Die Geschlechter des Göttlichen: Eine polytheistische Perspektive   Teil II

Als ich letztens Anufas Artikel Gott – göttlich, Mann – männlich? las, regte sich bei mir der Impuls, heftig zu widersprechen. Ich begann schon, mein "Ich erlebe das gaaaanz anders" niederzuschreiben, als ich bemerkte: Das würde eine lange Replik! Darum machte ich einen eigenständigen Artikel daraus.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Spätestens seit ich gegen 2009 begann, mich in queerfeministischen Kreisen herumzutreiben, geriet meine Vorstellung von Geschlechtern endgültig ins Fließen. „Es gibt so viele Geschlechter, wie es Menschen gibt“, bestätigt sich für mich seitdem immer wieder und ich nehme seitdem die gender-Verortung, die mir Leute von sich geben, jeweils so an - möglichst ohne dem mein eigenes Kategoriensystem überzustülpen.


Männer*i und ich

Eins könnte ja denken, daß ich eher wenig mit Männern* zu schaffen hätte und sie mir im Grunde fremde Wesen sind. Nichts falscher als das. Nur weil ich keine Intimbeziehungen mit ihnen führ(t)e, heißt das nicht, daß ich mich in Männer nicht einfühlen kann! Immerhin hatte und habe ich ja Lehrer, Bandkollegen, Freunde, Weggefährten, und zwar solche der verschiedensten sexuellen Orientierungen, manche davon sind trans*ii. Im Lauf der Zeit ist mir die Überzeugung gewachsen, daß wir Menschen verschiedenen Geschlechts mehr gemeinsam haben, als uns trennt.


Wie ich Polytheistin wurde

Auch ich begann meinen Weg im Bereich der Göttinnenspiritualität. Auch für mich war es, vor allem am Anfang meines Coming Out, ermächtigend, eine weibliche Vorstellung vom Göttlichen zu kultivieren; andererseits war ich niemals in eine patriarchale Religion hineinerzogen worden. Mit meiner feministischen Sozialisation war eine Große Göttin kein revolutionärer Akt.

Irgendwann im Zuge meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Maskulinität/Feminität wurden männliche Gottheiten für mich interessant - zuerst über Starhawks „Der Hexenkult“, dann auch über Jan Fries' Buch „Helrunar“. Immer weniger fühlte ich mich fähig und willens, für alles weibliche Bilder zu finden, wo Gestalten wie Thor, Loki und Tyr immer unmittelbarer zu mir zu sprechen schienen. Daß ich mir dabei, wie mit meinem zunehmenden Interesse an den Germanen, wie eine schlechte Feministin vorkam: es hielt mich nicht davon ab, und doch trieb es mich um.

Obwohl ich mich damals schon jahrelang im Studium immer wieder mit gender und queer theory auseinandergesetzt hatte, hatte ich bis Ende 2006 noch ein recht wolkiges duotheistisches Verständnis vom Göttlichen. Es waren folgende Dinge, die dieses Verständnis und meine Beziehung zu Gottheiten veränderten: ein Buch, das gemeinsame Praktizieren mit anderen und zwei Erlebnisse mit Gottheiten.

Bei dem Buch handelte es sich um Jenny Blains Nine Worlds of Seid Magic, das mir Seiten der Wikinger-Kultur zeigte, die sonst oft nicht sichtbar waren. In der gemeinsamen Praxis mit anderen stieß mir auf, daß vieles, was für mich allein unproblematisch war, auf einmal zum Problem wurde, weil es von anderen ernster und tatsächlicher gemeint schien, als ich für möglich gehalten hatte.

Das erste der beiden Erlebnisse war ein erhörtes Gebet, das verbunden war mit meinem ersten Opferritus. Wenige Tage vor meiner Abschlußklausur teilte ich auf einem Stück Brachland mitten in Berlin-Neukölln mit Odin, Loki und Pallas Athene ein Sandwich und eine Flasche Bier, verbunden mit einigen Bitten. Als ich die Klausur schrieb, hatte ich die besten Bedingungen, die eins sich nur vorstellen kann (einen komfortablen Raum für mich allein, einen klaren Kopf und soviel Papier, wie ich wollte).

Das zweite war eine schamanische Reise zu meinen männlichen Gottheiten (ja, exakt die, wegen derer ich mich so entsetzlich politisch unkorrekt fühlte). Auf dieser Reise wurde mir klar: Männlichkeiten sind so verschieden wie die Götter, die sie (unter anderem) verkörperten - und darüber hinaus entsprachen etliche von ihnen nicht klassischen Männlichkeitsidealen. Es war ein trivialer Schritt, das auf Weiblichkeiten zu übertragen und die Weder-nochs, die Sowohl-Als-Auchs, die Ganz-Anders, die wechselhaften Gestalten mit einzubeziehen. Von da an fühlte es sich für mich logischer an, meine Gottheiten als viele verschiedene und als diskrete Persönlichkeiten zu verstehen.

Wo spielt das gender meiner Gottheiten heute für mich eine Rolle? Immer und nirgends. Es spielt eine Rolle, wenn meine eigene Geschlechtlichkeit eine Rolle spielt. Es spielt dann eine Rolle, wenn es mit menschlichen Gegenübern eine Rolle spielen würde, das heißt: oft spielen ganz andere Dinge eine wesentlich größere Rolle.

i Ich verwende in diesem Text den Genderstern (Männer* und Frauen*), um darauf hinzuweisen, daß ich Mann* und Frau* als Positionen in einem sozialen Gefüge ansehe. Mehr dazu in diesem Artikel von Distelfliege.

ii Im Fall von trans* ist der Stern ein Platzhalter für alle möglichen Arten von trans-Sein: transgender, transidentisch, transsexuell,... und soll auf die Vielfalt der Trans-Möglichkeiten hinweisen. Trans* bezeichnet in meinem Sinne alle Menschen, die nicht mit dem Geschlecht leben (wollen), das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.


Thursa


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