Die Geschlechter des Göttlichen: Eine polytheistische Perspektive   Teil I

Als ich letztens Anufas Artikel Gott – göttlich, Mann – männlich? las, regte sich bei mir der Impuls, heftig zu widersprechen. Ich begann schon, mein "Ich erlebe das gaaaanz anders" niederzuschreiben, als ich bemerkte: Das würde eine lange Replik! Darum machte ich einen eigenständigen Artikel daraus.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Eins vorweg: Ich habe kein Problem mit wiccanesken Vorstellungen, ich habe auch kein Problem mit dem Konzept der Polarität an sich (oder doch, sofern ich angehalten werde, es auf mich selbst anzuwenden; aber dazu weiter unten). Sie sind eben nicht mein Weg, nicht mein Paradigma. Woran ich mich kratze, ist die dominante, quasi-normative Stellung dieser Paradigmata, die eines quasi-Standardzustands, auf den zurückgegriffen wird, wenn nichts anderes angegeben ist.


Meine Vorstellung vom Göttlichen

Vielleicht ist das Wichtigste: meine Vorstellung vom Göttlichen und damit zusammenhängend vom Sinn meines spirituellen Tuns ist ein anderes als das der Craft. Ich habe sie hier und hier schon genauer dargelegt. Sehr kurz zusammengefaßt: Meine Gottheiten sind viele, und ihre Geschlechtlichkeiten sind viele und verschiedene. Ich begegne meinen Gottheiten nicht durch Identifikation, sondern als Gegenüber, das mir durchaus fremd sein kann.

Wer steht im Fokus meines spirituellen Tuns steht, variiert je nach Ritual. Manche Rituale sind eher auf die Gemeinschaft der Teilnehmenden oder, wenn ich allein arbeite, auf meine eigenen Fragen zentriert. Mehr und mehr nehmen jedoch Handlungen einen Raum ein, die sich auf die Verehrung von Gottheiten fokussieren und weniger auf meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche.

Ironischerweise war es genau das Thema Geschlecht, das mich zum diesem Verständnis von Gottheiten brachte. Dazu später.


Der Begriff „Natur“

Ohne das ganz große erkenntnisphilosophische Faß aufzumachen: Ich mißtraue dem Begriff „Natur“ (dem Begriff, nicht den tatsächlichen Bäumen, Bergen, Steinen, Gräsern, Flüssen und Tieren). Die heidnische Romantisierung der Natur ist mir suspekt; ich hinterfrage, wieviel wirklich „Natur“ ist und was wir nur darauf projizieren. Zu oft finde ich „Natur“ gedacht als einen idealisierten Urzustand vor jeder Kultur, als etwas „Eigentliches“, dem kulturelle und gesellschaftliche Verhältnisse übergestülpt werden. Ich halte das für eine Täuschung, eine gefährliche obendrein, denn allzu oft sehen die unterstellten „natürlichen Zustände“ reaktionären Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität, Familie etc. zum Verwechseln ähnlich. Und last not least wird „Natur!!!“ zu gern als Totschlagargument gegen Menschen wie mich und viele meiner Lieben ins Feld geführt.

Und doch: Naturerfahrung ist ein Teil meiner Spiritualität - jedoch weit ab von etwas, das überhaupt konzeptualisierbar oder verbalisierbar wäre. Draußen zu sein, mich den Elementen auszusetzen, wirft mich auf meine Menschlichkeit, meine Grenzen, meine Körperlichkeit zurück, bringt mich mit jener körperlichen, instinktiven, sinnlichen Ebene in Verbindung, ohne die mein Leben unvollständig wäre. Darüber hinaus: Der nichtmenschlichen Welt wirklich zu begegnen, heißt für mich, meine menschlichen Kategorien und Wertungen so weit wie möglich beiseite zu lassen und wahrzunehmen, ohne das Wahrgenommene gleich in begriffliche Schubladen zu stecken - ein Unterfangen, das niemals perfekt gelingen kann.


Mein Empfinden über Geschlechtlichkeit und seine Folgen

Seit meinem lesbischen Coming Out 1996 hat sich mein Empfinden und Denken über meine Geschlechtlichkeit immer wieder verändert (ich habe mich allerdings stets cisgenderi verortet). Konstant blieb mein Begehrenii: Das richtet sich auf Feminität, die sich für mich nicht an einfachen Markern wie Kleidungsstücken, Haarlänge etc. festmacht.

