Zwischen Gegenüber und Identifikation: Mein Verständnis von Gottheiten geschrieben   Teil II

Letztens führte ich mit einer Freundin eine angeregte Diskussion darüber, wie denn Heidentum inklusiver werden könnte, unter anderem meine meine persönliche Baustelle queer betreffend.
Thanks to: © Gretchen Sveda

… und mein Polytheismus

Der Witz an meinem Polytheismus ist nicht, daß ich nur homosexuelle Gottheiten verehre oder mich an den geschlechtlich uneindeutigen Gottheiten festmache – letzteres nun gerade nicht; danach habe ich persönlich als cisgender-Frau keinen so großen Bedarf und es ist mir wichtig, Begehren und gender – auch wenn sie sich gegenseitig beeinflussen mögen – als zwei getrennte Dinge zu betrachten.

Die rigide Zwei-Geschlechter-Ordnung durch etwas Fluides zu ersetzen, ist mir zum einen insofern wichtig, als es Platz für Leute mit nicht-binärem Geschlecht schafft, zum anderen ist das für mich persönlich wichtig, weil die üblichen Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen klar gekoppelt sind mit Heterosexualität und mit Annahmen, was dem jeweiligen Geschlecht im Leben wichtig zu sein hat und welches Verhalten jeweils angemessen ist. Annahmen, mit denen ich allein durch mein Nicht-heterosexuell-Leben schon kollidiere.

Hier sind ein paar Dinge darüber, wie ich meine Gottheiten und meine Beziehungen zu ihnen sehe:

  • Ich lehne den Satz „Alle Göttinnen sind eine Göttin, alle Götter sind ein Gott“ ab. Nicht nur wegen seiner zweigegenderten Grundvoraussetzung, sondern weil die Vielzahl der Gottheiten mir erst erlaubt, sie mir in Diversität vorzustellen. Wenn ich so etwas wie eine übergreifende Göttlichkeit anerkenne, dann ist sie auf einer derart abstrakten und un-personalen Ebene (und damit auch jede denkbare und undenkbare Geschlechtlichkeit und Geschlechtslosigkeit umfassend), daß sie für alle praktischen Belange keine Rolle spielt: ungefähr so groß wie das gesamte Universum. Auf praktischer Ebene betrachte ich Gottheiten als klar unterschiedene Individuen.
  • Ich kategorisiere meine Gottheiten nicht primär nach Geschlecht. Ich nehme sie als komplexe Persönlichkeiten wahr. Charaktere, mit deren spezifischen Aufgaben und Stärken mein Leben gerade was zu tun haben mag – oder auch nicht. Persönlichkeiten, zu denen ich mich temporär oder dauerhaft hingezogen, mit denen ich mich verbunden fühle.

Ich nehme die Großen (den Begriff habe ich von eibensang geborgt) als Vielzahl von sehr spezifischen und verschiedenen Wesenheiten wahr, und es ist mir wichtig, ihre Details kennenzulernen und nicht bloß irgendwo mal einen Absatz in einem Buch zu lesen. Bei manchen mag das erst einmal schwierig sein, weil es wenig historische, literarische, archäologische Quellen gibt: da müssen dann Kreativität, Selberdenken und hands-on-Mystik – das, was amerikanische Heid_innen UPG, unverified personal gnosis, nennen – ran.

Und wenn sie laut vorhandenen Quellen größtenteils in zwei Geschlechter passen, dann sind sie immer noch höchst verschieden. Die Männlichkeit Thors ist anders als die Odins, und obwohl Tyr meistens als männlich klassifiziert wird, gibt es doch Hinweise, daß er* früher eine Himmelsgottheit war, die sowohl männlich als auch weiblich war. Freyas Weiblichkeit ist eine andere als Sifs und deren Weiblichkeit wiederum anders als die Hels, von Lokis müheloser Gestaltwandlung ganz zu schweigen.

