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Meine Arbeit mit einem traditionellen Kam   Teil I

Ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht über das Kennenlernen und Eintreten in die tatarische Tradition und die Arbeit mit einem traditionellen Kam.

Mein Einstieg in die Gruppe

Mitten in Wien begegnete ich vor eineinhalb Jahren einem traditionellen Kam, einem Schamanen, der in einer tatarischen Tradition steht. Diese Begegnung veränderte  mein bis dahin sehr westlich orientiertes und unbefriedigendes Leben nachhaltig. In mir fand eine Art Befreiung statt. Anstelle meiner Konsum-Haltung trat das Verlangen, mehr und mehr mit meinem Körper und meinen Händen zu tun. In dieser Tradition ist das Tun ein Schlüssel, das Tun steht immer im Vordergrund. 
Ich hatte bereits einigen magischen Gruppen beigewohnt und auch sehr spannende Rituale mitgemacht, trotz allem fehlte mir der richtige Angang zu der Kraft, die ich zu diesem Zeitpunkt als magisch empfand. Zu Beginn meiner magischen - spirituellen Laufbahn war ich der festen Überzeugung, dass die hermetische Magie mein Steckenpferd sein würde, denn die innewohnende Symbolik und Ritualistik erschien mir vertraut und der Zugang zu Macht erschien mir passend.

Bald darauf tauchten in meiner magischen Arbeit zunehmend andere Einflüsse auf und ich machte auf intuitive Weise Bekanntschaft mit  Schamanismus. In Meditationen sah ich mich durch eine Holzmaske atmen und der einzige schamanische Chant, den ich von einer Frau gehört hatte, die bei einem indianischen Schamanen gelernt hatte, war in meinem inneren Ohr präsenter als jeder Ritualtext und fühlte sich sehr kraftvoll an.  Ich dachte mir, es sei Zeit, sich mit Schamanismus auseinander zu setzen und begann darüber zu lesen. Ich las über Krafttiere und Totems, über schamanische Drogen und Praktiken. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass die Schamanen die Ärmelhochkrempler in der magischen Gilde seien, konnte mir aber nicht vorstellen, wie das aussehen sollte. Heute weiß ich, woran es lag, dass mir damals keine Arbeit als solche sinnvoll, nachvollziehbar und praktisch erschien: Buchwissen ist vom Schamanismus in jedem Fall so weit entfernt wie ein Lutscher von einer Fledermaus. In den Büchern stehen ausgezeichnete Beschreibungen zu einem besseren Leben und phantastische Anleitungen zu inszenierten Reisen. Manche Autoren ergehen sich in der Beschreibung, wie man Wolken grocken könne oder wie man eine Sigille aus Blättern und Steinen machen könne. All diese Dinge funktionieren – nur, dass hinter diesen eine Weltsicht steht, die heute vom Aussterben bedroht ist. Eine schamanische Weltsicht. Ich kann nun ebenso wenig eine schamanische Weltsicht plausibel zu Papier bringen wie die Autoren, deren Bücher ich damals gelesen habe, aber ich kann meine bisherigen Wandel und Erfahrungen aus meiner Sicht als westlichen Durchschnittsfrau  innerhalb der tatarischen Gruppe aufschreiben.

Im Dezember letzten Jahres war ich das erste Mal bei einem traditionellen Ritual der Gruppe dabei. Wir trafen uns im Wald, was am 21. Dezember nächtens recht kühl ist. Ich bin zwar persönlich eine Bergziege, wohne aber seit Jahren schon in der Stadt und habe mir allen Komfort gegönnt. So fand ich die Herausforderung, im Wald zu frieren und dabei in einen Trancezustand zu kommen gleichzeitig lustig und spannend und ich bin ja immer für pseudoextreme Erfahrungen zu haben.

Mit meiner outdoor-tauglichen Kleidung war es nicht weit her und so zog ich so viel an, wie ich konnte, um nicht zu frieren. Im Wald war ich recht bald überrascht, wie gut und schnell diese Leute Feuerholz beisammen hatten und bald darauf brannte ein angenehm warmes Feuer vor uns. Mir wurden kurz die Rituallieder erklärt und schon ging es los. Wir saßen um das Feuer, fünf Leute insgesamt, der eigentliche Leiter der Gruppe war nicht anwesend. Wir machten das Ritual trotzdem, ich konnte mir aber nicht so recht vorstellen, dass das ein gutes Ritual werden würde. Wir sangen unsere Lieder und schon nach kurzer Zeit spürte ich eine enorme Präsenz in meinem Rücken, also hinter mir im Wald. Da saß etwas und sah uns zu. Ich war überzeugt, dass es sich um kein Tier handelte, die mächtige Präsenz  erstaunte mich. Zuvor hatte ich in Ritualen Entitäten kennengelernt, die nach Erzählungen und Buchwissen sehr stark waren, als da sind Baphomet, Pluto, Pan, Saturn… keine hatte aber eine solche Präsenz gezeigt wie das, was sich da hinter mir eingefunden hatte. Dennoch war ich nicht in Angst und Schrecken – aber schwer beeindruckt. Hinter mir befand sich ein Geist aus dem Wald, der gekommen war, um uns zu sehen. Als das Ritual vorbei war, verschwand er wieder. Da hatte ich also gänzlich unerwartet einen ziemlichen Ritualkick bekommen, eine Entität war so stark wie nie zuvor aufgetreten und das bei einem simplen Ritual, bei dem nicht einmal eine Rufung gemacht worden war.
Nach dem Ritual warf einer der Anwesenden Speck ins Feuer, spuckte Wein hinein und warf auch etwas von dem Brot, das wir mit hatten dazu. Er opferte das den Geistern. Ich konnte nicht verstehen, weshalb man Speck opferte oder Wein ins Feuer spuckte – oder opferte er dem Feuer? Er opferte doch den Geistern? Und wenn man den Geistern Opfer brachte – wieso Lebensmittel? Was konnten Geister mit Lebensmitteln anfangen? Und wenn man ihnen das schon opfern wollte – wieso verbrannte man es dann? Ich blieb mit einigen Fragen zurück, hatte das Erlebnis aber als sehr eindrucksvoll gespeichert.

Beim Weggehen ein paar Tage später lernte ich den Leiter der Gruppe in einem Lokal kennen. Er ist ein tatarischer Kam, ein spiritueller Führer. Eines der ersten Dinge, die mir an ihm zu denken gaben war die Geste, die er machte, wenn er sich bedankte oder wenn er jemanden kennenlernte oder überhaupt, wenn ihm etwas zu Herzen ging oder von Herzen kam: Er hielt die flache Hand auf seine Brust, senkte den Kopf leicht und bekam einen unglaublich starken, liebevollen Ausdruck. Diese „orientalische“ Geste enthielt so viel Gefühl und so viel Demut, dass ich sie immer wieder vor Augen hatte und sogar vor dem Spiegel  übte. Nur fehlte meiner Geste dieser liebevolle Ausdruck. Die Intensität, die von diesem Menschen ausging war besonders. Die Menschen im Westen sind oft distanziert und kühl, auch abweisend zum Teil. Die Art dieses Menschen ist hingegen ebenso einladend und liebevoll, und ganz anders als das, was ich bis dahin kannte.


Ende Teil I


Dagkeci


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