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Für Ailo Gaup - Gedanken über das Leben und Sterben aus schamanischer Sicht  

Im Gedenken an Ailo hat Hildegard einen Artikel über Trauer geschrieben und mit uns hier im WurzelWerk geteilt. Herzlichen Dank dafür!!

Wie leben wir Trauer heute?

Dass alles was geboren wird ganz sicher auch stirbt, das ist kein Geheimnis. Dennoch haben wir in Europa, wie in allen wohlhabenden westlichen Ländern, ein sehr eigenartiges Verhältnis zu unserer Sterblichkeit entwickelt.

Einerseits leugnen wir unsere eigene Sterblichkeit und kreieren eine knallbunte Spaßwelt. Andererseits werden wir aus dem Gleis geworfen, wenn der Goldhamster tot im Käfig liegt, obwohl wir schon x TV Sendungen mit gerichtsmedizinischen Einzelheiten von Leichen gesehen haben. Tod ist so etwas Schreckliches, dass eine riesige Industrie von Medizin und Pharmafirmen davon lebt,  Gegenmittel anzubieten. Weit verbreitet ist die Sichtweise, dass mit dem letzten Atemzug auch der gesamte Mensch ins Nichts verschwindet. Eine Zeitlang halten wir uns noch an den sogenannten sterblichen Überresten, dem toten Körper, fest. Der Friedhofskult spiegelt das wieder. Dann bleibt noch die Erinnerung. Und wenn auch die verblichen ist? Soweit denken wir kaum.

Hilflos klammern wir uns an hirn - und fühllose Überlieferungen wie: „ Man darf über Tote nichts Schlechtes sagen!“ oder „nur wer viel weint, trauert richtig!“ und andere Vorstellungen über die „Ehre“ der Verstorbenen, die wir mit Beerdigungspomp ausdrücken möchten.

Trauer wird in unserer Kultur nach einer kurzen Zeit der höflichen Rücksicht, oft ignoriert und geleugnet. „Das Leben muß ja weiter gehen!“ Trauernde leiden darunter oft viele Jahre stumm. Doch wie sollte es auch möglich sein der Trauer und dem schmerzhaften Verlust zu entkommen? Ungeheilte, verdrängte Trauer wird dann leicht zu einer möglichen Ursache für viele spätere Krankheiten wie Depressionen, Panikattacken, autoaggressive Krankheiten, Herzattacken, Bluthochdruck usw. Das wird  in unserem Medizinsystem noch sehr wenig berücksichtigt.

Und so feiern und arbeiten wir uns eben so gut es geht durchs Leben. Am Ende wartet eben der Sensenmann auf uns und säbelt uns grinsend ab. Das ist eine beängstigende Vorstellung. Kirchen heben deshalb warnend den Zeigefinger und mahnen zu gottgefälligem Lebenswandel, damit wir wenigstens im Jenseits sicher sind. Aber der strafende Gott, bzw. das „Karma“, der wie ein böser Mathelehrer schlechte Noten für ungenügende Leistungen verteilt, ist wahrlich kein Trost. Das gilt mit Variationen, auch für viele Weltreligionen die heilige Bücher, Priester und Mönche kennen.

Auch die Psychotherapie ist bei diesem Thema an ihren Grenzen angekommen. Alles was über reines Zuhören wirklich hinausgeht, verweist sie in den Bereich von Theologie und Philosophie. Psychologie ist eine naturwissenschaftlich orientierte Geisteswissenschaft. Das „Jenseits“ passt da nicht hinein. Das gilt für die meisten Formen der Mainstream Psychologie.

Bleibt also auf der Suche nach Trost noch die Esoterikecke im Buchladen. Da wird von Engeln geredet und vom Licht, in das wir alle gehen. Das klingt wunderbar. Und doch erlöst es unsere Ängste und unsere Trauer nicht wirklich. Es ähnelt mehr einem schönen Bildband. Die Bilder tragen nicht, wenn es dunkel wird.

Und so stehen wir ratlos da und sind gegebenenfalls bereit, unsere Aufgaben an Bestatter abzugeben. Für uns gehen nach der Beerdigung einfach viele Kerzen aus und unser Weg verliert sich im Nebel von Unwissenheit und Schmerz.

