Schamanin sein oder nicht sein   Teil II

Ein paar Gedanken

Das Konzept zur Schamanin wie ich es im ersten Teil meines „Gedankenstromes“ vorgestellt habe, ist selbstverständlich nur eines von vielen möglichen Bildern zum Thema „Schamanin“ und wie diese so zu sein hat und welche Aufgabe diese hat.

Das von mir geschilderte Konzept der Schamanin, die Verantwortung trägt für Wohl und Wehe der Gruppe, ist Eines das ich mit meiner eigenen Familie zu spüren bekommen habe und das war nicht besonders lustig. Ich erfuhr je heiler und ganzer ich bin um so heiler und ganzer ist nämlich auch meine Familie. Im Umkehrschluss bedeutet dies leider auch das je verletzter und geschwächter ich bin, umso geschwächter sind auch sie.
Dieser Art der Verstrickung und Verknüpfung mit den eigenen Lieben sollten „Schamaninnen“ sich durchaus bewusst sein.

Jedoch bin ich ein Fan von Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Selbstermächtigung.
Meiner Ansicht nach sollte jeder zuerst einmal Verantwortung für sich selbst übernehmen. Weder will ich die Verantwortung für alles was meinen Lieben geschieht, noch steht es mir zu sie ihnen einfach zu nehmen. Jeder trägt sein Päckchen, das ist unser aller Pflicht und Privileg. Auch all meine Lieben sind zuerst einmal vor allem für sich selbst verantwortlich und das in jeder Hinsicht.
Aber natürlich liegt es in meiner Verantwortung das ihnen aus meiner Richtung und Tätigkeit, Kraft zuwächst und nicht etwa Schaden.


Heute

Das eigentliche Ziel schamanischen Wirkens heute muss sein, jedenfalls meiner Überzeugung nach, die Menschen (wieder) selbst zu ermächtigen und sie zu schulen ihre eigenen Erkenntnisse zu gewinnen, selbst schamanisch tätig zu werden, selbst den Kontakt zu den Spirits und der Kraft herzustellen und ihren Erkenntnissen und ihrer Kraft auch zu vertrauen.

Die (vor allem dauerhafte) Abhängigkeit von einzelnen Gurus und Schamanenpersönlichkeiten ist das Gegenteil von Selbstermächtigung und kann keine echte Erkenntnis und damit Ganzheit und Heilung bringen.
Wenn Menschen zu mir in die schamanische Sitzung kommen übernehme ich für eine kurze Weile die Rolle als „Schamanin“ für sie, aber sicher nicht für immer und nicht für alles das ihnen widerfährt, das wäre Zuviel und die meisten erwarten dies heute glücklicherweise auch nicht mehr von mir.
Schamanen haben ganz klar ihren Sinn und ihre Aufgabe, auch oder sogar ganz besonders in der heutigen Zeit. Es ist gut wenn es in in der Not Schamaninnen und Schamanen gibt an die man sich wenden kann, die eine Zeitlang die Kraft halten und die helfen die spirituelle Straße wieder frei zu räumen. Denn manchmal sieht man selber einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht, ist „Betriebsblind“ oder auch selber zu geschwächt um sich noch selbst helfen zu können.
Dann ist es wunderbar wenn einem jemand die Straße wieder klärt, einem Hilfe zur Selbsthilfe gewährt.

Für mich ist es wichtiger meine Klienten und Schüler, meine Besucher, meine Hilfe- und Kraft-Suchenden in IHRE eigene und ganz persönliche Kraft zu bringen. Sie zu den verantwortlichen „Schamanen“ ihres eigenen Lebens zu machen, denn ich kann und will nicht diese Rolle für andere auf Dauer übernehmen.
Ich bin der festen Überzeugung jeder kann für sich selbst Schamane/Schamanin sein. Dies scheint mir auch die Aufgabe eines jeden Menschen zu sein, die volle materielle und spirituelle Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und hin und wieder mal Hilfestellung den Anderen zu geben, geben zu können.

Der Schritt der fernen Vergangenheit, verantwortliche Schamanen zu berufen und so die spirituelle Verantwortung für sich selbst abzugeben, ja regelrecht auszugliedern aus Alltag und Leben, ist eine der schlechtesten Ideen der Menschheit überhaupt gewesen. Eine verlockende sicher, denn Spezialisierung kann das Niveau der Arbeit, der Kunst ja ungemein heben. Aber es ist meine feste Überzeugung: wir brauchen keine Gurus, keine Schamanen, keine Heiligen die für uns die Kraft halten. Wir dürfen und müssen diese Aufgabe endlich alle wieder weitestmöglich selbst übernehmen und sie uns auch zutrauen.

In meinen Augen sollten die heutigen und modernen Schamanen ganz unbedingt weniger an ihrem eigenen Mythos stricken und die Menschen statt dessen (wieder?) dahin bringen selber den Mythos zu leben.

Schamane/Schamanin ist wer von den Geistern, den Menschen und sich selbst berufen ist und dieser Berufung auch folgt.
In dem Moment, in dem die Geister Dich (be)rufen, Du Dich selbst berufst und Du dann die spirituelle Verantwortung für Dich auch tatsächlich in aller Konsequenz übernimmst, bist Du Schamane/Schamanin.
Für Dich selbst in erster Linie und an erster Stelle. Du trägst die volle Verantwortung für Dich und für Dein Sein, nicht irgendwelche Kräfte im Außen. Nicht der Nachbar, Deine Mutter, Dein Partner oder Arbeitskollege.
Erst wenn Du Kraft, Glück und Heilung in Deinem Leben materialisieren kannst, solltest Du dies überhaupt bei Anderen probieren.
Und wenn Deine Kraft ausreicht und andere sich, zumindest zeitweise, unter Deinen Schirm der Kraft stellen wollen, Du diese dann auch noch annimmst DANN bist Du vielleicht auch deren Schamanin, zumindest für einige Zeit.
Wahre Heilung kann letztlich nur in der Selbstbestimmung und eigenen Erkenntnis liegen. Alles andere können nur Zwischenlösungen sein.
Schamanische Praxis führt idealerweise über die Selbsterkenntnis zur Selbstermächtigung.

© Tunritha

Die grundlegende schamanische Arbeit für uns selbst, die Fähigkeit selber in die Anderswelt zu reisen um von dort Kraft und Heilung für uns selbst zu holen ist etwas das uns die "spirituelle" Macht über unser Leben und unsere eigene Spiritualität zurückgibt. Wir sind nicht (mehr?) Ohnmächtig. Jede Frage die ein schamanisch Praktizierender hat, kann er mit auf die schamanische Reise nehmen und dort seinen geistigen Verbündeten und Lehrern stellen. KEIN schamanisch Praktizierender ist angewiesen auf einen Priester, Guru, Iman, Schamanen oder anderen Mittler zur geistigen Welt.
Schamanismus ist wohl die älteste und ursprünglichste Lehre der Menschheit, um ganzheitlich, im Zusammenwirken mit dem Universum und seinen Kräften, Heilung und Unterweisung in allen nur denkbaren Lebensbereichen zu erhalten. Dafür braucht es nicht immer einen „Experten“ sondern ein jeder und eine jede die dies möchten, können diese Kraft, Heilung und Unterweisung für sich selbst erlangen. Sei Deine eigene verantwortliche Schamanin. Sei Dein eigener verantwortlicher Schamane.


Tunritha


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