Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Trauerwelten und Lebenshunger    Teil V

Es ist ein Donnerstag Ende November und ich denke, dass es der schlimmste Tag in meinem Leben sein muss. Wir sind seit Stunden im Krankenhaus auf der Kinderintensiv-Station und warten darauf, dass man uns sagt, wie es unserem Sohn geht.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Der Tod meines Sohnes liegt nun fast drei Jahre zurück. In den letzten drei Jahren hat sich so vieles in meinem Leben geändert. Als ich mich vor ein paar Tagen mit einer langjährigen Freundin getroffen habe, musste ich ihr gegenüber zugeben, dass ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, wie es ist Mutter zu sein. Natürlich kann ich mich an meinen Sohn erinnern. Aber ich habe nichts Mütterliches mehr in mir. Ich finde das seltsamerweise nicht schlimm. Solange die Erinnerung an meinen Sohn bleibt, kann ich damit leben, dass ich mich nur noch dunkel an das Muttersein an sich erinnere. Vielleicht war diese Entwicklung eine Art Selbstschutz, vielleicht entspricht diese Entwicklung aber auch mehr meinem Naturell, ich weiß es nicht.


Heilt die Zeit wirklich alle Wunden?

Kein Mensch hat sich getraut, mir diesen Spruch in den letzten drei Jahren um die Ohren zu knallen. Ich denke, dass selbst die ungeschicktesten Anteilnehmenden wissen, dass dieser Satz einfach zu abgedroschen wirkt. Letztlich muss ich mir aber dennoch die Frage stellen, ob nicht doch etwas Wahres dran ist. Heilt die Zeit nun wirklich alle Wunden? So leicht ist diese Frage nicht zu beantworten, denn wie immer im Leben ist der Umgang mit dem Erlebten abhängig von ganz unterschiedlichen Faktoren und Charaktereigenschaften des Menschen. Mein lebenshungriges Wesen, gepaart mit einer gewissen Härte mir selbst gegenüber, hat mir mit Sicherheit geholfen, mit dem Erlebten umzugehen. Ebenso die Hilfe von außen die mir zuteil wurde und meine Fähigkeit diese Hilfe anzunehmen. Dass ich mir erlaubte, mir im Trauer- und Verarbeitungsprozess auch mal eine Pause zu gönnen, hat mich davon abgehalten, phasenweise völlig überfordert zu sein. Hinzu kommt der Wunsch und Drang auf all die noch nicht aufgearbeiteten Themen in meinem Leben zu schauen, die sich nach dem Tod meines Sohnes noch viel deutlicher zeigten. Die Fähigkeit eine ungeheure Kraft und Stärke in Zeiten der schlimmsten Not zu entwickeln ist zutiefst menschlich, es gehört zu unserem Überlebenstrieb. Bevor man nicht tief in einer Krise steckt, traut man sich meist gar nicht zu, mit so einer Situation umgehen zu können. Doch plötzlich tauchen all diese starken und kraftspendenden Eigenschaften in einem selbst auf. Ich habe zum Beispiel ganz deutlich gespürt, dass sich neben all der Trauer und Verzweiflung, auch unsagbarer Mut und Überlebenswille in mir auftat und unterzugehen war ganz einfach keine Option. Dieser Überlebensdrang und die damit einhergehende eigene Kraft, kann nur aus einem selbst kommen. Kein Mensch kann einen dazu zwingen weiterzumachen oder sich mit seiner Trauer auseinander zu setzen. Ich habe mich so intensiv mit meiner Trauer und all den anderen plötzlich aufkommenden Themen auseinander gesetzt, weil die Angst selbst daran zu Grunde zu gehen, einfach zu groß war. Was in den letzten drei Jahren alles zum Vorschein kam, war mit Sicherheit nicht schön, aber es war für mich der einzige Weg um aus dieser schweren Zeit gestärkt und hoffnungsvoll herauszutreten. Ausschließlich darauf zu warten, dass die Zeit die Erlösung bringt, wird vermutlich nur die Symptome abschwächen. Geht man bei so einem lebensverändernden und existenzbedrohenden Thema nicht in die Tiefe, wird man vielleicht an der Oberfläche wieder eine gewisse Ruhe und Stabilität erlangen. Es kann aber schnell passieren, dass man bei der kleinsten Erinnerung daran sofort den Boden unter den Füßen verliert und das Aufstehen dann noch viel härter und mühsamer wird. Um auf die Frage zurückzukommen, ob die Zeit nun alle Wunden heilt: ja, ich denke sie besitzt die Fähigkeit unsere Wunden mehr oder weniger gut zu heilen. Narben bleiben, das ist klar. Wie groß diese Narben sein werden kommt wohl auf das Erlebte und den persönlichen Umgang damit an. Mit Sicherheit wird man die Narben – vielleicht auch nur selbst – wahrnehmen und vielleicht schmerzen sie auch ab und an. Wenn man es aber geschafft hat wieder aufzustehen, kann man ruhig auch stolz auf das sein, was man erreicht hat.

