Trauerwelten und Lebenshunger    Teil IV

Es ist ein Donnerstag Ende November und ich denke, dass es der schlimmste Tag in meinem Leben sein muss. Wir sind seit Stunden im Krankenhaus auf der Kinderintensiv-Station und warten darauf, dass man uns sagt, wie es unserem Sohn geht.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Ich bin seit ein paar Wochen in Griechenland, diese Auszeit hatte ich schon seit längerer Zeit erwartet. Nachdem mein Sohn gestorben war, habe ich relativ rasch wieder zu arbeiten begonnen. Rückblickend betrachtet war das keine wirklich gute Entscheidung, aber ich brauchte die Ablenkung und hielt es daher für einen richtigen Schritt. Viele meiner Bekannten und Freunde sowie auch Familienangehörige haben mir damals nahegelegt, für eine Zeit lang zu verreisen. Da es sich aber zu dem Zeitpunkt wie eine Flucht angefühlt hätte, bin ich dann doch zu Hause geblieben. Ich wollte diesem Drang einfach wegzulaufen und alles hinter mir zu lassen nicht nachgeben, obwohl der Gedanke daran sehr verführerisch war. Ehrlich gesagt bin ich sehr stolz darauf, dass ich es geschafft habe diesem Fluchtinstinkt zu widerstehen. Mir war es wichtig erst einmal eine gewisse Stabilität zurück zu bekommen und dann erst diese Reise anzutreten. Ich spreche hier nicht von einer riesengroßen aufregenden Reise ins Ungewisse, tausende Kilometer weit weg von zu Hause, wo große Abenteuer auf mich warten. Ich wollte eher so etwas wie einen kleinen Nostalgie-Trip machen. Ich wollte mich an die schönen Dinge meiner Kindheit und Jugend erinnern. Woher dieses Bedürfnis rührt weiß ich nicht genau. Hat es etwas mit meinem Sohn zu tun? Hängt nun alles was ich tue oder nicht tue mit dieser Erfahrung zusammen? In der Gegend in der ich mich gerade befinde, verbrachte ich meine halbe Kindheit. Es tut mir gut hier zu sein und es hat so gar nichts mit Flucht zu tun. Eher damit, mir Zeit zu nehmen für die Dinge die mir wichtig sind. Der Süden, das Meer, die Sonne, ich habe so etwas schon viel zu lange nicht mehr gemacht.


Wie schnell die Zeit vergeht

Diese Floskel in meinem Alter zu verwenden wirkt etwas altklug, das ist mir bewusst. Aber ich finde sie dennoch sehr passend. Wenn ich mir überlege, dass der Tod meines Sohnes mittlerweile schon fast drei Jahre zurück liegt. Die Zeit vergeht wirklich schnell. Die Frage die sich mir immer gestellt hat ist, ob die Zeit wirklich alle Wunden heilt. So sehr ich auch darüber nachdenke, ich kann diese Frage nicht beantworten. Sicher ist, dass mein Umgang mit meinem Verlust sehr viel klarer geworden ist und ich es geschafft habe, das Geschehene so in mein Leben zu integrieren, dass ich trotz allem ein glückliches Leben führen und großen Spaß daran haben kann. Was bedeutet „integrieren“ in so einem Fall? Es bedeutet diese Trauer und den Verlust als eine Art Parallelleben/-welt zu akzeptieren. Man kann es sich so vorstellen, als gäbe es zwei Lebensstränge, die nebeneinander gleichwertig existieren. Beide Lebensstränge – ich nenne den einen Strang mein „Trauerleben“ und den anderen Strang mein „normales Leben“ – gehören nun zusammen und machen gemeinsam eben mein Leben aus. Beiden Lebenssträngen sollte man Raum geben und Aufmerksamkeit schenken. Das bedeutet nicht, dass beide Lebensstränge zu jedem Zeitpunkt immer gleich viel Aufmerksamkeit und Raum benötigen. Es gibt Tage, da ist von Trauer in meinem Leben nicht viel zu spüren und dann gibt es wieder Zeiten, in denen ich das Gefühl habe, alles wäre gerade eben erst alles passiert. Alles zu seiner Zeit eben.


