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Traditionell oder eklektisch - meine 2 Cents in den Topf
Dieses Thema kann eine Trennungslinie für viele Menschen sein und ist es auch oft. Im allgemeinen (und ich sage das nun sehr frei) werden magisch arbeitende Menschen oft in zwei Kategorien eingeteilt, Traditionalisten und Eklektiker. Oftmals sind diese Grenzen so hart gezogen, dass die beiden Gruppen im Streit liegen. Leute, können wir nicht alle miteinander auskommen?

Einmal hört ich jemanden sagen: "Traditionen sind für Leute, die nicht klug genug sind, einen eigenen Weg zu finden!" Ich hörte aber auch jemanden sagen: "Eklektiker sind Menschen, die nicht genügend Integrität haben um zu Dingen zu stehen, die schon seit langer Zeit funktionieren!" Eine Seite nennt die andere Dickköpfe - die wieder antworten mit "Fluffy Bunnie". So geht es weiter und immer weiter... Gibt es keinen Weg, auf dem sich die Welten treffen könnten?

Auf der anderen Seite, haben sie das doch schon.
Ob es nun einige Traditionalisten zugeben oder nicht, viele Dinge, die weitergegeben werden, waren zu irgendeiner Zeit auch einmal eklektisch. Das ist nicht unüblich; In der altertümlichen Welt war es weit verbreitet, religiöse Praktiken und Philosophien zu mischen, als verschiedene Kulturen Kontakt zueinander bekamen. Wir können dies überall beobachten, in den Gemeinsamkeiten der Mythen und Legenden so vieler verschiedener Kulturen. Babylonier übernahmen sumerische Gottheiten, Aset aus Ägypten breitete sich als Isis (ihr griechischer Name) über die Mittelmeerregion aus und es gibt sogar Beweise, dass Cernunnos und Shiva gemeinsame Ursprünge haben könnten. Das scheint also unsere Ahnen nie gestört zu haben, warum beunruhigt es dann uns?
Dieser Same der Teilung kommt wahrscheinlich unterbewusst vom größten Gegner des Heidentums, dem Christentum. Im christlichen Gedankengut gibt es nur einen richtigen Weg, deshalb muss alles, was nicht diesem einen Weg entspricht, falsch sein. Diese intolerante und enge Sichtweise hat zu eine großen Anzahl an Kriegen geführt, Gräben zwischen Menschen aufgetan und Gewalt und Terror gerechtfertigt. Traurigerweise wurde dieses "Ich habe recht und Du unrecht" in unseren Denkweisen tief verankert, so tief, dass wir es nicht einmal bemerken. Diese Einstellung ist eine Falle, aus der wir uns selbst befreien müssen, wenn wir Einheit in die ganze Heidengemeinschaft bringen wollen.

Bevor sich nun ein Haufen Leute auf mich stürzt und sagt: "Aha! Er sagt, dass Eklektizismus besser ist als Traditionalismus!", lasst mich richtig stellen, dass ich genau das nicht sage. Ich habe nur herausgearbeitet, dass für unsere Ahnen das Woher einer Idee bei weitem nicht so interessant war, als die Idee selber. Also ja, die Ahnen waren bis zu einem gewissen Grad eklektisch. Trotzdem waren sie auch traditionell. Wie funktioniert das? Einfach: Neue Ideen, Informationen, Einblicke und Praktiken (genauso wie Götter und Konzepte) wurden übernommen und in die Struktur des religiösen Systems (traditionell) angepasst (eklektisch). Das Zusammenbringen der verschiedenen Ideen war eklektisch, aber der Filter durch den diese Informationen gesehen und verwendet wurden war traditionell. Wo bringt uns das hin?

