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Schamanismus in der Postmoderne   Teil III

Seit einiger Zeit boomt der Schamanismus (schon wieder?) in der Esoterikszene, und er taucht auch auf dem Markt der alternativen Heilmethoden immer öfters auf. In einschlägigen Zeitschriften stehen Anzeigen, in denen Reisen zu echten Schamanen in Peru, Nordamerika oder sonst wo hin angeboten werden, gekoppelt mit Versprechen von Heilung, Sinnfindung und Spiritualität.

Die Initiation heute

Man hört oft, daß es in schamanischen Kulturen eine Art „Initiationskrankheit“ und Initiationskrise gibt. Die ethnologischen Berichte sind voll davon, und das Bizarre dieser Geschichten übt auf viele Leute eine Mischung aus Faszination und Schrecken aus, gepaart mit einem guten Schuß Unverständnis. Was sind das für Erzählungen? Warum muß der angehende Schamane solche Prüfungen auf sich nehmen? Was hat das für einen Sinn?

Nun, in sehr vielen Geschichten, vor allen im sibirischen Raum, wird erzählt, daß der angehende Schamane sich zurückzieht, krank wird, den Verstand zu verlieren scheint und dann von den Geistern regelrecht zerstückelt wird, um danach in einer neuen „Form“, zu einem neuen „Sein“ wieder zusammengesetzt zu werden. Die Person, die danach herauskommt, ist anders als die, die in die Zerstückelung hineinging. Immer wird das als ein Tod und eine Wiedergeburt betrachtet, und man nennt den Schamanen oft auch den „Zweimalgeborenen“. Im indianischen Raum gibt es die Visionssuche, wo der Anwärter fastend für einige Tage in die Wildnis geht, um eine Vision zu erlangen. Immer ist es ein auf den Grund erschütterndes Ereignis, und immer kommt danach so etwas wie eine Vision heraus, die dann manifestiert werden muß.

Ethnologen behaupten nun, daß es deswegen keinen Schamanismus bei uns gibt, weil es keine Initiationsrituale und Initiationskrankheiten gibt. Es stimmt, daß es kein offizielles soziales Umfeld gibt, das sich solcher Erscheinungen annimmt, aber das heißt nicht, daß es keine Initiationen gibt. Denn die gehen von den Geistern aus, und wenn die jemanden für geeignet halten (oder jemand sich selber für geeignet hält), dann nehmen sie eine Initiation vor, die aber heftig.

Es kommt durchaus vor, daß Leute auf ihren schamanischen Reisen Zerstückelungserlebnisse haben. Nicht alle sind initiatorisch, manche haben „nur“ den Effekt einer Erneuerung und Verjüngung, aber wiederum andere sind den sibirischen Berichten sehr ähnlich. Da wird der Anwärter in der Geisterwelt zerhackt, zermalmt, in einem Kessel gekocht, skelettiert und durchpüriert, um danach wieder zusammengesetzt zu werden. Fallweise werden auch neue, andere Organe eingesetzt oder alte Organe modifiziert. Auch das Übermitteln von Wissen während der Reise oder die Übergabe von Gegenständen ist möglich.

Der zweite Schritt ist dann der, daß diese Zerstückelung sich in der alltäglichen Wirklichkeit manifestiert. Und das ist der wirklich unangenehme Teil der ganzen Geschichte. Oftmals wird man von den Geistern in schwere Krisen, die gemeistert werden müssen, geschickt. Fast immer wird man dabei auch sehr massiv mit den eigenen Schatten konfrontiert und muß lernen, hart an sich zu arbeiten. Manche „Anwärter“ haben sogar Nahtoderlebnisse.

