Betreut von Leilani
Magische Steine der Germanen?   Teil II
Wer sich mit altnordischer Sachliteratur beschäftigt, wird irgendwann auf die Náttursteinar - die Zaubersteine und ihre Verwendung stoßen.

Eine Verbindung von Bernstein zu „Feuer“ zu ziehen, liegt bei der „sonnigen“ Farbe, den Herkunftsmythen und Eigenschaften des Bernstein nicht all zu fern. Möglicherweise wurde das Brisingamen, der Halsschmuck - oder Gürtel - der Göttin Freyja als mit Schmucksteinen besetzt oder aus Steinen bestehend gedacht.
Bernstein ist jedoch nur eine Möglichkeit von vielen. Die Bedeutung des Wortteils brisinga ist nicht sicher, vermutet wird die Ableitungen vom poetischen altnordischen Begriff brísingr, „Feuer“. (In einem norwegischen Dialekt bedeutet brisa 'aufflammen', 'glitzern', 'glänzen'.) Demnach stellte man sich das Schmuckstück vielleicht „wie Feuer funkelnd“ oder „blitzend“ vor: Von alters her ist dies eine geschätzte Eigenschaft von Edelsteinen.

 
Holzrosensamen

Aufgrund gewisser Hinweise in den Schriftquellen, in denen das Brisingamen erwähnt wird, haben manche Forscher jedoch auch eine Verbindung zu den hafnýra, den „Meeresnieren“ hergestellt. Hierbei, so wird vermutet, handelt es sich um die rötlich braunen Früchte oder Samen einer westindischen Pflanze. Vermutet wird u.a. die Holzrose, der Merremia tuberosa, (Obwohl diese weder rötlich-braun, noch nierenförmig sind.) die vom Golfstrom nach Norden getragen wurden. In Norwegen heißen diese Samen auch vettenyrer, „Wichtnieren“, oder søbønner„ Seebohnen“, in Island lausnar-steinar „Geburtsteine“: Diese „Steine“ dienten als Amulett, und wurden Gebärenden an die Hüfte oder Schenkel gebunden, damit sie eine komplikationslose Geburt unterstützen. Die Verbindung zu Freyja, die mit Geburt und Geburtshilfe zu tun hat, wäre also äußerst naheliegend.

 
Völundr-Szene nach dem Auzon-Kästchen

Ein weiterer interessanter Hinweise auf einen magischen Edelstein in der altnordischen Literatur ist der Stein im Ring des Magier-Schmiedes Völundr (Wieland). Wegen der Abbildungen auf dem Auzon- Kästchen - einer aus Walbein geschnitzten Schatulle die verschiedene biblische und einheimische mythologische Szenen zeigt - wird ein Bezug zwischen dem berühmten salomonischen Ring (auf der Rückseite des Kästchens) und dem von Wieland gehaltenen magischen Ring (auf der Vorderseite) gezogen.
Möglicherweise wurden der Ring des Völundr und Salomos für identisch gehalten. Von Bedeutung dabei ist, dass es der Stein des Ringes ist, der diesem seine magische Wirkung verleiht. Dass Wielands Ring tatsächlich edelsteingeschmückt gedacht wurde, legt die Völundarkviða nahe. Dort heißt es in Strophe 5:

„Er [Völundr] schlug rotes Gold an harten Edelstein.“

Nach der Eiriks saga rauða („Saga von Erich dem Roten“) besaß die Seherin Thorbjörg einen messingbeschlagenen Stab dessen Knauf ebenfalls mit einem Edelstein besetzt war. Was genau für einer wird – wie bei Völundrs Stein - allerdings bedauerlicher Weise nicht erwähnt.

 

 
Schwertanhänger

Besonders während der Völkerwanderungs- und Merowingerzeit wurden Schwertanhänger aus Edelsteinen am Knauf der Waffe eingefügt oder an dem Schwertgriff, bzw. der Scheide festgebunden. Insgesamt sind Schwertanhänger aus c.a. 100 verschiedene Materialien gefunden worden, darunter auch Bernstein, Almandin, Chalcedon und Bergkristall. (Im Grab des Merowingerkönigs Childerich wurde ein großer Bernstein gefunden, der ihm vermutlich als Schwertanhänger gedient hatte.)
Die meisten dieser Anhänger waren donutförmige, d.h. runde flache Scheiben mit einem Loch in der Mitte. Spekuliert wird darüber, wie diese Talismane zum Schwert kamen: Wurden sie ganz profan mit dem Schwertgehänge zusammen gefertigt? Von einem Gefolgsherrn oder als Symbol für die Schwurfreundschaft zwischen Kriegern vergeben? Vermutet wird auch, dass diese Schwertanhänger eine Waffenglück verheißende Morgengabe der Frau an den Mann gewesen sein könnte, da nicht selten ähnlich große „Donughts“ als Spinnwirtel in Frauengräbern gefunden worden sind. Die magischen Kräfte des Steines jedenfalls sollten wohl das mit dem Schwert verbundene Heil erhöhen.
Auch diese Idee der magischen Schwertanhänger ist jedoch nicht originär germanisch, sondern stammt ursprünglich aus dem Iran und wurde von den Hunnen an die Germanen weitergegeben.