  • Damit verbunden: Ich sortiere meine Gottheiten nicht in Männlein-Weiblein-Paaren zusammen. Meistens habe ich mit ihnen als Individuen zu tun.
  • Manche meiner Gottheiten sind gar nicht anthropomorph. Erda z.B. kann ich als Planet vergöttlichen – das reicht mir vollkommen (und resultiert in einem Bild, das sich von dem üblichen, gern leicht verkitschten der Erdmutter ganz heftig unterscheidet).
  • Welche Gottheiten gerade wichtig für mich sind, ist nur in wenigen Fällen von gender bestimmt, viel öfter von der Aufgabe oder dem Lebensbereich, mit der oder dem ich es gerade oder auch dauerhafter zu tun habe. Als Sängerin, Schreibende und Runen-User pflege ich z.B. eine Beziehung zu Odin; Hel ist eine wichtige Partnerin, wenn es um die Arbeit mit meinen Seelentiefen geht; Loki hilft mir, wenn ich mich durchmogeln muß und ist außerdem als Gestaltwandler und genderqueere Person wichtig für mich. In Erda habe ich mich wegen solcher Bilder verliebt. Bei Freya spielt gender eine Rolle, denn sie ist für mich – unter anderem! – die ultimative femme, deren Weiblichkeit nicht davon abhängt, wen sie in ihr Bett einlädt oder nicht und der ich zutraue (wenn nicht unterstelle), alle möglichen Geschlechter, damit auch Weiblichkeit zu begehren.
    Summa summarum kann ich sagen, daß es mir vor allem bei den Gottheiten, von denen stark sexualisierte Bilder unterwegs sind, wichtig ist, queere Bilder zu entwickeln – queer nicht nur im Sinne von „irgendwo zwischen den Geschlechtern“, sondern auch queer im Sinne von Begehren jenseits des heterosexuellen.

Das wichtigste scheint mir meine Beziehung zu den Gött_innen zu sein: Die bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach einer persönlichen Beziehung bis hin zu devotionaler Hingabe und der klaren Wahrnehmung von Gottheiten als Gegenüber, mit dem ich interagieren kann.
Bruchlose Identifikation dagegen? Nein. Wenn es mir wichtig ist, queere Gottheiten zu haben bzw. sie auch in queeren Gestalten zu sehen, dann so ähnlich, wie es mir auch in menschlicher Gesellschaft leichter fällt, über queer-relevantes zu sprechen, wenn mein Gegenüber auch queer (oder glaubwürdig als Verbündete_r) verortet ist. So ähnlich, wie ich eher mit Musiker_innen detailliert über Musikalisches sprechen kann. Und darüber hinaus, weil ich nicht einsehe, hier Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit als Defaultzustand oder gar einzig denkbaren und natürlichen Zustand stehen zu lassen.

Dabei gehe ich davon aus, daß Göttinnen_Götter ohnehin viel größer, komplexer und vielfältiger sind, als unser menschliches Bewußtsein fassen kann. Meine subjektive Sicht auf sie ist deshalb nicht die einzige mögliche – aber sie ist genauso valide wie die jedes anderen Menschen.

Eine Gottheit im Ritual anzurufen, bewegt sich für mich immer zwischen einer Einladung, präsent zu sein, und einer Bitte, etwas zu tun – aber (fast) nie strebe ich das an, was Wiccas als „invoziert sein“ bezeichnen. Gottheiten durch mich handeln zu lassen, ist für mich vielleicht im Rahmen von Besessenheit denkbar – und das ist in meinen Augen eine Hausnummer, die eine nicht mal eben so macht.

Denn: Gottheiten sind für mich Wesenheiten mit einem eigenen Willen, die zum Teil, wenn nicht vollständig außerhalb meines eigenen Bewußtseins existieren. Und darum ist es grundsätzlich kein Problem, wenn sie von mir verschieden sind; und gleichzeitig schließe ich eher mit denen Freundschaft, die ich in einer Gestalt sehen kann, die mit meinem Leben etwas zu tun hat.


thursa


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