Dieser elende Zustand ist auch unserer westlichen Kulturgeschichte zu verdanken. Die Naturwissenschaft, ein Kind der Aufklärung, hat dafür gesorgt, dass ein menschlicher Körper zu einer Maschine und Gefühle zu Hormonwirkungen wurden. Das Leben wurde bar jeder Freude, nackt und entzaubert zu einem Klumpen Materie. Da ist kein Trost und keine Heilung zu finden.


Was können wir von schamanischen Kulturen über Tod und Trauer lernen?

Die Mythologie verschiedener schamanischer Kulturen wusste schon immer davon in bildhaften Erzählungen zu berichten, dass alles Wesentliche, der Grund der Existenz, nicht greifbar ist. Die Quantenphysik würde das heute  so formulieren: Nur 5 % der gesamten Materie ist sichtbar. Nur ein Millionstel dieser sichtbaren Materie, ist Masse. Masse besteht aber letztlich aus Energie und Information. Materie ist eine hartnäckige Illusion die aus Energie und Information entsteht. Nur Energie und Bewusstsein sind wirklich. Wenn aber der materielle Körper eine Illusion ist, dann ist auch der Tod reine Illusion.

Dies entspricht dem Brauchtum und den Riten in schamanischen Kulturen völlig. Dort wird Materie sehr liebevoll als wandelbare göttliche Gabe geachtet. Nahrung wird, wie auch der Körper, geschmückt und mit Gebeten der Dankbarkeit geweiht. Menschen sind dort Geister die mit einem Körper durch das Leben reisen, nicht Körper die Geist nebenbei produzieren. In diesen Kulturen ist alles mit allem immer verbunden. Auch die Menschen sind immer mit ihren verstorbenen Vorfahren und ihren ungeborenen Nachfahren verbunden. Deshalb ist es leicht möglich mit ihnen zu kommunizieren und sie mit Gaben auf den Altären zu ehren. Dies ist in Sibirien gut zu erleben. Die Navajo (Dine`) in den USA sind davon überzeugt, dass man aus einem Todesfall kein allzu tränenreiches Drama machen darf. Das macht dem geliebten Menschen den Abschied nur schwer und Reisende soll man nicht aufhalten. So wie eine Mutter, deren erwachsenes Kind auszieht, sich auch aus Zuneigung eine Träne verdrückt. Dies ist ein Liebesdienst an unsere scheidenden Lieben und tut uns deshalb in der Seele gut, auch wenn es schwer ist.

In Mexiko wird der Respekt genauso wie der Grusel vor toten Körpern als besonders absurd betrachtet. Es gibt dort Bonbons in Totenkopfform oder Knochen werden manchmal bunt bemalt. Der tote Körper ist wieder Erde und Erde ist wertvoll und schön. Ein Leichnam soll behandelt werden wie ein kostbares Kleidungsstück in der Altkleidersammlung. Aber es ist niemals der „Vater“ der beerdigt wird. Es ist nur seine Hülle.

Tod wird in schamanischen Kulturen nicht als Versagen der Heilkunde betrachtet. Tod ist die Ankunft am Ziel des Lebens. Das ist bei den Völkern des amazonischen Waldes in Peru sehr deutlich.

In Korea finden wir große Abschiedszeremonien, die von Schamaninnen geleitet werden. Kleidung von Verstorbenen wird verbrannt, um den Abschied für alle Hinterbliebenen wirklich begreiflich zu machen. Seine oder ihre Verdienste im Leben werden anhand eines langen Tuches mit vielen Knoten begeistert gewürdigt, bis eine eher fröhliche Stimmung entsteht und Dankbarkeit sich verbreitet.

