Betreut von Leilani
Magische Steine der Germanen?   Teil I
Wer sich mit altnordischer Sachliteratur beschäftigt, wird irgendwann auf die Náttursteinar - die Zaubersteine und ihre Verwendung stoßen.
 
In Silber gefasster,
ungeschliffener
Bergkristall

So liest man dort unter anderem:

'Der Topacius kommt von einer Insel, von der er den Namen angenommen hat. Er ist der wertvollste, weil er der schönste ist. Er hat zwei Arten, eine ist rotem Gold ähnlich, eine andere rein und hellgrün. Er hilft denen, die Blut im Urin haben und hält wallende Wasser auf. Er kommt aus Arabien.'

Oder:

'Der Crisopacius kommt aus Äthiopien, er hat Licht in der Dunkelheit und im Licht Dunkelheit. Er glüht wie Feuer in der Nacht, aber am Tag ist er wie bleiches Gold.'

Vom „Magnes“ - wohl dem Magnetit - wird berichtet, er stamme von einem Volk in Indien, dass Godicius hieße, und dass der Stein, wenn man ihn einer schlafenden Frau unterlege, Gestank verströme wenn sie untreu war. Diebe würden sich des Magnetits bedienen, in dem sie den Stein in die Glut des Herdfeuers legen: Der Stein würde darauf hin so viel Hitze und Rauch entwickeln, dass jeder aus dem Haus flieht, so das der Dieb nehmen kann, was er will.
Medizinisch helfe der Magnetit gegen Wassersucht und Verbrennungen. Gegen ersteres soll man ihn in Wasser oder Honig legen und die Flüssigkeit trinken, im zweiten Fall diese Flüssigkeit auf die Wunden spritzen.
Wer nun aber glaubt, hier originär heidnisch-germanisches vor sich zu haben, wird enttäuscht werden: Wie auch die uns überlieferte altnordische Wissenschaftsliteratur anderer Bereiche (wie z.B. der Astronomie) fußt auch dieses Wissen auf der kontinentalen mittelalterlichen Traditionen, welche wiederum meist antikes Gedankengut aufgegriffen und um das derzeit herrschende Weltbild anglichen und erweitert hat.

 
Plinius der Ältere

Die erhaltene Literatur im skandinavischen Bereich, die sich mit Edelsteinen und ihrer Wirkung beschäftigt – wie z.B. die Aufzeichnungen des Dänen Henrik Harpestreng (13. Jhdt.) oder des Isländers Haukr Erlendson (14. Jhdt.) - gehen größtenteils auf das Lapidarium des Marbod von Rennes, des Liber lapidum seu de Gemmis aus dem 11. Jhdt. zurück, einer in Versform abgefassten Abhandlung über Edel- und Halbedelsteine.
Marbod wiederum stützte sich auf das entsprechende Werk Plinius' des Älteren: Dieser verfasste im 1. Jhdt. die Naturalis Historia, deren 37. Buch sich mit Edelsteinen befasst. Hier wurde zum ersten mal das Wissen um Edelsteine enzyklopädisch zusammengefasst; Plinius ordnet dabei die Steine nicht nur nach ihrer alphabetischen Reihenfolge, sondern auch Farben, Körperteil-Bezeichnungen (z.B. Hepatitis = Leberstein), und Tieren zu.

Die mittelalterliche Edelsteinkunde lässt sich in zwei Hauptbereiche unterteilen: In die naturwissenschaftliche und die exegetische - wobei „naturwissenschaftlich“ keine Bindung an überprüfbare mineralogische Erkenntnisse bedeutet, sondern auch magische und symbolische
Qualitäten umfaßte.
In der exegetisch orientierten Edelsteinkunde wurde den Steinen eine spirituelle Bedeutung nach der Auslegung der biblischen Bücher zugeordnet. Bekannte Stellen der Bibel die Edelsteine thematisieren sind die Beschreibung der zwölf Steine, die den Brustschild des Hohepriesters bedeckten. Auch die Fundamente der zwölf Tore des Neuen Jerusalem sind aus bestimmten Edelsteinen erschaffen gedacht, die in Übereinstimmung mit den zwölf Stämmen Israels stehen. Diese sogenannten apokalyptischen Steine wurden auf viele andere Bereiche übertragen: Wegen ihrer Zwölfzahl lag es zum Beispiel nah sie unter anderem den Monaten zuzuordnen.
Die „naturwissenschaftliche“ und die exegetische Richtungen der Edelsteinkunde beeinflussten sich gegenseitig und sind nur theoretisch strikt trennbar.

