Wie funktioniert gesunde Polyamorie   Teil III

Ein Thema, das schon längere Zeit aktuell ist - wie das aber so richtig funktioniert oder funktionieren könnte, was es dazu braucht, welche Überlegungen mitgespielt haben sollten und welchen Regeln so eine Beziehung folgen könnte, darüber hat sich Sacriba Gedanken gemacht und sie wunderschön verständlich und nachvollziehbar zu Computer gebracht. Vielen Danke für die ArtikelSpende!
Thanks to: © Gretchen Sveda

PM_Triade
Wir bestehen aus 3 Paarbeziehungen (symbolisiert durch die Linien mit Herz):
2 Hetero-Paarbeziehungen und 1 lesbische Paarbeziehung. Zusätzlich dazu gibt es noch das gesamte Dreieck, nämlich wenn wir zu dritt miteinander Zeit verbringen (symbolisiert durch den gepunkteten Kreis).

Wir haben also 3 verschiedene Zu-zweit-Spaces sowie einen Zu-dritt-Space.
Jeder dieser Spaces hat eigene Traditionen, Verhaltensweisen, Freizeitaktivitäten, usw., genauso wie jedes gesunde Liebespaar über Zeit ganz eigene Umgangsformen entwickelt.
Natürlich gibt es dann auch noch unsere jeweiligen Allein-Zeiten (die praktischerweise während einem Zu-zweit-Space der anderen beiden erfolgen können).

Dafür haben wir uns ein eigenes Aufteilungsmodell ausgedacht:

1x pro Woche hat jede Liebesbeziehung für 5 Stunden einen Zu-zweit-Space. Der_die Dritte geht währenddessen entweder arbeiten, macht Allein-Zeit oder besucht Freund_innen.
Allerdings bedeutet das NICHT, dass der_die Dritte deswegen ausgesperrt wäre. Er_Sie kann jederzeit kurz Kontakt suchen, solange der grundsätzliche Fokus auf dem jeweiligen Paar mit Zu-zweit-Zeit liegt. Tauchen Bedürfnisse des_der Dritten auf, die mehr Zeit benötigen, verhandeln wir darüber und verschieben oder unterbrechen gegebenenfalls die vereinbarte Zu-zweit-Zeit. Falls aus den 5 Stunden eine bestimmte Zeit übrig bleibt, wird diese entweder gesondert nachgeholt oder an die nächste jeweilige Zu-zweit-Zeit drangehängt.

Dieser Grundsatz funktioniert, solange sich alle Beteiligten daran halten und somit alle 3 Zu-zweit-Zeiten den gleichen Platz bekommen.

Aus dieser Beschreibung ist ersichtlich, dass unser Beziehungsalltag nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis eine 4mal höhere Komplexität als eine Zweierbeziehung aufweist.

Wenn Menschen auf der Ebene Liebe miteinander verbunden sind, findet zwischen den beteiligten Menschen ein Energieaustausch statt. Auf den unteren Ebenen der Näheskala passiert dieser zwischen verbundenen Menschen zwar auch, allerdings in wesentlich geringerem Ausmaß.

Weist ein beteiligter Mensch ein energiefressendes Verhalten auf und/oder befindet sich die Paarbeziehung in einem energiefressenden Zustand, hat dies in Polykülen eine Auswirkung, die in Zweierbeziehungen gar nicht vorkommt. Daher wird diese nur von wenigen Menschen im Zusammenhang mit Polyamorie mitbedacht.

Ein über einen längeren Zeitraum hinweg energiefressender Zustand ist im Modell der Näheskala ein instabiler Zwischenzustand.