 
Bergkristallkugel
aus der VWZ

In Frauengräbern wurden häufig Bergkristall- oder Rauchtopaskugeln, die Frauen am Gürtelgehänge getragen haben, gefunden. In vorwikingerzeitlichen Gräbern sind diese Kugeln besonders häufig in gotischen, angelsächsischen und allemannischen Gebieten zu finden. Diese Kugeln wurden nie durchbohrt, sondern in Silber, Gold oder Bronze gefasst. Vermutet wird, dass diese Kugeln im hellenistischen Bereich gefertigt worden waren. Im Grab von Årslev in Dänemark fand man eine solche Kugel mit gnostischer Inschrift.
In der Fachliteratur konnte ich zur vermutlichen magischen Verwendung diesen Bergkristallkugeln leider nichts weiter finden, in Romanen habe ich jedoch öfters die Vermutung gelesen, dass sie den Frauen für divinatorische Zwecke, sozusagen als „Kristallkugel“ gedient
haben sollen.

 
Verschiedene Formen der „Visby-Linsen“

In gotländischen Schatzfunden des 10. und 11. Jhdts. kommen solche Anhänger in ovaler Variante vor, sogenannten Visby- Linsen“. Diese Bergkristalle sind so geschliffen, dass sie als Linsen oder Lupen verwendet werden konnte. Vermutet wird, das die Steine aus dem Orient über Rußland nach Gotland gekommen sind, wo sie eingefasst und dann als Schmuckstücke, bzw. Talismane getragen wurden. Gefasste und ungefasste Objekte aus Bergkristall tauchten auf Gotland gegen Ende des 11. Jahrhunderts auf und verschwanden ebenso plötzlich wieder. Das legt den Verdacht nahe, daß alle Stücke dieser Art Gotland bei ein und derselben Gelegenheit erreichten, zum Beispiel über einen Händler oder aber als Teil einer Kriegsbeute.
Vielleicht nicht wirklich magisch, aber auf jeden Fall äußerst geheimnisvoll sind die Erwähnungen von sogenannten solarsteinn, „Sonnensteinen“, die die Seefahrer der Wikingerzeit zur Navigation benutzt haben sollen. Vermutet wird, dass es sich dabei um Feldspat, (von schwedisch: fjäll, Berg und "Spat" wegen der guten Spaltbarkeit) gehandelt haben wird, einem Mineral der Gruppe der Silikat-Minerale, dessen Farbe von farblos über weiß, rosa, grün, blau bis braun reichen kann.
Dieses Mineral polarisiert Licht und theoretisch könnte so ein Stein geholfen haben den Sonnenstand zu bestimmen, wenn Wolken die direkte Sicht auf diese behindert hätten. Auch viele Hügelgräber, Steinsetzungen und andere steinerne Monumente mit sakralem Charakter im Norden wurden aus Findlingen mit Kristalleinschlüssen errichtet, und nicht etwa aus anderem leichter zu beschaffendem und bearbeitenden Material, das vor Ort vorhanden war und abgebaut werden konnte.

Literatur:
• Arrhenius, B.: 'Bergkristall' in: RGA Bd. 2, Hrsg.: Beck, Heinrich / Jankuhn, Herbert / Ranke, Kurt / Wenskus, Reinhard, Berlin/New York 1976, S. 267-269.
• Arrhenius, B.: Edelsteine, in: RGA Bd. 6, Hrsg.: Beck, Heinrich / Jankuhn, Herbert / Ranke, Kurt / Wenskus, Reinhard, Berlin/New York 1986, S. 427 – 441.
• Beckman, N./ Kålund, Kristian (Hrsg.): Alfræði íslenzk: Islandsk encyklopædisk litteratur: Samfund til udgivelse af gammel nordisk litteratur, København 1914-16.
• Braunstein, Ph.: 'Edelsteine' in: Lexikon des Mittelalters Bd. 3, Auty, Robert (Hrsg.) , München 1986.
• Follmann, A.B.: 'Bernstein und Bernsteinhandel' in : RGA Bd. 2, Hrsg.: Beck, Heinrich / Jankuhn, Herbert / Ranke, Kurt / Wenskus, Reinhard, Berlin/New York 1976, S. 288-298.
• Gienger., Michael: Lexikon der Heilsteine. Von Achat bis Zoisit, 32000 Saarbrücken.
• Foote, Peter: 'Steinbøker', in KLNM Bd. 17, Karker, Allan (Hrsg.) København 1972, Sp. 155-118,
• Klingenberg, Heinz: 'Brisingamen' in RGA Bd. 2, Hrsg.: Beck, Heinrich / Jankuhn, Herbert / Ranke, Kurt / Wenskus, Reinhard, Berlin/New York 1976, S. 464-465.
• Meaney, Audrey: Drift Seeds and the Brisingamen, in: Folklore, Bd. 94, Nr. 1 (1983), S. 33-39.
• Pachinger, A. M.: Glaube und Aberglaube im Steinreich, München, 1912.
• Steuer, H.: 'Schwertanhänger' in RGA Bd. Bd 27: (Hrsg.): Beck, Heinrich / Geuenich, Dieter / Steuer, Heiko Berlin/New York 2004, S. 597- 601.
Bildnachweis:
• 1, 4 , 5, 6, 7, 8, 9: © by Wælceasig
• Bild Nr. 2: http://www.nlm.nih.gov/hmd/breath/Faces_asthma/VIIA29.html
• Bild Nr. 3: http://home.iprimus.com.au/sevenstars/breastplate.jpg


