Trauerwelten und Lebenshunger    Teil III

Es ist ein Donnerstag Ende November und ich denke, dass es der schlimmste Tag in meinem Leben sein muss. Wir sind seit Stunden im Krankenhaus auf der Kinderintensiv-Station und warten darauf, dass man uns sagt, wie es unserem Sohn geht.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Wir sind daran gewöhnt erst einmal jedes Problem mit dem Verstand anzugehen. Alles was wir erleben wird vor allem gut durchdacht und vorrangig in unseren Köpfen geordnet. Jede Emotion wird dabei gerne intellektualisiert. Dabei vergessen wir aber nur zu gerne, dass jede dieser Emotionen sich in unserem Körper festsetzt und dort natürlich auch ihre Spuren hinterlässt, auch wenn wir versuchen das Problem „logisch“ anzugehen.
Ein paar Jahre bevor mein Sohn starb, hat sich ein Freund entschieden seinem Leben ein Ende zu setzen. Für den gesamten Freundeskreis war dies ein wirklicher Schock, da niemandem klar war, wie schlimm es tatsächlich um ihn stand und wie ausweglos sich alles wohl für ihn angefühlt hatte. Ein paar Monate nach seinem Tod sprach ich mit seinem Bruder über das Geschehene. Er wirkte zwar gefasst, aber natürlich konnte man fühlen, wie angespannt er war. Mich interessierte, ob er denn nicht auch wütend sei darüber was passiert ist und ich kann mich noch genau an seine Antwort erinnern. Er sagte „Naja, natürlich bin ich ein bisschen wütend darüber dass er nicht mehr da ist, aber es war seine Entscheidung und ich kann ja daran nichts ändern und wir müssen akzeptieren, dass er es so wollte.“
Irgendetwas in mir sträubte sich damals gegen diese Aussage. Ich glaubte ihm nicht. Natürlich war mir klar, dass er das Ganze gerne so sehen wollte, aber ich war nicht wirklich überzeugt davon, dass er es aus einer tiefen Überzeugung heraus sagte.

Mir kam es eher so vor, als wolle er sich selbst überreden es zu glauben und es fehlten ihm nicht mehr viele Wiederholungen bis es so weit sein würde. Vielleicht empfand er es aber auch wirklich genau so wie er es sagte und es ist eine Frage des Charakters wie wütend einen so ein Schicksalsschlag tatsächlich macht. Ich weiß es nicht. Als mein Sohn starb versuchte ich es anfangs auch mit dem Intellektualisieren, doch in mir brodelte es.


Befreiende Wut

Es dauert einige Zeit bis ich es wirklich zuließ. Aber dann kam ein Tag an dem ich es nicht mehr zurückhalten konnte. Es brach wie eine Explosion aus mir heraus – diese überwältigende  Aggression und Wut. Wut über dieses mühsame Schicksal, das mich derart in die Knie zwang. Wut darüber, so sehr auf die Probe gestellt zu werden und völlig die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Was hat sich der Kleine nur dabei gedacht?

Anfangs steigen diese Gedanken in einer noch sehr vorsichtigen, abgeschwächten Form in mir hoch. Ich teste sie sozusagen an. Ich kann es noch nicht so recht über mich bringen, diese Gefühle wirklich zuzulassen.
Darf ich denn wütend auf mein eigenes Kind sein? Auf mein Kind, dass nicht mehr hier ist um sich gegen meinen Zorn zu verteidigen? Müsste ich die Erinnerung an ihn und sein kurzes Leben nicht auf ein unerreichbar hohes Podest stellen und von nun an in ewiger Hingabe und in treuem Gedenken an ihn mein Leben verbringen? Schuldgefühle kommen in mir hoch, die mich beinahe auffressen. Meine Aggression äußert sich bald stark im Umgang mit den Menschen in meiner direkten Umgebung. Vor allen Dingen mein Mann stößt bei mir nur noch auf Unverständnis. Wieso löst er dieses Problem nicht für mich? Er muss für mich eine Lösung parat haben. Natürlich entspricht das so nicht ganz der Wahrheit, aber das kann ich in meiner Lage nicht erkennen. Er aber ist geduldig, nimmt sich die Zeit mir unseren Zustand aus seiner Sicht zu erklären.
Ich finde das sehr beeindruckend, da er doch dasselbe erlebt hat wie ich, aber ganz anders damit umzugehen scheint. Er erklärt mir, dass wir im Moment wie zwei Einbeinige sind, die versuchen sich aneinander abzustützen und dass so etwas einfach nicht gut gehen kann, da diese zwei Einbeinigen beim ersten Versuch eines Schrittes fallen werden. Ich verstehe was er sagt. Theoretisch ist mir natürlich bewusst, dass weder er noch sonst jemand Schuld trägt. Aber ich habe ein derart starkes Bedürfnis danach, endlich eine Berechtigung zu haben, auf jemanden wütend zu sein.

