder helle) Kieselsteine von etwa der Größe einer halben Walnussschale und zwei Edelsteine (worunter  nicht nur die Steinweisen, sondern neuerdings auch manche Mineralogen wieder auch die Halbedel- oder Schmucksteine verstehen), einen gelben Edelstein und einen blauen also, ich persönlich ziehe den Bernstein und den Lapislazuli oder den Mondstein allen anderen vor; sie sollten allerdings so geschliffen sein, dass sie sich der Hand genau wie Kiesel einschmiegen; Bernstein kann schon in dieser Form gefunden werden.
Doch zurück zu den „gewöhnlichen“ Steinen: am Besten eignen sich Flusskiesel, die über lange Zeit vom Wasser glatt geschliffen worden sind, die ovale Formen haben und zumindest zwei glatte, platte Seiten, die sich bemalen lassen, falls man die Steine nicht färbt; alle Steine sollten möglichst gleich groß sein, und erst, nachdem man die achtundvierzig Kiesel für das Orakelset beisammen hat, sollte man die beiden passenden Edelsteine dazu besorgen, was wohl in der Regel bedeutet, dass man sie wird kaufen müssen.

Auch weiße Kieselsteine kann man heutzutage natürlich kaufen; es spricht nichts dagegen, wenn es wirklich keine andere Möglichkeit gibt, denn auch gekaufte Kiesel haben ihre Form dem fließenden Wasser, dem Eis, der Endmoräne, dem Wetterwechsel, der Hitze und der Kälte zu verdanken und nicht irgend einer Serienproduktion. Sollte allerdings die Ungeduld des (zukünftigen) Steinorakellesers, der zukünftigen Steinweisen der Grund für den kurzen Weg des Kaufes sein, so rate ich davon ab ihn zu gehen: es sei denn, er oder sie wolle seine oder ihre Steine nur deshalb über den kurzen Weg bekommen, um über den langen Weg Geduld von und mit ihnen zu lernen.

Überdies gibt es tatsächlich kaum einen Ort, selbst die Großstadt nicht, in dem Orakelkiesel nicht zu finden wären: in Gärten, als Einfassungen um Grünanlagen herum, in Parks und auf den Grundstücken von Supermärkten. Warum also für etwas so Langfristiges wie einen Kieselstein etwas so Kurzfristiges wie Geld ausgeben?

Die gesammelten Steine sollte man sorgfältig abwaschen (notfalls kochen) und im Freien in der Sonne, unter gelegentlichem Umwenden, trocknen lassen und zwar so lange, bis sie wirklich ganz trocken sind. Praktisch veranlagte Gemüter neigen dazu (besonders in kalten und feuchten Jahreszeiten) die Steine im Backofen zu dörren. Ich bitte ausdrücklich darum, das nicht zu tun. Abgesehen davon, dass hier wieder die Ungeduld eine Rolle spielt, die dem Wesen der Steine so sehr zuwider läuft, dass sie jede Kommunikation mit ihnen schon im Keime ersticken kann, wird man den Steinen nicht die Aura von Weihnachtskeksen verpassen wollen: Orakelsteine zu sammeln und zu hüten bedeutet auch (und nicht zuletzt), dass man für die Eindrücke verantwortlich ist, die man den Steinen und damit sich selbst – wo war sie doch, die Trennungslinie zwischen Innen und Außen – zufügt und die die hoffentlich mühsam Stück für Stück zusammen getragenen Steine im schlimmsten Fall ein für alle Mal (ausnahmsweise, ja) unbrauchbar machen.

Zum Aufbewahren der Steine – so sie denn alle sauber und trocken sind – eignen sich ein Beutel aus Stoff oder Leder, ein Korb (mit einem Deckel, der nicht dauernd herunterfällt) aus Weide, Schilf oder Rohr oder auch eine (Blech-)Büchse; außerdem wird man ein kleines Beutelchen benötigen, in das die beiden Edelsteine passen und das man einfach mit den Kieseln zusammen in den großen Beutel (oder den Korb, oder die Dose) steckt. Auf jeden Fall müssen die Öffnungen und Bäuche von Korb, Büchse oder Beutel groß genug sein, um bequem mit der Hand hineinzufassen, zu rühren, zu spielen und zu fühlen – und um die mit Kieseln gefüllte Hand auch bequem wieder herausziehen zu können!