Bildquelle: http://khongthe.com/wallpapers/nature/sun-through-the-water-224522.jpg


Akzeptanz

In den ersten Teilen habe ich einiges über die fünf Trauerphasen geschrieben. Die letzte Phase der Trauer ist die Phase der Akzeptanz. Als ich die Akzeptanz erreichte, hörte ich endlich auf, anklagend nach den Ereignissen zu suchen, die man hätte anders oder besser machen können. Ich hörte auf, einen Schuldigen auszuforschen, der zum damaligen Zeitpunkt meistens ich selbst war. Ich entwickelte mir selbst gegenüber endlich Verständnis dafür, wie verloren und wütend ich oft war. Dass ich in der Phase der Akzeptanz angekommen war, merkte ich daran, dass ich es schaffte mir zu verzeihen. Man mag sich jetzt fragen, was es denn zu verzeihen gibt, wenn das eigene Kind an einem Virus stirbt und man nichts dagegen tun kann. Wenn die Theorie hinter den Dingen sich nur mit der eigenen Gefühlswelt decken würde. Es war ein erlösendes Gefühl für mich, schließlich akzeptieren zu können, was wir erlebt haben. Es ermöglichte mir weiterzugehen und mein Leben zu leben. Auch wenn sich eine Zeit lang das Leben für mich anfühlte, als hätte ich schon alles hinter mir. Als wäre ich 90 Jahre alt und wartete nur noch darauf, dass mich ein erlösender Schlag zu meinem Sohn beförderte. Eines kann ich heute auf jeden Fall und mit 100%iger Überzeugung sagen: so Vieles im Leben liegt noch vor mir! Ich freue mich darauf wieder Kinder zu haben. Wer weiß wann es soweit sein wird. Und ich freue mich darauf weiterhin zu lernen und zu leben.


Und was jetzt?

Na nichts und alles. Ich nehme die Erinnerung und die Liebe mit. Ich nehme das Erlebte und Gelernte mit. Ich stehe in der Früh auf und am Abend gehe ich schlafen, wie jeder andere Mensch. Ich bin die Mutter eines wunderbaren Kindes, das leider nicht mehr auf dieser Welt lebt, aber in einer anderen Welt sicher eine Menge Spaß hat. Mein Sohn war klug, hübsch, zuckersüß, rotzfrech, laut, lustig, verrückt, unheimlich cool und bereits im zarten Alter von sechs Monaten unvergleichbar charmant. Man kann sagen, dass er absolut perfekt war. Natürlich denken das alle Mütter über Ihre Kinder, aber ich habe ausnahmsweise Recht damit ;-)


Bildquelle: http://khongthe.com/wallpapers/nature/sun-through-the-water-224522.jpg


