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Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam   Teil II

Ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht über das Kennenlernen und Eintreten in die tatarische Tradition und die Arbeit mit einem traditionellen Kam.

Die erste Korrektur meiner Weltsicht

Damals war ich gerade damit beschäftigt mein Leben umzukrempeln, in dem ich nicht glücklich war und das für mich außer Pflichten und kleinen Erfolgserlebnissen wenig bereit hielt. Es hing mir wie en Mühlstein um den Hals. Ich war oft krank und permanent unpünktlich, dauernd müde und einfach ausgelaugt. Dass ich etwas ändern musste, war klar. Wohin diese Änderungen gehen sollten, hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gezeigt.
Ich begann damit, meinen Job zu kündigen, als nächstes kam meine damalige Beziehung dran und nach einiger Zeit auch meine Wohnung. Bis ich das nächste Mal an einem Ritual teilnehmen konnte vergingen zwei Monate und in dieser Zeit ergaben sich ständig neue Gründe die es verhindern wollten, dass ich teilnahm. Mal war ich krank mit Fieber, mal musste ich beruflich verreisen. Normalerweise wäre nach so vielen Absagen mein schlechtes Gewissen zu groß gewesen und ich hätte Desinteresse geheuchelt um das nicht zugeben zu müssen, in diesem Fall kam es aber anders. Der Schamane ließ mir ausrichten, ich solle mich bei ihm melden. Ich rief an und erklärte wortreich und entschuldigend am Telefon meine Verhinderungsgründe und dass ich ziemlich fertig war. Ich erwartete eine Reaktion im Sinne von „Naja, das ist natürlich verständlich, aber….“ oder „Man muss halt schon selbst den ersten Schritt tun“ oder einen anderen Tadel. Er sagte zu mir, das passiere oft, wenn man seine Lebensumstände ändere, es sei eine Zeit, in der all das zum Ausbruch käme, was in der Zeit davor kein „Gehör“ gefunden hätte. Wenn sich die Phänomene wieder eingependelt hätten, solle ich mich einfach melden und sei willkommen.  Das ermutigte mich – ich hatte ja mit Missmut und einer Moralpredigt gerechnet. Stattdessen bekam ich Verständnis und außerdem eine neuerliche Einladung. Natürlich war ich  beim nächsten Termin dabei.

Dieser fand in seiner Wohnung statt, er hatte in einem Raum Tatamis auf den Boden gelegt und wir hatte wunderbar Platz für das Ritual. Wir machten das gleiche Ritual wie damals im Wald.  Alle erklärten, es sei auf wundersame Weise jedoch jedes Mal anders. Dieses Mal stellten wir eine Schale mit Spiritusfeuer in die Mitte und ließen das Feuer in uns aufkommen. Im Ritual selbst waren damals mehr Männer als Frauen und die ganze Stimmung kam mir testosterongeschwängert vor. Die Geräusche die die Leute machten waren so „männlich“, also tiefes Brummen, schweres Atmen und irgendwie kam mir das alles ziemlich überzeichnet vor. So als moderne westliche Frau betrachtete ich dieses männliche Gehabe etwas herablassend, wenngleich ich es auch sehr interessant fand. Das ist ja auch ein recht überholtes Modell, dass Männer stark sein müssen, uns zivilisierten Westlern wird ja eingeredet, diese Stärke sei ein sozial aufgeprägtes Verhalten und nicht echt oder für eine Person wesenhaft.
Das Ritual selbst fühlte sich sehr erdverbunden an, mir kam es vor, als säßen wir auf erdigem, schwarzem Boden.  Es lag Lüsternheit in der Luft, eine sehr deutliche Energie, und auch die Bilder, die vor meinem geistigen Auge auftauchten waren entsprechend. Die in mir aufsteigende Energie war das, was ich bisher  als Kundalini kannte.  Natürlich hatte ich nicht während der ganzen Arbeit die Augen geschlossen, das ließ meine Neugierde nicht zu. Nach der Arbeit fühlte ich mich sehr gut, energiegeladen. Da war Kraft hinter diesen Menschen und hinter diesem Ritual. Das waren keine leeren Worthülsen und keine aufgebauschte Phantasie, das war ganz reales Erleben, das war ein Ritual das genau so „wummert“, wie es in der Literatur beschrieben stand. Mir waren die Schamanen ja immer als Praktiker vorgekommen, jetzt hatte ich eindrucksvoll erlebt, was es heißt, Energien zum Fließen zu bringen.

Diese Energie, die dem Ritual innewohnt, ist so stark, dass es eindeutige körperliche Reaktionen darauf gibt, auch wenn die Menschen das nicht immer als solches erkennen. Als ich in der Gruppe anfing gab es bei uns eine magersüchtige Frau, die für etwa drei Monate mitgearbeitet hat. Während dieser Zeit schloss sie ihre Engelausbildung ab, die sie schon zuvor begonnen hatte. Nach ein paar wenigen Wochen der Mitarbeit bekam sie nach  12 Jahren zum ersten Mal wieder ihre Regelblutung. Ihr Körper hat sich in dieser kurzen Zeit so viel an erdverbundener Energie und Heilung geholt, dass sie ausgeglichen und stark war. Ihr Körper konnte gesund werden, oder zumindest einen Gesundungsprozess einleiten.  Den Zusammenhang zwischen der Arbeit und ihrem körperlichen Gleichgewicht hat sie zu diesem Zeitpunkt nicht erkannt und ich frage mich bis heute, woran das gelegen haben mag. Bisweilen passiert es,  dass jemand Heilung oder Stabilisierung erfährt und dennoch nicht sehen kann, dass das mit der Arbeit an sich zusammenhängt. Manche bemerken es erst, wenn sie nach einer langen Pause wieder in ihren alten Trott verfallen sind, und für manche ist das Erleben innerhalb der Gruppe schlicht so unglaublich, dass sie einige Zeit später etwas ganz andere erzählen, als das, was sie tatsächlich erlebt haben. Dabei konnte ich mir in dieser Gruppe bisher so stark das Wundern wieder erschließen. In einer fast kindlichen Naivität kann ich heute wieder über Wunder in meinem Alltag staunen.

Ein zweites Mitglied hat etwa zur selben Zeit mit mir begonnen. Auch sie ist bis heute in der Gruppe aktiv. Sie kam ohne Vorgeschichte und Vorwissen und hat sich einen Gutteil ihres Konsumentendenkens bis heute erhalten. Auch sie arbeitet immer mit und die Gruppe gibt ihr sehr viel. Oft kommt sie abgehetzt zu unseren Treffen und nach der Arbeit sieht sie frisch, strahlend und energiegeladen aus. Die Gruppe gibt ihr viel, auch wenn sie keine der genannten Höhenflüge bisher erlebt hat.
Nach der ersten gemeinsamen Arbeit fragte mich der Kam, ob mir irgend etwas fremd gewesen sei. Tatsächlich war mir diese Arbeit und diese Energie zwar nicht bekannt, aber auch nicht fremd. Ich fühlte mich in ihr geborgen und zuhause. Es war genau das Richtige für mich. In der Zwischenzeit habe ich festgestellt, daß die Tataren bis in den Donauraum vorgedrungen sind und diese Kultur bis im 19ten Jahrhundert bei uns durch fahrende Völker und gut gelaunte Höflinge präsent war. Genau so hat es sich angefühlt. Fremd und vertraut. War immer da, hatte ich nur noch nie gemacht.


Ende Teil II


Dagkeci


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