Das Geheimnis des Lebens im Kemetismus   Teil I

Einer der wichtigsten Aspekte meiner Hinwendung zum Kemetismus war die Begegnung mit dem Tod. Sicher gibt es noch genügend andere nennenswerte Aspekte, doch für mich war das immer ein zentrales Thema, dass sich auf sehr vielschichtige Weise durch die ganze Tradition zieht.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Der Tod und ich

Zudem begleitet mich der Tod bereits von klein auf. Ich bin neben einem großen alten Friedhof aufgewachsen, den ich als kleines Mädchen oft in Begleitung einer Nachbar-Oma besuchte, später nachdem sie gestorben war auch alleine und häufig fand mich auf unerklärliche Weise in einem Gefühl erweiterter Wirklichkeit wieder, was mich in jungen Jahren nicht selten erschütterte. Sprechen konnte ich mit niemandem darüber, vor allem nicht mit meinen Eltern.

C.D. Friedrich:
Kügelgens Grab

Auch später habe ich immer wieder Menschen getroffen, die kurz vor dem Tod standen, habe Sterbenden und Verstorbenen die Hand gehalten und totkranke Menschen eine Zeitlang begleiten dürfen. Und letztendlich konfrontiert mich meine Tätigkeit als Heilpraktikerin auch unweigerlich mit der menschlichen Sterblichkeit oder auch nur mit der Haltung der Menschen zum Tod.

Der Tod ist ein Thema, das in unserer Gesellschaft gern ausgeklammert wird. Tritt er irgendwo in Erscheinung, wird er möglichst spurlos „entsorgt“. Leichenzüge gibt es nicht mehr, Gräber bestehen maximal für einige Jahre, der Trend geht immer mehr hin zum anonymen Begräbnis und Ahnenkulte sucht man ebenfalls vergeblich. Stattdessen werden utopische Ideale ewiger Jugend und Fitness verfolgt, notfalls mit Skalpell, Tablette und Spritze und Menschen die dem Tod nah sind verbringen ihren Lebensabend nicht mehr wie früher im Kreis der Familie, sondern warten im Pflegeheim oder im Krankenhaus auf ihre letzte – vermutlich einsame – Stunde.


Tod im Kemetismus

Während der Tod in vielerlei Hinsicht aus dem modernen Leben verbannt wurde, ist er im Kemetismus geradezu der Ausgangspunkt aller Tradition. Jan Assmann umschrieb dies mit den Worten, die Ägypter betrachteten das Leben vom Tode her. Dabei geht es keineswegs um eine Form der Lebensverneinung und Todessehnsucht, sondern vielmehr darum den Blick auf Werte zu richten, die auch im Angesicht des Todes Bestand haben. Oft wird die kemetische Tradition als „nekrophil“ betrachtet, der Mumienkult als befremdlich und beinahe grotesk empfunden und daher oft missverstanden bzw. für allerlei (pseudo)okkultistische Verzerrungen missbraucht. Damit tut man ihr aus meiner Sicht arg Unrecht.

Mundöffnungsritual:
Papyrus Hunnefer um 1290 v. Chr.

„Der Mensch ist das Tier, das mit dem Wissen um seine Endlichkeit leben muss, und die Kultur ist die Welt, die sich der Mensch errichtet, um mit diesem Wissen leben zu können.“ So schrieb Jan Assmann in seinem Buch „Tod und Jenseits im Alten Ägypten“ und dies gilt im Besonderen für die kemetische Kultur. Dies ist freilich die Sichtweise eines Kulturwissenschaftlers, der wohlweislich im Dienste der Wissenschaftlichkeit, die Frage nach den Dingen jenseits des physischen Todes weitgehend offen lässt. Das aber darf wiederrum Aufgabe der kemetischen Praxis bleiben. Beschäftigt man sich regelmäßig mit dem kemetischen Toten- oder Ahnenkult und den damit verbundenen Mythen, ändert sich die persönliche Sicht auf den Tod fast von ganz von allein. An dieser Stelle muss man vielleicht auch nochmals betonen, dass der Kemetismus sehr viel selbstständiges Denken und sehr viel Kommunikation mit an deren Kemeten erfordert. Schließlich gibt es keine Lehrer oder Mentoren, die eine authentische Ausübung dieser Tradition sicherstellen könnten. Das meiste muss man sich wirklich selbst erarbeiten und er-leben.

Eine mythologische Herangehensweise hat ohnehin nicht den Anspruch absolute Wahrheiten zu liefern, sondern eine maximale Annäherung an etwas zu ermöglichen, das in der altägyptischen Sprache auch „das Geheimnis“ genannt wurde. Zum einen heißt „das Geheimnis“ hier nichts anderes als „der Tod“, zum anderen aber steht dieser Begriff auch für „Heiligkeit“. Ein Geheimnis ist dabei – entgegen der modernen Auffassung – keineswegs etwas, das grundsätzlich ergründbar ist oder über kurz oder lang enthüllt werden müsste. Vielmehr ist das Geheime die Sphäre in der das Unerklärliche, das nicht unmittelbar Sichtbare und das Ewige inmitten der Sphäre des Sterblichen und Endlichen existieren darf und soll.
(tbc.)

Dieser Artikel ist im Rahmen eines internationalen Blog Projektes namens “Kemetic Round Table” entstanden. Wir freuen uns, wenn Ihr mal vorbeischaut und vielleicht sogar den einen oder anderen Kommentar hinterlasst. Senebty!


Sat-Ma´at


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