Das Geheimnis des Lebens im Kemetismus   Teil III

Einer der wichtigsten Aspekte meiner Hinwendung zum Kemetismus war die Begegnung mit dem Tod. Sicher gibt es noch genügend andere nennenswerte Aspekte, doch für mich war das immer ein zentrales Thema, dass sich auf sehr vielschichtige Weise durch die ganze Tradition zieht.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Liebe und Tod

Der wohl berührendste altägyptische Mythos ist der von Isis und Osiris. Der Leichnam des von seinem Rivalen und Bruder Seth zerstückelten Osiris, wird von seiner Schwester und Gattin Isis zusammen gefügt. Der Mythos erzählt, dass sie in lauter Klage die im ganzen Land verstreuten Teile des Osiris’ einsammelt, zusammenfügt und neu belebt, indem sie ihn mit ihren Tränen durchtränkt. In Isis‘ Klage manifestiert sich die Haltung des Kemetismus zum Tod selbst, nämlich als gewaltsamen Eingriff in die Kontinuität des Lebens. Der Tod, ist immer auch ein „Mörder“ manifestiert in Gestalt des Seth, den er tötet das Leben. Er wird also keineswegs nur hingenommen, sondern man lehnt sich geradezu gegen ihn auf – und zwar Kraft der Liebe. Diese Auflehnung gegen den Tod bei gleichzeitiger völliger Hinwendung zum Tode ist etwas sehr typisches für die kemetische Tradition und bildet erstaunlicherweise eine der wichtigsten Triebfedern, sich dem Leben selbst mit aller Hingabe zuzuwenden.


Cimitero monumentale
di Staglieno (Genua)

Liebe – das möchte ich nicht unerwähnt lassen - hat hier keineswegs die Qualität eines romantisch verklärten Ideals, etwa wie man es aus den Romanen des 18. Jahrhunderts kennt, sondern ist vielmehr göttliche Lebenskraft schlechthin, die letztlich jedem Menschen und jeder Gottheit innewohnt. Die Allgegenwärtigkeit des Todes wird also nicht negiert, vielmehr wird er – um abermals Jan Assmann zu erwähnen – als „Krankheit“ angesehen, die mittels der Liebe einerseits und mit dem ethisch richtigen Leben im Sinne der Ma’at andererseits geheilt werden kann. Ja mehr noch, beides kann sogar von der Sterblichkeit (=“Todesbefallenheit“) an sich reinwaschen - nichts anderes stellt der detaillierte Ablauf des Totenkultes dar - und schafft als solches auf mythischem bzw. kultischem Wege Werte von ewigem Bestand. So verwundert es nicht, dass aller Tempelkult letztendlich im Totenkult sein Vorbild fand. Wer sich einmal näher mit den Totenriten befasst (die übrigens nach neueren archäologischen Quellen weitaus älter als die altägyptische Kultur sind), vermag darin vielleicht eine beinahe liebevolle Fürsorglichkeit zu erkennen z.B. wenn dem jungen Pharao Tutanchamun sein liebgewonnenes Spielzeug mit auf dem Weg ins Jenseits gegeben wird.

Mit Tod bzw. „Todesbefallenheit“ ist also aufgrund seiner moralischen und sozialen Dimension nicht nur der physische Zerfall gemeint, sondern vielmehr ein Ausgeschlossensein aus der schützenden und nährenden Gemeinschaft der Menschen, die die gleichen anti-narzisstischen Werte verfolgen. Das heutzutage zu finden und Netze zu etablieren, die von Wohlwollen, gegenseitiger Unterstützung und Interesse an nachhaltigen Synergien zum Wohle aller geprägt sind, ist ausgesprochen schwer.


Liebe und ich

Dieses Verständnis von Liebe hat mich persönlich sehr verändert und nicht selten sehe ich mich damit in der modernen Gesellschaft mit viel Unverständnis konfrontiert. Es ist mir, so muss ich immer wieder feststellen, nicht mehr möglich an dem teilzunehmen, was heute gemeinhin mit „Liebe“ überschrieben wird, ganz gleich ob es sich dabei um esoterische Fantasmen, allgemein übliches Beziehungsverhalten oder Sexualität als „vergnüglicher Tauschgegenstand“ handelt. Das macht mich - das muss ich ehrlicherweise sagen - nicht unbedingt glücklicher. Ich habe aber auch nie den Anspruch gehabt, dass der Kemetismus mich "glücklich" macht.

Sicherlich gab es auch im Alten Ägypten Ehen, Beziehungen und Familie, doch waren diese sehr viel mehr in einen sozialen Kontext eingebettet und hatten nicht die Aufgabe irgendwelche persönlichen romantischen Ideale zu erfüllen, sondern fanden gleichermaßen wie alles andere im Bewusstsein über Tod und Sterblichkeit und daraus abgeleitete soziale Verantwortlichkeiten statt. Soziale Bindungen auch über den Tod hinaus zu erhalten bzw. sie zu Lebzeiten so zu stabilisieren, dass sie von nicht weniger als ewigem Bestand sind, bildete das Fundament des Toten- und Ahnenkultes, aber auch des Familienlebens des einfachen Altägypters.


Ägyptische Familienstatue,
Ägyptisches Museum Berlin

Eine Sichtweise, die heute kaum noch nachzuvollziehen ist, wo doch der nächste Partner, Freund oder Kollege nur einen Mausklick entfernt ist und der momentan Verfügbare hemmungslos emotional oder materiell ausgebeutet werden kann, ohne dass dies in irgendeiner Weise größere Konsequenzen hätte. Die Wegwerfmentalität hat inzwischen auch im sozialen Leben Einzug gehalten und bildet einen sehr scharfen Kontrast zur kemetischen Auffassung von sozialer Verantwortung. In diesem Spannungsfeld zu leben, erfordert manchmal eine sehr hohe Frustrationstoleranz und hat mich im Großen und Ganzen ziemlich einsiedlerisch gemacht.

Letztendlich darf es aber auch mir persönlich nicht darum gehen, meine temporären Bedürfnisse nach Gesellschaft, Vergnügen, Bestätigung oder gar Zerstreuung zu stillen, denn mit meinem Schritt hin zum Kemetismus, fiel für mich auch die Entscheidung, die Ma’at auch für meine Nachwelt durch die wenigen Jahre, die ich hier in der Sphäre der Sterblichen verbringen werde, zu erhalten. Eine Entscheidung, die ich täglich von neuem treffe.


Dieser Artikel ist im Rahmen eines internationalen Blog Projektes namens
"Kemetic Round Table" entstanden. Wir freuen uns, wenn Ihr mal vorbeischaut und vielleicht sogar den einen oder anderen Kommentar hinterlasst. Senebty!


Sat Ma´at


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