Ich bin immer schon als feminin gelesen worden, egal, was ich tat und wie ich mich stylte. Und: Meine Feminität war und ist für mich etwas, das ich als gut, ermächtigend, kraftgebend empfinde - aber meine Weiblichkeit hängt nicht an einer potentiellen Mutterschaft oder an meiner Menstruation, nicht einmal an bestimmten körperlichen Merkmalen (auch wenn ich eben diese Körperteile mag!), auch nicht an bestimmten Tätigkeiten oder Interessen. Erst recht verhält sie sich nicht komplementär zu einer wie auch immer gearteten Männlichkeit/Maskulinität!
Eine Konfiguration, die nicht nur in der schwullesbischen Szene unbegreiflich war (die Maskulinität/Androgynie immer noch zum Leitbild erhebt und immer noch dazu neigt, Feminität abzuwerten), sondern mich auch im Spirituellen in besondere Widersprüche katapultierte. Ist ein Begehren, das nicht entlang der Achse maskulin-feminin strukturiert ist, wirklich derart undenkbar, wie es mir immer wieder schien?

In Zusammenhängen von Frauenspiritualität hatte ich oft das Gefühl, daß mir eine Lebensrealität unterstellt wird, die nicht die meine ist. In der Wicca-geprägten Art, Rituale zu gestalten, mit der ich eine Weile arbeitete, neigte ich dazu, mich mit dem männlichen Part zu identifizieren, weil er meiner Lebenswirklichkeit und meinem Begehren näher kam, weniger im Weg stand und widersprach als die Entwürfe von Weiblichkeit, die mir da präsentiert wurden, meine Feminität hin oder her.

Es blieb stets das unbefriedigende Gefühl des Nicht-Vorkommens, das Gefühl, mich in eine Form pressen zu sollen, die schmerzhaft nicht zu mir paßte, und das Gefühl des Mich-Zerreißens zwischen Möglichkeiten, die jeweils wichtige Teile von mir ausschlossen. Es blieb mir die Frage: Wo finde ich den rituellen Raum, in dem meine Lebenswirklichkeit gewürdigt und gesehen wird, wo Geschlecht und Sexualität offener, weniger festgelegt repräsentiert werden, und/oder wo der Komplex Geschlecht und Sexualität nicht diese zentrale Rolle spielt und nicht-heteronormative Leben vorkommen dürfen?

Und dann war da noch meine eigene Vielseitigkeit. Vielleicht, weil mein Begehren nicht diese (geschlechter)polare Struktur hat, vielleicht aber auch, weil ich den größeren Teil meines Lebens ohne Partnerschaft (und wenn eine vorhanden war, dann ohne gemeinsame Wohnung) zugebracht habe - was ich übrigens nicht als Defizit gewertet wissen will -, vielleicht durch meine künstlerische Arbeit als Sängerin -, habe ich nie das Gefühl gehabt, nur „eine Seite“ zu verkörpern. Bis zu einem gewissen Grad mußte ich alles sein, um in der Welt klarzukommen.

Und in der Tat konnte ich sehr vieles in mir finden, ob es nun Härte und Aggressivität war oder einfühlsame Weichheit, ‚Feminität‘ oder ‚Maskulinität‘; ich konnte vieles nach Bedarf entwickeln. Irgendwann begann ich außerdem, Gegensätzlichkeiten anzuzweifeln und lieber Sowohl-als-Auchs und/oder etwas Drittes (Viertes, Fünftes, Sechstes) zu sehen, wo die dominante Kultur in Entweder-Oders denkt (das ist ein andauernder Prozeß). Im Lauf meiner eigenen Auseinandersetzung mit Weiblichkeit/Feminität lösten sich zudem die üblichen Zuordnungen von Eigenschaften, Tätigkeiten und Fähigkeiten zu Geschlecht weitgehend auf. Es wurde für mich ausgesprochen wohltuend, wenn nicht an allem ein gender-Etikett hing.


Ende Teil I

i Das Wort cisgender bezeichnet Menschen, die mit dem Geschlecht leben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

ii Als „Begehren“ bezeichne ich mein romantisches und erotisches Angezogensein von anderen Menschen (und zwar so, wie ich es durch langjährige Selbstbeobachtung beschreiben kann). Ich ziehe diesen Begriff oft dem der „sexuellen Orientierung“ vor, da letztere oft mit Begriffen wie lesbisch, schwul, bisexuell,... arbeitet, die mir meistens zu unspezifisch sind und zwar als solidarische Identifikation taugen, das Spezifische der Situation jedoch nicht abbilden können.


Thursa


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