Die (spirituelle) Krise   Teil III

Suna Jones hat sich etliche Gedanken zum Thema "Krise" gemacht - ein Schlagwort, dass uns in den letzten paar Jahren besonders häufig um die Ohren geschlagen worden ist. Diesmal geht es um die ganz persönlichen Versionen davon. Herzlichen Dank an Suna, dass sie ihre Gedanken mit uns teilt!! orspann
Thanks to: © Gretchen Sveda
Krisenportrait

Was ist, wenn sich der Blick auf die Dinge plötzlich verändert? Was liegt hinter der Oberflächlichkeit und jener teuren Trivialität, in der wir uns kollektiv beheimatet fühlen und uns darin Tag für Tag berieseln und berauschen lassen? Die ‚alten Fragen‘ nach dem Warum, nach demSinn und Zweck des Lebens und die Suche nach dem Selbst verlieren zwischen der x-ten Staffel irgendeiner Talentshow oder den nichts aussagenden Seiten hunderter Hochglanzmagazine ihre Bedeutung.


Krise: Mensch sein?

Es gibt Menschen, denen sprechen diese Fragen unbeirrt aus der Seele. Menschen, die nicht anders können, als sich von der schneidenden Bedeutungslosigkeit und der immer währenden und selbsterschaffenen Banalität des Lebens abzuwenden. Häufig sind es Gezeichnete. Ihre Narben, sichtbar oder nicht, sind Zeichen ihrer Wanderungen fernab ausgetrampelter Pfade.

Wir haben sie in allen Zeiten gekannt. Unsere Geschichten und Legenden erzählen uns von ihnen und ihrer Reise: Es ist die Reise des Helden, der dem Ruf des Abenteuers folgt. Es ist die Reise des Menschen selbst, der die (Schein-)Sicherheit der bekannten Welt verlässt, um sich letztendlich selbst zu überwinden. Es sind die Künstler und Visionäre jeder Epoche, die diesen Mythos für uns am Leben erhalten.


Welt in der Welt

Manche folgen auch heute noch diesem Ruf. Es ist der Ruf einer anderen Welt, der ihnen aus der Banalität des Alltags entgegenschreit. Schmerzlich fallen sie aus der Trivialität der Alltagswirklichkeit heraus. Die Realität wirkt für sie plötzlich fadenscheinig und leer.

Es sind Menschen, die Kontakt zu anderen Ebenen erhalten, die für „gewöhnliche Menschen“ nicht außerhalb von Fantasyfilmen und Comicstrips existieren dürfen.

Unsere Kultur spricht von jenen Welten nur als Sciencefiction, virtuellen Realitäten oder Phantastereien. Wir kennen diese Parallelwelten aus Kunst und Unterhaltung, genießen das Eintauchen in diese Matrix aber nur aus sicherer Entfernung. Geister, Dämonen, Magie und Interdimensionale Begegnungen sind Fiktion in einer Welt, die selbst ihrer realen Bedrohungen nicht Herr werden kann.

C.G. Jung wurde Zeuge einer dieser unbekannten Welten, als er den Archetypen in der Psyche seiner Patienten begegnete. Eine Welt des Geistes, die heute kaum erforscht und noch weniger verstanden wird – und heimlich unter der Oberfläche des Alltäglichen ruht. Unsere Welt, wie wir sie mit unserem Alltagsbewusstsein erfassen und interpretieren, ist nur die spiegelnde Oberfläche eines sehr tiefen Gewässers. Die Psychologen und Psychiater des letzten Jahrhunderts sprachen vom „Unbewussten“, Schamanen und Medizinmänner früherer Kulturen sprachen vom „Geist“, „dem Unnennbaren“, „der anderen Welt“.

Jene, die sich Zugang zu diesen Ebenen verschaffen konnten, wurden gleichermaßen verehrt wie gefürchtet. Es waren Sonderlinge, Eremiten, Hexen und Magier – die mit dem „zweiten Gesicht“ und den Helfern im Zwielicht. Aber es waren auch jene, die heilten, Wunder taten und das Verborgene im Offensichtlichen erkannten.

Heute ist diese Realität für uns in weite Ferne gerückt. Wir nehmen unseren Kindern den Glauben an Wunder und die Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen, noch bevor sie eingeschult werden. Einige jedoch, werden nicht endgültig vom Kontakt mit jenen anderen Welten abgeschnitten. Manche hören auch heute noch den Ruf dieser anderen Welt. Und einige folgen ihm.


Die Spirituelle Krise – Portrait moderner Initiation

Die (spirituelle) Krise ist eine Krise des Menschseins in einer entmenschlichten Welt.