Um das aus eigener Erfahrung zu verdeutlichen: Etwa im Jahre 2005 erlebte ich meine erste Zerstückelung, die zweite, die eigentlich mächtigste und für mich wichtigste, kam dann zu Lichtmeß 2007. Ich „sah“ mich damals als eine komplett andere Wesenheit, als ich nach außen hin in der alltäglichen Wirklichkeit erscheine. Danach allerdings ging es in der alltäglichen Wirklichkeit richtig los: „Zufälle“ sorgten dafür, daß ich Dinge erlebte, die mich ziemlich erschütterten, „auseinander brechen ließen“ und mir gleichzeitig wertvolle Hinweise im Bezug auf meine weitere Arbeit lieferten. Zugleich wurde ich massiv mit meinen persönlichen Unzulänglichkeiten und Fehlern konfrontiert. Am Schluß hatte ich scheinbar so gut wie alle Freunde verloren, eine komplett in die Brüche gegangene Beziehung und eine mittelprächtige Depression mit suizidaler Tendenz am Hals. Der Sachverhalt war zwar noch komplexer, aber das ist nun mal die verständliche Kurzbeschreibung.

Eines schönen Tages wurde es mir zu bunt. Ich legte „innerlich“ einen Schalter um und sagte allem, was mich in meiner Entfaltung behinderte, den Kampf an. Auf Leben und Tod. Innerhalb weniger Wochen stellte ich mein Geist-Gewand soweit fertig, daß ich damit schamanisieren konnte, und im Juli 2009 erlebte ich meine schon in der Biographie erwähnte „zweite Geburt“, indem ich zum ersten Mal halböffentlich/öffentlich auf einem Treffen in diesem Gewand arbeitete. Zwar sind noch nicht alle Probleme beseitigt, aber meine Einstellung dazu hat sich radikal geändert. Ich kann mittlerweile bestätigen, daß man beim Schamanisieren auch immer Krieger ist. Und ich denke, es ist wichtig, das zu erkennen und diese komplett kompromißlose Einstellung zu gewinnen. Wie gesagt: danach begann das alles besser zu werden.

In manchen schamanisch arbeitenden Kreisen wird behauptet, daß praktisch jeder, der die „Reise“ beherrscht und Zugang zu dem Krafttier hat, ein „Schamane“ ist. Ich denke, der obige Absatz erklärt, daß es dem nicht so ist: dazu ist dieses „Stirb und Werde“ notwendig. Ich weise darauf hin, daß ich mich nicht mit dieser Geschichte wichtig machen will, es ist nur der Versuch, eine Initiationskrise „von innen heraus“ zu beschreiben und es ein wenig verständlicher zu machen. Außerdem gibt es hier und Deutschland und Europa so einige, die eben das erlebt haben. Doch nun zur Erklärung, warum? Auch das sind nur meine persönlichen Ansichten, die ich da kundtue:

Während einer Initiation wird der Anwärter von Grund auf neu strukturiert, was ja durch die Zerstückelung und das Neu-Zusammensetzen bestens gezeigt wird. Dabei muß Altes zerstört werden, damit das Neue sich entfalten kann. Zudem ist der „Job“ Schamane kein Pappenstiel, die Geister sind nicht immer lieb und nett, und die Krise führt auch dazu, daß man danach „mit allen Wassern gewaschen“ ist und einem so schnell nichts mehr umhaut.

Zudem muß der Schamane eine „saubere Schnittstelle“ zwischen den Menschen und Geistern sein. Nicht bewusste, unverarbeitete Schatten sind „Krümel“ in der Andockstelle und würden die Übertragung verfälschen, darum müssen sie erst mal bearbeitet werden. Ansonsten wäre die schamanische Arbeit nicht sauber und z.B. von Machtgelüsten, Gier oder Geltungsdrang verzerrt. Zu guter Letzt, und das klingt vielleicht etwas masochistisch, macht aber Sinn: Leid ist einer der besten Lehrmeister. Die Lektionen, die man aus seinen Fehlern und seinem Leid lernt, sitzen.

Zu guter Letzt noch eines: die Initiationskrise zwingt auch, die eigene Berufung anzunehmen. Das ist bei den indigenen Völkern so, und das ist auch bei den europäischen Anwärtern nicht anders. Sobald man anfängt, zu seiner Berufung zu stehen, wird alles besser. Bei mir war es das Gewand und das öffentliche Auftreten darin, aber das ist „nur“ die nach außen hin sichtbare Annahme meines Jobs. Das eigentlich „Sein“ geht tiefer. Du nimmst es endlich an und stehst dazu, egal was die Leute sagen.