Egal, für welches Behältnis wir uns entschieden haben, wir werden zusätzlich noch vier kleine Beutel benötigen, von denen jeder zwölf Kiesel fassen sollte. Während die farbliche Gestaltung des großen Beutels – ich nehme einmal an, wir hätten uns für einen Beutel entschieden – uns freisteht (empfehlen würde ich allerdings für den Anfang ein neutrales, dunkles Braun, Graugrün oder Grau) sind die Farben der vier kleinen Beutel traditionell vorgeschrieben: schwarz, weiß, ockerrot und ockergelb. (Die zwei Edelsteine werden in der Regel in einem blauen Beutel aufbewahrt, der Himmelsfarbe.)

Früher oder später (hoffentlich später! Wenn man mit Steinen zusammen arbeitet, kommt man mit Weile weiter als mit Eile!) befinden wir uns also im Besitz (oder in Gesellschaft) von: einem großen Beutel, gefüllt mit achtundvierzig sauberen, trockenen, hellen Kieseln; einem Beutelchen mit einem Bernstein und einem Lapislazuli (oder einem Mondstein), der bei den Kieseln im großen Beutel aufbewahrt wird und vier kleinen Beuteln in den Farben rot, gelb, schwarz und weiß, groß genug für je zwölf Steine und zur Zeit noch leer. Für jede die und jeden der einen Altar hat, ist dies ein schöner Zeitpunkt, um den mit den neuen Orakelsteinen gefüllten Beutel in die Mitte des Altars zu stellen (das bedeutet bei mir gleichzeitig: ihn in den Kessel zu legen) und die kleinen Beutel auf die Plätze der Himmelsrichtungen zu verteilen: gelb gehört zum Osten, weiß zum Süden, rot zum Westen und schwarz zum Norden.

Für alle Orakler/innen ohne Altar kann das letzte Zubehörteil des Steinorakels, das in gewisser Weise ein umfassendes ist, den Altar sogar ersetzen (und außerhalb der Wohnung mag es das auch für die Altarbesitzer tun): ein unbedingt quadratisches Tuch mit einem darauf gemalten oder gestickten oder sonst wie applizierten, dem Quadrat eingeschriebenen Kreis und einem dem Kreis eingeschriebenen Pentagramm. Auf das Tuch sollten sich alle Steine samt Beuteln legen oder auch darin einwickeln lassen; es darf auch gerne so groß sein, dass man selbst in der Mitte des Pentagramms sitzen kann. Wer sein Orakelzubehör in diesem Stadium der Vorbereitung also nicht auf einen Altar legen kann oder möchte, der legt die Steine und Beutel nun zum ersten Mal auf dem Tuch aus, wobei das Beutelchen mit den Edelsteinen in der obersten Spitze des aufrechten Pentagramms zu liegen kommt; in der linken unteren Spitze (Norden) der schwarze Beutel, in der oberen rechten (Süden) der weiße, in der oberen linken (Osten) der gelbe und in der unteren rechten (Westen) Spitze der rote Beutel; in die Mitte gehört der große Beutel (oder der Korb, oder die Büchse) mit den achtundvierzig hellen Orakelkieseln. (Die Pentagrammspitzen selbst sollten mit den entsprechenden Farben ausgefüllt werden, was den Gebrauch des Tuchs sehr erleichtert und auch noch hübsch aussieht.)

Über das so entstandene Schaubild („Mandala“) nachzusinnen (zu „meditieren“) gehört aber nicht mehr zum Sammeln, sondern schon zu den Vorbereitungen zum Befragen des Orakels, die den nächsten Teil dieses Artikels in Anspruch nehmen werden. Einstweilen nehme ich mein Orakeltuch an seinen vier Zipfeln zusammen, schnüre mein Orakelbündel, binde es an meinen Wanderstab und gehe zu meinem Ritualplatz. Und wer es etwas weniger auffällig möchte, der stopfe das Bündel in ihren oder seinen Rucksack und tue desgleichen.


Ende Teil I


Rivka


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