Was wäre, wenn man plötzlich aufwacht und alles ist anders? Was zuvor Bedeutung hatte, wird irrelevant und fad. Man erwacht und fühlt sich fremd in der eigenen Stadt, im eigenen Land, im eigenen Körper. Eigentlich ist einem alles fremd und gleichgültig geworden. Etwas ist geschehen und man ist nicht mehr der, der man vorher war. Die spirituelle Krise ist eine Krise der menschlichen Identität.

„Gefühle von Einssein mit dem gesamten Universum. Visionen und Bilder von weit entfernten Orten und Zeiten. Empfindungen von pulsierenden Energieströmen im Körper, die von Krämpfen und heftigen Zittern begleitet werden. Visionen von Gottheiten, Halbgöttern und Dämonen. Leuchtende Blitze strahlenden Lichts und Regenbogen-Farben. Angst davor, verrückt zu werden, sogar zu sterben …“

~~~ Stanislav & Christina Grof, Spirituelle Krisen

Spirituelle Krisen, so schreiben Christina und Stanislav Grof, sind höchst individuell. Sie sind wie Fingerabdrücke. Ihr Auftreten und ihre Erscheinungen sind persönlich und spezifisch, auch wenn bestimmte Motive und archetypische Bilder sich wiederholen.

Das Zusammenleben mit der Umwelt verändert sich. Unser gesellschaftlicher Kontext bietet für Erfahrungen dieser Art kein konventionelles Mindset. Man selbst und die Ansprechpartner lehnen das Erlebte ab. Oft sehr radikal, weil Familie und Freunde, sogar Fachärzte, mit diesen Erfahrungen komplett überfordert sind. In längst vergangener Zeit hätte das Stammesoberhaupt oder der Schamane die Anzeichen der Krise spirituell gedeutet. Solche Erlebnisse waren Medium zur Kommunikation mit der jenseitigen Welt und daher prinzipiell akzeptiert und sogar geschätzt.

Ganz im Gegensatz zum heutigen Umgang damit: Das Umfeld ist in der Regel unerfahren und hilflos überfordert damit. Statt Unterstützung und Beistand erntet man in vielen Fällen Abgrenzung und sogar Spott. Von ärztlicher Seite folgen Diagnosen, die sich oft nur auf rein materieller Ebene bewegen und zur Pathologisierung des Erlebten neigen. Soziale Beziehungen werden durch das Auftreten einer spirituellen Krise auf eine harte Probe gestellt. Das Selbst- und das Weltbild zerbröckelt unwiederbringlich und man ist auf sich allein gestellt.

„Zwar gibt es individuelle Ausnahmen, aber in der Regel wird in der Psychiatrie und Psychologie nicht zwischen mystischen Erfahrungen und Geisteskrankheiten unterschieden. In diesen Fachgebieten wird offiziell geleugnet, dass die großen spirituellen Traditionen, die seit Jahrtausenden systematisch das menschliche Bewusstsein erforschen, etwas zu bieten haben. Die Konzepte und Praktiken, die sich in den mystischen Traditionen […] finden, werden daher ignoriert und ohne Unterschied verworfen.“

~~~ S. & C. Grof, Spirituelle Krisen

Die Krise ist eine Öffnung. Sie kann (bewusst) herbeigeführt werden, wie spirituelle Traditionen es seit jeher beabsichtigen. Meditation, Fasten oder das Gebet sind Praktiken, die den Zugang zu mystischen Erfahrungen erleichtern sollen. Aber auch der Ge- und Missbrauch von Drogen kann eine Öffnung gewollt oder ungewollt herbeiführen.

Letztendlich findet man sich dadurch auf einem Pfad, für den unsere Kultur kaum Reiserouten bereitstellt und auf dem man sich leicht verirren kann.

Sie ermöglicht aber auch die Heilung und Ganzwerdung der Seele, von der wir uns heute oft so isoliert fühlen, dass die Frage nach ihrer Existenz nur noch Frage des Glaubens – nicht aber mehr Frage des Wissens – ist. Die Krise hält uns einen Spiegel vor, der uns die Möglichkeit schenkt, uns und die Welt auf eine neue Weise zu betrachten. Es ist eine Reise ins Innerste, ins eigene Herz, die uns eine Offenbarung sein kann.

Weiterführend

S.E.N. – “Spiritual Emergence Network”
Freie Netzwerk-Initiative für Menschen in spirituellen Krisen und Transformationsprozessen
Tabelle zur Unterscheidung: “Spirituelle Entwicklung – Spirituelle Krise – Psychose”
Tabelle zur Unterscheidung: “Spirituelle Krise – Psychiatrische Störung”


Suna Jones



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