Scheibenschlagen - ein schamanisches Ritual?

Karin hat einen alten Alpenbrauch beleuchtet und uns diesen Artikel auch fürs WurzelWerk gespendet. Herzlichen Dank!

Dieses Mal geht es nicht direkt um die Kräuter, sondern um eine uralte Tradition, die die Vegetationskräfte in der Natur weckt. An diesem Sonntag ist es nämlich wieder soweit: Im Vinschgau ist wieder  Scheibenschlagsonntag. Dieser Brauch hat mich vom ersten Moment an, vor nun rund 27 Jahren, seit ich im Vinschgau lebe, auf einer tiefen Ebene berührt. Er strahlt so eine Kraft und Magie aus, wie ich es noch nie vorher in meinem damaligen jungen Leben erlebt habe. Und er hat mich nie mehr losgelassen.

Scheibenschlagen in Mals Unterdorf, vor der gigantischen Bergkulisse
Foto&Bearbeitung Martin Ruepp

Ich muss vielleicht noch vorausschicken, dass ich mich nicht nur tief mit den Pflanzen und deren Heilkraft verbunden fühle, sondern auch mit den uralten Traditionen. Es mag ihr Sinn und Zweck vergessen geworden sein, aber ihr Geist umweht uns heute noch.
Meine Zugänge zur Wissenserfahrung sind einmal wissenschaftlicher Natur und ein andermal durch meinen Zugang zur Anderswelt. Diese Ebene, die untrennbar mit der alltäglichen Wirklichkeit verbunden ist, und die auf ihr Einfluss nimmt sowie umgekehrt.
Früher wusste man noch, dass solche mächtigen Rituale die Brücken sind, durch die Kraft und Energie von der Anderswelt in die materielle Welt manifestiert werden konnte. So auch das Scheibenschlagen. Wie bei jedem Wechsel und Übergang macht es einen Unterschied, ob man es gehen lässt, wie es halt geht, oder ob man die Veränderungskraft lenkt und leitet. Am besten geht die Lenkung durch ein Ritual mithilfe der Kräfte aus der feinstofflichen Ebene. Und solch ein Ritual ist das Scheibenschlagen; eigentlich sind es ja zwei getrennte Rituale, die zusammen praktiziert werden. Aber dazu später mehr.

Brennende Hex beim Scheibenschlagen in Schluderns

Bild und Copyright: Sybille Tröger

Hier an dieser Stelle möchte ich euch an meiner Sicht von der Seelenebeneaus teilhaben lassen.  Die wissenschaftliche Sicht auf diesen Brauch ist schließlich schon öfter beschrieben worden.
Die Bräuche unterscheiden sich in ihrer Ausführung und in ihrem Aussehen von Ort zu Ort sehr. Wie so üblich, wächst jedes Ritual mit den Menschen, die es ausführen, und dem jeweiligen Geist des Ortes zu einer individuellen und für hier stimmigen Handlung.

Dieser Brauch wurde Gott sei Dank nie standardisiert, denn das würde seine Lebendigkeit einschränken und ihm damit einen grossen Teil der Kraft berauben. Hinter all den Unterschieden geht es um Folgendes:

Wenn die Larmstange oder die Hex aufgestellt wird, geschieht das durch mehrere Männer gleichzeitig. Sie stellen ihre körperliche, aber auch männliche Kraft zur Verfügung, um den Fuß der Hex oder der Larmstange tief in der Erde zu verankern und durch das Aufrichten dieser hohen Gebilde, den Himmel mit der Erde zu verbinden. Die Stange ist mit Stroh umwickelt und wird zu einem vorgegebenen Zeitpunkt, meist zu  Beginn der Dämmerung, angezündet. Danach wird ein anderes grosses Feuer entfacht, in dem die Scheiben (Holzscheiben in verschiedenen Formen) an Haselnussgerten zum Glühen gebracht werden. Diese werden für sich selbst oder für jemand anderem mit einem Spruch, der auch von Ort zu Ort variert, ins Tal geschleudert. Das sind die zwei Rituale in einem, die ich vorher schon angedeutet habe.

Im Folgenden erzähle ich euch die Sicht auf diese zwei Rituale, die ich in der Anderswelt erhalten habe. Damit erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da hinter Allem mehrere Ebenen und Bilder stehen.


Seelenreise zum Brauch des Scheibenschlagens im mittleren und oberen Vinschgau

Brennende Hex

Scheibenschlagen in Schluderns, Foto und Coppyright: Sybille Tröger

Ich sehe die Hex, die mit ihrem Fuß, ihrer Basis, in der Erde verankert ist. Dahinter steht der große Weise und entzündet sie. Die Hex brennt und in diesem Moment wird ihre Kraft frei. „Die Kraft der großen Mutter“, höre ich.

Ich sehe im Tal die weißen Lebensgeister erwachen, jedoch  nicht vollständig. Sie sind irgendwie statisch, wie blockiert. Trotzdem ist das ganze Tal erfüllt von ihnen. Wie die Spitzen von weißen Eiern, die aus der Erde lugen, bereit zu schlüpfen…


Das Bild wechselt: Neben dem großen Weisen stehend, sehe ich, wie hinter dem Fuß der Hex eine Treppe hinunter in die Erde führt. Ich steige hinab und es taucht ein Bild, gleichsam einer Erinnerung, von früher auf, das eine Höhle mit einem orangen, warmen Licht zeigt. Mich durchflutet ein warmes Gefühl. In der Höhle zeigt sich eine weibliche, mütterliche Gestalt. Aber so wie ich das Bild erfasst habe, ist es auch schon wieder weg. Zurückbleibt ein Hohlraum, kalt, leer und dunkel.