D
ie Sisyphusarbeit der Überwindung

Sowohl meine Mutter als auch meine Schwiegermutter haben schon des Öfteren gesagt, dass sie den Verlust ihres Enkels „ einfach nicht überwinden können“. Ich habe mich immer gefragt, was genau „etwas überwinden“ bedeutet und woran ich merke, dass ich etwas wirklich überwunden habe. Wenn ich an den Tod meines Sohnes denke, den damit verbundenen Schmerz und die Tragweite der Veränderung die dieses Ereignis in meinem Leben bewirkt hat, scheint mir Überwindung in jeder Hinsicht ein unerreichbares Unterfangen zu sein. Für mich persönlich wäre Überwindung gleichgesetzt damit, keinerlei Problem mehr mit einem bestimmten Ereignis zu haben - natürlich ist das nur mein persönliches Verständnis vom Wort Überwindung. Deshalb stünde ich vor einem großen Problem: Ich denke nicht, dass es möglich ist, dieses selbst gesteckte Ziel in diesem Fall zu erreichen. Mit diesem nie zu erreichenden Ziel vor Augen würde ich mir also meine eigene zermürbende Sisyphusarbeit schaffen. Ein weder aufmunternder noch erstrebenswerter Gedanke. Vielleicht ist es einfach besser, sich dieses unerreichbare Ziel zu ersparen und auch die damit verbundene Unzufriedenheit, die seine Unerreichbarkeit mit sich bringen könnte. Es ist in Ordnung zuzulassen, dass man vielleicht immer mal wieder traurig ist, egal wie lange das Ereignis zurückliegt. Mir persönlich hat es geholfen mit mir selbst und anderen nicht mehr so streng zu sein.

Kaktusblüte

Die Anderen und ich – ich und die Anderen

Wenn wir schon dabei sind, mit sich und anderen streng zu sein: Mir ist sehr schnell klar geworden wie sehr die Menschen das Thema Sterben, insbesondere das Thema Kindersterben, überfordert. Viele Menschen wollen einem helfen, aber diese Versuche habe ich oft als übergriffig und unangenehm empfunden. Niemand kann wirklich etwas dafür. Trauernden kann man es im Grunde nur sehr selten recht machen und das ist wohl in Ordnung so. Trauer ist so ein individueller Prozess und kein Mensch – vor allem man selbst nicht – sollte einem in dieser Zeit bestimmte Launen oder Befindlichkeiten vorwerfen. Ich kann mich daran erinnern, dass es mich nervte wenn die Menschen mich wie ein rohes Ei behandelten. Genauso wütend machte es mich aber, wenn manche so taten, als wäre nichts passiert und mich behandelten wie immer. Es kam immer auf meine Tagesverfassung an. Und nein, man konnte es mir tatsächlich nicht recht machen. Jetzt denke ich, dass ich meinen Helfern gegenüber vielleicht manchmal hätte gnädiger sein sollen. Doch damals konnte ich das noch nicht. Ich bin dankbar für all die Hilfe die ich bekommen habe und dankbar dafür, dass ich fähig war sie anzunehmen.


La vita e bella

Eine Sache die in meinem Trauerprozess für mich persönlich besonders beängstigend war, war diese Leere, die ein paar Wochen nach dem Tod meines Sohnes aufkam. Vermutlich ist dieses Gefühl der Leere ein sinnvoller Schutzmechanismus. Es ist fast seltsam, wenn man emotionale Leere als Gefühl bezeichnet, weil man eigentlich rein gar nichts fühlt. Richtige Leere bedeutet, dass man absolut nichts empfindet und wie ein umgestülptes leeres Gefäß herumliegt. Dieses nichts-Fühlen, diese vollkommene Gefühls-Taubheit, so stelle ich mir ein schwarzes Loch vor. Seit dieser verstörenden Erfahrung, weiß ich unser Mensch-Sein mit all seinen positiven und negativen Gefühlen um einiges mehr zu schätzen. Ich war über die Maßen erleichtert und froh, als die Emotion langsam wieder zu mir zurückkehrte. Selbst die tiefe schmerzvolle Trauer war mir lieber als dieses emotionale Nichts. Man ist kein Mensch ohne seine Gefühle. Glücklich und äußerst gelöst darüber wieder zu Empfindungen fähig zu sein, verspürte ich sogar ganz deutlich ein enormes Bedürfnis danach das Leben zu genießen.
Ich wollte endlich auch wieder all die schönen Dinge wie Freude, Liebe, Glück oder Zuversicht verspüren. Dieser intensive Wunsch schärfte meine Aufmerksamkeit, überall die Möglichkeiten dafür zu erkennen. Ein gutes Essen hier, eine nette Unterhaltung da, ein Tag in Italien am Meer und danach Spaghetti mit Meeresfrüchten und eine Flasche Wein dazu. Das Leben bietet so viele wunderbare Gelegenheiten, ich darf sie alle wieder entdecken.


Ende Teil IV


Leilani


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