Die (spirituelle) Krise   Teil I

Suna Jones hat sich etliche Gedanken zum Thema "Krise" gemacht - ein Schlagwort, dass uns in den letzten paar Jahren besonders häufig um die Ohren geschlagen worden ist. Diesmal geht es um die ganz persönlichen Versionen davon. Herzlichen Dank an Suna, dass sie ihre Gedanken mit uns teilt!!
Thanks to: © Gretchen Sveda

Die äußere Krise

Im Folgenden begegnet uns eine Krise. Eine von vielen. Die Krise ist uns allgegenwärtig geworden. Wir begegnen ihr in den täglichen Nachrichten, auf der Straße, im eigenen Wohnzimmer. Wer war nicht selbst schon in einer Krise? Die Religion soll noch heute einen Ausweg für verschiedenste Sackgassen des Lebens bereithalten. Immer mehr Menschen aber wenden sich einer alternativen Spiritualität außerhalb traditioneller Gotteshäuser zu, die die Lebensqualität zwischen Burnout und Midlifecrisis zurückbringen soll. Sinn, Verstand und Stumpfsinn im Krisenmarathon der Gegenwart.

Im ersten Teil begegnet uns die Krise auf mehreren äußeren Ebenen. Was meinen wir, wenn wir heute von Krisen sprechen? Und welchen Stellenwert bekommt die Spiritualität im Hinblick auf (zwischen/menschliche) Krisen? Was steckt hinter der modernen Spiritualität und was kostet uns die Wirklichkeit der Krise?

Im nächsten Teil geht es um die inneren Krisen unserer Zeit und deren verborgene (?) Ursachen. Die Psyche als Spiegel einer gesellschaftlichen Wirklichkeit: Krisen am Rande eines neuen Verständnishorizontes seelischer Krank- und Gesundheit. Das Konzept der „Spirituellen Krise“ nach Stanislav und Christina Grof.

Teil III liefert dann das Portrait einer spirituellen Krise. Subjektive Ein- & Ausblicke.


Was ist {k}eine spirituelle Krise?

Krisen gibt es immer und überall; daran sind wir gewöhnt. Es gibt Welt- und Wirtschaftskrisen, Beziehungskrisen, Lebenskrisen – die großen und kleinen Katastrophen der Existenz eben. Und was soll man sich dann unter einer „spirituellen“ Krise vorstellen?

Krisenzeichen in Krisenzeiten?

Zur Krise heißt es auf Wikipedia:

Die Krise (Alt- und gelehrtes Griechisch κρίσις krísis ursprünglich ‚die Meinung‘, ‚Beurteilung‘, ‚Entscheidung‘, später mehr im Sinne von ‚die Zuspitzung‘) bezeichnet eine problematische, mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation. „Krise“ wird in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen auf sehr unterschiedliche Weise thematisiert: in der Medizin und Psychologie[1], in der Wirtschaftswissenschaft und Soziologie (Soziologie als Krisenwissenschaft[2]) wie auch in der Ökologie und Systemtheorie.

Dann entsinne ich mich spontan noch dem teilweise verbreiteten und sinnverwandten Glauben, dass das Chinesische Schriftzeichen für „Krise“ in seiner Doppelbedeutung  die  Begriffe „Chance“ wie „Gefahr“ gleichermaßen beinhaltet.

Ob das so auch wirklich stimmt und wo man eine entsprechende Doppelbedeutung in der westlichen Sprachkultur findet, kann man hier lesen. Was soll das sein – so eine Krise? Haben wir uns daran nicht längst schon gewöhnt?


Und täglich grüßt die Krisenzeit

Krisenzeiten? Der kalte Krieg ist vorüber, die Mauern sind gefallen und „Frieden“ herrscht in Mitteleuropa seit über sechzig Jahren. Erst kürzlich starb die letzte bekannte Überlebende des Holocaust, Alice Herz-Sommer, im Alter von 110 Jahren.  Eine Kurz-Dokumentation über ihr Leben steht im Rennen der diesjährigen Oscars. Die Generation, die die Schrecken des Krieges noch am eigenen Leib miterlebt hat, verschwindet langsam aber sicher vom Angesicht dieser Erde.

Wir, ihre Kinder und Enkel, wiegen uns in Sicherheit, sind zum Demonstrieren viel zu bequem und für Aufstände längst zu träge geworden. Krisen schlucken wir doch zum Frühstück! Die jüngeren Generationen haben in Krisenzeiten gehen gelernt! Der kalte Krieg war ständige Bedrohung am Rande des Vorstellungshorizontes. Das Schicksal einer ganzen Gattung hing am seidenen Faden, einem sehr dünnen Geduldsfaden. Und noch heute, über sechzig Jahre nach Kriegsende und fast 25 Jahre nach dem Mauerfall, ist Terror und Kriegsgeschrei allgegenwärtig. Nach der Krise ist vor der Krise. Und wir sind demgegenüber doch schon längst abgestumpft (worden).


Krisen in der Spiritualität?