Leilani


Wie funktioniert gesunde Polyamorie - Teil III     Sacriba, 22.10.2016
Wie funktioniert gesunde Polyamorie - Teil II     Sacriba, 01.10.2016
Wie funktioniert gesunde Polyamorie - Teil I     Sacriba, 24.09.2016
Geist und Materie     Lama Vajranatha, 27.02.2016
Wiederbelebung der Medusa     David Halpin, 30.01.2016
Da wird der liebe Gott aber schauen!?     Anufa, 14.11.2015
Was uns zieht … und wohin     Anufa, 15.08.2015
Die Geschlechter des Göttlichen: Eine polytheistische Perspektive - Teil II     Thursa, 24.01.2015
Die Geschlechter des Göttlichen: Eine polytheistische Perspektive - Teil I     Thursa, 27.12.2014
Gott – göttlich, Mann – männlich?     Anufa, 25.10.2014
Die (spirituelle) Krise - Teil III     Suna Jones, 15.06.2014
Die (spirituelle) Krise - Teil II     Suna Jones, 12.04.2014
Die (spirituelle) Krise - Teil I     Suna Jones, 22.03.2014
Zwischen Gegenüber und Identifikation: Mein Verständnis von Gottheiten geschrieben - Teil II     thursa, 04.01.2014
Zwischen Gegenüber und Identifikation: Mein Verständnis von Gottheiten geschrieben - Teil I     thursa, 07.12.2013
Das Geheimnis des Lebens im Kemetismus - Teil III     Sat-Ma´at, 30.07.2013
Das Geheimnis des Lebens im Kemetismus - Teil II     Sat Ma´at, 11.05.2013
Das Geheimnis des Lebens im Kemetismus - Teil I     Sat-Ma´at, 13.04.2013
Liebe auf Kemetisch ...     Sat-Ma´at, 26.01.2013
Trauerwelten und Lebenshunger - Teil V     Leilani, 24.11.2012
Trauerwelten und Lebenshunger - Teil IV     Leilani, 11.08.2012
Trauerwelten und Lebenshunger - Teil III     Leilani, 21.04.2012
Trauerwelten und Lebenshunger - Teil II     Leilani, 14.01.2012
Trauerwelten und Lebenshunger - Teil I     Leilani, 08.10.2011
Schuld und Unschuld – eine Erfindung der Menschheit?     Leilani, 09.07.2011
Yin - Yang - Teil IV     Robin. R. Wang, 12.03.2011
Yin - Yang - Teil III     Robin R. Wang, 04.12.2010
Yin - Yang - Teil II     Robin R. Wang, 25.09.2010
Yin - Yang - Teil I     Robin R. Wang, 26.06.2010
Macht der Polarität und Rose der Mysterien - Teil II     Sitara Haye, 10.04.2010
Macht der Polarität und Rose der Mysterien - Teil I     Sitara Haye, 27.03.2010
Leben und Tod - Tod und Leben - Teil II     Sitara Haye, 10.10.2009
Leben und Tod - Tod und Leben - Teil I     Sitara Haye, 26.09.2009
Von der Frauenforschung zur „Kritischen Patriarchatstheorie"     Erik, 27.06.2009
Working Witches - Teil I     Erik, 12.04.2009
Männer im Zirkel – ein subjektiver Bericht     Erik, 31.01.2009
Die sich verändernde Rolle des Wicca-Mannes     Morgan Ravenwood, 04.10.2008
Polarität und Gegensatz     Dr. phil. Roland Müller, 17.05.2008
Polarität und ihre Fehlinterpretationen     Lynna Landstreet, 02.02.2008
Intelligent Design     Gwynnin, 21.07.2007
Gen-Technologie und Naturreligion - Teil III     Magister Botanicus, 28.04.2007
Gen-Technologie und Naturreligion - Teil II     Magister Botanicus, 21.04.2007
Gen-Technologie und Naturreligion - Teil I     Magister Botanicus, 14.04.2007
Der Grüne Mann     Bernhard Reicher, 24.03.2007
Farben - Teil II     Petsch, 25.11.2006
Farben - Teil I     Petsch, 11.11.2006
Polarisierung und Politik     Gwynnin, 18.02.2006
Menschlich betrachtet I I – Das „Warum?“     Gwynnin, 18.06.2005
Menschlich betrachtet I – Der Urknall     Gwynnin, 12.03.2005
Quantenphysik und die neuesten Erkenntnisse     Werner, 04.12.2004
Wer ist deine Urmutter?     Gwynnin, 31.07.2004
Polarität und das All-Eine     Werner, 25.10.2003
Von «Gut» und «Böse»     Dan Felber, 02.08.2003
Wissenschaft und Spiritualität     Werner, 07.06.2003
Gut und Böse     Werner, 13.04.2003
Beziehungs-Restmüll?     Aku, 15.10.2002
Lilit und Eva     Werner, 17.08.2002
Der Heilige Gral als Symbol der Göttin II     Aku, 03.08.2002
Der Heilige Gral als Symbol der Göttin I     Werner, 27.07.2002
Geschlechterkampf oder Partnerschaft?     Werner, 25.05.2002
Grundsatzgedanken zur Polarität - Teil III     Werner, 11.04.2002
Grundsatzgedanken zur Polarität - Teil II     Werner, 30.03.2002
Polaritäten - aus unserer Sicht     Anna & Peter, 23.03.2002
Grundsatzgedanken zur Polarität - Teil I     Werner, 15.03.2002




               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017