So sehr ich auch darüber nachdenke, es gelingt mir nicht einen Schuldigen zu finden. Bin ich vielleicht selber schuld? Irgendwann wird mir klar, dass ich meine Trauer durch die Suche nach einem Schuldigen sowie einer Erklärung für das Geschehene vor mir herschiebe. Was würde sich an der Tatsache, dass mein Sohn gestorben ist, ändern, wenn ich dafür jemanden an den Pranger stellen kann? Diese Erkenntnis macht mich noch wütender. Kann ich nicht einmal irgendetwas oder irgendjemand dafür verantwortlich machen? Und bleibt mir nur, mich diesem Gefühl hinzugeben, ohne die geringste Kontrolle darüber zu haben was dieser Zustand mir antun wird? Endlich ist es so weit. Ich kreische so laut ich nur kann. Ich tobe durch das noch nicht ausgeräumte Kinderzimmer. Ich werfe mich auf die Knie und schlage schreiend mit den Fäusten auf den Boden. Ich brülle es richtig aus mir heraus und verfluche alles und jeden in diesem Moment. Ich schreie meinen Sohn an, der zwar nicht mehr körperlich anwesend ist, aber ich bin mir in diesem Moment sicher, dass er mich hören kann. Ich verfluche das Schicksal und seine widerliche Art und Weise den Menschen Lektionen - oder was auch immer das sein mag - zu erteilen. In diesem Moment hasse ich alles auf dieser Welt und obwohl das unglaublich destruktiv zu sein scheint, tut es doch so gut. Ich habe in diesem Moment nicht die geringste Lust dazu, mein Schicksal anzunehmen. Ich denke auch nicht darüber nach, ob vielleicht am nächsten Tag meine Hände schmerzen würden, weil ich so wild auf den Boden einschlage. Es ist mir komplett egal - ich will nur einfach wütend sein … dürfen.


Wie ein Mantel der Geborgenheit

Dieser Ausbruch hat mich sehr erschöpft aber auch sehr befreit. Ich bin müde und geschafft und habe das Bedürfnis zu duschen. Als ich unter der Dusche stehe und die Wärme des Wassers fühlen kann, werde ich auf einmal so unendlich traurig. In diesem Moment gebe ich auf. Ich bin an meine Grenzen gelangt, alles was ich noch tun kann ist weinen. Meine Schultern hängen so weit nach unten, dass ich fast komplett gebückt dastehe und meine Stirn kann sich nicht mehr aus ihrer mittlerweile gewohnten Anspannung befreien. Ich übertreibe nicht wenn ich sage, dass es sich damals in diesem Moment wie das Ende angefühlt hat.
Und genau an diesem Punkt tiefster Verzweiflung, an dem ich schluchzend unter der Dusche stehe, passiert etwas Seltsames. Es fühlt sich an, als würde mir ein Mantel der Geborgenheit und Sicherheit auf die Schultern gelegt. Von einer Sekunde auf die andere bin ich völlig ruhig. Ich höre auf zu weinen und stelle mich aufrecht hin. Ich atme tief ein und aus. Ich weiß nicht genau was gerade passiert ist, denn diese Gefühle kommen nicht aus mir selbst heraus. Es ist, als hätte sie mir tatsächlich jemand „auferlegt“. Es fühlt sich an, als stünde jemand hinter mir, der mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass alles wieder gut wird. Ich kann auf einmal mit hundertprozentiger Überzeugung fühlen, dass es einen Plan hinter all den Dingen gibt die uns widerfahren. Und ich kann die Tatsache annehmen, dass es nun diesen einen für mich bestimmten Weg zu gehen gilt, auch wenn ich weiß, dass es nicht leicht sein wird. Ich kann ganz plötzlich spüren, dass ich nicht alleine bin.

An diesem Punkt tiefster Verzweiflung und Aufgabe fand ich für diesen einen Moment Erlösung, mir wurde Geborgenheit und Ruhe gegeben. Ich konnte wieder atmen. Und endlich konnte ich auch wieder schlafen.


Ende Teil 3
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Leilani


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