Das Geheimnis des Lebens im Kemetismus   Teil II

Einer der wichtigsten Aspekte meiner Hinwendung zum Kemetismus war die Begegnung mit dem Tod. Sicher gibt es noch genügend andere nennenswerte Aspekte, doch für mich war das immer ein zentrales Thema, dass sich auf sehr vielschichtige Weise durch die ganze Tradition zieht.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Die Moral und der Tod

Typisch für das kemetische Weltbild ist zum einen das Prinzip einer konnektiven Gerechtigkeit überschrieben mit dem Begriff „Ma’at“, das sich sowohl – gänzlich unmystisch – in der sozialen Sphäre manifestiert, als auch in einer spirituellen Dimension als kosmische Ordnung. Dabei formuliert die Ma’at lediglich ethische Richtschnüre und kein starres Regelwerk. Ma’at ist vielmehr eine dynamische Balance zu deren Gelingen jeder beitragen kann und muss. Daher beruht die Ma’at in erster Linie auf selbstständigem vorausschauendem und gemeinschaftsorientiertem Denken, nämlich darüber was richtig, gut und nachhaltig im Sinne des sozialen Miteinanders und letztlich des Erhalts der Schöpfung ist.


Bild: Die Halle der Ma'at

Dieses Prinzip erhält seine spirituelle Größe u.a. dadurch, dass es über den Tod hinausreicht und mythologisch in Form des Totengerichtes einen ethischen Fluchtpunkt des Handelns erhält, der sich jenseits aller physischen Existenz befindet. So ist der einzelne stets angehalten sein Handeln, sein Denken und seine Worte fortwährend zu prüfen. Im Angesicht des Todes erlischt so jeglicher Narzissmus und Egoismus, ein Wiedergutmachen oder „Schönreden“ vor dem Totengericht – mag man dies im Neuen Reich auch mittels umfangreicher Totenliturgie versucht haben – ist  nicht möglich, denn die Götter lassen sich nicht täuschen. Schließlich sind alle Taten in der „Black Box des Lebens“ nämlich dem Herzen (Ib) gespeichert, welches anschließend mit der Feder der Göttin Ma’at, also der Schirmherrin der kosmischen Ordnung, aufgewogen wird.


Ma’at als Lebensrichtschnur

Das Prinzip der Ma’at in meinem täglichen Tun zu verwirklichen ist eine große, wenn nicht DIE größte Herausforderung im Kemetismus. Dabei geht es weniger darum zu verwirklichen, was man individuell oder auch bezogen auf unmittelbare soziale Allianzen für „gut“ hält – nur allzu leicht täuscht man sich dabei selbst und verhält sich höchst opportunistisch – vielmehr geht es darum stets im Sinne höherer, beständiger ethischer Werte zu handeln, die sich selbst nicht von vornherein in aller Vollständigkeit offenbaren, sondern vielmehr durch das unermüdliche Tun der Ma’at immer offenbarer werden. Das kann durchaus im Einzelfall auch bedeuten, sich von ethisch unvereinbaren destruktiven, sog. „habgierigen“ sozialen Bindungen freizumachen. Mit Habgier ist hier weit mehr gemeint als nur materielle Gier, es geht vielmehr um Unersättlichkeit, Egoismus und Narzissmus als Geisteshaltung schlechthin.

Oft fragen angehende Kemeten, was sie denn tun müssten um Ma’at-gerecht zu leben und ich kann nur immer wieder raten, damit aktiv zu beginnen, dabei den Austausch mit anderen nicht zu scheuen, statt nur theoretisch darüber zu sinnieren und sich diesem Prozess der „ethischen Selbsterziehung“ mit Beharrlichkeit zu stellen. Der Frage „Aber was ist denn nun richtig und gut?“ wohnt sehr oft eine innere Rebellion inne, sich diesen Werten in aller Konsequenz zu fügen – insbesondere in unserer heutigen von Narzissmus und überzogener Individualität geprägten Gesellschaft. Wie oben schon erwähnt, es gibt ohnehin keine Lehrer mit erhobenem Zeigefinger, gegen deren Regelwerk man sich auflehnen könnte.


Dieser Artikel ist im Rahmen eines internationalen Blog Projektes namens "Kemetic Round Table" entstanden. Wir freuen uns, wenn Ihr mal vorbeischaut und vielleicht sogar den einen oder anderen Kommentar hinterlasst. Senebty!


Sat Ma´at


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