 
Mögliches Aussehen des Brustschildes
eines alttestamentarischen Hohepriesters

Der mittelalterliche Physiologus ist dafür ein Beispiel:
Seine Kapitel über Edelsteine verbinden Naturbeobachtung und Spekulation, profane und
theologische Sinndeutung.
Eine Dreiteilung der Deutungen kann man nach den Überlieferungszweigen vornehmen:

  • Die jüdisch-christliche Tradition befasst sich hauptsächlich mit den Edelsteinen der biblischen Bücher und deren spiritueller Bedeutung.
  • Die griechische Tradition befasse sich mit den äußeren Eigenschaften der Edelsteine und besonders deren medizinischem Wert.
  • Die alexandrinischen Werke betonten die magischen Eigenschaften und astrologischen Assoziationen der Edelsteine


Um aber zurück auf die Germanen zu kommen
Im Sprachgebrauch des Plinius ist gemma ein Oberbegriff für alle Schmucksteine (bei denen die Edelsteine als die besonders klaren und harten eine Untergruppe bildeten).
In den germanischen Sprachen wird dafür ganz allgemein das heimische Stein gebraucht (althochdeutsch bzw. mittelhochdeutsch stein, gesteine, altenglisch stan, anordisch steinn) - erweitert teilweise durch Adjektiva oder Bestimmungswörter wie edel, tiure, lieht, luter. Im Anordischen kann steinn auch durch bjartr 'klar, glänzend' näher bestimmt werden, was auch synonym mit jarknasteinn gebraucht wurde. Vorbild für dieses Kompositum ist das altenglische eorcnastan, was mit dem gotischen airkniþa 'Echtheit', (Oh ja, auch schon im Altertum gab es Fälschungen aus Glas.) oder dem althochdeutschen erchan - 'fest, vornehm, hervorragend' - zusammenhängen könnte.
In Nord- und Westeuropa war der Gebrauch von Edelsteinen eine sehr späte Entdeckung. Die Edelsteinkunst ist zum größten Teil eine orientalische Kulturerscheinung und man kann - was die magischen Vorstellungen die sich an Edelsteine knüpfen angeht - eine direkte Beziehung zu den altorientalischen Kulturen Ägyptens, Persiens und Indiens sehen:
Mit wenigen Ausnahmen (z.B. Quarz und Bernstein) wurden die Edelsteine in den Norden importiert, und auch ihre Verarbeitung blieb fast ausschließlich fremden Handwerkern belassen.

 
Verschiedenfarbige Bernsteine

Der einzige Edelstein, der im Norden fortlaufend verwendet wurde - wenn man von Flint absieht - ist der Bernstein. Sein von Plinius und Tacitus bezeugter Name glesum (*gleza) ist ein früher Beleg für die heimische Benennung. Welche magische Bedeutung genau der Bernstein nach germanischer Anschauung hatte, läßt sich in den seltensten Fällen erschließen, da kultisches und profanes nach archäologischen Quellen kaum unterschieden werden kann.
Ein Bernsteinfund im Norden, den man relativ sicher mit magischer Verwendung in Zusammenhang bringen kann, ist der Fund in dem bronzezeitlichen Grab von Hvidegaard, Jütland, wo sich in einem „Zauberbeutel“ der sich im Besitz eines „Schamanen“ befunden haben
soll, neben solchen ungewöhnlichen Grabbeigaben wie dem Schwanz einer Natter, einem Seeschneckengehäuse, einer Raubvogelklaue und dem Kiefer eines Eichhörnchens auch ein großer Bernstein befand.

In späterer Zeit wurde Bernstein in größeren Mengen in grober Tier- und Menschengestalt (grob, da das Material für plastische Arbeiten nicht sonderlich geeignet ist) und in Form von Thorshämmern und Kreuzen als Amulette getragen. Hier kann man also ebenfalls davon ausgehen, dass diese Anhänger über den reinen Schmuckcharakter hinaus magische Eigenschaften zugeschrieben wurden. Auch magische Schwertanhänger (auf die später noch näher eingegangen werden soll) wurden unter anderem aus Bernstein gefertigt.


Ende Teil I


Wælceasig


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