Die Traditionen, die wir heute haben (ihren eklektischen Ansatz der Vergangenheit lassen wir einmal beiseite), haben Struktur und Methoden um Informationen auf einer breiteren Basis zu verstehen. Diese Information selber kann aus einer Vielfalt an Quellen kommen, aber wie sie verstanden wird und wie einzelne zusammengesetzt werden, das hat etwas mit der Tradition zu tun. Was viele hartnäckig nach Unabhängigkeit strebende Eklektiker übersehen ist, dass das System und die Struktur der Traditionen überhaupt kein limitierender sondern eher ein befreiender Faktor ist, in welchem der einzelne ein verbindendes Element findet. So können Informationen in voll funktionstüchtiges System übernommen werden. Gerade eben weil da eine Struktur, eine Konstanz vorhanden ist, können Wissen und Geschichten innerhalb eines ausgetesteten und für sinnvoll befundenen Formats weitergegeben werden. Es geht nicht darum ein Sturkopf zu sein, es geht darum, eine erprobte Methode zu verwenden um das Universum zu verstehen. Der kritische Punkt bei einigen Traditionen mag es sein, dass sie sich abschließen oder andere Ideen und Standpunkte für nicht überlegenswert halten, weil sie nicht traditionell wären. Normalerweise ist das aber die Vorgehensweise von einzelnen, die nicht denken sondern nur reagieren.
Eklektiker haben auf der anderen Seite wieder den Luxus, dieses und jenes von da und dort zu übernehmen und es in ein für sie funktionierendes System einzubinden. Für einige ist das sicher eine gute Sache und sie finden sich entlang des Weges mit einer eigenen Tradition wieder. Für viele aber führt der Mangel an Struktur und Konstanz zu einer sehr verwässerten Art der Spiritualität. Das trifft besonders auf diejenigen zu, die sich Riten und Rituale aussuchen und diese dann übernehmen, ohne die damit verbundenen Systeme zu erlernen, aus denen die Riten eigentlich entnommen wurden. Oftmals wird es dann ein verwirrendes Chaos aus Dingen, die ohne Sinn und Zweck zusammengewürfelt wurden. Einige Menschen sind durchaus fähig, die Stücke in einem funktionierendem System anzuordnen. Das sind dann meistens aber auch wieder diejenigen, die damit eine eigene Tradition gründen.

Meine Kritik richtet sich bei den Traditionalisten an diejenigen, welche in Überheblichkeit schwelgen. Diejenigen, warum auch immer sie so denken, haben meiner Meinung nach das Ziel verfehlt und in ihrem Leben noch etwas zu lernen. Es ist wichtig sich zu erinnern, dass Unterschiede in Tradition und Praxis genau das sind - Unterschiede - die keinen besser und keinen schlechter machen. Meine Kritik bei den Eklektizisten richtet sich an jene, die einfach Versatzstücke verwenden, ohne jemals die Bedeutung dahinter wirklich zu verstehen. Gemeinhin werden diese dann als "Clueless" bezeichnet, weil sie, obwohl das Wissen über den genauen Ablauf eines Rituals durchaus vorhanden ist, keine Idee davon haben, was es zu bedeuten hat oder warum gewisse Dinge wie getan werden. Diese Menschen sollten hart daran arbeiten, um die Tiefe und das Verständnis der "Warum" Fragen zu beantworten und nicht nur damit zufrieden sein sollten, die Dinge zu tun, einfach nur um sie zu tun. Das mag sich als schwierig herausstellen, aber wer sich an "die Antwort im Inneren suchen" hält, der wird sie auch früher oder später finden.

Wo passe ich persönlich denn nun in das ganze Ding? Ich würde sagen, ich bin ein eklektischer Traditionalist (das heißt nicht, dass ich eklektischer Wicca bin, was wieder eine eigene Tradition wäre). Ich wurde in drei verschiedene Traditionen initiiert (für einige mag eine davon nicht zählen, da sie "Native American" ist, im Gegensatz zu Neuheidnisch) und jetzt gerade studiere ich eine vierte. Vermische ich diese Dinge untereinander? Da könnt ihr wetten darauf - aber ich tue das, weil die dich die Funktionalität der Elemente genau kenne, die ich vermische. Verwende ich jemals andere eklektische Dinge? Natürlich - aber mein Verständnis der Dinge, die ich eklektisch dazulerne, kommt aus den Traditionen, die ich erlernt habe. Bin ich Traditionalist? Ganz sicher sogar - aber durch meinen traditionellen Ansatz bin ich befreit, nicht eingeschränkt.

Mögen die Götter euch segnen, egal welchen Weg ihr geht
Shadow Viper


Shadow Viper


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