Viele traditionelle Kulturen die in Gebieten gelebt werden in denen hinduistische oder buddhistische Einflüsse vorherrschen, kennen die Vorstellung von Reinkarnation so wie wir Europäer uns das auch vorstellen. Das trifft aber nicht auf alle schamanisch geprägten Gesellschaften zu. In manchen Ländern in West und Südafrika z. B. wird vorrangig der Ahnenkult gelebt. Verstorbene Vorfahren sind dort für alle Angelegenheiten der Familie zuständig und manchmal wird in einem Kind ein wiedergekehrter Ahne erkannt. Eine ausgeprägte Theorie zur Reinkarnation fehlt aber oft. Auch bei den Navajo ( Dine`) wird das Leben als ewiger Kreislauf betrachtet. Ihre Mythen erzählen von vielen Welten die vor unserer heutigen bereits existiert haben. Und auch unsere jetzige Welt wird vermutlich nicht die letzte sein. Ob es aber eine Wiederkehr als Person mit einer individuellen Geschichte gibt, dazu wollen sie sich nicht äußern. Es gibt für sie durchaus Dinge die man auch einfach nicht weiß.

In allen schamanischen Kulturen wird das Vermächtnis der Verstorbenen hoch geachtet und alle unerfüllten Aufgaben des Verstorbenen werden verantwortlich von den Trauernden übernommen. Diese Aufgaben sind sehr heilsam, weil sie die Chance bieten etwas zu tun.

Die Hinterbliebenen, Familie, Freunde, Nachbarn, haben die Möglichkeit mit Unterstützung eines oder einer Schamanin sich davon zu überzeugen, ob die Verstorbenen im Kreise ihrer Vor und Nachfahren in der nicht alltäglichen Wirklichkeit angekommen sind oder nicht. Wenn das noch nicht der Fall ist, erfolgt ein Seelengeleit durch die schamanische Zeremonie. Ethnologen nennen das „Psychopompos“, die Arbeit des schamanischen Seelenführers. Mit „ins Licht schicken“ ist es selten getan. Auf diese Weise lernen die Seelen das, was ihnen zu Lebzeiten noch gefehlt hat. Auch im Leben sehr junge oder streitsüchtige und betrügerische Menschen, wandeln sich so in Wesen voller Wissen und Weisheit. Mit denen können und sollten wir eng zusammen arbeiten. Denn nur dann sind wir selbst vollständige Menschen. Alles ist, wie schon gesagt, immer mit allem verbunden und das soll gelebt werden. Dieses spirituelle Brauchtum war auch in Europa früher verbreitet.

In vielen traditionellen Gesellschaften schamanischer Prägung werden trauerende Hinterbliebene besonders fürsorglich in die Gemeinschaft geholt. Sie werden z. B. täglich zum Essen in ein anderes Haus eingeladen. Es kommt auch vor, dass Trauernde rituell neu in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Während die sogenannte Trauerarbeit bei uns meist auf das Individuum bezogen ist, nimmt schamanisches Brauchtum mehr die Gemeinschaft aktiv in die Pflicht.

All diese Ansätze können wir auf die Trauer um Ailo und sein Vermächtnis übertragen. Dass er „zuhause“ angekommen ist, davon habe ich mich persönlich überzeugt.

Wir können:

  • Ailo danken für das, was wir mit ihm erleben und von ihm lernen konnten
  • Akzeptieren, dass Ailo das Recht hatte zu gehen, wann es für ihn richtig war
  • Uns weiterhin mit unseren Fragen an ihn als Lehrer wenden
  • Von ihm lernen, dass Leben unendlich ist
  • Ailos Vermächtnis und die von ihm autorisierten Lehrenden akzeptieren
  • Weiter an der gemeinsamen Vision von schamanischer Arbeit in Europa arbeiten

Aus dieser weiteren Zusammenarbeit mit Ailo entsteht nach und nach die Heilung der Trauer und eine dankbare, fröhliche und fruchtbare Gemeinschaft der Lebenden und der Toten. Diese Art von gemeinsamer Trauerarbeit ist aufbauend und versorgt unsere Trauer mit guter Medizin.

Diese Aufgabe zu bewältigen, ist für uns europäisch geprägte Menschen allerdings eine enorme Herausforderung. Auf diesem neuen Weg entwickeln wir uns hin zu vollständigen Menschen und heilen so unsere Wunden.


Ich selbst habe mit Ailo des öfteren gearbeitet und mich mit ihm in langen Gesprächen und Mails sehr persönlich ausgetauscht. Wir haben gemeinsam an einer Reise zum Oberlauf des Amazonas in Peru teilgenommen.


Hildegard Fuhrberg


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