Da wird der liebe Gott aber schauen!?

Ziemlich oft lese ich hier im Netz von Göttern, die ihre Kontaktmenschen mit Fähigkeiten ausrüsten, deren schlechte Eigenschaften beseitigen und ihre guten stärken würden, also alles in allem, eine große Mama oder ein großer Papa wären, die für die Entwicklung, Förderung und für das Wohlergehen ihrer Kinder zuständig wären. Die idealen Ersatzeltern, wie sie im Buche stehen.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Pietro Perugino: Gott und Engel, 1507 - 08, Stanza dell' Incendio di Borgo, im Vatikanspalast

Wie viele meiner Leser nun schon vermuten werden, ganz genau, ich bin da ganz anderer Ansicht.


Der liebe Gott!!

Manch einer, wie z. B. meiner Eine, mag mit diesem „lieben Gott“ aufgewachsen sein. Schon im Kindergarten wurde zum lieben Gott gebetet, wenn meine Großmutter mich mit in die Kirch nahm, wohnte dort der Sohn vom lieben Gott und wenn ich vor irgendwas Angst hatte, dann würde der liebe Gott schon auf mich aufpassen. Aber auch wenn ich was verbockt hatte, dann war besonders der liebe Gott aber jetzt ganz böse auf mich oder „nur“ ganz traurig (je nach Schweregrad dessen, was ich angestellt hatte). Damit ist der liebe Gott mehr oder weniger eine Institution meiner Kindheit. Wohingegen die „Mutter Maria“ erst in den späten Jahren meiner Großmutter an Bedeutung gewann und damit spielte sie in meiner Kinderwelt so gut wie keine Bedeutung. Der Rest meiner Familie war eher atheistisch und/oder areligiös, deshalb kam der Einfluss meiner Großmutter so stark zum Tragen.
Das zeigt für mich ein paar Dinge recht schön auf. Kindgerechtes Einbinden einer spirituellen Lebensweise seh ich (trotzdem) als sehr wichtig an. Götter könnten als „ganz normale Familienmitglieder“ den Alltag durchaus begleiten. Was ich als eher nicht sinnvoll ansehe, ist diese Trennung in „gut und böse“.

Besonders heftig wird diese Teilung schon mal in Heidenkreisen betrieben, aber natürlich nicht nur. DIE Göttin wird dabei zur blütenreinen und überguten Supermutter hingebastelt – wohlmeinend, immer den Rücken stärkend, sich in Liebe verströmend … Ich drücke das deshalb so despektierlich und ironisch aus, weil ich der Ansicht, bin, dass das völlig an der Sache vorbei geht. Genauso vorbei, wie die Vorstellung von der einen oder anderen Göttin als üblen missgünstigen Dämon, wie es z. B. der Lilith im christlichen Umfeld widerfahren ist.


Alles eine Frage des spirituellen Weltbildes

Wie so oft ist die Sicht auf die Götter (und alles andere eigentlich auch, aber das hatten wir schon des öfteren in Artikelform) dem jeweiligen spirituellen Weltbild geschuldet. Jeder von uns hat durch seine Erziehung (egal ob von anderen oder durch sich selbst) Brillen auf der oder eher hinter der Nase, mitten im Hirn, durch die er die Welt betrachtet und die jegliche Bedeutung einfärben.
Deshalb ist es auch heftig schwierig sich eine andere Denkweise vorzustellen, als diejenige die mensch selber schon persönlich kennen gelernt, erfahren hat. Wir in unserem, in den meisten Fällen, dualistischen Denken, haben schon seit langer Zeit Strömungen, die darauf hinarbeiten, nicht zu werten. Gerade dieses Werten baut das Weltbild des „gut versus schlecht“ auf und hält es am Laufen. Ob wir aus einem Universum des „All-Einen“ kommen und uns in diese Dualität entwickelt haben oder ob es immer schon so war und einige von uns über diese Dualität hinaus wollen, das vermag ich natürlich nicht zu sagen. Was ich aber sagen kann, ist dass ich persönlich das möchte.

Dementsprechend nehme ich natürlich auch meine Götter nicht als „gut“ oder „böse“ wahr, sondern als sehr ambivalent. Das erklärt sich sehr einfach aus meinen Ansatz der „Naturreligion“. Natur ist für mich alles rund um mich herum … das bedeutet aber, dass für mich Kulturlandschaften ebenso Natur sind und die Stadt genauso als Wesenheit beseelt wie der älteste Baum der Welt (der gerade eben beschlossen hat Eibenbeeren zu bilden, nachdem er sein ganzes Leben lang Pollen produziert hat … wobei Eiben normaler Weise zweihäusig sind). Ein Gletscher ist nicht böse, nur weil ich unter der Lawine begraben werden kann, eine Klapperschlange ist auch nicht böse, wenn sie mich beißt und wenn ich vom Auto am Zebrastreifen angefahren werde, dann ist auch nicht das Auto böse (und meistens der Fahrer auch nicht, weil er das wohl kaum absichtlich gemacht haben wird!).