Das ist meine persönliche Sicht zum Thema Initiation. Ich bitte darum, sich bewusst zu machen, daß das nur mein eigenes Erleben war und ist – andere machen komplett davon unterschiedliche Initiationen durch, da jeder nun mal ein Individuum ist.


Schamanismus und Heilen

Wo hat der Schamanismus hier seinen Platz? Nun, er bietet die Möglichkeit, Krankheit in ihren „nichtsichtbaren“ Aspekten anzugehen und auf dieser Ebene mit ihr zu arbeiten. Dazu gehören natürlich nicht hochakute Zustände, aber undifferenzierte oder medizinisch ungeklärte Fälle können von dieser Warte aus betrachtet und angegangen werden. Ein weites Feld bieten hier z.B. die psychosomatischen Erkrankungen oder leichtere Formen psychischer Erkrankungen (Ausnahme: Psychosen, hier bewirkt Schamanismus eher gegenteilige Effekte, da der Klient eher „gelockert“ wird während der Sitzung). Klassische Fälle sind Beschwerden nach Mobbing oder depressive Zustände nach einschneidenden Erlebnissen. Mit „schamanischen Augen“ betrachtet macht das durchaus Sinn: Mobbing kann durchaus als nicht bewusstes Abschießen von „Geisterpfeilen“ auf den Patienten betrachtet werden, während bei der Depression oft ein Seelenteilverlust vorliegt. Sehr oft sagt der Klient ja hier auch: „Mir fehlt etwas, ich bin nicht vollständig!“ Aus Gründen der Seriosität, der besseren Überwachung und des Erzielens besserer Erfolge empfiehlt sich eine begleitende Psychotherapie. Oftmals kommen nach einer Seelenrückholung alte Erinnerungen, die vorher mit dem verschwundenem Seelenteil „weg“ waren, zurück und sind dem Therapeuten erst dann richtig zugänglich.

Psychosomatische Krankheiten und alte, überkommene Muster können in der schamanischen Trance als Gegenstände oder Wesenheiten im Klienten wahrgenommen und entsprechend bearbeitet werden. Ein weites Feld bietet sich auch in der Arbeit, welche ich eigentlich von der Theologie her als „Seelsorge“ kenne und was dann auch wortwörtlich so verstanden werden kann. Da in klassischen Stammeskulturen der Schamane auch derjenige war, der den Sterbevorgang überwachte und die Totenseele ins Jenseits geleitete, wäre es z.B. theoretisch möglich, in Hospizeinrichtungen schamanische Techniken, sowohl beim Sterbenden als auch bei den Angehörigen, anzuwenden, um Übergang und Abschied zu erleichtern. Dafür ist allerdings die Gesellschaft noch nicht „so weit“, und es dürfte Probleme mit den oft christlich orientierten Hospizen geben. Als selber schamanisierender Theologe würde ich mir aber vom Herzen wünschen, daß mehr Christen sich damit beschäftigen würden. Mit der Religion wird es keine Probleme geben, eher mit der Institution.

Zwar ist der Schamanismus sicher nicht das „erste Mittel der Wahl“ für jeden, aber ich hoffe, mit diesem Artikel zumindest ein wenig angerissen zu haben, daß schamanische Techniken in unserer Gesellschaft sowohl möglich als auch eventuell nötig sind (im Sinne von einer Wiederbeseelung der Welt), und daß auch in unserer Kultur ein zeitgenössisches Schamanentum möglich ist – zwar gerade im Werden, aber hoffentlich in Zukunft etabliert und vom esoterischen Supermarkt emanzipiert. Wir müssen dafür nicht mehr zu anderen Völkern rüberschielen.


Road Man


«Shaman´s View»:   Articles in English
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Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition - Teil II     Martin Marheinecke, 20.03.2010
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