Frisst eine Paarbeziehung überwiegend Energie, kann das folgende Gründe haben:

  1. Sie ist noch im Stadium des Zusammenraufens am Anfang einer Liebesbeziehung.
  2. Es existiert ein darunterliegender ungelöster Konflikt über die gemeinsamen Wünsche.
  3. Einer_m der Beteiligten fehlt etwas ganz Grundsätzliches: Der Wunsch nach Sex und/oder liebevoller Nähe wird nicht (genug) erfüllt.
  4. Die Beteiligten haben Werte aus der Poly-Szene übernommen und definieren sich von vorneherein als "Nebenbeziehung".
  5. Die Beziehung basiert auf einer sekundärmotivierten Verliebtheit:
    Eigentlich hätten sich die Beteiligten nur Sex zum Spaß miteinander gewünscht.

Bei einer Zweierbeziehung ist die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen gleich groß wie das Paar: Es geht an der Basis immer um zwei Menschen. Ist die Paarbeziehung instabil, sind also nur zwei Menschen direkt betroffen – und möglicherweise noch eventuell vorhandene Kinder.


Diese Situation unterscheidet sich stark von der in Polykülen:

Alle Polyküle bestehen an ihrer Basis aus mindestens zwei Paarbeziehungen; das Minimum sind also 3 Menschen. Ist eine Paarbeziehung davon instabil, beeinflusst das über Energieaustausch auch die weitere(n) Paarbeziehung(en) oder metamour-Verhältnisse negativ, selbst wenn diese für sich alleine nahezu ideal funktionieren.

Dieser Energieaustausch findet, ähnlich der Osmose in der Chemie, an allen Verbindungspunkten statt. Bei den in Das Poly-Zeitproblem erklärten Grafiken sind das alle Eckpunkte, wo sich zwei oder mehr Linien treffen.

Trifft nun eine energiefressende auf eine energieproduzierende Struktur, setzt das eine eigene UNBEWUSSTE (!) Dynamik in Gang: Ich nenne sie das Prinzip der verschobenen Grenzen.

Beispiele:

Zwei Menschen in einer instabilen Paarbeziehung öffnen diese emotional, allerdings nicht aus einer Primärmotivation für Polyamorie (Dazu müsste die vorhandene Paarbeziehung stabil sein), sondern aus einer Sekundärmotivation.

Angenommen, dieses emotional offene Paar lernt einen geeigneten dritten Menschen kennen.
Zwischen einem Menschen im Ursprungspaar und dem neuen Menschen funkt es und sie gehen eine Verbindung auf der Ebene Liebe ein. Damit gibt es auf einmal eine neue Paarbeziehung.

Das Paar kann über zwei Wege Energie produzieren:

  1. Die frische Verliebtheit gibt beiden Menschen neue Energie. Solange die Verliebtheit anhält, produziert sie überwiegend Energie. Diese ist dazu gedacht, die notwendige Beziehungsarbeit und die damit verbundenen Konflikte am Anfang einer Liebesbeziehung anzutreiben, bis die Beteiligten eine stabile Ebene Liebe ausbilden.
  2. Das Paar findet gemeinsame Lösungen für die vorhandenen Konflikte und erreicht damit eine stabile Ebene Liebe. Solange diese Ebene stabil bleibt, produziert sie überwiegend Energie.

Wir haben also das energiefressende Ursprungspaar EF (= Energiefresser) sowie das neue energieproduzierende Paar EG (= Energiegeber).

Das entstandene V-Polykül sieht dann so aus:

Energiefresser & EnergiegeberGemäß dem Prinzip von kommunizierenden Gefäßen wandert nun die Energie vom energieproduzierenden zum energiefressenden Paar.
Das setzt das Prinzip der verschobenen Grenzen in Gang:

Aus der Sicht von Mensch B, der sowohl Teil von EG als auch von EF ist, wirkt auf einmal der Anteil von Mensch A am Energieminus von EF, also z. B. Verhaltensweisen, die vorher dauernervig, grenzüberschreitend oder respektlos waren, auf den ersten Blick gar nicht mehr so schlimm. Denn Mensch B hat nun mehr als seine eigene Energie zur Verfügung, nämlich die Energie von EG, um das Energieminus in EF auszubalancieren.