Mein Götter sind das, was ich als menschlich bezeichnen würde. Sie haben Eigenschaften, die auf mich sowohl positive oder auch negative Auswirkungen haben können. Wenn sie mit mir interagieren, dann kann das für mich sowohl gesunde oder auch ungesunde Folgen haben. Wenn Schamanen mit manch einer Misterpflanze arbeiten, dann sterben sie eben früher. Zumindestens mache davon tun das … andere leben genauso lange wie jeder andere Mensch im Durchschnitt auch. Genauso wie manch einer im Pflegedienst ganz normal in Pension geht und andere mit Bandscheibenvorfällen und Burn-Out krankeitsbedingt schon sehr früh arbeitsunfähig attestiert werden. Es ist immer alles eine Mischung aus persönlichen Ressourcen, eigenem Vermögen, Willen und Interaktion mit der Umwelt in der mensch sich befindet. Nicht Pflegeberufe per se sind schlecht sondern die Kombination die sich ergibt kann für den einzelnen Menschen positive oder negative Folgen haben.


Sich die Rosinen aus dem Kuchen holen

Unter dem Blickwinkel, dass die einen Rosinen mögen und die anderen sie hassen – mag es erstrebenswert sein, sich die Rosinen aus dem Kuchen zu holen um sie genussvoll zu essen oder um sie wegzuwerfen, damit der Kuchen besser schmeckt.
Götter sind für mich aber kein Rosinenkuchen! Sie sind in meinem Weltbild, Entitäten, die eigenständige Eigenschaften haben und in sich selber geschlossene Systeme, so wie Menschen es auch sind.

Genauso wie es sinnvoll sein kann, mit Wölfen zu arbeiten und (mit ihnen notgedrungener Weise auch zu leben) von und mit ihnen zu lernen, genauso kann es sinnvoll sein mit Seth oder Lilith zu arbeiten. Nur dass es sich dabei um das Wolfsrudel in einer Person handelt …

Mit Wölfen sinnvoll verhaltensbiologisch zu arbeiten bedingt, dass ich die Kommunikation der Wölfe verstehe. Nicht die Tiere müssen meine Sprache erlernen, sondern ich die ihre. Sonst wäre das Domestizierung und damit eine völlig andere Geschichte (Götter zu domestizieren, würde ich eher nicht raten). Ich muss mich ihrem Lebensraum anpassen und nicht sie sich dem meinigen. Ohne die Wölfe in möglichst eigener Umgebung zu erforschen und neutral zu beobachten projiziere ich womöglich immer noch den Schäferhund meiner Kindheit auf sie. Beim einen oder anderen Wolf mag das funktionieren aber es kann genauso gut schief gehen und selbst der schwächste Wolf ist stärker als ein unbewaffneter Mensch.

Mit einer Gottheit zu arbeiten oder auch nur Kontakt zu haben, bedeutet für mich ähnliches. Zuerst kriege ich den ganzen Kulturkreis quasi mitgeliefert und das durch die Sprache (seien das Bilder oder Gefühle oder tatsächliches Wort). Dabei müssen die Bedeutungen in keinster Weise mit den meinigen überein stimmen. Meistens muss ich erst herausfinden, wie die Dinge gemeint sind …
Dann macht die Gottheit genauso ihre Erfahrungen durch mich, wie ich durch sie. Das bedeutet, dass die Gottheit in Invokationssituationen durch mich „denkt“ und handelt und das in mir Spuren hinterlässt. Je nach meiner eigenen Ausrichtung, werden dadurch Anteile in mir verstärkt oder unterdrückt.
Schon der Kontakt mit Menschen verändert uns merkbar, warum also sollten wir uns also durch Wesenheiten nicht verändern?

Damit lässt sich dann auch einfach erklären, warum ich den Rosinenkuchen angesprochen habe. Wenn ich mit einer ägyptischen Gottheit engen Kontakt habe, dann werde ich langsam aber sicher mehr und mehr ägyptische Elemente in meinem Leben wiederfinden. Dabei spreche ich nicht von Dekoobjekten sondern von tiefgehenden Veränderungen im Umgang mit der Welt. Genauso wie ich mich ganz automatisch verändere, wenn ich neue Freunde finde … Da werde ich auch Sprachmuster, Bedeutungen und vielleicht sogar Weltsichten teilweise oder ganz übernehmen, bewusst oder unbewusst.

Solange ich mir bewusst bin, was sich wie verändert, kann ich das bis zu einem gewissen Maß auch steuern. Ansonsten NICHT!! Mir also von Seth das Beherrschen „beibringen“ lassen zu wollen und zu erwarten, dass er so nett ist und mir beibringt, wie ich mich einer Mobbinsituation erwehrt und mich ansonsten nicht verändert – das wäre für mich eine Rosine oder der Kuchen aber nicht der Rosinenkuchen. Wenn ich mich auf den Rosinenkuchen einlasse, dann werde ich mich verändern, und diese Veränderungen werden nicht alle sozialkonform, „nett“ oder positiv sein.


Copyright-by-M-Schönberger-4488D


Und noch eins oben drauf …

Wie bei den Wölfen bin ich auch der Ansicht, dass den Göttern ziemlich egal ist, ob es dem Menschen gutgeht, der mit ihnen arbeitet oder nicht. Wir werden geduldet, sofern wir uns einordnen und manchmal, in Ausnahmefällen, werden kleine Kinder durchaus von Wölfen aufgezogen … aber die Regel ist das nicht. Abgesehen davon, dass diese Wolfskinder kaum Mogli heißen ...

Wie immer kann ich euch nur meine Sicht der Dinge schildern aber nicht nur um des WurzelWerk-Gedankens Willen, würde ich mich natürlich sehr über die Euren freuen!


Anufa


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