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Zwischen Gegenüber und Identifikation: Mein Verständnis von Gottheiten geschrieben   Teil I

Letztens führte ich mit einer Freundin eine angeregte Diskussion darüber, wie denn Heidentum inklusiver werden könnte, unter anderem meine persönliche Baustelle queer betreffend.
Thanks to: © Gretchen Sveda

queer verwende ich nicht als Sammelbegriff für „lesbisch, bisexuell, schwul, transgender und noch so ein paar Geschlechter und Sexualitäten“, sondern als Verortung jenseits der heterosexuell-zweigeschlechtlichen Normalität; sich als queer zu bestimmen, heißt für mich, kurz gesagt, die kulturellen Regeln, die Geschlechter und Sexualität bestimmen, in Frage zu stellen.

Als queere Person Heidin zu sein, ist für mich insofern nicht ganz einfach, als – entgegen weitverbreiteter Annahmen – allein das Fehlen von offener Ablehnung und einschlägigen Stellen in heiligen Schriften noch keine Praxis macht, in der es für queers auch behaglich ist. Auch – und um so mehr, als sie sich als körperfreundlich, sex-positive und lustbetont präsentieren: gerade – heidnische Zusammenhänge stecken voller Annahmen über Geschlecht, Sexualität und Partnerschaften, bei denen viele Menschen nicht darauf kommen, an welchen und wie vielen Stellen eine schmerzhaft mit diesen Annahmen kollidieren kann.

Irgendwann in dieser Unterhaltung fiel die Aufforderung: „Werde doch mal konkret, erzähl doch mal von deinen Gottheiten.“ Meine Antwort darauf war (zusammengefaßt), daß es für diese Frage weniger wichtig ist, wer „meine Gottheiten“ sind, sondern vor allem, wie ich sie sehe und verehre. Ich will diese Antwort hier ein wenig genauer ausführen – und einen Disclaimer anbringen: Was ich hier schreibe, ist meine äußerst persönliche Sichtweise. Sie ist in keiner Weise repräsentativ für die gesamte Nornirs Ætt.


Exkurs: Das kann doch jede_r machen, wie er_sie will… oder doch nicht?

Warum muß ich darüber überhaupt diskutieren? Kann das nicht jede_r machen, wie er_sie will? Im Prinzip ja. Vor allem solitary pagans können es tatsächlich machen, wie sie wollen.
Für mich fängt das große Aber in dieser Hinsicht damit an, daß das, was die dominante Gruppe aka „Die Mehrheit“ macht bzw. für richtig hält – der_die Diskursanalytiker_in würde sagen: die hegemoniale Position – überall und nirgendwo abgebildet ist, in jedem heidnischen Einsteigerbuch geschildert wird, die Grundannahme von gefühlt 95% aller Texte bildet, überall praktisch Konsens herrscht: So macht man’s!
Darauf, es überhaupt anders machen zu wollen, muß eine überhaupt erstmal kommen, und das ist um so schwerer, je mehr eine dabei das Rad neu erfinden muß; um so schwerer, je weniger überhaupt Alternativen dargestellt und denkbar gemacht werden; um so schwerer, je mehr die hegemoniale Position noch die Begriffe, in denen eine denken könnte, prägt; um so schwerer, je mehr das Nirgends-Gespiegelt-Sein der eigenen Lebensrealität dazu führt, daß eine an der Realität und Wichtigkeit ihrer eigenen Bedürfnisse zweifelt.

Dann: Das „es machen, wie ich will“ ist unter diesen Umständen genau so lange konfliktfrei, wie eine keine gemeinsame Praxis mit anderen sucht. Schon der Besuch eines Heidenstammtischs oder eines heidnischen Forums bringt eine in die Lage, sich mit dem unausgesprochenen Konsens, der hegemonialen Position, auseinandersetzen zu müssen – und es ist immer die (von der hegemonialen) abweichende Position, die sich schneller als überhaupt denkbar rechtfertigen muß und an den Rand gedrängt wird.
Meine Versuche, eine gemeinsame Praxis mit anderen zu gestalten, die meine Lebensrealität nicht leugnete, führten jedenfalls öfter zu Streit und dem unguten Gefühl, mit der kleinsten Äußerung eines Bedürfnisses in Wespennester zu stechen.

Zum Glück nicht immer: Wo Glaubensinhalte nicht kodifiziert sind und jedes Ritual neu entsteht, wo kein bestimmtes Bild von Gottheiten, kein bestimmtes Weltbild vorausgesetzt wird und genau darum tatsächlich jede Vorstellung vom Göttlichen gleich viel wert sein und gleichermaßen Raum haben kann, ist auch Platz für meine Lebenswirklichkeit.

Aber zurück zur Frage „Wie sieht denn nun eigentlich deine Praxis aus?“


Meine spirituelle Praxis …

Wie spiegelt sich nun meine queerness in meiner spirituellen Praxis?
Zunächst einmal: Meine spirituelle Praxis ist eine Dauerbaustelle. Sie ist bei weitem nicht so umfangreich, strukturiert und regelmäßig, wie ich das gerne hätte. Es gibt wenig Festgelegtes, ich improvisiere sehr viel. Vieles baue ich in unscheinbaren Handlungen in den Alltag ein: Das beiläufige Trankopfer an die Ahn_innen, wenn mir gerade danach ist, ihnen ein Glas was auch immer hinzustellen; das zwischendrin mal eingebaute wortlose oder ausgesprochene Gebet (in 99,9% der Fälle nicht in vorher festgelegten Worten) an eine konkrete Gottheit oder, seltener, an das Kollektiv der Gött_innen; die spontane kurze Erdungsmeditation unter einem großen Baum, die gelegentliche schamanische Reise.

Mir kommt meine Praxis ausgesprochen unspezifisch vor, das Besondere daran ist für mich gerade der Mangel an Spezifik – das einzig Spezifische, das ich wahrnehme, ist meine Ausrichtung auf nordische Mythologie. Und das queere an meiner Praxis ist eigentlich weniger das, was ich mache, sondern eher Dinge, die ich weglasse.


Ende Teil I


thursa


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