Spirituelle Krisen? Wer hat denn heute noch Glaubenskrisen, wo doch keiner mehr irgendwas glauben will? Außer im Nahen Osten vielleicht – „die“ verstehen unter Glauben ja auch etwas ganz anderes als „wir“. Glauben ist im wissenschaftlichen Verständnis doch längst ausrangiert. Religion ist in unseren Breiten größtenteils out, Kirche nicht mehr wirklich angesagt. Man hat vielleicht gerade noch ein paar östlich geprägte Philosophien im Wandschrank neben der Bibel. Aber sicher keine Haustempel mehr wie in der Antike! O Zeter O Mordio!

O Zeiten O Sitten!
Glauben ist, wie so Vieles im 21. Jahrhundert,  zu einer Geschmackssache geworden. Und am Geschmack scheiden sich ja bekanntlich auch die Geister.

Ein Freund (er ist Physiker) berichtete vor kurzem über eine Konfrontation mit einer dieser „Geschmackssachen“: Er stieß – in einer Tankstelle! – auf eine Armee von Buddhafiguren außerhalb aller vorstellbaren Größen- und Farbauswahlen. Auch an der Autobahnraststätte findet man heute nicht selten vermeintlich uraltes ‘Geheimwissen oder auch andere Lebensweisheiten wie „Zen für die Businessclass“ oder „Anleitungen zum Glücklichsein“. Sogar für Fernfahrer gibt es inzwischen offenbar eine Buch-Rubrik im Tankstellenformat für günstiges {Halb}Wissen in der Esoterik. Die Branche boomt. Mein Freund weiß das zwar, konnte um die Erschütterung aber trotzdem nicht umhin. ‚Wer kauft sowas?‘, fragte er voller belustigtem Entsetzten. Darum kann man sich einige Gedanken machen; eine mögliche Antwort wäre:

Die Menschen, die sich den Anschein (religiöser) Autonomie geben und sich außerhalb staatlich subventionierter Glaubenssysteme eben anderweitig orientieren wollen. Und welche, die sich gleichzeitig noch immer sehr um ihre „materiellen Belange“ – den Luxus der Konsumgesellschaft – bemühen. Spiritualität ist eher eine Lifestyle- und Wellnessbeschäftigung für zahlungskräftige, gelangweilte Kunden geworden. Und die vielfältigen und zum Teil halbseidenen Angebote in dieser Richtung lassen einen entsprechenden Absatzmarkt dahinter vermuten. Dort, wo jemand sich in einer (existenziellen) Krise befindet und sich die Hilfe etwas kosten lässt, ist der Scharlatan oft nicht weit.


Krise oder klingelnde Kassen?

Alternative Meinungsbilder und Ernährungsweisen gehören genauso zum modernen Alltag wie Yoga und Feng Shui für die Stadtwohnung. Werbeslogans versprechen uns Balance, Harmonie und innere Ruhe auf jedem Teebeutel, während die Zeit uns davon läuft und wir immer mehr die grundlegende Verbindung zu uns selbst verlieren. Viele, vor allem „skeptische“ Stimmen behaupten gar, jede Form der Spiritualität sei im Wesentlichen nicht mehr als Geschäftemacherei. Beweisen ließen sich ihre Heilsversprechen alle Mal nicht und geschmacklos seien sie noch dazu!


Was kriselt da überhaupt?

Ist die spirituelle Krise dann also eine Glaubenskrise des Individuums in der Konsumgesellschaft der Gegenwart?

Ja. Und nein. Moderne Spiritualität darf nicht nur mit negativer Voreinstellung betrachtet werden, auch wenn man landläufig der Meinung ist, Geistigkeit gehöre strikt von jeder Geistlichkeit getrennt. Das heißt, dass unser Denken immer rational sein soll – frei von Affekten und unmittelbar objektiv. Wir preisen die Vernunft als höchstes Gut an und bemühen uns akkurat um Objektivität, die wir als „heilige Maßnahme“ der Kommunikation überhöhen. Jeder muss den gleichen Standpunkt teilen, während wir parallel dazu den (Selbst)Anspruch auf Individualität nicht aufgeben wollen. Glaube oder Spiritualität ist demzufolge eine Art Anti-Rationalität geworden, die sich nur außerhalb der messbaren Wirklichkeit abzuspielen scheint. Denn ihre “Erscheinungen” zeigt sich nur auf dem Territorium der Subjektivität. Somit sind auch all ihre Vertreter und Zeugen prinzipiell aus dieser messbaren Wirklichkeit ausgeschlossen. Man spricht oft herablassend von „Spinnern“, „Verrückten“ oder „fehlgeleiteten Intellekten“. Denn innerhalb des materiell-mechanistischen Weltbildes hat den Gottesbeweis noch keine Wissenschaft liefern können! Die Göttlichkeit schließen wir daher logischerweise aus unserer erlebbaren Realität aus. Ist die Religion nun also die Krise der Wissenschaften? Oder umgekehrt? Verkörpert Spiritualität nur ein hirngespinstiges Phantom der Psyche? Welches metaphysische Schauspiel scheint den Messmethoden der allgemeinen Wirklichkeit zu entgehen?


Ausblick

Im zweiten Teil geht es um die persönlichen Krisen unserer Zeit und deren verborgene (?) Ursachen. Die Psyche als Spiegel einer (gesellschaftlichen) Wirklichkeit.


Ende Teil I


Suna Jones


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