Wælceasig


Rosenkranz, Gebetsschnur, Mala und Co ...     Anufa, 23.07.2016
Metall des Lichts – 2000 Jahre Heilung durch Gold     Leilani, 30.05.2015
Versteinertes Holz – Oder wenn man sich mal wieder erden muss     Leilani, 14.02.2015
Runenorakel - Teil IV     Eibensang, 08.11.2014
Runenorakel - Teil III     Eibensang, 16.08.2014
Runenorakel - Teil II     Eibensang, 10.05.2014
Runenorakel - Teil I     Eibensang, 08.03.2014
Grabstätten und Grabsteine - Teil III     Leilani, 30.11.2013
Kristallstruktur und Lebensstil     Leilani, 14.07.2013
Grabstätten und Grabsteine - Teil II     Leilani, 09.02.2013
Grabstätten und Grabsteine - Teil I     Leilani, 13.10.2012
Der Steinkult im alten Griechenland     Leilani, 07.07.2012
Inyan – Der Fels als Ursprung allen Seins     Leilani, 24.03.2012
Wirkung der Heilsteine von A-Z -Teil II     Leilani, 17.12.2011
Wirkung der Heilsteine von A-Z - Teil I     Leilani, 17.09.2011
Steinheilkunde – Einführung - Teil II     Leilani, 18.06.2011
Steinheilkunde – Einführung - Teil I     Leilani, 05.03.2011
Steinchen, Steinchen auf dem Boden - ist es wahr oder gelogen - Teil II     Anufa, 23.10.2010
Steinchen, Steinchen auf dem Boden - ist es wahr oder gelogen - Teil I     Anufa, 09.10.2010
Der Stein der Weisen?! - Teil II     Anufa, 24.10.2009
Der Stein der Weisen?! - Teil I     Anufa, 04.04.2009
Das Steinorakel - Teil II     Rivka, 06.09.2008
Das Steinorakel - Teil I     Rivka, 31.05.2008
„Steinerne Zeugen“ - Schiffsetzungen Teil I     Wælceasig, 03.11.2007
Magische Steine der Germanen? - Teil II     Wælceasig, 11.08.2007
Magische Steine der Germanen? - Teil I     Wælceasig, 04.08.2007
Die Schwingungen an sich!     Dunkler_Clown, 09.06.2007
Das vielseitige Antimon (Stibnit)     Mimon Baraka, 24.02.2007
Lapislazuli     Dunkler_Clown, 11.11.2006
Bernstein – der Bäume goldene Tränen     Kalynia, 29.07.2006
Der Smaragd     Dunkler_Clown, 22.04.2006
Quarz, das Chamäleon der Heilsteine, Teil IV - Der Opal     Dunkler_Clown, 21.01.2006
Mein Steinweg - Teil II     Kalynia, 22.10.2005
Mein Steinweg - Teil I     Kalynia, 15.10.2005
Der Malachit     Shina Edea, 23.07.2005
Der Hämatit     Dunkler_Clown, 23.04.2005
Quarz, das Chamäleon der Heilsteine, Teil III - Der Jaspis     Dunkler_Clown, 22.01.2005
Quarz, das Chamäleon der Heilsteine, Teil II - Der Amethyst     Dunkler_Clown, 16.10.2004
Quarz, das Chamäleon der Heilsteine, Teil I - Der Bergkristall     Dunkler_Clown, 04.07.2004
Die Welt der Steine     Dunkler_Clown, 10.01.2004
Rosenquarz – Magie der Liebe     Traumstein, 17.08.2002



                        
                        



    

© WurzelWerk · 2001-2017