Bewusst äußert sich dies durch weniger Genervtheit, Erschöpfung oder destruktive Konflikte (auch unausgesprochene!) innerhalb EF und Uminterpretation von bisher störenden Faktoren zu "Passt eh" oder gar "tolle Eigenheit von Mensch A". Subjektiv gesehen scheint die EF-Beziehung zwischen Mensch A und Mensch B also plötzlich besser zu funktionieren, obwohl alle energiefressenden Dynamiken natürlich weiterlaufen.

Die andere Seite bleibt davon nicht unbeeinflusst: Die Energie von EG wird schließlich angezapft. Am Anfang kann dies unbemerkt bleiben, da der Energieverlust noch durch Eigenproduktion ausgeglichen wird. Wenn aber daraus ein Energieminus entstanden ist (= Es zieht mehr Energie zu EF ab, als von EG produziert wird), äußert sich dies in destruktiven Konflikten, daraus resultierender Genervtheit und Erschöpfung zwischen Mensch B und Mensch C innerhalb von EG.

Der einzige Weg, diese Spirale zu durchbrechen, ist, die Ursachen für das Energieminus innerhalb EF zu finden und diese so anzuschauen, als ob EF eine Zweierbeziehung ohne dranhängende Beziehungen im Polykül wäre:

  • Wurde eine polyamore Erweiterung aus einer Sekundärmotivation eingegangen?
    (Siehe dazu das Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich?)
  • Trifft einer oder mehrere der oben aufgelisteten Gründe für eine instabile Paarbeziehung zu?
  • Gibt es andere Verhaltensweisen des Gegenübers, die energiefressend sind?
  • Wie können wir diese gemeinsam Schritt für Schritt ändern, sodass unsere Beziehung stabil wird?
  • Könnte ein Coaching oder eine Paartherapie uns in unserer Situation helfen?

Wenn hingegen über keines dieser Themen eine konstruktive Kommunikation (mehr) möglich ist oder eine Liebesbeziehung von vorneherein nicht die passende soziale Verbindung ist, bleibt als einzige Lösung die Trennung.

Die Poly-Szene hat für solche Fälle eine eigene Philosophie entwickelt - wenig überraschend ist diese wieder einmal durch und durch dysfunktional: Das Konzept über new relationship energy, abgekürzt NRE.

New relationship energy (engl. für Energie einer neuen, frischen Verliebtheit) beschreibt nämlich genau den Effekt, dass eine energiefressende Beziehung durch die Energie einer neuen Beziehung eine scheinbare "Verbesserung" erfährt. Angeblich empfinden in so einer Situation dann alle Beteiligten "Mitfreude": Alle freuen sich übereinander über die schöne Energie. Falls nicht schon im Vorfeld Grenzüberschreitungen passiert sind ("Ich teile dir mit, mit wem ich jetzt außer dir noch zusammen bin, aber dein Konsens dazu ist mir wurscht!"), kann dies tatsächlich der Fall sein – allerdings nur für wenige Tage bis Wochen. Dann kippt das Gleichgewicht, und auch die EG-Beziehung fällt wie die EF-Beziehung ins Energieminus. An diesem Punkt muss natürlich eine neue EG-Beziehung her, die wiederum NRE bereitstellt, usw.

Die jeweilige EG-Beziehung wird also angezapft: Anstatt die Energie der Verliebtheit dem jeweiligen Paar zu lassen (wofür sie eigentlich gedacht ist), fließt diese in fremde, energiefressende Strukturen und verschwindet darin wie in einem schwarzen Loch.

Unbearbeitet bewegt sich das gesamte Beziehungsgeflecht über den miauenden Hund und/oder den seriell-parallelen Durchlauferhitzer auf einen emotionalen Atompilz zu, in dem es schlussendlich hochgeht.

 


Sacriba


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