Dann kommt die Botschaft:

Wenn die Männer mit dem Aufrichten der Hex die Absicht haben, den Himmel mit der Erde zu verbinden, sie zum einen durch ihre Basis mit der Mutter Erde zu verbinden, ihre lebensspendende Kraft nach unten auszurichten, zum anderen die aufragende Spitze der Hex nach oben mit der Kraft des Göttlichen, des Schöpfers zusammen bringen, dann entseht eine grosse Kraftsäule, die durch das Entzünden eine gigantische Lebenskraft freisetzt.

Diese Kraft kann jetzt vollständiger fliessen und dem Land zur Gänze, nach der Winterruhe, zur Verfügung stehen. Es ist die Kraft des Aufbruchs, der Veränderung und der Fruchtbarkeit. Es gibt dabei aber noch einen wesentlichen Aspekt, der nicht vergessen werden darf – die Kraft der Frauen.

Während die Männer ihre körperliche Kraft zur Verfügung stellen, damit das gigantische Kreuz oder die Stange, je nach Dorf, aufgerichtet werden kann, geben die Frauen auf ihrer Weise noch ihre Kraft dazu. Mit Singen, Jubeln, Tanzen, Klatschen, Stampfen, Beten, in Gedanken oder auf einer anderen ihnen entsprechenden Weise. Dadurch, dass sie es sich ebenfalls bewusst machen, dass sich jetzt das Weibliche mit dem Männlichen verbindet, ist nun der ewige Kreislauf geschlossen… Himmel und Erde, Mann und Frau erreichen eine Kraft, mit der Alles möglich ist; Fruchtbarkeit…. Neues entsteht.

Scheibenschlagen im Vinschgau

Scheibenschlagen in Kortsch, oberhalb der Ägidiuskirche. Fotografie, Gestaltung und Copyright Martin Ruepp

Anschließend wird mir noch gezeigt, wie sich das Ritual in der Feinstofflichkeit durch das veränderte Bewusstsein auf das Land auswirkt:

Ich sehe, wie in der vorbereiteten Öffnung, in die die Stange verankert worden ist, ein Ei liegt (als Symbol? als Opfer? … Ich weiss es nicht). Die Männer richten die gigantische Stange mit dem Kreuz und der doppelten Drachenform auf. Die Frauen stehen dabei und geben ihre Kraft durch das Anfeuern, Jubeln, Tanzen und Klatschen dazu. In dem Moment, in dem sie vollständig in der Erde verankert ist, aufrecht in den Himmel ragt,  sehe ich wie sich das orange, warme Licht über die ganze Hexe verteilt. Von oben hingegen ergiesst sich gleissendes helles Licht über die strohumwickelten Holzstangen. Es sieht aus wie elektrisch geladen und verteilt sich vollständig um die Hex.

Scheibenschlagen in Kortsch, oberhalb der Ägidiuskirche

Fotografie & Bearbeitung & Coppyright, Martin Ruepp

Beim Entzünden des Strohs verströmen diese vereinten Kräfte über das ganze Tal.

Jetzt kommt Bewegung in die vorher schon gesehenen Lebensgeister, sie wirbeln über das Land und nehmen dunkle Schatten auf, verbrauchte Reste des vergangenen Jahres, die es nicht mehr braucht. Sie verwirbeln sie, sodass nichts anderes mehr zurückbleibt als lichte Energie. Hell wird’s im Tal. Bis in den letzten Winkel geht der Tanz der weißen Gestalten und verwirbelt die Schatten.

Die Natur macht sich bereit, die Kräfte des Wachstums sind geweckt.


Was ist mit dem Scheibenschlagen selbst, von dem der Brauch seinen Namen hat ?

Schwingen der glühenden Scheiben

Foto & Copyright
Sybille Tröger

Ich sehe das Bild, wie eine Person die Holzscheiben ins Feuer hält und auf den richtigen Moment wartet. Dann nimmt sie die glühende Scheibe am Haselnussstock, und schwingt sie. Wieder wartet die Person den richtigen Moment ab, um dann die glühende Scheibe ins Tal zu schleudern.  Bei diesem Bild erhalte ich folgende Erklärung: Der Vorgang des Scheibenschlagens erfordert Geduld, um den richtigen Moment abzuwarten, den Willen sowie eine große Entschiedenheit und schlussendlich wohldosierte Kraft. Dies alles für ein Ziel: Die Scheibe so weit als möglich in die Welt hinaus zu schicken. Diese Fähigkeiten werden bei der ausführenden Person geweckt: Geduld, Wille, Fokusiertheit und Tatkraft. Der Person, der die Scheibe geweiht ist, bekommt auch diese geweckten Kräfte zu spüren, besonders, wenn der, oder die Schlagende vollständig in diesen Vorgang aufgeht.

Birkenscheiben für ein Feuerritual im Vinschgau

Fotografie & Bearbeitung & Copyright Martin Ruepp

Und leise höre ich :
Die Hex ist für’s Land, das Schlagen der Scheibe für den Mensch!


Karin


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